Mittwoch, April 22, 2009

Ausweichlandung


Der Reiseproviant ist geladen, die Fracht verstaut und das Kerosen bestellt. Jetzt fehlen nur noch die Gäste und die lange Reise nach Tokio kann beginnen. Über 200 sind es heute und keiner der Passagiere zweifelt nur einen Augenblick daran, dass wir unser östliches Ziel auf dem 140. Längengrad auch erreichen werden. Wir Piloten müssen jederzeit damit rechnen, das uns etwas zur Zwischenlandung zwingen könnte und darum gehört unser Interesse bei der Flugvorbereitung auch Städtenamen, die auf den Flugplänen unserer Firma nicht zwingend vorkommen. Wetter und der Zustand der Flughafeninfrastruktur werden uns mitgeteilt und wichtiges hervorgehoben. Lange Listen von defekten Landelichtern, Baustellen auf den Parkplätzen und Abkürzungen der Anflughilfen werden Zeile für Zeile publiziert und da muss man höllisch aufpassen, dass man den Wald vor lauter Bäumen noch sieht.

Eine halbe Stunde später sind wir in der Luft.

Der erste Flugplatz bietet wenig Probleme. Helsinki ist bestens bekannt, das Wetter aus aviatischer Sicht tadellos und Pisten sind genügend vorhanden, um unseren Vogel gebührend zu empfangen.

Weiter östlich liegt die Stadt Syktywkar, unsere zweite Ausweichmöglichkeit. Auch hier stellen sich uns keine grossen Hindernisse in den Weg. Ein Pistensystem, das den Ansprüchen mehr als genügt, und tadelloses Wetter mit wenig Wind und blauem Himmel. Ich kenne dieses Syktywkar nicht und verspüre keine grosse Lust, meine geografische Lücke zu schliessen. Also weiter Richtung Osten.

Norilsk heisst die dritte Siedlung, der unsere Aufmerksamkeit gilt. Auch hier steht ein sehr gut ausgebauter Flughafen mit Navigationshilfen, die Anflüge bei fast jedem Wetter ermöglichen. Doch wie würde sich die Situation nach einer ausserplanmässigen Landung präsentieren? Die Temperaturen sind an der östlichsten Grossstadt der Welt weit unter dem Gefrierpunkt und Schneefall ist angesagt. Wie ich aus den Informationen der lokalen Behörde herauslese, ist Ausländern die Einreise in die rohstoffreiche Stadt nur mit einer Sondergenehmigung gestattet. Ich sehe schon den grimmigen Einreisebeamten vor mir, der unter seiner speckigen Pelzkappe unfreundlich hervorschaut und mit dem nach unten geneigten Daumen kundtut, dass mit einem Visum in den nächsten Stunden nicht gerechnet werden kann. Dagegen ist die Einreise in ein Schengenland ein Kindergeburtstag. Besser wir lassen die stark mit Schadstoffen verschmutzte Stadt hinter uns. Also weiter Richtung Osten.

Unsere Gäste interessieren sich wenig für solche Überlegungen. Im Bauch des Flugzeugs schlafen die meisten und merken nicht, dass es heute Nacht nie richtig dunkel wird. Ein Jumbo der Lufthansa überholt uns 1000 Meter höher mit 86% der Schallgeschwindigkeit. Nützen wird es ihm nicht viel. Wie sich einige Stunden später herausstellt, werden wir den Hotelbus vor der uns zahlenmässig überlegenen Kranichbesatzung besteigen.
Wer zuletzt lacht, ….

Doch weiter im Flugverlauf. Der vierte Landeplatz auf unserem Planungsblatt ist der Flughafen der Stadt Mirny. «Mirny» soll im Russischen «der Friedliche» heissen und das ist doch gar kein so schlechtes Omen. Diamanten werden hier gefördert und das lässt wiederum darauf deuten, dass irgend ein Stadtoberer gute Verbindungen zu einem Schweizer Geldinstitut hat. Das könnte sich als Trumpf erweisen, wenn man nach einer Notlandung Hotelzimmer für 220 Personen sucht. Sind wir gezwungen in Mirny zu landen, dann ist das technische Problem vermutlich so gross, dass nicht unmittelbar nach dem Aufsetzen wieder gestartet werden kann. Doch ehrlich gesagt schreckt mich die Temperatur von -17° C ziemlich ab. Also weiter Richtung Süd-Ost.

UHHH ist nicht etwa ein postorgasmischer Aufschrei, sondern das Kurzzeichen unserer fünften Landemöglichkeit. Khabarovsk heisst die Metropole am Amur und ist von China nur noch einen Steinwurf entfernt. Der Name klingt kriegerisch und das ist nicht ganz unbegründet. Viele Schlachten wurden in der Umgebung geschlagen und noch heute ist die Siedlung Hauptquartier des Militärstützpunkts «Ferner Osten». Lieber nicht hier landen. Also weiter Richtung Süd-Süd-Ost.

Dass Japan allmählich näher kommt, erkennt man unschwer am sechsten Ausweichplatz. RJCC erscheint auf dem Display und diese Abkürzung steht für Sapporo. Da gibt es reichlich Natur, noch mehr Bier und sicherlich noch ein paar Skibars, die den Namen unserer Olympiahelden von 1972 tragen. Sushi im «Russi-Stübli», Karaoke im «Maite-Inn» und Suppen auslöffeln im «Ogi-Corner». Weder Passagiere, noch Kapitän lassen sich überzeugen. Also weiter Richtung Süden.

Über der Stadt Niigata an der Westküste Japans zeichnet sich ab, dass wir heute trotzdem noch zu einer Ausweichlandung kommen. Der Flug am Tag 2 ist auf die kurze Piste auf dem internationalen Flugplatz von Narita geplant. Die Lange ist für uns eigentlich tabu. In Narita hat es vor wenigen Minuten zu regnen begonnen und das stimmt leider mit der Vorhersage ganz und gar nicht überein. Ganze 2180 Meter bleiben uns auf der Piste 34R, um den 182 Tonnen schweren Airbus abzubremsen. Leider nicht genug bei nasser Piste. Die lange Runway wird verlangt und das gilt beim sonderbar organisierten Airport als Ausweichlandung auf einem anderen Flugplatz. Pünktlich berühren die Räder den japanischen Asphalt und Minuten später verlassen unsere Gäste das Transportmittel. Es scheint nur wenige zu freuen, dass wir tatsächlich in Tokio gelandet sind. Einer beschwert sich, wegen der fünf Minuten Verspätung und eine Dame bedankt sich ganz herzlich für die angenehme Reise. Ich betrachte ihr Lächeln als meinen heutigen Lohn für die geleistete Arbeit und freue mich auf ein paar Stunden Schlaf in meinem Hotelbett in Narita.

Ob es wohl in Norilsk auch so bequeme Betten gegeben hätte?

Kommentare:

  1. Very nice blog~ ^^
    do you know Seoul, Korea?
    if not , feel free to visit my blog~
    Thanks a lot~ ^^

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  2. Super Text, hab doch vermutet ihr macht da noch was anderes als nur Zeitung zu lesen und bei den FA's um Kaffee zu stürmen ;)

    Ich hoffe nicht, dass eine Diversion mit mir als Einführung an Bord nötig sein werden wird wenns dann einmal soweit ist. Erstmal muss ich noch den Us-Botschaftszirkus über mich ergehen lassen.... Dann klopf ich schon bald an die Cockpittür eines 330ers. So Gott will ists dann deine... :P

    Grüsse und schönen Aufenthalt in Narita

    Severin

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  3. Ausweichlandung in Sapporo? Dagegen hätte ich nichts, ich mag Sapporo … am Abend ins Onsen, danach ein leckeres japanisches Abendessen … :)

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  4. hmmmm...recht interessant, doch ich als berufs-neugierige und fliegerischer doofie will es natürlich genau wissen: wie liest man so 'ne karte??? das einzige, was ich zweifelsfrei zuordnen kann, sind vulkane. was bedeutet ISOL EMBD CB etc.? und was bedeuten die buchstaben n, u, d, c,k oä?
    lg katharina, die blöde fragen stellt.

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  5. Toller Bericht!! :)

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  6. @Severin:
    ... also den Kaffee mache ich mir immer selber! Nespresso - what else?
    Auf dem 330er wünsche ich dir viel Spass. Der Gang zur Botschaft lässt sich bei den Aussichten verkraften.

    @Martin:
    ... Onsen - da bin ich immer dabei!

    @Katharina:
    ... nächste Woche habe ich den sog. Line-Check und da werde ich von einem Experten so viel gefragt, dass ich auch immer das Gefühl habe nichts zu wissen :-)
    Die vielen Buchstaben stehen für die Städte auf der Karte. Die Karte beschreibt das ungemütliche Wetter auf der Strecke. Wobei die dicken Pfeile für die Höhenwinde stehen und ISOL EMBD CB für die Gewitterzellen, die sich in Wolken verstecken (die Lümmel die).
    In dieser Karte gelb hervorgehoben sind die Zonen turbulenter Luft. Für einen anderen Artikel (in einem Heft) habe ich die Karte so coloriert.

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  7. Einer beschwert sich wegen 5 Minuten Verspätung? Ich glaub der hat sie nicht mehr... Ach lassen wir das.

    Was mich aber interessiert: Ein LH-Jumbo überholte euch? Wie muss ich das denn verstehen? War euer Airbus eine lahme Ente? Oder spart man mit Bummeltempo Kerosin?

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  8. wieder was gelernt, danke schön.
    weiterhin gute flüge und wenig turbulenzen, katharina

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  9. @Blogging Tom:
    ... man spart mit Bummeln tatsächlich Kerosen. Da wir aber in ZH etwas zu spät abgeflogen sind und kräftigen Gegenwind hatten, flogen wir mit 82% der Schallgeschwindigkeit (Mach 0.82). Der Airbus fliegt normal zwischen M 0.80 und M 0.83 - je nach operationellen Bedürfnissen, Beladung und meteorologischen Verhältnissen.
    Die 747 ist schneller. In der Swissair bewegten wir die alte Tante mit M 0.84 (Normalgeschwindigkeit) und M 0.86 (Highspeed). Es kam aber auch mal vor, dass wir wegen grosser Verspätung mit 0.88 über den Teich geschossen sind.

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  10. Ich sag's ja immer über Sibirien: nix los da unten, keine Shoppingmöglichkeiten, keine Poolbar, keine Massagesalons aber landschaftlich sehr schön.

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  11. ... Massagesalons? Aber Frau Klugscheisser!

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  12. Vielleich meint Frau Klugscheisser ja "Message-Saloon". Das wäre dann einfach ein "Internet-Café". Alles halb so wild also...

    Gruss
    Dide

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  13. das war mal ne andere Sicht der Dinge, sehr spannend!

    schoene Gruesse, auch aus Tokyo

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  14. Und ich dachte immer, Piloten tun da vorne nichts ausser Zeitung lesen und mit den F/A's flirten...es fliegt ja schliesslich der Autopilot...

    G!

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  15. Ein feiner Text den du verfasst hast. Spannend und bevor ich müde bin sind wir schon in Tokjo. So elegant war ich noch nie in Tokjo.

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  16. Da hat sich wirklich einer wegen 5 Minuten Verspätung auf einem Flug nach Japan beschwert? Nicht im Ernst, oder? Leute gibt's...

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  17. Yeah, one can really feel the repulsion towards Russia/Soviet Union or whatever. Harder to get people to hotels than to get a Schengen visa? Well, I'd love to see you trying to get a Schengen visa with a Bosnian or Macedonian passport... I'm sure they'd let you land in Norilsk in case of emergency, while I know people who died because they didn't get Schengen visa and could not get scheduled surgery because of that.

    Your text is a wonderful example of Swiss arrogance.

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  18. Da hat wohl jemand meinen Text falsch verstanden. Jä -nu.

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