Montag, November 23, 2009

Streichkäse

Wenn die Motoren abgestellt, die schweren Koffer der Hostessen entladen, das Schengentor passiert und die Rangabzeichen abgelegt sind, dann beginnt der Feierabend. Feierabend ist vielleicht das falsche Wort, denn die Zeiger der Bahnhofsuhr zeigen 06:30 Uhr – am Morgen versteht sich.

Muffig kommen mir die Arbeitsameisen entgegen. Sie sind dem Zug entstiegen, den ich gleich besteigen werde. Sie schauen mich an, als hätte ich Hochverrat begangen. Wer um diese Zeit mit einem Koffer und einem leicht zerknitterten Hemd den Heimweg antritt, gehört mit bösen Blicken überhäuft.

Es ist Montagmorgen. Die Bundesbahnen haben Rollmaterial aus den 50er Jahren aus dem Museum geholt, eine heisere Stimme wünscht einen schönen Tag und eine erlebnisreiche Fahrt. Ob wohl meine Ansagen im Flugzeug auch so nerven?

Mein Blick geht ins Leere. Ich schaue in beleuchtete Büros und sehe nichts, ich Blicke in fremde Gesichter und erkenne nichts. Die junge Dame schräg gegenüber trägt Rock und bunte Strümpfe. Ich sollte nicht so starren. Das ist unhöflich. Auch ich trage übrigens Strümpfe – Stützstrümpfe, die mich vor gesundheitlichen Schäden durch das lange Sitzen schützen. Unter diesen Dingern juckt es mich. Kunststück, sie liegen auch schon seit über 16 Stunden satt um meine Unterschenkel.

Am Zielbahnhof steige ich aus. Mit meinem Koffer im Schlepptau störe ich den Fluss der Passanten. Mürrisch werde ich überholt. In der linken Hand die Gratiszeitung, in der rechten ein Energiedrink und im Ohr Zivilisationslärm, laufen sie Richtung Arbeitsstätte. Ich bin ihnen im Weg, ich laufe zu langsam.

Irgendwann endlich im Bett – Komaschlaf.

Nach dem Erwachen fühlt sich der Körper wie ein Streichkäse, der zu lange an der Sonne lag. Morgen geht es dann wieder besser.

Kommentare:

  1. Ist das neuer Rekord? Landung 06.05 und um 06.30 bereits an den Gleisen der SBB? Wenn ich so früh lande bin ich um 6.30 allenfalls am Gleis des Barbiezügleins zum Terminal A unterwegs...

    Gut ausschlaf wünsche ich
    Philippe

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  2. Ja, die Ansagen. Wir sind froh, dass endlich ein wenig Ruhe eingekehrt ist, die meisten Passagiere die Augen geschlossen halten, da tönt es laut und fröhlich aus den Lautsprechern: "Guten Morgen, meine Damen und Herren. Hier spricht Ihr Co-Pilot."

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