Mittwoch, August 12, 2009

Die grossen Mythen der Fliegerei

Mythos 1: Piloten fliegen gerne

Nein, ich wollte als kleiner Junge nicht Pilot werden. Fussballer wollte ich sein, und zwar so wild wie Botteron und nicht so geleckt wie Cruyff. In Tat und Wahrheit hatte ich Angst vor den fliegenden Kisten. Wackelig sahen sie aus und laut waren sie auch. Gross war die Freude meines Vaters, als er mit meiner Schwester und mir an sonnigen Sonntagen ins Birrfeld fuhr. Oft fragte er mich, ob ich einen Schnupperflug machen wolle. Ich wollte nie – ich hatte Schiss.

Und glauben sie mir, ich habe noch heute zittrige Knie, wenn ich ein Flugzeug besteigen muss. Es ist nicht die Höhe, die mir Angst macht, auch nicht das Element Luft oder die vielen Schalter. Ich habe weder Platzangst noch schlaflose Nächte wegen all den möglichen Sachen, die schiefgehen könnten – nein, es sind die Sitzabstände in der Touristenklasse, die mir den Angstschweiss auf die Schläfen zaubert.

Wenn mein Kreuz satt am Sitzkissen liegt, dann passen die Beine genau in den Leerraum zwischen Rückenpolster und Vordersitz. Leider aber nur, wenn ich verbotenerweise die Katastropheninstruktionen aus dem Zeitschriftenfach vor mir herausklaube und den Duty-Free Prospekt mitsamt Bordmagazin auf dem Nachbarsitz entsorge. Richtig schlimm wird es, wenn vor mir ein Vielflieger sitzt, der seinen Platznachbarn schon vor dem Start beweisen will, dass man die Sitzlehne am besten mit Schwung in die maximale Neigung bringt.

Nach fünf Minuten beginnt sich das Blut in den Kniekehlen zu stauen. Ein leichtes Kribbeln schleicht über die Zehen und dem Oberschenkel entlang zur Hüfte. Dem Hirn wird im Sekundentakt eine gesundheitsschädigende Position gemeldet. Die Ellenbogen liegen auf dem Schoss und würden gerne einen kurzen Moment auf der Armlehne links oder rechts pausieren. Leider sind diese schon besetzt. Eingenommen von den «Super-Dupper-Meilenkönigen», die mich ins Sandwich genommen haben. Nachbar rechts möchte Zeitung lesen und der links quatschen. Ich habe einmal gelernt, dass man aus Höflichkeit seinem Gesprächspartner in die Augen schaut. Nur leider geht das nicht. Die Rückenmuskulatur hat sich derart versteift, dass sich der Nacken mit der Lendenwirbelsäule solidarisierte und nun streikt. Also quatsche ich nicht.

Der Körper ist vom Unterleib hinunter taub. Die Blase liegt leicht oberhalb und meldet Überlaufgefahr. Obwohl ich noch keinen Tropfen intus habe und vor wenigen Minuten am Flughafen zollfrei meine Notdurft verrichtete, will die blöde Blase Wasser lassen. Bis ich meinen Nachbarn zu meiner rechten davon überzeugt habe, dass er bitte seine Zeitung verstauen und mich gnädigerweise vorbei lassen soll, steht eine junge Frau im Gang und schiebt einen Blechwagen vor sich her. Der Weg ist versperrt und die Blase muss warten. Ich muss den Sitz des Vordermannes leicht nach vorne drücken, damit ich wieder Platz nehmen kann.

Kaum im Sitz eingepasst, hat sich die junge Hostess neben unserer Sitzreihe aufgebaut. Ihr Wagen stinkt, sie nicht. Resolut versucht sie, mein Klapptischen in die Waagrechte zu bringen. Es geht nicht, und zwar wegen meiner Beine. Sie vermutet einen Defekt im Scharnier und versucht es mit Gewalt. Autsch!

Noch bevor ich mir die Schmerztränen abwischen kann, fragt sie mich nach meinen Lüsten – den kulinarischen versteht sich. Ich hätte besser nicht geantwortet. Eine heisse Aluminiumfolie wird von irgend einer kochenden Packung entfernt und gibt den Blick auf etwas frei, was sich ganz offensichtlich nicht zum Aufwärmen eignet. Wild durcheinander schwimmen Lebensmittel in einer Sauce, deren Farbe mich stark an – nein, das darf ich jetzt nicht schreiben.

Der Platz ist so knapp, dass wenn ich trinken will, ich mich mit meinem Nachbarn absprechen muss. Zusammen saufen geht nicht, vom Zuprosten wollen wir gar nicht reden.
Mittlerweile scheint auch meine Blase eingeschlafen zu sein. Die Taubheit erreicht langsam den Kopf und die Augenlider schliessen sich zaghaft. Ich beginne zu träumen und sehne mich nach dem Crewbunk. Ja, genau dieser Crewbunk, den ich sonst so verfluche, erscheint mir in meiner jetzigen Situation wie das Paradies auf zwölf Kilometer über Weissgottnichtwas.

Geweckt werde ich in drei Sprachen. «Friede-Freue-Eierkuchen» in drei Sprachen, Flugzeit in drei Sprachen, Route in drei Sprachen, Wolken in drei Sprachen, Temperatur in drei Sprachen, Rogers Siege in drei Sprachen, «Super-Dupper-Meilenprogramm» in drei Sprachen, Ortszeit in drei Sprachen, Flughöhe in drei Sprachen, Gegenwind in drei Sprachen, Unicef Spende in drei Sprachen, Danke in drei Sprachen, einen guten Appetit in drei Sprachen und die Hoffnung, dass wir einen schönen Flug hatten auch in drei Sprachen. Wofür habe ich eigentlich den doofen Bildschirm auf Bauchhöhe, der mir wertvolle Millimeter raubt und all die Angaben mehrfarbig präsentiert?

Nein, Piloten fliegen nicht gerne, zumindest nicht als Passagiere!

Kommentare:

  1. .... immer wenn der Kaffeebecher gerade randvoll gefüllt ist, gibt es Turbulenzen, und die Kiste wird durchgeschüttelt - und ich habe wieder ein helles Oberteil an. Warum ziehe ich verd**** noch mal zur Flugreise kein dunkles T-Shirt an, wg. der Kaffeeflecken *grml*
    Oder: es gibt zollfrei Parfum und Rasierwasser zu kaufen. Warum müssen die sich ihre gerade zollfrei erstandende Ätz-Plörre gleich im Flieger literweise übern Kopf schütten ? Mir wird schlecht! Wo war auch gleich die Sauerstoffmaske ?

    Fliegen aus der Sicht des Passagiers: Der Beitrag ist klasse geschrieben. Hab' mich gerade köstlich amüsiert! Danke :o)

    PS: Das Engadin ist wunderschön. Dort war ich nicht zum letzten Mal :-)

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  2. .... im Engadin ist es wirklich wunderschön. Mein Hund findet das auch, liegt aber z. Zt. wegen der siebenstündigen Wanderung halblebendig unter dem Tisch.

    Auch ich gehöre zu der Fraktion der Parfümhasser. Keine Ahnung, wer den Damen und Herren aufgeschwatzt hat, dass die scharfen Wässerchen besser riechen als der Schweiss einer langen Wanderung??!!?
    Vom sportlich riechenden Shirt habe ich noch nie Kopfweh bekommen, vom Parfümmix jedes Mal.

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  3. Dein Buch ist nun endlich auch in der Pestalozzibibiothek vorhanden. Dachte es kommt mal von selbst, denkste! Kannst es also mal in Zürich holen!

    Super, dein Buch!

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  4. ... jetzt wird die Pestalozzi Biblio überrannt!

    Danke für den Hinweis

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  5. Ha ha ha
    das hat Loriot'sche Qualitäten.

    Jedenfalls hat mich die Lektüre an einen Sketch erinnert, in dem Loriot als Passagier versucht, im Flieger seine Mahlzeit einzunehmen.

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  6. Ach, das hatte ich ganz vergessen: Habe Dein Buch im Urlaub gelesen und finde es auch klasse !
    Mal sehen, wann Du das nächste schreibst :o)

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  7. Sehr unterhaltsam geschrieben. Und das Video ist auch cool. Weiter so!

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  8. Habe mitgelitten bei der so plastischen Beschreibung.

    Aber bitte: Piloten fliegen als Passagiere wirklich in der Holzklasse? Kaum zu glauben! Und auch kein Mitleid ... Die sollten's eigentlich besser wissen und sich's auch leisten können.

    Die Holzklasse sollte auf Langstrecken aus gesundheitlichen Gründen (physische und psychische) verboten werden - oder zumindest das Jammern darüber!

    Dein Blog ist super! Vielen Dank.

    Werner

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  9. Verglichen mit Dir bin ich ein Zwerg, trotzdem geht es mir in Flugzeugen so ähnlich. Kommen dazu schwache Venen, denen mit Kompressionsstrümpfen entgegen gewirkt werden muss, dann wird jeder Flug über 2-3 Stunden zur reinen Folter.

    Letztens, auf dem Flug nach Ecuador (11 Stunden, längster Flug ever) hab ich an beiden Beinen dicke fette Blasen von den Kompressionsstrümpfen bekommen. Grad als sie zugeheilt waren, stand der Rückflug an ...

    Leider ist die Alternative (3 Wochen auf See) auch nicht berauschend. Ich graul mich jetzt schon vor dem nächsten (noch nicht mal geplanten) Urlaub.

    Wieder mal ausnehmend amüsant geschrieben, übrigens :-)

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  10. @Richi:
    ... Danke. Muss in einer Woche wieder als Passagier nach Gänf – zum Glück muss man auf dieser kurzen Strecke nichts essen :-)

    @Petra:
    ... fühle mich geschmeichelt - Danke!

    @Michael:
    ... das Lied von Reinhard Mey "Willkommen an Bors" hätte besser gepasst, ich habe es leider im Netz nicht gefunden.

    @Werner:
    ... wenn wir reisen, dann reisen wir oft Stand By. STBY reisen heisst dort sitzen, wo es noch Platz hat. Darum fliege ich kaum privat und reise lieber mit der Bahn ins Engadin – und zwar 1. Klasse!

    @Angel:
    ... obwohl ich zugeben muss, dass ich gerne einmal mit dem Schiff reisen würde. Stelle dir vor, wieviel Zeit man hätte, endlich ungestört zu schreiben!

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  11. ... Noch schlimmer, wenn dieses Missvergnügen noch unfreiwillig ist. Mein Mitgefühl habe ich umgehend eingeschaltet. (Bedaure übrigens alles Geschäfsreisenden, denen es auch so geht.)

    Werner

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  12. Darum fliege ich nicht, sondern fahre in die Ferien! Ja genau Ferien - das gibt es doch noch!

    Ich werde das Fliegen wohl nicht vermissen, weder jenes in der Holzklasse, noch das im Cockpit...

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  13. Sali nff

    Werde in zehn Minuten an Deine Worte denken. Fliege mit "Euch" (GottseiDank wenigsten das) von DME via GVA nach ZRH.
    Als NJE Pilot kommt man haeufig in den Genuss des hinten mitfliegen. Da ich eher in die Breite als in die Hoehe gestreckt bin, habe ich eines Deiner Probleme nicht. Und trotzdem bin ich immer wieder froh wenn Deine Kollegen mich auch mal wieder ganz vorne mitfliegen lassen. Man kennt halt noch einige seiner "alten" Kollegen...
    Nasdrovnie...I have to go..

    Wisi

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  14. Hallo,

    ich habe gegen diesen "Mit Ruck die Sitzlehne nach hinten"-Typ mir Knieschützer besorgt. Das Personal schaut zwar komisch, aber es hilft. Leider ist dieses Problem nur aufgeschoben. Da nun die Knieschützer das letzte bißchen Platz zwischen Knie und Rückenlehne in Anspruch nehmen, kann der Vordermann nun den Sitz nicht mehr nach hinten tun. Die möglichen Kombinationen gehen von "Resignieren" (MUC-HKG), über "Gewalt ist eine Lösung" (MUC-SFO) nach "Lautstarker Protest" (SIN-MUC). Nun ist hierbei das Problem, dass ich nicht mehr auf Klo gehen darf, da sonst der Vordermann den Sitz nach hinten stellt und ich mich dann nicht mehr hinsetzen kann (Rein physikalisch nicht) und ich den restlichen Flug stehen muss.

    Aber ein sehr toller Artikel sonst. (Aber Du hast noch die Schmach vergessen, wenn man dann Kinder oder kleinere Menschen sieht, die auf den Plätzen sitzen mit extra Beinfreiheit).

    Grüße
    Julia

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  15. Hm,

    ich bin total zwiegespalten. Denn sicherlich ist eine Reise in der Holzklase eines Flugzeugs heutzutage über einen Zeitraum von mehr als 2 oder 3 Stunden nicht wirklich angenehm. Andererseits gibt es keine Alternative und wenn man für ein Ticket von Zürich nach New York nicht mehr als 500€ oder 600€ ausgeben will, dann darf man sich eigentlich auch nicht beschweren. ic bin dankbar, dass die Tickets günstiger sind und nehme dafür auch mal ein paar Unanehmlichkeiten in Kauf.

    Andererseits - es geht immer schlimmer und ich denke, dass es z.Z. noch grade ertragbar ist. Noch schlimmer vgl. Ryan Air will ich das gar nicht haben, da zahle ich lieber mehr!

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  16. Klasse, dieser Beitrag!
    Allerdings kam ich bei dem clip nicht umhin, mich hieran zu erinnern:

    http://www.youtube.com/watch?v=wDMMzmhdqSg

    Zeit für einen Nespresso...

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