Donnerstag, Juli 30, 2009

TRAFFIC! TRAFFIC!

Wenn unsere Warngeräte im Cockpit so aufheulen, dann steht eine Kollision in der Luft unmittelbar bevor. Autopilot ausschalten und den Kommandos des Computers folgen, auf das sind wir bestens vorbereitet und trainieren es regelmässig im Simulator.

Unbequemer ist es, wenn Personen wie Piloten, die gewohnt sind alles zu kontrollieren, nicht aktiv ins Geschehen eingreifen können. Man(n) kennt das, wenn Frau einmal das Steuer am eigenen Wagen übernimmt – Piloten kennen das, wenn sie ihr Leben im Ausland einem Taxifahrer anvertrauen. Scheinbar zur gleichen Zeit haben sich zwei Copiloten auf zwei verschiedenen Kontinenten in die gleich lebensgefährliche Lage begeben. Während sich Kollege Skypointer ins indische Verkehrschaos stürzte, erkundete ich das Johannesburger Hinterland.

Unsere Ausflüge scheinen einiges gemeinsam zu haben: Frühe Tagwacht, Stau in der Stadt, Rasen über die Nebenstrasse, Tiere auf der Fahrbahn, Angstschweiss und viel Alkohol am Abend nach dem Ausflug. Dankbar bin ich aber, dass unsere Fahrt nur 5 Stunden dauerte, der Wagen in ausgezeichnetem Zustand war, tadellose Sicherheitsgurten hatte und der Fahrer durch die Anwesenheit von zwei Sicherheitsbeamten aus dem Land der Reduitfestungen in seinen Rasergelüsten zurückgebunden wurde.

In Pilanesberg angekommen legten wir die Gurten ab und konzentrierten uns auf das Leben hinter den Autoscheiben. Schon nach zehn Minuten fuhren wir über ein stinkendes Häufchen, das angeblich den Löwen zuzuordnen war. Mangels Robidog darf die Tierkacke hier in Afrika noch getrost und ungestraft liegen gelassen werden.

Unser Hunger nach Wildtieren wurde bald gestillt. Impalas, Springbocks, Giraffen, Flusspferde (heissen die fern vom Nil auch Nilpferde?) und Wildsauen kreuzten unseren Weg. Elefanten soll es auch gehabt haben, aber die hat meine Wenigkeit angeblich verpennt. Die Löwen haben wir nicht mehr gesehen, dafür haben sich zwei Tiger in unserem Wagen verirrt – aber das ist eine andere Geschichte.



Als wir vom staubigen Land genug hatten und der Magen knurrte, stand plötzlich dieser unsympathische Zeitgenosse vor uns. Brav machte unser Fahrer Platz, denn keiner von uns verspürte Lust, sich mit dem Einheimischen um den Vortritt zu streiten. Die Fotoapparate wurden gezückt und der Moment verewigt.



Schutzengel haben dafür gesorgt, dass wir am Abend wie die Löwen unser 500g T-Bone Steak «medium-rare» geniessen konnten. Zurück bleibt die Erinnerung an einen schönen Ausflug und die Hoffnung, dass sich mir heute Nacht im Luftraum über Afrika nicht wieder ein Springbock* in den Weg stellt.




* die «South African Airlines» benutzt das Rufzeichen «Springbock» im Funkverkehr.

Montag, Juli 27, 2009

Nacktwandern

Soll mal einer sagen, dass das Limmattal ein verschlafener Ort ist. In akrobatischer Schräglage meisterte ich die Kurve in der Abfahrt vom Egelsee und erblickte Sekundenbruchteile später das Wesen im Adamskostüm. Braun gebrannt – nahtlos versteht sich – erklomm er seelenruhig die Steigung auf der Naturstrasse. Sein wippender Kollege verdeckte er gekonnt mit einem Büschel Grünzeug und mit besten Manieren grüsste er den verdutzten Radfahrer.

Im Nachhinein muss ich sagen, dass die Begegnung nach Appenzeller Art nur positive Seiten hatte. Nacktwanderer sind höflich, machen Platz, respektieren die Rasergene von "Fully-Bikern" und zaubern dem ausgepowerten Radler ein Lächeln auf die Lippen.

Ich fordere mehr Nacktwanderer und weniger Nordic Walkerinnen!

Dienstag, Juli 21, 2009

aussereheliches



Leser Beem möchte wissen, wie es um das aussereheliche Liebesleben von Flugzeugbesatzungen so steht. Ich versuche diese delikate Frage an diesem verregneten Monsuntag kompetent zu beantworten.

«Hinter jedem Piloten steht eine starke Frau und dahinter die Ehefrau» – so war das zumindest früher. Umschwärmt waren die zukünftigen Piloten schon in der Grundausbildung. Wenn sie auch nicht alle hübsch und anschaulich waren, so trotzten sie unisono von Selbstvertrauen. Die Damenwelt wusste, dass ein leibhaftiger Lottosechser vor ihnen stand und setzten ihre Waffen gezielt ein, den fetten Fisch an Land zu ziehen. Mit zwei dicken Streifen auf der Schulter wurden die jungen Herren auf den ersten Einsatz geschickt. Bald wurden es drei, dann vier. Während der Kapitän die Ringe an den Fingern trug, hatte sie der Copilot um die Augen. Kein «Nightstop» war zu kurz, um nicht noch einen Flirt irgendwo in einer dunklen Bar abzuhalten. Im Operations-Center stand damals noch ein Automat für die kleinen Notwendigkeiten. Neben den verletzlichen Damenstrümpfen in blauer Farbe, fanden sich für die Herren Kautschukprodukte mit grünem, violettem und blauem Band.
Mit den ersten Falten im Gesicht kamen in der Regel auch die Ringe um den Bauch. Da aber das Salär mit den Jahren exponentiell anstieg, verzieh die Damenwelt den Piloten diese kleinen Schönheitsfehler. Was für ein Leben! – das erzählen mir zumindest die pensionierten Kapitäne von früher.

Heute ist das anders. Die Aussicht auf ein Reiheneinfamilienhaus im Thurgauer Hinterland scheint weniger Anziehungskraft auf die junge Damenwelt zu haben, als die Villa am Zürichberg und die Ferienwohnung in Flims. Auch die Streifen auf den Schultern versprechen nicht mehr das, wofür sie früher standen. Doch diese Änderungen betreffen nicht nur uns Besatzungen, sie bedeuteten den Tod eines ganzen Industriezweigs. Das Eros-Center in Genf war als erste Institution dem Tod geweiht. Bald verlor das Crew-House in der gleichen Stadt den Glanz. Der Container in Narita musste seine Tore schliessen und auch das Joe Banana in Hongkong vermisste die balzenden Airline-Crews. «Effizienzsteigerung» ersetzte das Wort «Spass», «Vorschlafen» das «Vorspiel» und «SMS-len» das «Flirten».

Natürlich hat sich die Persönlichkeit der Piloten nicht grundsätzlich geändert. Noch immer würden wir jede Gelegenheit nutzen, wenn wir nur könnten. Dass es die immer noch zahlreich gibt, kann ich hier natürlich nicht öffentlich zugeben. Nur sind es nicht mehr die hübschen Flugbegleiterinnen, die uns aussereheliche Abenteuer bescheren, sondern die Sicherheitsbeamtinnen rund um den Erdball. Manche greifen einem so regelmässig in den Schritt, dass man schon fast nicht mehr von einer kurzen Affäre reden kann. Auch das sanfte Abtasten des Arsches würde in manchem Land der Welt als Scheidungsgrund genügen. Zum Glück sorgen die sechshundert zuschauenden Passagiere dafür, dass sich selbst beim jüngsten Copiloten nichts mehr regt.

Herr Beem, ich hoffe ihre Frage zur vollsten Zufriedenheit beantwortet zu haben. Allen Lesern, die auf schnelle Bettabenteuer aus sind rate ich, die Finger vom Pilotenberuf zu lassen. Melden sie sich bei «Big Brother» oder besser beim Sicherheitsdienst eines Flughafens in ihrer Nähe.


Montag, Juli 20, 2009

müde

Der Sonnenaufgang ist zugleich Rettung als auch Untergang. Endlich wird es hell im engen Stübchen. Die Welt elf Kilometer unter mir erwacht, meine Augenlider kämpfen gegen die Schwerkraft und der Körper meldet mit allen möglichen und unmöglichen Signalen, dass er dringend Schlaf braucht.

Flach treffen die Sonnenstrahlen auf die gereizten Netzhäute auf und verstärken den Wunsch, die Augen fest zu schliessen. Keine Sonnenbrille der Welt kann den Schmerz lindern – eine Zeitung muss her. Kunstvoll wird das Boulevardblatt als Schutzschild gegen die Lichtkanone befestigt. Statt Sonnenaufgang sehe ich jetzt den Arsch eines Promihäschens – was soll‘s?
Zwei Stunden später landet der Vogel mit meiner Hilfe auf einem nassen Asphaltstreifen. Feierabend – endlich. Zwei Freitage warten nach zwei Nachtflügen auf den müden Piloten. Keine schlechte Bilanz sollte man meinen. Zwei Tage Zeit um den verpassten Schlaf nachzuholen, die sozialen Kontakte zu pflegen, Sport zu treiben, den anstehenden Check vorzubereiten, den Körper zu synchronisieren, Bürokram zu erledigen und schöne Momente mir der geliebten Frau zu verbringen.

Klar hat der Check eine gewisse Priorität, schliesslich hängt meine Lizenz davon ab. Im System findet sich ein einzelnes A4 Papier mit dem ungefähren Ablauf, wie der Tag etwa stattfindet. Natürlich habe ich als alter Hase langsam ein Gespür dafür, wo ich bei der Vorbereitung die Prioritäten setzen muss. Darum bringt mich der Hinweis auf die genau 682 Seiten in diversen Manuals, die zur Vorbereitung auf die Prüfung bitte studiert werden sollen, nicht sonderlich aus der Fassung. Es darf auch nicht, denn das Gesetz verlangt ausdrücklich, dass ich ausgeruht meinen Dienst antreten muss und Simulator ist schliesslich auch Flugdienst. Pech, wenn man beim Check auf einen Instruktor mit einem geschärften Blick fürs Unwesentliche trifft, aber das ist wiederum halt Schicksal.

Sorgen bereitet mir ein anderes Phänomen. Die dreizehn Jahre Kontinentalhüpfen haben ihre Spuren hinterlassen. Der Körper ist müde, der Geist auch. Ich bin in den Jahren Meister im «Ausredensuchen» geworden. Schnell ist ein Grund gefunden, eine Aktivität abzusagen. Das Schaffen von Reserven – eine pilotische Lebensversicherung, hat auch im Privatleben Einzug gehalten. Zwei Tage sind einfach zu wenig für grosse Sprünge, drei Nächte im eigenen Bett müssen genutzt werden.

Der Check ist durch – alles gut überbestanden. Jetzt schaue ich hier im Mumbai zum Fenster hinaus. Monsunregen wässert die schmutzigen Strassen und wer nicht draussen sein muss, bleibt am Trockenen. Die charmante Stimme von Rosenstolz erheitert meine Ohren und der Milchkaffee meinen Gaumen. «Gib mir Sonne» lautet der Titel des Lieds. «Feiere das Leben, feiere den Tag» heisst es in einer Textpassage. Dazu habe ich auch Lust, aber zuerst brauche ich Schlaf. Ich bin müde!


unbekannter See an der iranisch-türkischen Grenze

Sonntag, Juli 05, 2009

Katerstimmung


Als ich gestern am «4th of July» um sechs Uhr in der Früh nach Belmond-Shore lief, traute ich meine Augen nicht. Lastwagengrosse Privatautos parkten am Strand und luden Unmengen von Lebensmitteln ab. Die Fresswaren wurden auf abgesperrten Flächen deponiert, wo sich ein Familienteam schon um den «King-Size-Grill» kümmerte.


Drei bis vier Zelte pro Familie war die Regel. Säcke voller Eis wurden in badewannengrosse Kühlboxen geleert, in denen Cola- und Bierdosen auf den Kälteschock warteten. Und das bei Sonnenaufgang.
Weisse, gelbe und rote Bänder sorgten dafür, dass die Outdoorfamilienidylle nicht von fremden Eindringlingen gestört wurde. Es war Grosskampftag, es war Unabhängigkeitstag.
In Amerika, wo eigentlich immer alles geöffnet ist, kann man am «4th of July» schon einmal vor geschlossenen Türen stehen. Der Kaffeeröster hatte zu meiner Erleichterung offen. Allerdings bereiteten nicht die charmanten Damen das leckere Getränk zu, sondern zwei College-Studenten. Sie haben es gut gemacht, die zwei, aber sehr l a n g s a m.
Tja, kalter Kaffee soll ja bekanntlich … - ach lassen wir das.
Der Abend verlief nicht viel anders als die grosse Patriotensause in der Schweiz - ich schlief ein.


Am «day after» wanderte ich wieder nach Belmond-Shore. Die gestern noch abgesperrten Flächen waren wieder frei. Müll lag überall herum und die wilden Katzen und Hunde erfreuten sich an den stinkenden Speiseresten. Die Patrioten schliefen ihren Kater aus und die Mexikaner räumten den Müll weg. Bei Tagesanbruch soll Amerika ja wieder so erstrahlen, wie man es am Vortag besungen hat. Der Müll weg und die Mexikaner auch.
Auch heute hatte mein Kaffee geöffnet. Der gleiche Student braute meinen Double-Latte und wiederholte das Kunststück vom Vortag - der Kaffee war kalt.
Ich erfreue mich am Sonnenschein und den angenehmen Temperaturen. Das Getränk findet auch kalt den Weg in meinen Bauch und die verkohlten Bagel ebenso.
Auch Amerika darf mal einen Kater haben. Geniesst ihn!

Samstag, Juli 04, 2009

wer findet Las Vegas?

... eigentlich wollte ich ein Bild von Las Vegas publizieren. Doch der Kerl stand mit im Weg.