Samstag, März 21, 2009

die Seele einer Stadt


Jede Stadt hat sie, die Seele, die das Leben in ihr wertvoll macht. Ein Platz, ein Ort, ein Lokal, ein Quartier, ein Bauwerk - etwas, das dem Besucher und dem Bewohner das Gefühl gibt, an einem Ort angekommen zu sein.

Man kann einer Stadt die Seele nehmen, sie aber wieder einzupflanzen, gelingt selten. Und doch wird es immer wieder versucht. Stadtplaner, Behörden und Investoren preisen bei Eröffnungen von neuen Bauwerken immer wieder an, dem Ort dadurch eine neue Seele eingehaucht zu haben. Meistens erreichen sie aber das Gegenteil.

Damit ein Ort dieses Wohlgefühl ausstrahlen kann, braucht es Leben, Auseinandersetzung, Identität. Der Raum darf nicht einfach genutzt, er muss belebt werden. So wie ein globalisiertes und standardisiertes Starbucks nie eine Quartierkneipe ersetzen kann, stehen internationale Markenläden nicht unbedingt für Lebensqualität.

Ausgerüstet mit Kartenmaterial und den offiziellen Touristentipps, verliess ich heute Morgen in der Früh das warme Bett und machte mich auf, die für mich unbekannte Stadt Shanghai zu erkunden. Die Engländer waren da, die Franzosen auch, Deutsche haben Spuren hinterlassen und Japaner sowieso. Die Geschichte dieser Stadt reicht weiter zurück, als die unseres Ricolas. Doch schon bald wurde mir klar, dass die tiefsten Furchen nicht die Gäste und Besetzer der diversen Volksgruppen hinterlassen haben, sondern die gelben Baumaschinen der Firma Caterpillar. Schulter an Schulter stehen die Glas- und Stahlgiganten in einer Reihe und allesamt haben sie in den höheren Etagen eine bauliche Extravaganz eingebaut, die dem Gebäude einen hohen Wiedererkennungswert gibt. Die Gäste der Stadt nehmen das dankend an. Denn ein MMS mit Turm und Mozartkugel auf der Spitze, bringt die Lieben zu Hause zum Staunen.

Ich laufe dem Fluss entlang, teile mir die Promenade mit fähnchenhaltenden Touristen und suche verzweifelt nach einem Platz mit Charme. Wenn die Attraktion Nummer 1 das Versprochene nicht hält, dann vielleicht die Nummer 2. Nach Westen erstreckt sich eine grosse Fussgängerzone, die auch rege benutzt wird. Doch jeder zweite Chinese scheint hier zum Inventar der Strasse zu gehören. Filme werden mir angeboten, Kleider auch. Taschen scheinen im Moment genauso gefragt zu sein, wie T-Shirts aus lokaler Produktion. Was jedoch jeder Schwarzhändler im Angebot hat, sind Uhren in allen Formen und Farben. Ich schwöre unter dem omnipräsenten Auge des Kentucky Fried Chicken Werbemannes, dass ich nicht der Stadtpräsident von Zürich sei und als Repräsentationsgeschenke keine chinesischen Plastikuhren brauche. Als mir ein Herr mit einem Schaufelzahn weniger ein Schulmädchen für ein Schäferstündchen anbietet, verlasse ich Attraktion Nummer 2 angewidert und versuche im französischen Stadtteil die Seele der Stadt zu finden.

Auch hier wimmelt es von bunt leuchtenden Werbeschildern, deren Aufschrift ich schon an anderen Orten dieser Welt gesehen habe. Die letzten Franzosen scheinen ihre «Âme» beim Abzug auch mitgenommen zu haben. Zurück bleibt die Hülle einer längst vergangenen Epoche.

Die Seele der Stadt habe ich noch nicht entdeckt. Doch wie sollte ich auch? Es ist Samstag und läuft die Seele vermutlich Ski in der nahegelegenen Halle oder kauft ganz einfach irgendwo ein. Ich verspreche, dass ich, falls es einen nächsten Besuch gibt, weitersuchen werde.

Morgen verlasse ich die mir noch nicht ganz geheure Stadt wieder Richtung Heimat. Was bleibt sind die Erinnerungen an die gläsernen Paläste, an die mit Einkaufstaschen behangenen Passanten, an die glitzernde, neonfarbene Leere.

Kommentare:

  1. Schöner Bericht, die Erlebnisse in der Fußgängerzone decken sich mit meinen Erfahrungen dort, sehr gerne werden einem auch "Kunstwerke" von "Studenten" aus dem inneren Chinas angeboten welche damit angeblich ihr Studium finanzieren. Vielleicht stimmt das manchmal sogar, aber wer will das bei der Maße an ungefragten Angeboten wissen....

    Wo siehst Du denn in HK die Seele der Stadt? Dort herscht ja auch ein andauernder Konflikt was aus der Vergangenheit man dem "Fortschritt" opfert (z.B. den Central Star Ferry Pier) und was man erhält (z.B. einige kleine Strassen oder das historische Plozeihauptquartier).

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  2. Hallo Hendrik

    In HK fliehe ich auf die Inseln, wenn mir nach Seele ist. Radeln auf Cheng Chau, wandern auf Lamma oder vor den Spinnen flüchten auf Lantau.
    Sicher gibt es diese Orte in Shanghai auch - ich muss sie nur noch suchen.

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  3. Da ist eine MD 11 der Fed Ex verunglückt:

    http://www.youtube.com/watch?v=SAUcS9rLk_Y

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  4. Das ist wie damals am Yukon oder am Klondike im Goldrausch. Romantisch wird es erst beim Erzählen, viel viel später.

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