Samstag, April 04, 2009

Bloggerflug

Es ist vier Uhr in der Früh und ich sitze etwas krumm auf meiner Sitzgelegenheit. Zu meiner Linken schreit Herr Skypointer in ein schwarzes Mikrophon und versucht auf dem schwarzen Kontinent in der schwarzen Stadt Brazzaville sein Gegenüber zu erreichen. Die Lichtquelle über meinem Kopf ist zu dunkel, um etwas zu lesen und viel zu hell, um das zu tun, nach dem mein Körper so dringend schreit. Herr Skypointer ist soeben aus den Federn geschloffen und ich bin froh, dass zumindest einer von uns so richtig im Saft ist. Mein Kollege und ich haben so einiges gemeinsam. Erstens wurden wir beide kurzfristig zu diesem Afrikaabenteuer aufgeboten und zweitens hauen wir beide regelmässig in die Tasten, um unsere Erlebnisse zu bloggisieren.


Brazzaville hat heute Nacht keine Lust, mit den Flugzeugen am Himmel zu reden. Alle Frequenzen bleiben ruhig und wir düsen im wahrsten Sinne des Wortes blind und stumm über das ehemalige Zaïre. Unter uns das faszinierende Afrika und über uns der unendliche Sternenhimmel. Ich spüre förmlich, wie es Herrn Skypointer reizt, das Licht im Cockpit auf das Minimum zu reduzieren und als begeisterter Sterngucker die Himmelskörper zu betrachten. Er zeigt Erbarmen und lässt das schummrige Licht leuchten. Im Dunkeln wäre ich keine Minute wach geblieben und vermutlich nie mehr aufgewacht.


Langsam geht die Sonne über Afrika auf und ermöglicht die Sicht über die Instrumente hinaus. Dies ist der Moment, wo der Körper die Orientierung verliert. Während die Augen die Segel streichen und die Lider um jeden Preis geschlossen halten möchten, melden andere Organe Tagwache. Der Gaumen schreit nach Kaffee, die Blase erwacht aus dem Winterschlaf, drückt an den unmöglichsten Stellen und das Gedärm beginnt mit der Naturgasproduktion. Ich stehe immer wieder auf, lasse der Blase freien Lauf und erlöse meinen Darm vom Druck, dem meine immer noch schlafenden Bauchmuskeln nichts entgegenzusetzen haben.


Zurück im Sitz beginne ich zu Halluzinieren. Überall sehe ich Daunendecken. Jede Wolke erinnert mich an ein flauschiges Duvet, das ich über meinen Kopf ziehen möchte. Auch Kissen erkenne ich, wo immer ich hinschaue. Den regen Funkverkehr empfinde ich als gute Nacht Geschichte und das surren der Ventilatoren als akustische Streicheleinheit. Ich muss dringend ins Körbchen. Mein Chef räumt die Stellung im Schlafraum und setzt sich mit seinen verschlafenen Augen an die Kommandostelle des grossen Fliegers. Vorsichtig öffne ich die Tür des Schlafgemachs und steige langsam in meine Liege. Heute teile ich die zwei Quadratmeter mit einer Kollegin, die privat in die Ferien reist und nur auf einem Notsitz Platz gefunden hat. Sie ist halb so alt wie ich, aber dafür doppelt so hübsch. Ich krieche in das untere Bett und mache es mir bequem. Ein kräftiger Furz würde jetzt Erleichterung bringen, doch ich hüte mich aus verständlichen Gründen davor. Ruhig lausche ich ihrem Atem und falle sofort in einen Tiefschlaf. Zwei Stunden später die Gewissheit, dass sich das Flugzeug im Sinkflug befindet. Meine Ohren schaffen den Druckausgleich nicht und auch ein anderes Organ hat damit zu kämpfen. Ich verlasse das Schlafgemach ruhig und diskret. Meine Bettgefährtin soll sich in Ruhe für die Ankunft in Südafrika bereitmachen können. Wer weiss, was bei einer so jungen Dame vor der Landung alles gerichtet und gepudert werden muss.


Passiv betrachte ich, wie meine Kollegen das noch 190 Tonnen schwere Flugzeug auf den Boden bringen und genauso sanft an den Standplatz rollen. Die Türen gehen auf und das Transportmittel entleert sich gemächlich. Die Frau, mit der ich doch immerhin eine Nacht verbracht habe, erinnert sich nicht mehr an meinen Namen. Vermutlich war ich zu rücksichtsvoll, zu leise, zu emotionslos oder zu brav. Das nächste Mal lasse ich meinen Fürzen wieder hemmungslos freien Lauf. So geht es mir gut und so bleibe ich garantiert unvergesslich.

Kommentare:

  1. Nachdem wir uns bereits im Hinflug eine lange Nacht zusammen um die Ohren geschlagen haben - ich konnte mich danach sogar noch an nffs Namen erinnern - und nachdem wir gestern Abend weder Aufwand noch Kosten gescheut haben um die önologischen und karnivoren Vorzüge des südlichen Afrika auszuloten, werde ich heute Nacht wohl in der schwärzesten schwärze Schwarzafrikas etwas krumm auf dem Kutschbock in der aviatischen Hahnengrube sitzen und mich mehr als nur ein Jahr älter fühlen, während ein gewisser nff frisch ausgeruht und hoffentlich ohne "Canadian Neck" aus den Federn gekrochen kommt. Vielleicht kann ich ihn dann zu ein paar Sternstunden motivieren. Im schlimmsten Fall werde ich wohl das hübscheste Flight Attendent ins Cockpit beordern - dann hat nff bestimmt nichts gegen etwas schummrige Beleuchtung...

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  2. ein beständiger Leser05 April, 2009 13:57

    Vielen Dank für diesen Beitrag, es ist immer schön zu lesen, das eigentlich jeder jeder Menschen dieselben "Darmprobleme" hat, nur gibts (fast) keiner zu. Dabei wäre das Leben wirklich einfacher und befreiender wenn man manche Dingen einfach ihren Lauf lassen würde.
    Nur die Daumendecken habe ich noch nicht verstanden :)

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  3. Ha! Schon wieder einen Schreibfehler entdeckt :-) Ich brauche dringend eine Lektorin - Bewerbungen bitte an nff (at) hispeed.ch!
    Aus Daumen Daunen gemacht und gelernt, dass man zwar müde einen Airbus steuern kann, aber nicht Blogeinträge verfassen sollte :-)

    Gruss aus Südafrika

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  4. Gähn!
    ...nicht dass etwa Langeweile aufkäme hier beim Lesen: Aber sollte ich mal von Schlaflosigkeit geplagt sein, werde ich mir den Artikel erneut vorknöpfen.
    ...da fallen mir die Lider zu: Sandmännchen Ahoi!

    P.S: Den Skypointer zu lesen macht ebenfalls grossen Spass!

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  5. Überlege dir, ob es nicht besser ist, vergessen zu werden, als negativ aufzufallen.

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