Freitag, August 21, 2009

mein Flug mit Griess-Air

Würden ausgewählte Handwerksbetriebe eine Airline führen, dann blieben die Sitze wegen des zu erwartenden Chaos mit Bestimmtheit leer. Trotzdem buchte ich einen Sitz auf der renommierten Griess-Air, die gemäss eigener Internetseite behauptet, dass sich der Kunde um nichts mehr zu kümmern braucht. Der Name Griess-Air ist übrigens erfunden und Ähnlichkeiten mit existierenden Firmen sind nicht beabsichtigt.

«Guten Tag, leider sind alle unsere Speziallisten im Moment besetzt. Bitte haben sie einen Moment Geduld.» Für 25 Rappen die Minute singt mir Michael Jackson einen Thriller vor. Nach 75 Rappen hört das Kreischen auf. Immerhin – hätte ich den Song im iTunes Store gekauft, er wäre doppelt so teuer gekommen. Draussen schneit es, wir schreiben den 3. März.
«Grüezi, wie kann ich ihnen helfen?»
«Ich würde gerne einen Flug nach New York buchen»
«Wann soll die Reise dann stattfinden?»
«So bald als möglich.»
«Reisen sie allein?»
«Nein, meine Frau und der Hund begleiten mich.»
«Oh, das wird kompliziert.»
«Warum?»
«Für Männer ist eine andere Abteilung zuständig als für Frauen. Hundetransporte haben wir ausgelagert.»
«Mir ist eigentlich Wurst, wie sie ihre Firma organisieren. Geht es oder geht es nicht.»
«Ich schicke einen Berater vor Ort. Wann passt es ihnen?»
«Nächsten Dienstag.»
«Dienstag ist gut. Er kommt zwischen 7.30 Uhr und 12.30 Uhr.»
«Geht es nicht ein bisschen genauer?»
«Was stellen sie sich vor? Wir haben noch andere Kunden!»

So sass ich am folgenden Dienstag erwartungsvoll in der Küche und wartete auf den Kundenberater. Er kam um 14 Uhr, mass mich, meine Frau und den Hund aus und versprach, sich bald wieder zu melden. Drei Wochen später traf der Kostenvoranschlag ein. Der Fachmann riet mir aufgrund meiner Grösse in der Businessklasse zu reisen und meine Frau als Verwöhnprogramm in der First zu buchen. Es sei zwar etwas teurer, dafür luxuriöser. Den Hund würde er vom hinteren ins vordere Compartement upgraden, und das ganz ohne Zusatzkosten. Wir akzeptierten das Angebot und freuten uns den Flug.

Am Reisetag klebten wir wie kleine Kinder an der Scheibe des Flughafens und schauten, wie breitschultrige Männer unser erstaunlich kleines Flugzeug mit Hund und Koffern beluden. Minuten später liefen wir die Passagierbrücke hinunter und nahmen Platz. So geräumig war die Businessklasse auch nicht, doch «who cares», schliesslich ging es endlich los.

Man schrieb Mitte Mai, als wir Richtung Startpiste rollten. Ich fragte den Piloten noch, ob wir mit dieser kleinen Klapperkiste denn wirklich nach Übersee kämmen? Er bejahte und wir stiegen langsam gegen den Himmel. Schon über Basel begann der Propeller zu stottern. Das Benzin sei ihm ausgegangen, sagte der schwitzende Flugzeugführer. Er hätte die Tankkapazität der Cessna 152 scheinbar doch überschätzt.

Am gleichen Abend hörte ich wieder Michael Jackson zu, der damals übrigens noch lebte. Drei Minuten später war klar, dass ich den Song gescheiter bei iTunes gekauft hätte – es wäre billiger gewesen. Neuer Termin: Ein Tag im Juni, irgendwann zwischen 7.30 Uhr und 12.30 Uhr.

Im Juni ein weiterer Versuch. Die Maschine war grösser und der Sitzabstand auch. Alles klappte prima bis über der Stadt Paris. Sie hätten ein Flugzeug ohne Druckkabine erwischt, entschuldigte sich die Hostess. Dass wir neuerlich nach Zürich zurückkehren müssen sei sicherlich auch in unserem Sinn. Der Hund stehe noch auf dem Vorfeld – jemand vergass ihn einzuladen.

Aerosmith krähten mir «Crying» ins rechte Ohr und ich wartete neuerlich vier Minuten am Telefon. Wir seinen schwierige Kunden, informierte mich die Telefonfee, aber sie versuche alles menschenmögliche, dass wir einen neuen Termin ohne übliche Wartefrist bekämen. Schliesslich stehen die Sommerferien vor der Tür und man sei mit Personal eher knapp bestückt. Ich wiederholte, dass mich die Organisation ihrer Firma nicht interessiere. Das überhörte sie höflich. Nächster Termin: Ein Tag im September zwischen 7.30 Uhr und 12.30 Uhr. Dass wir im September in den Ferien seinen, nahm sie mit einem Stöhnen zur Kenntnis. Definitiver Termin: Ein Tag im Oktober zwischen 7.30 Uhr und 12.30 Uhr.

Im Oktober fiel das erste Laub von den Bäumen. Die Triebwerke heulten auf und ein lauter Knall ertönte. Startabbruch und zurück an den Standplatz. Ein Mechaniker schlug mit einem grossen Vorschlaghammer auf das rechte Triebwerk, worauf der Pilot mit rotem Kopf das Fenster öffnete: «Es ist das Linke du Idiot!» Der Mechaniker zuckte mit den Achseln und schlug mit doppelter Wucht auf eben das Linke. Den Piloten schien das zu befriedigen und er rollte zur Piste. Ohne Probleme hob die Röhre ab und ohne Verspätung erreichten wir New York. Hund war da, Koffer war da und die Frau auch.

Beim Einchecken für den Rückflug standen wir vor dem Schalter, wo uns eine Dame anwies, die 0848 Nummer der Griess-Air zu wählen. Ich ahnte nichts Gutes, Reinhard Mey schon. Er sang von der Freiheit über den Wolken, nicht ohne 25 Rappen pro Minute dafür zu kassieren.

Sie müsse mir sagen, dass der Flieger mit beiden Triebwerken Probleme hätte. Irgend ein Volltrottel hätte vor Jahresfrist mit einem grossen Hammer auf die Motoren geschlagen und sie irreparabel beschädigt. Das sei die schlechte Nachricht, aber es gäbe auch eine gute. Ein Team von Speziallisten sei unterwegs nach New York, hätten neue Motoren dabei und werden die defekten Teile so schnell wie möglich auswechseln. Wir warteten.
Ein kompetenter Chefmechaniker trat eine Stunde später in die Lounge und informierte die Fluggäste über die Reparatur. Und zwar so freundlich, wie er es am Kundenbindungsseminar lernte. Schliesslich agiere Griess-Air so, dass sich die Kunden um gar nichts zu kümmern hätten, betonte er lässig an der Theke stehend. Von hinten schlich sich ein bleicher Lehrling heran und flüsterte gut hörbar für alle Beteiligten genau den Satz ins Ohr, den wir alle irgendwie erwartet hatten: «Chef, wir haben die Motoren in Zürich vergessen.»

Nächster Termin: Tag unbekannt, aber bestimmt zwischen 7.30 Uhr und 12.30 Uhr.

Kommentare:

  1. "Willkommen in der Servicewüste Schweiz" wäre auch ein passender Titel gewsen... Danke für den Lacher am Sonntagmorgen!

    Gruss, Tomy

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  2. Haha...der Vergleich drängt sich wirklich auf, wenn man sieht, wie gewisse Firmen arbeiten. Ich denke, du könntest die Firma Dide empfehlen, um seinen Pool in schwung zu bringen. Wenn sie es nicht schaffen, kann er sie direkt in die (Service)Wüste schicken :-)

    G!

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