Freitag, März 06, 2009

Materialprobleme


Der vor mir hat einen X-Ium Nis 1, die hinter mir einen RCS. Beide sehen sie gefährlich aus. Sie tragen Kampfanzüge aus technologisch hochstehendem Stoff, in Farben gehalten, die den Gegnern das Blut in den Adern gefrieren lässt. Helmartige Kopfüberzüge mit Beschriftungen in allen Farben krönen das Haupt und Brillen, die gegen alle galaktischen Strahlen schützen, sind auf dem Nasenpflaster parkiert. In den Händen halten sie dünne und leichte Waffen mit Schriftzügen wie Super Shark oder HM Carbon. Doch das Gefährlichste an ihnen ist unsichtbar. Unter dem X-Ium Nis 1 und den RCS haben sie chemische Kampfstoffe versteckt. Es kleben HF Dibloc Molybdenum und Jet Stream red an der Unterseite oder gar das Geheimmittel Helix. Alle samt sind sie in Labors gemixte Substanzen mit Giftklasse so um die drei, die ein kleines Vermögen kosten und den Gegnern das Fürchten lehren.

Der Engadiner Skimarathon steht vor der Tür und auf den Loipen ist Grosskampftag. Ich stehe mit meiner Frau in Maloja und plane 22,3 % des Marathons zu laufen. Die zwei topgestylten Sportler stehen neben uns und verpflegen sich aus einem Trinkgefäss so gross, als ob die bevorstehende Schlacht über Wochen gehen könnte. Etwas ihres geheimnisvollen Getränks schwappt über und hinterlässt auf dem weissorangen Anzug hässliche Spuren in einer seltsamen Farbe. Langsam laufe hinter meiner Frau los und wir nehmen gemütlich, aber regelmässig Tempo auf. Die Loipengladiatoren von vorhin überholen uns schon bald und schwärmen von der angebrachten Struktur im Belag und dem Finish mit HF Dibloc Molybdenum. Die Dame läuft ein wenig einseitig, sonst steht sie aber gut auf den Latten. Ihr Gatte hat viel Kraft, aber wenig Technik. Sie entschwinden langsam unserem Blickfeld.

Kurz vor Sils zahle ich für das horrende Tempo meiner Frau Tribut. Meine Pumpe läuft hochtourig und ich täusche Durst vor. In kleinen Portionen trinke ich das Leitungswasser und geniesse die Pause im steifen Gegenwind. Neben uns stoppen auch die Kämpfer von vorhin. Wieder ist das Wachs das Thema und wieder höre ich Namen, die mir sehr spanisch vorkommen. Frau schwört auf Helix Fluor Dingsbums und Mann auf HF Dibloc Molybdenum. Zu meiner Überraschung fragt mich der Herr mit dem X-Ium Nis 1, was ich denn unter die Latten gebügelt hätte, denn offensichtlich hätten meine Frau und ich einen schnellen Ski. Da antwortete ich wahrheitsgetreu, dass er sich beim Roger in Silvaplana erkundigen solle, was dieser am 2. Februar den Kunden auf die Langlaufskier schmierte. Wortlos zogen die zwei weiter. Die Frau immer noch leicht einseitig, der Herr mit wenig Technik und jetzt noch weniger Kraft.

Bei Kilometer 7.5 das Desaster. Mein für über 400 Fränkli gekaufter X-Ium W.C LVF drohte sich beim horrenden Tempo in seine Einzelteile zu zerlegen. Der Leim zwischen Sohle und Schuh trat in den Streik und meine Technik glich der des Mannes von vorhin. Glücklicherweise war das Ziel in Sichtweite und ich konnte mein Tagespensum erhobenen Hauptes beenden.

Nicht dass ich nur eine Minute daran gedacht hätte den Engadin Skimarathon dieses Jahr zu laufen, aber mit der Schuhpanne sind alle Startchancen definitiv dahin. Ein X-Ium W.C LVF in Grösse 48,5 kriegt man in der ganzen Schweiz nicht in so kurzer Zeit. So schaue ich am Sonntag nach 15 Teilnahmen zum ersten Mal in meinem Leben dem verrückten Volkslauf zu. Ich freue mich riesig, obwohl ich in der Form meines Lebens gewesen wäre. Mit Bestimmtheit hätte ich gewinnen können - jawohl gewinnen!

Kommentare:

  1. Ja, träum weiter ;-) . Ich wünsch dir alles Gute und hab viel Spass :-)

    Liebe Grüsse Christoph

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  2. ...schon der Wille zählt, gell? Tja das ist schon ein Drama mit dem Material. :)
    Aber wie immer schön geschrieben, hab mich köstlich amüsiert.
    Viel Spaß beim Volksfest und Berichten danach.
    Grüße aus Berlin

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  3. Lustig wie immer. Auch giftig: Die Ski Outfits scheinen es in sich zu haben. Fehlt nur noch die hyperventilierende Skihose Modell "Anthraxx".

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