Montag, April 27, 2009

Nacktfliegen

Eine interessante Erfahrung habe ich am vergangenen Wochenende machen dürfen: Ich war wieder einmal zu Hause! Sachen habe ich gesehen, die mir schon fast fremd vorkamen. Die Zeitungen waren dick und farbig, Leute wanderten am helllichten Tag vor meinem Fenster durch und die Läden waren geschlossen. Seltsamer Tag dieser Sonntag.

Ja gut, wenn die Zeitungen schon mal da sind, dann kann man ja auch einen Blick hinein werfen und die zahlreichen Texte lesen. In Zürich feiern sie eine Autobahn, steht in grossen Lettern auf der ersten Seite, und selbst DJ Bobo singt auf einer Bühne auf dem Pannenstreifen. Ich habe die japanischen Kolleginnen übrigens auf dem Heimflug von Tokio darauf aufmerksam gemacht, dass unser grosser Musikheld während ihres Aufenthaltes in Zürich gross aufspiele. Diese haben nur gekichert. Nicht wegen seiner Musik, sondern wegen der Bedeutung des Worts «Bobo» im Japanischen. Das wiederum liess ich mir nicht bieten und erklärte ihnen, dass ihr Begrüssungswort am Telefon («Mushi Mushi») im deutschen Sprachraum auch nicht ganz jugendfrei sei.

Auf Seite Zwei dann der Schock aus dem Kanton Appenzell. Die Landsgemeinde hat das Nacktwandern im Alpstein verboten. Zweihundert Franken schlägt der Striptease in roten Socken zukünftig zu Buche und das wird die Blüttler in andere Kantone vertreiben. Vielleicht kommen sie ja an den Flughafen Zürich. Hier werden alle Menschen so gut durchleuchtet, dass wir uns an die permanente Nacktheit langsam gewöhnt haben.

Ach, was mache ich mir Sorgen, so lange Nacktfliegen nicht verboten werden, ist die Welt noch in Ordnung.

Eine Frage beschäftigt mich noch: Warum werde ich im Vorfeld von Checks nur immer so infantil?

Mittwoch, April 22, 2009

Ausweichlandung


Der Reiseproviant ist geladen, die Fracht verstaut und das Kerosen bestellt. Jetzt fehlen nur noch die Gäste und die lange Reise nach Tokio kann beginnen. Über 200 sind es heute und keiner der Passagiere zweifelt nur einen Augenblick daran, dass wir unser östliches Ziel auf dem 140. Längengrad auch erreichen werden. Wir Piloten müssen jederzeit damit rechnen, das uns etwas zur Zwischenlandung zwingen könnte und darum gehört unser Interesse bei der Flugvorbereitung auch Städtenamen, die auf den Flugplänen unserer Firma nicht zwingend vorkommen. Wetter und der Zustand der Flughafeninfrastruktur werden uns mitgeteilt und wichtiges hervorgehoben. Lange Listen von defekten Landelichtern, Baustellen auf den Parkplätzen und Abkürzungen der Anflughilfen werden Zeile für Zeile publiziert und da muss man höllisch aufpassen, dass man den Wald vor lauter Bäumen noch sieht.

Eine halbe Stunde später sind wir in der Luft.

Der erste Flugplatz bietet wenig Probleme. Helsinki ist bestens bekannt, das Wetter aus aviatischer Sicht tadellos und Pisten sind genügend vorhanden, um unseren Vogel gebührend zu empfangen.

Weiter östlich liegt die Stadt Syktywkar, unsere zweite Ausweichmöglichkeit. Auch hier stellen sich uns keine grossen Hindernisse in den Weg. Ein Pistensystem, das den Ansprüchen mehr als genügt, und tadelloses Wetter mit wenig Wind und blauem Himmel. Ich kenne dieses Syktywkar nicht und verspüre keine grosse Lust, meine geografische Lücke zu schliessen. Also weiter Richtung Osten.

Norilsk heisst die dritte Siedlung, der unsere Aufmerksamkeit gilt. Auch hier steht ein sehr gut ausgebauter Flughafen mit Navigationshilfen, die Anflüge bei fast jedem Wetter ermöglichen. Doch wie würde sich die Situation nach einer ausserplanmässigen Landung präsentieren? Die Temperaturen sind an der östlichsten Grossstadt der Welt weit unter dem Gefrierpunkt und Schneefall ist angesagt. Wie ich aus den Informationen der lokalen Behörde herauslese, ist Ausländern die Einreise in die rohstoffreiche Stadt nur mit einer Sondergenehmigung gestattet. Ich sehe schon den grimmigen Einreisebeamten vor mir, der unter seiner speckigen Pelzkappe unfreundlich hervorschaut und mit dem nach unten geneigten Daumen kundtut, dass mit einem Visum in den nächsten Stunden nicht gerechnet werden kann. Dagegen ist die Einreise in ein Schengenland ein Kindergeburtstag. Besser wir lassen die stark mit Schadstoffen verschmutzte Stadt hinter uns. Also weiter Richtung Osten.

Unsere Gäste interessieren sich wenig für solche Überlegungen. Im Bauch des Flugzeugs schlafen die meisten und merken nicht, dass es heute Nacht nie richtig dunkel wird. Ein Jumbo der Lufthansa überholt uns 1000 Meter höher mit 86% der Schallgeschwindigkeit. Nützen wird es ihm nicht viel. Wie sich einige Stunden später herausstellt, werden wir den Hotelbus vor der uns zahlenmässig überlegenen Kranichbesatzung besteigen.
Wer zuletzt lacht, ….

Doch weiter im Flugverlauf. Der vierte Landeplatz auf unserem Planungsblatt ist der Flughafen der Stadt Mirny. «Mirny» soll im Russischen «der Friedliche» heissen und das ist doch gar kein so schlechtes Omen. Diamanten werden hier gefördert und das lässt wiederum darauf deuten, dass irgend ein Stadtoberer gute Verbindungen zu einem Schweizer Geldinstitut hat. Das könnte sich als Trumpf erweisen, wenn man nach einer Notlandung Hotelzimmer für 220 Personen sucht. Sind wir gezwungen in Mirny zu landen, dann ist das technische Problem vermutlich so gross, dass nicht unmittelbar nach dem Aufsetzen wieder gestartet werden kann. Doch ehrlich gesagt schreckt mich die Temperatur von -17° C ziemlich ab. Also weiter Richtung Süd-Ost.

UHHH ist nicht etwa ein postorgasmischer Aufschrei, sondern das Kurzzeichen unserer fünften Landemöglichkeit. Khabarovsk heisst die Metropole am Amur und ist von China nur noch einen Steinwurf entfernt. Der Name klingt kriegerisch und das ist nicht ganz unbegründet. Viele Schlachten wurden in der Umgebung geschlagen und noch heute ist die Siedlung Hauptquartier des Militärstützpunkts «Ferner Osten». Lieber nicht hier landen. Also weiter Richtung Süd-Süd-Ost.

Dass Japan allmählich näher kommt, erkennt man unschwer am sechsten Ausweichplatz. RJCC erscheint auf dem Display und diese Abkürzung steht für Sapporo. Da gibt es reichlich Natur, noch mehr Bier und sicherlich noch ein paar Skibars, die den Namen unserer Olympiahelden von 1972 tragen. Sushi im «Russi-Stübli», Karaoke im «Maite-Inn» und Suppen auslöffeln im «Ogi-Corner». Weder Passagiere, noch Kapitän lassen sich überzeugen. Also weiter Richtung Süden.

Über der Stadt Niigata an der Westküste Japans zeichnet sich ab, dass wir heute trotzdem noch zu einer Ausweichlandung kommen. Der Flug am Tag 2 ist auf die kurze Piste auf dem internationalen Flugplatz von Narita geplant. Die Lange ist für uns eigentlich tabu. In Narita hat es vor wenigen Minuten zu regnen begonnen und das stimmt leider mit der Vorhersage ganz und gar nicht überein. Ganze 2180 Meter bleiben uns auf der Piste 34R, um den 182 Tonnen schweren Airbus abzubremsen. Leider nicht genug bei nasser Piste. Die lange Runway wird verlangt und das gilt beim sonderbar organisierten Airport als Ausweichlandung auf einem anderen Flugplatz. Pünktlich berühren die Räder den japanischen Asphalt und Minuten später verlassen unsere Gäste das Transportmittel. Es scheint nur wenige zu freuen, dass wir tatsächlich in Tokio gelandet sind. Einer beschwert sich, wegen der fünf Minuten Verspätung und eine Dame bedankt sich ganz herzlich für die angenehme Reise. Ich betrachte ihr Lächeln als meinen heutigen Lohn für die geleistete Arbeit und freue mich auf ein paar Stunden Schlaf in meinem Hotelbett in Narita.

Ob es wohl in Norilsk auch so bequeme Betten gegeben hätte?

Dienstag, April 21, 2009

meine erste Werbung

.... keine Angst, ich werde keine Google-Links aufschalten

Meine Koffer für den heutigen Japanflug sind gepackt und darin befinden sich für die schlaflosen Nächte selbstverständlich ein paar Bücher. Dabei ist auch das neue Werk von Beat Pfändler. Nicht nur, weil er ein ausgezeichneter Japankenner ist, sondern vielmehr wegen der ausdrucksreichen Bilder, die der professionelle Fotograf in diesem Buch verewigt hat.

Seine Ausstellung im Flughafen dauert noch bis zum 3. Mai und das Buch ist unter anderem hier erhältlich.

Klappentext des Buches:

Ende der Neunzigerjahre fotografierte Beat Pfändler, Fotograf und Maitre de Cabine, Piloten und Flight Attendants der Swissair in ihrer Freizeit. Zehn Jahre später besucht er diese Menschen mit seiner Kamera abermals: Dazwischen liegen der MD11-Absturz bei Halifax und das Swissair-Grounding.
Während für einen Kopiloten das Ende der Swissair den lang ersehnten Karrieresprung zum Flugkapitän in Aussicht stellte, brachten die Turbulenzen des Groundings eine Flight Attendant an den Rand der körperlichen Erschöpfung. In persönlichen Portraits hat Trudi von Fellenberg-Bitzi, Journalistin und ehemalige Chefredaktorin der "SairGroup-News", 40 Lebensläufe festgehalten. Die Texte zeigen, wie Halifax und der Niedergang der Airline die Swissair-Angestellten geprägt haben, welche Krisen, aber auch welche Chancen ihnen daraus erwachsen sind. Ein Buch, mit Betroffenen und über sie: aus nächster Nähe, in Wort und Bild eindrücklich dargestellt.

Donnerstag, April 16, 2009

fliegerische Unfreiheiten

Den ersten Ausweis halte ich bei der Einfahrt ins Parkhaus am Flughafen an einen Leser. Die Pforte öffnet sich und eine Werbung wünscht mir einen schönen Flug. Dieser Wunsch deckt sich mit meinen Erwartungen an diesen Arbeitstag und ich hoffe, dass ich in absehbarer Zeit auch ein Cockpit von innen sehe. Das steht im Moment noch in den Sternen, müssen doch bis zum Flugzeug noch einige bürokratische Hürden überwunden werden.

Vor der nächsten Pforte zücke ich meinen Personalausweis und halte ihn an den für mich vorgesehenen «Reader». In der engen Schleuse, in der nur eine Person mit Koffer Platz findet, sind mehrere dieser Lesegeräte eingebaut. Verschiedene Firmen, verschiedene Sicherheitskonzepte - so ist das paranoide Leben heute halt organisiert.

Glücklich in das Innerste des Planungsgebäudes hereingelassen zu werden, schlendere ich zu meinem Spind. Drei Ziffern müssen übereinstimmen, damit der Zugang zu meinem Kittel, meinen Rangabzeichen und meiner Krawatte freigegeben wird. Den Koffer stelle ich mit einer speziellen Sicherheitsmarke versehen in eine Ecke und öffne mein Postfach mit einem extra dafür vorgesehenen Schlüssel. Nach einem Schwatz mit Kollegen stehe ich vor einem Terminal, wo ich mein Kurzzeichen und das hochgeheime Passwort eingeben darf. Das Programm nimmt dankend zur Kenntnis, dass ich anwesend bin und fragt mich neuerlich nach einem Passwort, damit auch meine elektronische Post angezeigt wird.

Endlich treffe ich meinen Kapitän und wir zerbrechen uns gemeinsam die Köpfe, wie viel Kerosen wir heute bestellen sollen. Zahlen werden am ungesicherten Terminal (was für ein Skandal!) eingegeben, Kabinenbesatzung begrüsst und gemeinsam laufen wir zum Sicherheitscheck im Keller. Der Koffer kommt auf das Band, die Tasche auch, der Laptop in die vorgesehene Box, die Gürtelschnalle in eine andere, den Kugelschreiber werfe ich im letzten Moment auf den Laptop und die Brille deponiere ich auf das Tischchen neben der Strahlenschleuder. Es piept nicht, doch trotzdem bittet mich ein Beamter in eine dunkle Kammer, wo ich gründlich abgesucht werde. «Warum dies notwendig sei?», frage ich den grimmigen Herrn in Blau. «Vorschrift!», brummelt er in seinen Bart und ich kann es nicht lassen nachzuhaken. «Jetzt hat die Maschine doch bestätigt, dass ich bomben- und schusswaffenfrei bin.» «Quote», brummelt der Polizist, «Quote - jeder zwanzigste Angestellte, der dieses Tor durchschreitet, wird noch zusätzlich von Hand abgesucht», erwidert er leicht erregt.

Ich unterbreche ihn beim Eiersuchen nicht und lasse die unerotische Prozedur über mich ergehen. Zehn Meter nach dem Darkroom die nächste Kontrolle. Ein weiterer Herr in Blau will genau wissen, wer das gelobte Schengenland verlässt. Brav zeige ich ihm meinen Ausweis, der durch alle Instanzen der Hauptstadt Bern autorisiert wurde und bei dessen Verlust ich beim Bundesrat persönlich vorsprechen muss. «Reicht nicht», höre ich ihn hinter dem Sicherheitsglas brummeln. «Warum?», meine logische Frage. «Bei der Ausreise aus Schengenland braucht es einen Pass oder eine Identitätskarte.» Dass meine Identität durch den hochoffiziellen Ausweis, der an meinem Hals bammelt eindeutig geklärt sei, lässt der Herr nicht gelten. So suche ich halt den Reisepass im grossen Durcheinander.

An der Bushaltestelle «Nicht Schengen Destinationen» warte ich zusammen mit zahlreichen anderen Langstreckenbesatzungen auf eine Fahrgelegenheit zu meinem Arbeitsgerät. Bei der Bushaltestelle «Schengen Destinationen» steht ein leerer Bus und wartet auf Kunden. Jetzt muss man wissen, dass diese beiden Busstops ganze fünf Meter auseinander liegen. Nur ist es dem Busfahrer strengstens untersagt, den Rückwärtsgang einzulegen und Wartenden aufzuladen. Auch ich hüte mich, die paar Meter unter die Füsse zu nehmen und zum Bus zu laufen. Hier am Ausreisepunkt wimmelt es von Revolverhelden und wer weiss, wie schnell der Finger am Abzug ist, wenn ein Copilot ein solch grobfahrlässiges Vergehen begeht.

Endlich kommt der Bus und bringt uns vor unser Flugzeug. An der Treppe steht eine Hilfskraft, die peinlich genau unsere Ausweise kontrolliert. Der Ausweis, der vor Minutenfrist nicht reichte ein Gebäude zu verlassen, wird jetzt benötigt, um ein 180 Millionen teures Fluggerät zu besteigen. Ich liebe die Logik der Sicherheitsfanatiker! Mit der Tasche in der einen und der Quittung für die 55 Tonnen Kerosen in der anderen Hand, erklimme ich die Stufen zum Glück. Oben wartet - wer hätte es auch anders erwartet - wieder eine Dame, die meine Identität prüfen will. Ich lasse die Prozedur murrend über mich ergehen und falle müde und abgekämpft in meinen Sitz im Cockpit.

Den Computer befreie ich mit dem Spezialschlüssel aus seiner Sicherheitsbox, das richtige Passwort zaubere ich auf die Tastatur, die Hochsicherheitstüre wird mit einem Knopfdruck aktiviert und die Starterlaubnis per Funk eingeholt. Jetzt endlich beginnt das Abenteuer «Flug» erst richtig.
Schon nach wenigen Flugminuten werden uns zwei Formulare der indischen Behörden unter die Nase gehalten. Alles wollen sie wissen: Uhren, Computer, Telefone, Schmuck, Währungen, Passnummer, Ausstellungsort, Gültigkeit, Ausstellungsdatum, Geburtsort, und, und, und…. müssen auf den Papieren vermerkt und mit Unterschrift die Korrektheit der Daten bestätigt werden.

Unzählige Kontrollen, Stempel und Durchleuchtungen folgen, bis wir müde aber glücklich in Delhi vor dem Hoteltresen stehen. Ein letztes Visum des Sicherheitsbeamten findet seinen Weg auf das Formular und der Zimmerschlüssel wird uns ausgehändigt. Nach einem langen Flug und durchleuchtet wie ein Patient auf der Intensivstation, falle ich kaputt ins flauschige Bett. In 24 Stunden geht das Theater wieder von vorne los!

Dienstag, April 14, 2009

please don't call


Über Zürich liegt noch ein leichter Dunst, die Sonne zwingt mich Schutzcrème einzureiben und 4000 Fuss über meinem Kopf fährt der A330 mit Ziel Nairobi die Klappen ein. Ein perfekter Morgen auf der Terrasse mit einem klitzekleinen Makel. Seit fünf Uhr in der Früh habe ich Bereitschaftsdienst und hoffe, dass sich keiner meiner Kollegen beim Eiersuchen ernsthaft verletzt hat. Wenn alles gut geht, dann bewege ich meinen Hintern den ganzen Tag keinen Zentimeter vom Fleck. Drückt mir die Daumen!

Doch ganz so einfach ist der Dienst mit eingeschaltetem Handy doch nicht. Einerseits bin ich angewiesen meinen Körper so zu schonen, dass ich jederzeit einen zwölfstündigen Flug antreten kann, andererseits handelt es sich ja um Arbeitszeit und die soll genutzt werden. So könnte Ich zum Beispiel für den anstehenden Check büffeln; oder die neuen Verfahren einstudieren, die ab Morgen ihre Gültigkeit haben; oder gar meine Uniform bügeln, die zerknittert im Schrank hängend auf einen Flug wartet. Wäre da nicht die sonnige Terrasse….

LX16 nach New York fliegt über meinen Kopf, schon wieder ist ein Flug weg, schon wieder eine Möglichkeit weniger, heute ein Flugzeug zu besteigen. Ich mache es jetzt meinem Hund gleich und lege mich auf den warmen Holzboden. Liebe Kollegen der Crewdispo: Bitte nicht stören - please don‘t call!

Freitag, April 10, 2009

macht fliegen glücklich?

Es gehört zu den Privilegien von Piloten, dass sie - während sie nackt im Bett liegen - mit hübschen jungen Frauen plaudern dürfen, deren Vornamen sie nicht genau kennen. Wenn diese charmante Erscheinung dann dem Herrn der Lüfte die Worte «ich brauche dich» zärtlich ins Ohr flüstert und dieser ohne schlechtes Gewissen vor der Ehefrau den Silben zuhört, dann muss die Dame von der Crew-Disposition sein und dem armen Piloten telefonisch einen Einsatz übermitteln.
«Wohin?» - «New York?» - «früh, spät oder Genf?» - «spät - gut - danke». So elegant schafft es kaum ein Geschlechtsgenosse von mir, fremde Frauen im eigenen Ehebett zu verabschieden.

So sitze ich ein paar Stunden später im Cockpit des Airbus und kneife die Augen ob dem grellen Sonnenlicht zusammen. In irgend einem Magazin betrachte ich die Bestsellerliste der Sach- und Lustbücher und bemerke, dass erstaunlich viele Werke vom Umgang mit dem Glück berichten. Da ich mir schon lange einmal vorgenommen habe in den Bestsellerlisten vorzukommen, schreibe ich doch einmal einen Beitrag über das Glück beim Fliegen. Vielleicht lädt mich Aeschbacher nach diesen Worten ins Labor ein.

Über Glück schreiben kann vermutlich nur ein Unglücklicher. Ich bin aber weder unglücklich, dass die Frau von heute nur virtuell in meinem Ehebett aufgetaucht ist, noch schmolle ich, dass ich nach New York unterwegs bin. Vielleicht bin ich ein bisschen unglücklich, dass ich Frau und Hund temporär verlassen musste, dafür bin ich dann um so glücklicher, wenn ich sie am Samstag wieder in die Arme nehmen kann. Mein Chef sieht auch nicht betrübt aus, ihn kann ich also auch nicht fragen. Da hilft nur ein Gang durch das Flugzeug.

Die beiden Kolleginnen im Galley haben keine Zeit für Gefühle, sie bewirten und bekochen die zwölf Personen der obersten Klasse. Der Herr auf 2A wäre mein Mann. Nichts, aber auch gar nichts an seinem Leben scheint ihm zu gefallen. Er stochert im ausgezeichneten Lachsfilet herum und versucht parallel dazu das Unterhaltungssystem zu bedienen.

Die Dame hinter ihm lächelt mich an und ich lächle zurück. Wir sind so quasi alte Bekannte. Als ich das Klo verliess, stand sie vor mir in ihren langen blonden Haaren und schaute mit ihren blauen Augen in meine. Gekleidet war sie in dunkelblauen Stoff, was mein Kleinhirn dazu bewog, sie sofort zu duzen. Erst, als die Dame in die Latrine verschwand, bemerkte ich mein Missgeschick. Das an die Passagiere abgegebene Pyjama hat exakt die gleiche Farbe und fällt ähnlich im Schnitt wie unsere Uniform. Beim Blick auf die Passagierliste erkannte ich vor lauter Abkürzungen fast ihren Namen nicht. VIP war noch die harmloseste aller. Artig wartete ich, bis sie ihren Toilettengang beendete. Zum Glück habe ich aus einer Laune heraus im Sprüngli am Flughafen eine Schachtel Luxenburgerli gekauft. Ich entschuldigte mich brav, stellte mich vor und offerierte der Dame ein «Verführerli» aus Zürcher Manufaktur. Sie nahm ein zweites und das Glück stand ihr ins Gesicht geschrieben.
Den Blick vom Herrn auf 3B gehe ich aus dem Weg. Er wird mir nie verzeihen, dass ich seine Gemahlin im Schlafanzug angesprochen habe und ihr dabei noch ein Lächeln auf die Lippen zauberte.

Mein Fazit aus der 1. Klasse: Durchzogen.

Jetzt zur Businessclass. Hier reist der komplizierteste Teil der Gäste. Sie oder ihre Firma haben einen stolzen Preis für ihr Ticket bezahlt und dafür bin ich sehr dankbar. Doch man muss wissen, dass verschiedene Weg in diese Klasse führen. Herr 7A zum Beispiel hat seinen Computer offen. Er ist Vielflieger und ein sehr beschäftigter Mann. Nach dem erlöschen des Anschnallzeichens hat er seinen 17“ Multi-Task-Highlevel-Superduper Laptop aufgeklappt und eingeschaltet. Jetzt, 23 Minuten später, leuchtet zum ersten Mal das Desktopbild von Windows auf und ausgerechnet in diesem Moment wird der Apéro serviert. Er will nicht unhöflich wirken, klappt das grosse Teil wieder zusammen und entscheidet sich weltmännisch für einen Gin Tonic. Es werden neuerlich 23 Minuten vergehen, bis sein Arbeitsgerät eingabebereit ist. Schade um die Zeit, ist doch das Flugzeug noch der einzig virenfreie Raum für Windowsrechner.

Mein Fazit aus der Businessklasse: Hoffnungslos.

Ich breche mein sozioaviatisches Projekt ab und begebe mich wieder an meinen Arbeitsplatz. Stunden später landet der Chef den Airbus auf der 22L in JFK. Wir rollen an den Standplatz und lösen unsere Sitzgurten. Gemütlich schlendere ich zum Ausgang. Im linken Gang kommt mir eine Putzfrau entgegen, die wegen des aufgeschnallten Staubsaugers wie eine Ausserirdische aussieht. Sie schwitzt, riecht streng und faucht mich an, ich solle doch aus dem Weg gehen. Wie von Zauberhand geführt öffnet sich die rosa Schachtel und ich offeriere ihr die süssen Grüsse aus Zürich. Sie lächelt mich mit ihrer Zahnlücke an und bedankt sich mit einem kräftigen Klaps auf den Oberarm.

Was wollte ich eigentlich schreiben? Ach ja, fliegen macht manche Menschen wirklich glücklich!

Samstag, April 04, 2009

Bloggerflug

Es ist vier Uhr in der Früh und ich sitze etwas krumm auf meiner Sitzgelegenheit. Zu meiner Linken schreit Herr Skypointer in ein schwarzes Mikrophon und versucht auf dem schwarzen Kontinent in der schwarzen Stadt Brazzaville sein Gegenüber zu erreichen. Die Lichtquelle über meinem Kopf ist zu dunkel, um etwas zu lesen und viel zu hell, um das zu tun, nach dem mein Körper so dringend schreit. Herr Skypointer ist soeben aus den Federn geschloffen und ich bin froh, dass zumindest einer von uns so richtig im Saft ist. Mein Kollege und ich haben so einiges gemeinsam. Erstens wurden wir beide kurzfristig zu diesem Afrikaabenteuer aufgeboten und zweitens hauen wir beide regelmässig in die Tasten, um unsere Erlebnisse zu bloggisieren.


Brazzaville hat heute Nacht keine Lust, mit den Flugzeugen am Himmel zu reden. Alle Frequenzen bleiben ruhig und wir düsen im wahrsten Sinne des Wortes blind und stumm über das ehemalige Zaïre. Unter uns das faszinierende Afrika und über uns der unendliche Sternenhimmel. Ich spüre förmlich, wie es Herrn Skypointer reizt, das Licht im Cockpit auf das Minimum zu reduzieren und als begeisterter Sterngucker die Himmelskörper zu betrachten. Er zeigt Erbarmen und lässt das schummrige Licht leuchten. Im Dunkeln wäre ich keine Minute wach geblieben und vermutlich nie mehr aufgewacht.


Langsam geht die Sonne über Afrika auf und ermöglicht die Sicht über die Instrumente hinaus. Dies ist der Moment, wo der Körper die Orientierung verliert. Während die Augen die Segel streichen und die Lider um jeden Preis geschlossen halten möchten, melden andere Organe Tagwache. Der Gaumen schreit nach Kaffee, die Blase erwacht aus dem Winterschlaf, drückt an den unmöglichsten Stellen und das Gedärm beginnt mit der Naturgasproduktion. Ich stehe immer wieder auf, lasse der Blase freien Lauf und erlöse meinen Darm vom Druck, dem meine immer noch schlafenden Bauchmuskeln nichts entgegenzusetzen haben.


Zurück im Sitz beginne ich zu Halluzinieren. Überall sehe ich Daunendecken. Jede Wolke erinnert mich an ein flauschiges Duvet, das ich über meinen Kopf ziehen möchte. Auch Kissen erkenne ich, wo immer ich hinschaue. Den regen Funkverkehr empfinde ich als gute Nacht Geschichte und das surren der Ventilatoren als akustische Streicheleinheit. Ich muss dringend ins Körbchen. Mein Chef räumt die Stellung im Schlafraum und setzt sich mit seinen verschlafenen Augen an die Kommandostelle des grossen Fliegers. Vorsichtig öffne ich die Tür des Schlafgemachs und steige langsam in meine Liege. Heute teile ich die zwei Quadratmeter mit einer Kollegin, die privat in die Ferien reist und nur auf einem Notsitz Platz gefunden hat. Sie ist halb so alt wie ich, aber dafür doppelt so hübsch. Ich krieche in das untere Bett und mache es mir bequem. Ein kräftiger Furz würde jetzt Erleichterung bringen, doch ich hüte mich aus verständlichen Gründen davor. Ruhig lausche ich ihrem Atem und falle sofort in einen Tiefschlaf. Zwei Stunden später die Gewissheit, dass sich das Flugzeug im Sinkflug befindet. Meine Ohren schaffen den Druckausgleich nicht und auch ein anderes Organ hat damit zu kämpfen. Ich verlasse das Schlafgemach ruhig und diskret. Meine Bettgefährtin soll sich in Ruhe für die Ankunft in Südafrika bereitmachen können. Wer weiss, was bei einer so jungen Dame vor der Landung alles gerichtet und gepudert werden muss.


Passiv betrachte ich, wie meine Kollegen das noch 190 Tonnen schwere Flugzeug auf den Boden bringen und genauso sanft an den Standplatz rollen. Die Türen gehen auf und das Transportmittel entleert sich gemächlich. Die Frau, mit der ich doch immerhin eine Nacht verbracht habe, erinnert sich nicht mehr an meinen Namen. Vermutlich war ich zu rücksichtsvoll, zu leise, zu emotionslos oder zu brav. Das nächste Mal lasse ich meinen Fürzen wieder hemmungslos freien Lauf. So geht es mir gut und so bleibe ich garantiert unvergesslich.