Dienstag, Dezember 29, 2009

Viagra für Piloten



Ich hab es gut – richtig gut! Meine Festtage dauern länger als die von allen andern – genau 17 Stunden länger. Hab ich es gut!
Viele Kinder waren eifersüchtig als sie hörten, dass ich ganze acht Stunden früher den Weihnachtsmann traf. Japan machte es möglich.
Jetzt freue ich mich auf den späten Silvester. Wenn die Schweiz ins neue Jahr rutscht, dann halte ich in Long Beach noch den Kopf an die Sonne. Neun Stunden Unterschied sind es diese Woche, allerdings in die andere Richtung als vor fünf Tagen…
Da stellt sich natürlich sofort die Frage, wie ich den Zeitunterschied – also den Jet Lag – verkrafte.
Ich holte mir Rat beim Beraterteam von «Howcast». Der kurze Film ist aufschlussreich, vor allem die Sequenz ganz am Schluss. Da wird behauptet, dass Hamster, die etwas Viagra erhielten, Zeitunterschiede 20 - 50 Prozent besser verkrafteten, als die Kollegen ohne. Man(n) sollte das einmal versuchen. Ob dies allerdings mit den verschärften Sicherheitsvorschriften vereinbar ist, muss noch abgeklärt werden…

Mittwoch, Dezember 23, 2009

Nein, dies ist kein Coming-Out




Während in der Schweiz noch die Mittagsnachrichten auf DRS1 laufen, neigt sich der Tag hier in Tokio schon dem Ende zu. Es war ein langer Tag, er hat früh begonnen. Genau genommen um 02:00 Uhr.
Es ist halt so eine Sache hier in Japan mit der Schlaferei. Es gibt Momente, da fällt der Körper in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Ist dann gerade ein Bett in der Nähe, ist die Versuchung gross, sich unabhängig der Tageszeit unter der Decke zu verkriechen. So geschehen bei mir gestern Abend. Ich habe tief und gut geschlafen, leider aber auch kurz.

Zwei Uhr in der Früh wach sein gehört nicht gerade zum Standardprogramm in Japan, doch ein Weltreisender weiss sich auch in dieser Situation zu helfen. Mit Turnschuhen und Lesematerial bewaffnet, schrieb ich mich Mitten in der Nacht im Fitness-Center ein und lief zum Film Ocean Eleven eine gute Stunde an Ort. Als dann Julia Robert im roten Kleid die Kasinotreppe herunter schwebte, schaltete ich den Fernseher aus. Ich hatte die beste Szene des Streifens soeben gesehen.

Beim Verlassen des Fitnesstempels warf ich neuerlich einen Blick auf die Liste. Zuoberst stand da der Name eines Freundes, der mir während der Pilotenschule einmal auf mein Kopfkissen gekotzt hat und mit dem ich in Florida gemeinsam gegen einen Fluglehrer ankämpfte. Er war zwei Stunden vor mir auf dem Laufband. Ob er auch Schlafstörungen hat?
Ein SMS versprach Klärung.

«Wach? Gruss aus Zimmer 1104»
«Bin am Suppe essen – wanna eat?»



Es ist Jahre und mindestens zwei Arbeitgeber her, seit ich das letzte Mal mitten in der Nacht an die Zimmertüre eines anderen Besatzungsmitglieds klopfte. Heute war er das erste Mal, dass hinter der Tür behaarte Männerbeine warteten. Einmal ist das erste Mal...

Die Suppe schmeckte übrigens ausgezeichnet und ich habe mich danach auch nicht aus Revanche auf seinem Kissen übergeben. Männer können so etwas vergessen.

Um sechs Uhr verliess ich das Zimmer wieder. Gesehen hat mich zum Glück niemand. Man weiss ja aus Erfahrung, wie schnell der Klatsch in Zürich ankommt. Eine halbe Stunde später machte ich mich Richtung Nikko auf, er im laufe des Morgens nach Zürich.



Es folgten lange Zugfahrten, schöne Wanderungen, tolle Eindrücke, deftige Krisen, warme Bäder, eine stündige (nicht eine sündige!) Massage, leckeres Essen und Weihnachtsbeleuchtung so kitschig, wie wir es von zu Hause kennen.





Nach einer letzten Suppe und einem Notkaffee sitze ich jetzt kaputt vor dem Computer und bin froh, dass ich den kurzen Text mit vielen Fotos schmücken kann. Die Augen fallen zu und ich hoffe auf eine stille und lange Nacht. Mein Suppenkollege von letzter Nacht hat es auch bald geschafft, er landet in etwa zwei Stunden in Kloten.

Wünsche allen schöne Feiertage aus Japan.

Montag, Dezember 14, 2009

Room 1827 – Service Please


Überall auf der Welt leiden Hotelzimmer unter drei unheilbaren Krankheiten: Zwanzig-Watt-Birnen, ab Mitte April wird nicht mehr geheizt und die Kissen sind mit irgend etwas zwischen Holz und Rohgummi gefüllt.
Ephraim Kishon

Wenn ich nach einem langen Flug im Hotel ankomme, dann läuft das immer nach dem gleichen Muster ab. Nach Erhalt des Zimmerschlüssels reisse ich dem Pagen meinen Koffer aus den Händen und eile zum Fahrstuhl. Nicht, dass ich den Service des Angestellten nicht schätzen würde, aber bei einer Besatzung von 13 Personen dauert die Auslieferung seine Zeit. Zeit, die ich nach einem Flug nicht habe, die mir zu wertvoll ist.
Im Zimmer angekommen, wird der Koffer an seinen Platz gestellt, wobei dieser Platz je nach Destination nicht so einfach zu finden ist. Manchmal ist das Zimmer zu klein, manchmal zu verwinkelt und manchmal – wie hier in Shanghai – viel zu gross.

Ich hause hier in einer Turnhalle, die trotz guter Belüftung leicht nach Chemikalien riecht, gegen die in Europa in Fussgängerzonen Unterschriften gesammelt werden. Zehn Lichtschalter zähle ich, die an den Stehlampen nicht eingerechnet. Es braucht mehrere Versuche, bis es im Badezimmer hell wird, und ins Badezimmer muss ich jetzt dringend, denn die Fahrt vom Flughafen war lang und mühsam. Das Necessaire – oh Verzeihung, den Kulturbeutel –, stelle ich auf eine elegante Box, die mit Kosmetika bis oben gefüllt ist. Im Sitzen lasse ich meinem Urin freien Lauf und wie von Geisterhand gesteuert, entweicht meinem Arsch ein kleines Lüftchen, das Dank der guten Akustik der Keramikschale klingt, wie manch ein Nachwuchsstar bei den Singwettbewerben im Fernsehen. Ich muss mich dafür nicht schämen, denn im Hintergrund träumt Bill Crosby von weissen Weihnachten.

Jetzt bin ich angekommen.

Ich pflege keine übertriebene Ordnung, halte aber auch nichts von einem Chaos. Das frische Uniformhemd wird noch vor dem Entledigen der Uniform mit den Rangabzeichen versehen und sorgfältig im Schrank verstaut. Die zu kurze Uniformhose hänge ich genauso auf, wie die zu grosse Jacke mit dem rauhen Stoff.
Mit der schmutzigen Wäsche halte ich es weitaus unkomplizierter. Neben dem Koffer häufe ich bis zur Abreise einen Turm aus übel riechenden Socken, lampigen Unterhosen, verkleckerten Uniformhemden, zerknitterten Leibchen und verschwitzter Funktionswäsche an. Gerade letztere verbreiten nicht selten nach einigen Stunden einen scharfen Geruch im Zimmer, dem keine Klimaanlage gewachsen ist. Damit es nicht soweit kommt, wickle ich eben diese Teile in solche aus Baumwolle ein. Das führt zu einem unstabilen Wäscheturm, was mir aber wiederum egal ist.

Nach einer Nacht in einem Bett, in dem vor mir schon Tausende geschlafen haben, verlasse ich mein Lager für einige Augenblicke und hänge das Schild «Service Please» an die Türfalle. Es ist die Stunde des Zimmermädchens.
Ich mag die Zimmermädchen, obwohl ich sie nie sehe. Ich mag die Zimmermädchen so sehr, dass ich in der Regel einen Geldschein unter dem Kissen verstecke. Das ist dann der Moment, wo ich mir sehr weltmännisch vorkomme.

Aus Respekt vor der Raumpflegerin räume ich den Schreibtisch frei, verstaue den Abfall im dafür vorgesehenen Behälter und lege die feuchten Badetücher auf den Boden im Badezimmer. Mein Koffer ist zu, nur den ekligen Turm aus Schmutzwäsche lasse ich dort, wo er die ganze Nacht vor sich hingemottet hat.

Drei Stunden und vier Kaffee später halte ich die Magnetkarte ans Schloss und stelle mit Freude fest, dass mein Zimmer in der Zwischenzeit generalüberholt wurde. Gestärkte Tücher hängen im Bad und das Bett sieht aus, als ob es jemand mit dem Bügeleisen traktiert hätte. Trotzdem stört mich etwas beim Rundumblick – richtig, der Schmutzwäscheturm ist weg! Man hat mir meine Wäsche geklaut!

Tatsächlich, der Platz neben dem Koffer ist leer, der Koffer selber auch. Auf dem Stuhl finde ich nichts und unter dem Bett auch nicht. Im Bad hängen frische Lumpen und auf der Chaiselongue wartet nur ein einsames Kissen darauf, zerknüllt zu werden. Beim Gang zur Tür nimmt meine Nase eine Spur auf. Es riecht – es riecht aus der Garderobe. Neben dem frischen Hemd und der brandneuen Uniform liegt ein Stapel Wäsche, der dreinschaut wie aus der Fabrik. Meine Schmutzwäsche! Zwei paar Unterhosen mit Spuren von drei anstrengenden Tagen, Socken mit Airbus-Duftnoten und nicht zu vergessen das Sporthemd, das vom gestrigen Spurt auf dem Laufband noch feucht ist und dementsprechend riecht. Sie hat tatsächlich alles fein säuberlich gefaltet und gestapelt.

Ich habe dem Zimmermädchen diesmal wohl zu viel zugesteckt.

Freitag, Dezember 04, 2009

Englischtest für Piloten

It‘s now soweit. I have to proof, that I speak enough English to fly a flugzüüg. The Bundesamt and the Europäische government means, that it was unsafe, that I flew the last 17 years to the Staaten and all the other English speaking destinations without passing the language test. Holy cow, they have not all cups in the locker!

I mean my English is not the best – I know – but when I listen to some members of the Bundesrat, I‘m quite zfridä with my oral knowledge – yep! Also the Swiss parliament have a funny approach to the language of Shakespeare. No native English speaking politician would name the capital of a country «Wankdorf». That is first of all politically incorrect and secondly a bit strange (maybe also a bit true…).

I believe they spider.

But anyway, I can‘t do anything. I have to pass this test – *gopferdammisiech*! It doesn‘t matter how I fly, it matters how I speak. We‘re coming closer and closer to the banking business. Schnurre is more important than liferä. So lets start to practice.

I go now out of my Zimmer and have some fun with locals and expats here in Hongkong. Maybe a learn some new words, maybe I drink my beer alone. Let‘s hope for the best. Push me the thumb!

Donnerstag, Dezember 03, 2009

Coors light Girl

Sie ist vielleicht 23, trägt ein enges Kleid und versucht vergeblich, uns durchsichtiges Bier aus einer amerikanischen Brauerei zu verkaufen. Trotzdem finden Gläser mit anderem Inhalt den Weg auf unseren Tisch und werden von der kitschigen Weihnachtsbeleuchtung im Sekundentakt farbig beleuchtet.

Der Platz hier in Kowloon ist gut frequentiert. Geschäftsleute gönnen sich ein Bier nach Feierabend und eine müde Airline-Crew pflegt ihre Blessuren nach dem langen Flug von der Schweiz nach Hongkong.
Und Blessuren gibt es viele nach so einer Schlacht, das können sie mir glauben. Piloten klagen über schmerzende Rücken und geschwollene Beine. Flight-Attendants über furzende Passagiere und heisse Suppen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, darum wird auch kräftigt geklagt.

Leichter Wind kommt auf und es kühlt merklich ab. Der Reissverschluss meiner Outdoor-Jacke wird an den oberen Anschlag gezogen und das unrasierte Kinn verschwindet unter dem flauschigen Kragen. Die Damen kramen in ihren Handtaschen und ziehen wärmende Stoffe aus ihren Schatztruhen, die sie auf Märkten rund um die Welt ersteigert haben. Nur das «Coors light Girl» steht regungslos in ihrem kurzen Rock neben den Tischen und hofft auf Kundschaft. Ihre nackten Beine sind in der Zwischenzeit so kalt wie der von ihr angebotene Gerstensaft. Ich würde an ihrer Stelle erfrieren. Sie hält sich tapfer.

Gerade als es so gemütlich wurde, passiert das, was in gemütlichen Situationen leider immer wieder passiert – jemand erzählt einen Witz.
«Was trennt einen Alkoholiker von einer Nymphomanin?» Der Witzerzähler schaut erwartungsvoll in die Runde und hofft auf viele Lacher. Stattdessen blickt er in Gesichter, die sich peinlich berührt von ihm abwenden. Keiner am Tisch, der diesen schlechten Witz nicht schon hundertmal gehört hätte. Keiner? Nein, ein junges Ding grinst und erkundigt sich nach dem Unterschied. Das Unglück nimmt seinen Lauf. Versuche, das Thema zu wechseln oder den selbsternannten Spassvogel zu bremsen, scheitern allesamt. Erst als dieser die Gruppe der Flugingenieure ins Fadenkreuz nimmt, wendet sich auch die letzte Zuhörerin von ihm ab. Wie sollte sie die Witze auch verstehen? Als die Bordtechniker abgeschafft wurden, lag sie noch in den Windeln.

Grad für Grad nähert sich die Aussentemperatur der 15° Grenze. Gut sichtbar für alle Gäste bildet sich am Oberarm des «Coors light Girls» Hühnerhaut. Wir wundern uns, warum sich das Mädchen nicht ins Innere des Lokals flüchtet und so einer drohenden Grippe entgeht. Ist es Unvernunft oder übertriebene Loyalität? Ist es Unwissenheit oder jugendlicher Leichtsinn? Fragen, die wegen des akuten Kälteeinbruchs nicht beantwortet werden können. Die Paschminas – oder wie die Dinger auch heissen, schützen unsere Damen zu wenig und wir flüchten uns vor dem Frost ins Restaurant.

Ein Fehler, wie sich bald herausstellt. Im Innern läuft die Airconditioning mit einer Geschwindigkeit, als ob sie das Problem der Klimaerwärmung in Eigenregie lösen müsste. Das «Coors light Girl» grinst mich an, jetzt bekomme ich Hühnerhaut.