Sonntag, März 29, 2009

wer bin ich

der Blick aus dem Hotelzimmer

Ich bin mir bewusst, was für dunkle Regenwolken über Europa hängen und verschone den Leser mit Beschreibungen der Strandlandschaft hier in Dar es Salaam. Obwohl die Strandschönheit im weissen Bikini, die gerade aus dem Wasser steigt wie einst Ursula Andres, einige Zeilen verdient hätte, möchte ich von meinem Dilemma berichten, das mich gerade beschäftigt.

Eine Zusatzaufgabe wurde an mich herangetragen, die ich aus Begeisterung an der Sache nicht ausschlagen konnte. Zukünftig werde ich im Dienste einiger Auserwählten in die Tasten hauen und Texte zu verschiedensten Themen zu Papier bringen. Natürlich haben die Leser dieser Publikation ein Recht darauf zu wissen, wer sie in Zukunft mit Weisheiten und Schreifehlern bombardiert.
«Stell dich im nächsten Heft kurz vor, so 3000 Zeichen wären ideal», sagte der Chefredaktor so beiläufig. Man halte sich das einmal vor Augen: Lausige 3000 Zeichen für mein Leben, meine Persönlichkeit, meine Schwächen und meine Stärken. Schon für die Schwächen alleine bräuchte ich 3000 Leerschläge! Doch da wäre das Budget schon erschöpft, ohne dass nur ein einziger Buchstabe das Blatt zieren würde. Und wo soll ich nur beginnen? Interessiert es die Leser, dass ich Mark Spitz 1972 die Daumen gedrückt habe, weil er so schöne Badehosen trug? Darf ich schreiben, dass ich geweint habe, als Deutschland 1974 im WM Final das 2:1 geschossen hat und Cruyff mit der Nummer 14 dadurch den WM Titel verpasste?

Wäre ich Paolo Coelho, könnte ich allein darüber ein Buch schreiben, wie sehr mein Herz geschlagen hat, als ich bei der ersten Schulreise im Zug neben meinem grossen Schulschatz sitzen durfte. Mir bleiben 3000 Zeichen für 43 Jahre leiden, lieben, rennen, schuften - 3000 Zeichen um meinen Charakter zu beschreiben. Und glauben sie mir, dass sich dieses Ursula Andres Double vor meinen Augen gerade die Beine mit Sonnenöl einreibt, macht die Sache auch nicht einfacher!

Wo und wann beginnt mein Leben in den Augen der Leser? Ist es wirklich so wichtig, welche Ausbildungen ich durchlaufen habe oder welche Flugzeuge ich steuerte? «Über Siege soll man schreiben und aus Niederlagen lernen.» Dieses Zitat habe ich keinem grossen Denker abgeschrieben, sondern ist mir gerade jetzt eingefallen. Dreitausend Zeichen! Wenn es ein Leben in 3000 Zeichen gibt, dann muss es auch eines in 1000 und solche in 2000 geben. So betrachtet bin ich noch gut weggekommen.
Ach, die Vorstellung meiner Person in 3000 Zeichen kann auch noch bis morgen warten. Die Höhenluft von Nairobi könnte mich inspirieren, die Entbehrungen Kenias Einwohner könnten mich Bescheidenheit lehren. Doch vielleicht schreibe ich morgen auch einfach vom Besuch im Kinderheim mitten in den Slums von Nairobi. Nach dem Blick in die Augen der Kinder wird mir mein Leben nicht mehr so wichtig vorkommen. Eigentlich reichen 11 Buchstaben inklusive Satz- und Leerzeichen, um die existentielle Frage «wer bin ich?» zu beantworten. «Ein Mensch!» Die restlichen 2989 Zeichen spende ich dem Kinderheim.

Kinder im Heim "youth for hope"

Kommentare:

  1. Genau deswegen eben bist du der richtige Mann für den Job!
    Das waren jetzt 57 Zeichen. Da bleiben immer noch einige, die gespendet werden können!

    Viel Spass beim Denken, Recherchieren, Studieren, Fantasieren, Korrigieren, Spazieren, Redigieren und Editieren!

    Gruss
    Dide

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  2. Lieber nff, wenn du einen AUFTRAG zum Schreiben bekommen hast, dann befindest du dich knallhart auf dem Weg zum fliegenden Journalisten ;-) und da ist es dann vorbei mit den endlosen Weiten des weltweiten Luftraums. In der Kürze liegt die Würze, oder, wie wir TV-Leute sagen, "und bist du noch so fleißig, es werden nur 1'30...". 3000 Zeichen ist doch schon FAST so luxuriös wie Business Class. Viel Spaß und Erfolg bei der Nebentätigkeit, lg katharina, Journalistin

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  3. Dar es Salaam, wie schön, dann melde ich mich nun mal als der Mitleser, der eben hier wohnt und arbeitet! Nur um aufzuklären woher immer der Eintrag "Dar es Salaam, Tanzania" auf Ihrem "Live Traffic Feed" erscheint. Einen wunderschönen Aufenthalt hier im Hafen des Friedens, das zurzeit übrigens jüngst aufgrund der Regenzeit angenehm kühl ist (noch vor einer Woche war es gefühlt doppelt so heiß).

    Auf viele weitere lesenswerte Beiträge hoffend, verbleibt ihr anonymer Mitleser,
    Jonas

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  4. Ausgezeichnet!
    Ob 3000 Zeichen oder weniger: Hier schreibt einer, dessen Alltag geprägt ist vom Über-den-Tellerrand-hinausschauen und der diesen erweiterten Überblick in wohl artikulierte Zeichen zu fassen weiss.

    Mensch Meier! Meyer, Maier, Mayer

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  5. @Dide:
    Danke, ich werde verlegen :-)
    Hoffe, dass Du die Artikel kritisch liest!
    Gruss Peter

    @katharina:
    ... beides Traumjobs, wenn man sowohl als Pilot als auch als Journalist manchmal etwas gar streng arbeiten muss!
    Ich zähle mich noch nicht zu der Gilde der Journis, bin aber trotzdem stolz darauf, dass Du als Profi hier mitliest!

    @Jonas:
    ... vielleicht kreuzen sich unsere Wege ja einmal in Tansania - wer weiss...

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  6. @Richi:
    ... herzlichen Dank!

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  7. Danke für deinen tollen Blog. Du bist der Grund warum die Swiss Airlines mittlerweile meine Lieblingsairline ist.

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  8. Interessiert es die Leser, dass ich Mark Spitz 1972 die Daumen gedrückt habe, weil er so schöne Badehosen trug

    Ja, das interessiert mich zum Beispiel gewaltig.Erinnere ich mich doch genau an die Hose und den Rest.
    Auch das mit dem Schulschwarm....damals sah ich ja noch nicht so gut aus ;-))

    Ja, Sie sind ein Mensch, so voller Leben und voller Freude am Dasein, dem ich gerne zuhöre, sehr gerne sogar.

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