Donnerstag, Dezember 03, 2009

Coors light Girl

Sie ist vielleicht 23, trägt ein enges Kleid und versucht vergeblich, uns durchsichtiges Bier aus einer amerikanischen Brauerei zu verkaufen. Trotzdem finden Gläser mit anderem Inhalt den Weg auf unseren Tisch und werden von der kitschigen Weihnachtsbeleuchtung im Sekundentakt farbig beleuchtet.

Der Platz hier in Kowloon ist gut frequentiert. Geschäftsleute gönnen sich ein Bier nach Feierabend und eine müde Airline-Crew pflegt ihre Blessuren nach dem langen Flug von der Schweiz nach Hongkong.
Und Blessuren gibt es viele nach so einer Schlacht, das können sie mir glauben. Piloten klagen über schmerzende Rücken und geschwollene Beine. Flight-Attendants über furzende Passagiere und heisse Suppen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, darum wird auch kräftigt geklagt.

Leichter Wind kommt auf und es kühlt merklich ab. Der Reissverschluss meiner Outdoor-Jacke wird an den oberen Anschlag gezogen und das unrasierte Kinn verschwindet unter dem flauschigen Kragen. Die Damen kramen in ihren Handtaschen und ziehen wärmende Stoffe aus ihren Schatztruhen, die sie auf Märkten rund um die Welt ersteigert haben. Nur das «Coors light Girl» steht regungslos in ihrem kurzen Rock neben den Tischen und hofft auf Kundschaft. Ihre nackten Beine sind in der Zwischenzeit so kalt wie der von ihr angebotene Gerstensaft. Ich würde an ihrer Stelle erfrieren. Sie hält sich tapfer.

Gerade als es so gemütlich wurde, passiert das, was in gemütlichen Situationen leider immer wieder passiert – jemand erzählt einen Witz.
«Was trennt einen Alkoholiker von einer Nymphomanin?» Der Witzerzähler schaut erwartungsvoll in die Runde und hofft auf viele Lacher. Stattdessen blickt er in Gesichter, die sich peinlich berührt von ihm abwenden. Keiner am Tisch, der diesen schlechten Witz nicht schon hundertmal gehört hätte. Keiner? Nein, ein junges Ding grinst und erkundigt sich nach dem Unterschied. Das Unglück nimmt seinen Lauf. Versuche, das Thema zu wechseln oder den selbsternannten Spassvogel zu bremsen, scheitern allesamt. Erst als dieser die Gruppe der Flugingenieure ins Fadenkreuz nimmt, wendet sich auch die letzte Zuhörerin von ihm ab. Wie sollte sie die Witze auch verstehen? Als die Bordtechniker abgeschafft wurden, lag sie noch in den Windeln.

Grad für Grad nähert sich die Aussentemperatur der 15° Grenze. Gut sichtbar für alle Gäste bildet sich am Oberarm des «Coors light Girls» Hühnerhaut. Wir wundern uns, warum sich das Mädchen nicht ins Innere des Lokals flüchtet und so einer drohenden Grippe entgeht. Ist es Unvernunft oder übertriebene Loyalität? Ist es Unwissenheit oder jugendlicher Leichtsinn? Fragen, die wegen des akuten Kälteeinbruchs nicht beantwortet werden können. Die Paschminas – oder wie die Dinger auch heissen, schützen unsere Damen zu wenig und wir flüchten uns vor dem Frost ins Restaurant.

Ein Fehler, wie sich bald herausstellt. Im Innern läuft die Airconditioning mit einer Geschwindigkeit, als ob sie das Problem der Klimaerwärmung in Eigenregie lösen müsste. Das «Coors light Girl» grinst mich an, jetzt bekomme ich Hühnerhaut.

Kommentare:

  1. Immer wieder schön Geschichten "von der Linie" zu hören.

    Befinde mich im Moment in einem recht steilen Motivationstief nach neun Monaten Theorie und den im Moment behandelten IFR Flightrules, Procedures den Ops etc.

    Da helfen Deine Geschichten die Zeit bis zum eigenen ersten Flug zu verkürzen.
    Dankeschön!

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  2. @Golf Romeo:
    ... ach, das geht irgendwann vorbei! Bis bald im Cockpit!

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  3. und wie geht jetzt der Witz? Ich kenne den Unterschied nicht...

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  4. @ philip *flüster* die cockpittür.

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