Dienstag, Mai 26, 2009

one minute of silence

Der letzte Ferientag. Wenn andere Koffer auspacken, packe ich ein. Um zehn Uhr in der Früh soll es losgehen. Nach New York - in den «Big Apple».
Ein anderer packt auch, keine fünf Kilometer von mir entfernt. Er wird mich begleiten auf der Reise über den Ozean. Sein Hotelzimmer ist reserviert, das Ticket gekauft, die Vorfreude riesengross.

Noch fünfzehn Stunden bis zum Check-In.

Die Weissweinflasche schwitzt mehr als ich. Es ist schwül auf dem Balkon. Bewegung ist anstrengend. Irgendwo klingelt das Telefon. Keine Lust aufzustehen. Es wäre idiotisch, den kalten «Pinot Gris» hilflos der Hitze auszuliefern. Herrlich dieser Abgang.

Noch vierzehn Stunden zum Check-In.

Beim Gang zur Toilette lege ich einen Stop bei Telefon ein. Es war die Firma. Ruft das Büro am letzten Ferientag an, ist in der Regel die Scheisse am dampfen.

«One Minute of Silence» - jetzt bloss nichts überstürzen.

Aus verständlichen Gründen hätte ich wenig Freude, wenn der Flug nach New York gestrichen würde. Ich berate mich mit meiner Frau. Ein weiteres Quantum «Pinot Gris» findet den Weg ins Glas. Vielleicht löst sich das Problem von selber.

Es klingelt wieder. Ein Fluch hallt hinaus ins Limmattal. «Ja, wer stört mich in den Ferien?» «Sie haben Morgen STBY05.» «Nein habe ich nicht.» «Doch haben sie.» «Und was ist mit dem Flug nach New York?» «Wir sind knapp an A340 Copiloten. Der A330 Flug nach New York wurde einem anderen zugeteilt.» Die Ohrmuschel wird zugehalten und ein weiterer Fluch ertönt.

«One Minute of Silence» - jetzt bloss nichts überstürzen.

Die Konsultation der Besatzungsliste nach New York bringt seltsames zu Tage. An meiner Stelle steht der Name eines Kollegen mit den exakt gleichen Qualifikationen. Ich bin sauer und der «Pinot Gris» ist warm.

«One Minute of Silence» - jetzt bloss nichts überstürzen.

«Ich bin es nochmals. Ihre Erklärung hinkt. An meiner Stelle geht ein Kollege mit den gleichen Qualifikationen.» «Ich kann da nichts mehr ändern.» Der Hörer fliegt im Looping auf die Gabel.

Noch dreizehn Stunden bis zum Check-In.

Meinen Reisepartner erwische ich telefonisch. Alles wird storniert, er kann den Koffer wieder auspacken. Ich nicht. Die über 200 Franken für das Hotelzimmer gehen flöten.

Am nächsten Morgen schwebt Frühflug nach NY über meinen Kopf hinweg. Ohne mich und ohne meinen Reisebegleiter. Neben mir liegt das Handy und der Hund will raus. Er kann nichts für meine schlechte Laune. Zusammen laufen wir zum nahen Bach und kühlen uns ab. Er frisst Holz, ich telefoniere.

«Ja?» «Wir brauchen sie dringend auf dem Flug nach Chicago.» «Aber der geht schon in einer Stunde.» «Kommen sie so schnell wie möglich.» Unrasiert und ungeduscht fahre ich an den Flughafen. Das Telefon klingelt ununterbrochen. Während der Autofahrt telefoniere ich grundsätzlich nicht - basta!
Als es ein weiteres Mal klingelt bin ich im Parkhaus. «Sie gehen nach New York.»

«One Minute of Silence» - jetzt bloss nichts überstürzen.

Die Akustik des Parkhauses am Flughafen ist ausgezeichnet. Mein unchristlicher Fluch hallt durch alle Stockwerke.

Ich wähne mich an der CEBIT, als ich das Flugzeug betrete. Acht grosse Flachbildschirme säumen den Weg zum Cockpit. Es sieht aus wie an einem Ballergame Kongress, wo sich langhaarige Kids die Nächte mit Energy-Drinks um die Ohren schlagen. So sieht also das neue Flugzeug aus.

Der Flug geht fast pünktlich. Einige Passagiere kommen zu spät, was aber wegen der kurzen Flugzeit nicht tragisch ist. Wieder einmal steigt ein Flugzeug in den Himmel und wieder einmal ist dies ein Ergebnis gutem Teamworks. Wobei ich «Teamwork» mit den Worten Harald Martensteins beschreiben möchte:

«Teamwork ist Ausbeutung der Gutmütigen durch Ungutmütige.»

Kommentare:

  1. ist zwar nich so schoen fuer dich,
    aber bissl lustig ist's schon;)
    ironie des schicksals...
    lg nach ny

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  2. ohh man, man möchte einen mitnehmen nach NY, dann wird der Flug gewechselt um letztendlich dann doch wieder nach NY zu fliegen. da wäre mein Laune aber auch auf dem Tiefpunkt.

    Aber da müsst ihr ja echt ganz schön flexibel sein bei diesem "hin und her", vor allem stell ich mir es "lustig" vor, wenn man Koffer packt für ne warme Region laut Dienstplan und dann wie bei dir jetzt im Parkhaus in kalte Kanada geschickt wird xD

    Viel Spaß in NY ;)

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  3. Und ja, ich weiß dass NY nicht in Kanada liegt :D Hab mein Kommentar eben nochmals gelesen und hab das ein bisschen komisch formuliert, das "wie bei dir jetzt" bezog sich auf das "erst im Parkhaus" [wird einem die Änderung gesagt] und nicht auf das "ins Kanada geschickt werden". Der Nachrag nur um Missverständnisse zu vermeiden ;)

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  4. Meine Synapsen im Gehirn wurden durch das Gewitter etwas gestört. Somit habe ich jetzt gar nicht richtig gecheckt wo du nun bist, in NY, in Chicago,im Engadin, im Parkhaus?? :-) Ist eigentlich auch nicht so wichtig denn wohin immer es auch geht, ich schicke dir einen ganz herzlichen Dank hinterher dafür, dass du meinen Blog in deine Blogroll aufgenommen hast. Ich werde mir zwar ab jetzt beim Schreiben noch etwas mehr Mühe geben aber an deine Qualität komme ich trotzdem wohl kaum heran.
    Have a nice trip!! Ich hoffe bald wieder von dir zu lesen aus ....??? :-)
    LG
    Peter

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  5. @Freshman:
    ... danke für die Grüsse!

    @Sven:
    ... wenn es klemmt, dann klemmt es richtig. Mit den klimatisch falschen Kleidern bin ich noch nie an einer anderen Destination gelandet. Jedoch war ich schon drei Tage in Douala/Kamerun ohne Koffer. Die Uniformhosen und das Hemd haben beim Heimflug entsprechen gerochen ...

    @Peter:
    ... manchmal weiss ich auch nicht mehr, wo ich gerade bin :-) Jetzt bin ich wieder zu Hause - so viel ich weiss. Irgendwie seltsam, auch ich bewundere immer wieder andere, wie virtuos sie schreiben können. Das scheint eine Schreiberlingeigenschaft zu sein :-)

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  6. Willkommen zurück in der harten Realität - Du konntest Dich ja nicht ewig in den Hochtälern der Schweiz verstecken.

    Ich hoffe Du konntest die neuen Gadgets trtzdem ein bisschen geniessen. Übrigens bist Du jetzt, da Du noch im Mai die neue Kiste pilotieren durftest/musstest, trotzdem noch so etwas wie ein Kernteam Mitglied! Aber das wird Deinen Ärger kaum mildern...

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  7. Sag mal, wieso nimmst du um himmelswillen in den FERIEN einen GESCHÄFTS-Anruf entgegen?

    Das nenn ich mal nen treuen Mitarbeiter ;-)

    Gruess vom TWR Mädel (ab sofort im Ferien-Modus)

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  8. Selten so gelacht.
    Gruß
    Lloyd

    PS:
    Team = toll ein anderer machts ;-)

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  9. fliegt sich der neue 330 denn wenigstens gut? ich schau euch jeden tag ganz neidisch aus unserem 30° warmen, sauerstofflosen sat-zimmer hinterher. falls du dein airframes&systems oder instrumentation wissen auffrischen möchtes, ich wär zum tausch bereit...
    gruß

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  10. @skypointer:
    ... die Gadgets sind OK, aber als Nespresso-Süchtiger sorge ich mich ob der Qualität der neuen Maschinen.

    @TWR Mädel:
    ... ich bin kein treuer MA, sondern ein idiotischer...

    @Lloyd:
    ... Danke

    @Claudius:
    ... bald kannst du das heisse Zimmer mit dem noch heisseren Strand in Vero Beach tauschen. Auch nicht schlecht, oder ...

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