Montag, Juli 20, 2009

müde

Der Sonnenaufgang ist zugleich Rettung als auch Untergang. Endlich wird es hell im engen Stübchen. Die Welt elf Kilometer unter mir erwacht, meine Augenlider kämpfen gegen die Schwerkraft und der Körper meldet mit allen möglichen und unmöglichen Signalen, dass er dringend Schlaf braucht.

Flach treffen die Sonnenstrahlen auf die gereizten Netzhäute auf und verstärken den Wunsch, die Augen fest zu schliessen. Keine Sonnenbrille der Welt kann den Schmerz lindern – eine Zeitung muss her. Kunstvoll wird das Boulevardblatt als Schutzschild gegen die Lichtkanone befestigt. Statt Sonnenaufgang sehe ich jetzt den Arsch eines Promihäschens – was soll‘s?
Zwei Stunden später landet der Vogel mit meiner Hilfe auf einem nassen Asphaltstreifen. Feierabend – endlich. Zwei Freitage warten nach zwei Nachtflügen auf den müden Piloten. Keine schlechte Bilanz sollte man meinen. Zwei Tage Zeit um den verpassten Schlaf nachzuholen, die sozialen Kontakte zu pflegen, Sport zu treiben, den anstehenden Check vorzubereiten, den Körper zu synchronisieren, Bürokram zu erledigen und schöne Momente mir der geliebten Frau zu verbringen.

Klar hat der Check eine gewisse Priorität, schliesslich hängt meine Lizenz davon ab. Im System findet sich ein einzelnes A4 Papier mit dem ungefähren Ablauf, wie der Tag etwa stattfindet. Natürlich habe ich als alter Hase langsam ein Gespür dafür, wo ich bei der Vorbereitung die Prioritäten setzen muss. Darum bringt mich der Hinweis auf die genau 682 Seiten in diversen Manuals, die zur Vorbereitung auf die Prüfung bitte studiert werden sollen, nicht sonderlich aus der Fassung. Es darf auch nicht, denn das Gesetz verlangt ausdrücklich, dass ich ausgeruht meinen Dienst antreten muss und Simulator ist schliesslich auch Flugdienst. Pech, wenn man beim Check auf einen Instruktor mit einem geschärften Blick fürs Unwesentliche trifft, aber das ist wiederum halt Schicksal.

Sorgen bereitet mir ein anderes Phänomen. Die dreizehn Jahre Kontinentalhüpfen haben ihre Spuren hinterlassen. Der Körper ist müde, der Geist auch. Ich bin in den Jahren Meister im «Ausredensuchen» geworden. Schnell ist ein Grund gefunden, eine Aktivität abzusagen. Das Schaffen von Reserven – eine pilotische Lebensversicherung, hat auch im Privatleben Einzug gehalten. Zwei Tage sind einfach zu wenig für grosse Sprünge, drei Nächte im eigenen Bett müssen genutzt werden.

Der Check ist durch – alles gut überbestanden. Jetzt schaue ich hier im Mumbai zum Fenster hinaus. Monsunregen wässert die schmutzigen Strassen und wer nicht draussen sein muss, bleibt am Trockenen. Die charmante Stimme von Rosenstolz erheitert meine Ohren und der Milchkaffee meinen Gaumen. «Gib mir Sonne» lautet der Titel des Lieds. «Feiere das Leben, feiere den Tag» heisst es in einer Textpassage. Dazu habe ich auch Lust, aber zuerst brauche ich Schlaf. Ich bin müde!


unbekannter See an der iranisch-türkischen Grenze

Kommentare:

  1. nicht das jetzt einer denkt ich hätte nichts zu tun ;-)
    --> http://de.wikipedia.org/wiki/Urmia-See <--
    ... ist übrigend auch der müde Tümpel an welchem unsere Freunde der Firma EDS bei ihren Abenteuerferien "escape-from-iran" zuletzt vorbeikommen, bevor sie das "heilige" Land in Richtung Türkei müde aber glücklich verlassen. Ken Follet - auf den Schwingen des Adlers, eine wahre Geschichte, den hast du mir empfohlen Peti ;-)

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  2. Tolles Bild !
    Auf google-Earth sieht der See sehr duster aus.
    Erhol' Dich gut von den Strapazen
    Grüße aus dem Flachland :-)
    P.S.:Das Engadin rückt für uns in sehr greifbare Nähe - 4 Tage noch :o))

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  3. Und verfliegt die Müdigkeit irgendwann wieder? Will heißen, ist das eine eher temporäre Phase oder meinst Du, dass diese Müdigkeit eher einen Dauerzustand in der nächsten Zeit darstellen wird, bis, sagen wir mal, Urlaub einkehrt?

    LG

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  4. @Howi
    ... danke für die Aufklärung. Ich denke jedesmal an die Geschichte, wenn ich die Gegend überfliege....

    @Petra
    ... auch ich bin bald ein paar Tage im Engadin!

    @Noelsiew
    ... sagen wir, es handelt sich um einen temporären Dauerzustand....

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  5. ...schoen beschrieben und mir so verstaendlich...diese muedigkeit war unter anderem einer der gruende, warum ich vor vier monaten die uniform an den nagel gehaengt habe...
    gruesse aus muenchen

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  6. Und ist das "Langstreckenspezifisch" oder ein generelles Fliegerproblem?

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  7. .... vielleicht laufen wir uns ja dort über die Füße :)

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