Samstag, Mai 09, 2009

von nassen Hunden und erkälteten Schweinen


Weit und breit keine Gewitterwolken und freie Bahn. Auf der ersten Funkfrequenz gibt uns der Flugverkehrsleiter von Guangzhou die Freigabe auf 6000 Meter, während uns die Anflugleitstelle von Hongkong auf der zweiten Frequenz schon einmal darauf vorbereitet, dass wir mit einem sehr kurzen Anflug rechnen dürfen. Was für ein herrlicher Tag!

Über dem Flughafen von Macao entlässt uns der freundliche Herr aus Guangzhou aus seiner Obhut und wir werden dem Kollegen aus Hongkong übergeben, der uns im besten oxfordenglisch Anweisungen gibt. In Sichtdistanz liegt unser Reiseziel, der internationale Flughafen von Hongkong auf der Insel Lantau.
Endlich lässt uns der Lotse absinken. Bremsklappen werden ausgefahren und die Geschwindigkeit bis an die erlaubte Grenze hochgeschraubt. Der Airbus neigt sich nach vorne und wir stechen mit fast 5000 Fuss in der Minute nach unten.

Zehn Minuten später wird das Fahrwerk ausgefahren. Im Hintergrund erkennt man die Stadt und auf dem Hügel neben dem Flughafen winkt der grosse Buddha. Wir sind angespannt. Obwohl der Wind nur leicht aus Ost weht, meldet der Turm heftige Windscherungen über der Pistenschwelle. Ein bekanntes Phänomen in Hongkong, das leider auch schon Menschenleben gefordert hat. Dreissig Meter über der Piste ändert der Wind schlagartig seine Richtung. Die angezeigte Geschwindigkeit schnellt in Sekundenbruchteilen um 30 Stundenkilometer hoch und das Flugzeug schüttelt sich wie ein nasser Hund.

Der Kapitän setzt die Maschine so wunderschön auf, wie es sonst nur Copiloten hinkriegen ☺. Wir rollen zum Standplatz und werden nach dem öffnen der Türen mit Formularen überschüttet. Wie wir uns fühlen, will der Gesundheitsbeamte wissen. Auch nach der Fieberkurve und eventuellem Hustenauswurf erkundigt er sich. Sämtliche Aufenthaltsorte in den letzten sieben Tage müssen genauso aufgeführt werden wie Pass- und Handynummer. Natürlich fülle ich das Formular gewissenhaft aus, obwohl ich meine Zweifel daran habe, ob der chinesische Beamte den Egelsee kennt.

Der Flughafen bietet ein seltsames Bild. Alles was Uniform trägt hat einen Mundschutz im Gesicht, doch das Gros der Reisenden scheint die Saugrippe nicht zu interessieren. So auch im Hotel. Kaum einer trägt Maske, aber die Liftschalter sind mit Schutzfolie abgedeckt und überall kann man sich die Hände mit Chemikalien reinigen. Das widerspiegelt das eigene Empfinden recht gut. Einerseits ist das Interesse an der neuen Grippe abgeflacht und andererseits sollten die Warnungen der Experten nicht ungeachtet in den Wind geschlagen werden.

Die Lust auf das verdiente Bier nach der Landung wird durch den neuen Virus keineswegs geschmälert. Zügigen Schrittes laufen wir auf der Lockard Street Richtung Joe Banana und passieren dabei das Hotel Metropark, das wegen Grippeverdachts Hausarrest über Gäste und Mitarbeiter verhängte. Vor den diversen Lokalen, in denen tanzend Metallstangen poliert werden, stehen leicht bekleidete Mädchen und versuchen männliche Gäste ins Lokal zu locken.
Sie tragen wenig Stoff am Körper, haben aber alle eine Gesichtsmaske über dem Mund. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich genauso gewissenhaft gegen andere tödliche Viren schützen.

Kommentare:

  1. Die Schweinegrippe ist echt ein merkwürdiges Thema, gerade in Hong Kong mit der nicht weit zurückliegenden SARS-Welle. Es war aber auch ein merkwürdiges Gefühl, hier in Zürich im Coop an der Kasse einen grossen Korb mit Atemschutzmasken stehen zu sehen, die laut Aufdruck "für den Epidemiefall geeignet" sind.

    Randbemerkung: "Bremsklappen werden ausgefahren und die Geschwindigkeit bis an die erlaubte Grenze hochgeschraubt." - wird tatsächlich beschleunigt, nachdem die Bremsklappen ausgefahren wurden? Falls ja: Wozu? Oder ist das nur ein Tippfehler?

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  2. @tentotwo:
    ... kein Tipfehler. Wir befehlen dem Computer Leerlauf und stellen eine tiefere Höhe ein. Der Autopilot versucht die geforderte Geschwindigkeit zu halten, indem er die Nase solange senkt, bis der geforderte Speed erreicht ist. Mit ausgefahrenen Bremsklappen verstärkt sich dieser Effekt noch.
    OPEN DESCENT heisst das im Fachchinesisch und wird durch ziehen am Höhenverstellrad ausgelöst.

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  3. "Der Kapitän setzt die Maschine so wunderschön auf, wie es sonst nur Copiloten hinkriegen ☺"

    Ich schreibe nichts dazu sondern warte gespannt auf den Kommentar von Dide *grins*

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  4. "Eine Wahrnehmungsstörung ist eine Störung in der Verarbeitung von Sinneseindrücken. Menschen mit Wahrnehmungsstörungen haben Probleme bei der zentralnervösen Integration ihrer Sinneseindrücke. Wahrnehmungsstörungen im engeren Sinne liegen dann vor, wenn das verlässlichste Umweltorientierungssystem - das Spüren - die Verbindung der Sinnessysteme untereinander, oder die geordnete Abfolge von Reizen betroffen sind. Man unterscheidet zwischen taktil-kinaesthetischer, intermodaler oder serialer Wahrnehmungsstörung." (Quelle Wikipedia)

    Klingt kompliziert, ist im Grunde genommen aber einfach: Eine zu lange Verweildauer auf dem rechten Sitz ist noch selten einem Kollegen gut bekommen. Allein deswegen wünsche ich euch allen ein baldiges Upgrading!!!

    Gruss
    Dide

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  5. @G! & Dide
    .... darum liebe ich das Bloggen!

    Gruss aus HKG

    nff

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  6. Ich auch. Und ich werde mir bei den nächsten Landungen besonders Mühe geben. Um mit den Copiloten mithalten zu können.
    Dürfte nach vierwöchigem Büroeinsatz am Stück nicht einfach werden...

    Gruss

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  7. ... wird schon schiefgehen :-)
    So, jetzt muss ich nach einem harten Abend im Dust till Dawn ins Bett.

    Wünsche schönes Wochenende.

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  8. Na ich wusste doch, warum ich kein Mitleid mit Dir hatte, als Du Dich für Dein Hong Kong Abenteuer verabschiedest hast...

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