Mittwoch, März 11, 2009

was nicht passt wird passend gemacht

«Sechzig plus 5, 45 lang, nochmals 60, aber plus 4...» In den Unterhosen stehe ich vor einem Mann, der hoffentlich weiss was er macht. Ich werde vermessen. Vermessen am ganzen Körper und dies im Dienste der Mode. Eine neue Uniform soll es geben und die muss natürlich passen.
Doch schon bei der Tatsache, wie etwas passen muss, scheiden sich die Geister. Der Modeausmesser mit seinen gepflegten Fingernägeln, hat das Bild eines adretten Helden der Lüfte vor sich, der sich an einer durchgestylten Flughafenbar zusammen mit ein paar Flugbegleiterinnen einen Espresso gönnt, bevor er den Gewalten der Natur trotzt und die über 200 Tonnen Leichtmetall in den Himmel wuchtet. Er stellt sich vor, wie das edle Tuch sich über den vom Langlauf gestählten Hintern spannt und durch das Hemd die Adern des Bizeps sichtbar werden. Der Hut sitzt locker auf dem stolzen Haupt, oder hängt an der Garderobe neben der Strickjacke aus Wolle und dem braunen Mantel, der vor den Launen der Natur schützen soll.

«Hutgrösse 61» - «Nein, ich habe 64!» - «Ich messe 61!» - «Wer misst misst Mist! Ich messe 64.» - «Sie messen zu tief!» - «…. und sie zu hoch!» - «Sind sie schon mal bei Wind und Wetter um das Flugzeug gelaufen? Der Hut muss auf dem Kopf verbleiben, auch wenn es mit 40 Knoten bläst.» - «Also gut 62.» - «Nein 64!» - «Wir haben kein 64 - 62!» - «Ich beantrage eine Hutdispens!»

Die Unterhosen in XXL, gekauft im Wal Mart, erweisen sich als Glückskauf. Der Stoff hängt fast bis zu den Knien, nichts wird abgezeichnet und der Massgriff in meinen Schritt bleibt aus. «Hier ihre Hose, probieren sie diese an. Sieht toll aus, passt wie angegossen.» - «Ist zu klein und spannt um die Schenkel.» - «Das muss so sein, ist Mode und bringt ihre muskulösen Beine zur Geltung.» - «Ja, aber ich sitze darin 12 Stunden und will nicht, dass mir der Stoff den Blutkreislauf staut.» - «Ja aber, ...» - «Nichts aber, ich nehme die Grössere.» - «Ach, sie sind ein schwieriger Fall, nichts nach Norm, kein Standard.»

Und wie ich darauf stolz bin! In einer Welt, wo man alles normieren, standardisieren und vermessen will, müssen Exoten wie ich doch gefeiert werden. «Und jetzt kommen wir noch zur Strickjacke.» - «Strickjacke?» - «Ja, sie erhalten eine Strickjacke.» - «Mein Grossvater trug Strickjacken.» - «Die sind wieder modern!» - «Wer sagt das?» - «Modefachleute sagen das.» - «Und welcher Modefachmann hat den roten Streifen an den Abschluss der Ärmel gepinselt? Sieht ja spassig aus.» - «Nicht spassig: modern! 60 plus 5.»

Also gut, dann nehme ich die Strickjacke halt. Ist ja während den Nachtflügen auch immer so kalt am Fenster. Wer weiss, vielleicht gewöhne ich mich ja daran. «So, und jetzt der Veston. Drei oder vier Streifen?» - «Am liebsten keinen.» - «Warum, sie sind doch Pilot, oder?» - «Ja schon, aber ohne Streifen könnte ich den Anzug auch privat tragen. In meinem Alter sollte man so etwas im Kleiderschrank haben. Wer weiss, an welch traurige Anlässe man eingeladen wird.» - «Die Uniform dürfen sie nicht privat tragen!» - «War nur ein kleiner Scherz.» - «Über Uniformen macht man keine Scherze.»
«So, hier ihre Grösse. Passt wie angegossen.» - «Ich will keine Weltcuprennen fahren, ich will eine bequeme Uniform!» - «Das muss eng sein.» - «Nein, muss es nicht! Und übrigens, wenn ich Grossvaters Strickjacke unter dem Veston tragen soll, dann braucht es da noch Platz zum Atmen.» Dieses Argument sass. «60 plus 3.»

Wider erwarten trennten wir uns im Frieden und ich konnte meinen Flug nach Los Angeles antreten. Vor dem Sicherheitcheck eine ellenlange Schlange. «Wir üben für Schengen», erklärte ein Flieger aus der Teppichetage. «Non Schengen Destinationen links, Schengen Destinationen rechts», brüllte der Überwacher in die Menge und wir taten was befohlen. Fein säuberlich trennten sich die Wege der Schengen und Non-Schengenflieger und dies wurde durch Observateure genaustens überwacht. Logisch wurden die Sicherheitsleute ob der ungewöhnlichen Präsenz nervös und kontrollierten strenger als sonst. «Aufmachen!», befahl eine durchaus charmante Frau in blauer Polizeiuniform und ich tat was verlangt. Ein iPod, ein iPhone und ein Mac fanden den Weg auf den Tisch und in einer Ecke der Tasche fand die Dame zwei Memorysticks, die ich schon längst abgeschrieben hatte. «Brauchen sie diese Geräte wirklich alle?» - «Ja, man weiss nie, wenn ein Musikplayer aussteigt, da braucht man doch als Strickjackenträger Ersatz.» - «Was hat das mit Strickjacken zu tun?» - «Strickjackenträger legen Wert auf Redundanz. Hosenträger und Gurt sind in Zukunft das Motto.» - «Sie tragen ja gar keine Hosenträger.» - «Kleiner Scherz.» - «Über Sicherheit macht man keine Scherze!»

Nach der Sicherheitskontrolle trafen sich die Ströme der Schengen und Non-Schengen Besatzungen wieder und wir warteten vereint auf eintreffende Busse. Es fröstelte mich ein bisschen und nur das Schütteln des Kopfes über die gelebte Realsatire an den Flughäfen rund um die Welt, hielt meinen Organismus in Trab. Zum ersten Mal vermisste ich das Strickjäckchen.

Kommentare:

  1. Hui, was ich alles in meinen Ferien verpasse, immerhin komme ich dann auch noch in den "Genuss" des Vermessens.

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  2. Schlicht Fantastisch...Selten zuvor so gelacht..!!!

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  3. Danke für die tolle Unterhaltung. Ausgemessen wurde ich noch nicht, jedoch konnte ich bei dem Schengen chaos mitmachen. War also Schengen, echt aufregend.

    Grüsse nach L.A.

    René

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  4. Von wegen passend: Was ist von folgendem zu halten?

    Pilot erklärt noch am Dock, wir müssten warten. Wir seien schwer und müssten deshalb aber der längeren Piste starten.

    Flugzeug rollt los, Pilot erklärt, nun reiche es doch für die kürzere Piste.

    Kommt das häufiger vor oder war vielleicht die erste Rechnung falsch?

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  5. Zum Brüllen !

    Dank unmotivierter Heiterkeitsbekundungen durfte ich den ganzen Text auch noch meiner Lebensgefärtin vorlesen.

    Weiter so :)

    "Tweety"

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  6. Was man als Pilot alles erdulden muss. Wie wärs denn nun mit einem Foto der halbwegs gutsitzenden Uniform mit unserem (meinem) Lieblingspiloten-Blogger?

    Philippe

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  7. hi!

    sehr amüsante story! vor allem lobenswert die hartnäckigkeit beim maße abnehmen. ich wäre wahrscheinlich "pflegeleichter" gewesen, um möglichst schnell fertig zu werden, hätte mir dann aber bei jedem tragen gewünscht, mir doch etwas mehr zeit genommen zu haben ;)
    der gemischte bustransfer war dann aber nicht ganz schengengerecht, oder?

    mfg
    hauke

    ps: "ein Flieger aus der Teppichetage"
    wer ist denn damit gemeint?

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  8. Ja Ja die Uniform. Modern wäre es doch, gar keine Krawatten mehr zu tragen. Die reduzieren die Stressresistenz und erhöhen den Blutdruck, so immerhin fühlt es sich an. Ausserdem hat irgendjemand nicht nur einen sondern gleich mehrer rote (natürlich modische) Streifen draufgezimmert. Naja, sigs wis wöll. Hauptsache wir sind in Zukunft modern...

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  9. @Tobi:
    ...Umhimmelsgottswillen geniesse die Ferien! Da du sicherlich nicht so aus dem Normrahmen wie ich fällst, hat es auch E. Mai noch Uniformen für dich :-)

    @Wisi:
    ... warte nur, bis du den neuen Hut siehst. Spare dir noch ein paar Lacher auf.

    @Rene:
    ... da kann man Giaccobbo-Müller glatt vergessen, wenn man das Schengenballett vor jedem Abflug hinter sich bringen muss...

    @Daniel:
    ... wir haben heute Tools zur Verfügung, wo man die Startgewichtsberechnung sehr genau machen kann. Ist man am Limit, kann eine Änderung von schon einem Parameter (Wind, Luftdruck. weniger Gepäck, trockene/nasse Piste) viel ausmachen. Das kommt schon vor.

    @Tweety:
    ... ich mach mal wieder eine Lesung, dann werden deine Stimmbänder geschont!

    @Philippe:
    ... ich glaube, dass wir den neuen Stoff erst im Dezember kriegen.

    @hauk.e:
    ... wenn es um meine eigene Gesundheit geht, kann ich ganz schön hartnäckig sein :-)

    @Severin:
    ... ich habe mal vor langer Zeit einen Wunsch ans Uniformteam geschickt, dass sie doch bitte die Krawatte und den Hut weglassen mögen. Mein Ruf blieb ungehört.

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