Freitag, März 13, 2009

Stinktiere



Auch wenn ich ab und zu mit meinem Beruf und seinen gesundheitlichen Schattenseiten hadere, geniesse ich doch die Momente, in denen ich ohne Zeitdruck, Pläne und Vorgaben durch die Orte auf diesem Planeten wandern kann, die mir in den letzten Jahren so vertraut wurden. Long Beach ist so ein Platz. Man kann ihn lieben, hassen oder auch beides. Es ist der ideale Ort, wo man sich zurückziehen und die Langeweile zelebrieren kann. Hier hat es leere Strände, leere Kinosäle und leere Starbucks, wo man herrlich in die eigenen Gedanken und mitgebrachten Zeitschriften eintauchen darf.

Im Laufe der Jahre veränderten sich meine Bedürfnisse laufend. War ich zu Anfang feuriger Anhänger der «HURRA - Fraktion», die an jedem Ort der Welt die verrücktesten Lokalitäten entdecken wollte und keine Party zu lange dauerte, suche ich heute eher die Tiefe und die Ruhe. Grosse Gruppen meide ich und selber fällt mir auf, dass ich Diskussionen an überlangen Tischen nicht mehr folgen kann oder will. Kurz: Ich werde älter.

Da passt der Artikel dazu, den ich heute Morgen im Kaffeehaus verschlungen habe. Im einem älteren Zeit-Magazin stellen die Gebrüder Lebert ihr neues Buch «der Ernst des Lebens - und was man dagegen tun kann» vor. Darin kommt Hans Joachim Schellnhuber zu Wort, seines Zeichens Professor der Physik und Klimaberater der Bundeskanzlerin, der gefragt wurde, was denn seine wichtigste Erkenntnis in seiner wissenschaftlichen Karriere war. Er nannte das Stinktier-Prinzip als seine bahnbrechendste Entdeckung. «Egal in welchem Beruf sie tätig sind, in welcher privaten Situation sie stecken, es gibt immer Personen, die sie runterziehen, Menschen, die für schlechte Stimmung sorgen, Jammerer, Nörgler und unangenehme Zeitgenossen. Es ist wichtig, dass man sein berufliches und privates Umfeld durchkämmt und die Stinktiere identifiziert, denn sind die Stinktiere erkannt, können sie nicht mehr verletzten», so der Herr Schellnhuber.

Recht hat er. Natürlich habe ich beim Lesen des Textes genau das gemacht, was sie vermutlich jetzt auch machen. Ich habe gedanklich sofort eine Stinktierliste angelegt und dabei geschmunzelt und gelacht. Mir gefällt das Prinzip. Über genau diese Leute habe ich mich schon lange nicht mehr amüsiert. Ich hab sie entwaffnet - besiegt für einen kleinen Moment.

Wer wen auf die Stinktierliste nimmt, hängt im Wesentlichen von persönlichen Kriterien ab. Der Wissenschaftler listet sieben Gründe auf, warum es Personen bei ihm in die Stinktierfamilie schaffen. Ich will hier nicht alle aufführen, möchte aber den ersten Punkt trotzdem erwähnen. Zuoberst auf Schellnhubers Kriterienliste stehen die Menschen, die immer alles besser wissen. Ich möchte dies um den Nebensatz: «… und nicht zuhören können» ergänzen.

Tja, zuletzt bleiben noch zwei Fragen offen: Die Erste befasst sich mit dem Problem, wie man sich verhalten soll, wenn es sich beim Stinktier um den eigenen Chef handelt? Auch hier haben die Autoren eine Antwort bereit, die wie immer aus prominentem Mund stammt. Es ist ein Satz, der Karl Valentin einmal seinem Chef ins Gesicht geschrien haben soll: «Das merken sie sich jetzt! Sie sind nicht auf mich angewiesen! Aber ich auf sie!»

Die zweite Frage stellt sich ganz automatisch, wenn man drei Tage allein durch Long Beach bummelt: Auf wie vielen Stinktierlisten stehe ich wohl?

Kommentare:

  1. Ganz herzlichen Dank für diesen Überlebenstipp. Ich werde den Spruch vom Valentin nächstes Mal im Cockpit an geeigneter Stelle anbringen.

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  2. Hallo NFF,

    Du bist einfach ein zu schneller Schreiber, ich bastle jetzt schon seit Stunden an einem Blogeintrag, du hättest dort einen kleinen Gastauftritt, aber nur wenns dir natürlich recht wäre? Du wärst übrigens darin das kleinste Stinktier…

    LG Christoph

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