Freitag, März 20, 2009

Bereitschaft 1: Voltaire

Einunddreissig lange Tage stehe ich im Dienste der Firma. Einunddreissig lange Tage vergraule ich Kollegen, verschiebe Einladungen zu Nachtessen, lebe von der Unsicherheit, schiebe Bereitschaftsdienst. Das Telefon ist mein ständiger Begleiter, der Ausgangsrayon beschränkt. Eine gute Stunde bleibt mir nach einem Anruf Zeit, um mich zu duschen, die Sachen zu packen, an den Flugplatz zu rasen und einzuchecken. Nicht immer erreicht mich der Hilferuf der Firma im letzten Moment, wenn aber doch, eilt es in der Regel sehr. Passagiere warten, die am anderen Ende der Welt eine Sitzung nicht verpassen möchten und Kolleginnen warten, weil die Einkaufsliste diesmal ach gar so lange ist.

Boston! Ich fliege nach Boston! Das zumindest kommunizierte der Computer noch eine Woche vor dem Abflug. Klingt gemütlich, ist es auch. Abflug so gegen halb Sechs am Abend, eine für Langstreckenverhältnisse kurze Flugzeit und eine Stadt, die es am Morgen des Abflugtages zu erwandern gilt.
Fünf Tage vor dem Flug an den Charles River dann eine Änderung. Chicago heisst es diesmal in meinem Einsatzplan. Weiter, kälter und windiger ist die grosse Stadt am Ufer der grossen Seen. Handschuhe, Mütze und Schal finden neben der warmen Winterjacke Platz auf meinem Kleiderberg, der am folgenden Tag mit mir über den Atlantik reisen wird. Ich bin ein Frühpacker, das heisst ich stopfe alles Notwendige immer am Vorabend in den Hartschalenkoffer, um am Morgen des Abfluges stressfrei das Frühstück geniessen zu können. Kurz nach zehn Uhr in der Nacht klingelt das Telefon. Ich wische mir den Schlaf aus den Fernsehaugen und den Rotwein von der Oberlippe. «Crew Planung, guten Abend. Sie fliegen morgen nach Shanghai.»

Den Malanser geleert, starte ich den Computer und lege nach dem Konsultieren einer Wetterseite einen neuen Kleiderberg zur Seite. «Sonne, 20°C», meldet das Meteoportal und so finden Schal und Mütze den Weg zurück in den Kleiderschrank, Faserpelzjacke wird durch Kurzarmleibchen ersetzt und in Shanghai werde ich Gegensatz zu Chicago auch Zeit für ein paar Fitnesslektionen finden. Hund und Frau schauen mich müde an, als ich meine Packerei im Keller so gegen elf Uhr beende. Noch schnell eine Kurznachricht durch den Äther schicken und so unfreundlich, wie es in unserer Zeit halt üblich ist, eine Einladung am Samstagabend absagen. Pilotenalltag - leider.

So starte ich mit der Sonne im Rücken statt im Gesicht, fliege zu den Klein- statt zu den Breitwüchsigen und mit einem Bündner Primero statt einem Zürcher Secondo. Was mich aber am meisten wurmt, ist das verpasste Blueskonzert auf den Bühnen der «Kingston Mines» in Chicago. Alles hatten wir schon eingefädelt, der Zürcher Secondo und ich.

Nun vergnüge ich mich halt in Shanghai. War noch nie in der Stadt am Huangpu River und werde schon meine Plätze finden, die mich über das verpasset Konzert hinwegtrösten.

«Gott hat uns in die Welt gesetzt, damit wir uns amüsieren. Alles andere ist trivial und schändlich und erbärmlich.»

Ich werde dem Rat von Voltaire folgen!

Kommentare:

  1. Hallo der Herr (Co)Pilot,

    ich habe mir Dein (man hofft es stört nicht, das "Du") Buch vorvorgestern bei amazon bestellt, habe es vorgestern erhalten, gestern verschlafen - weil ich zu lange gelesen habe - und trotzdem gestern Abend wieder zu lang gelesen. Nun bin ich durch.

    Dein Schreibstil gefällt...ebenso wie der Fakt, dass du ohne Beschönigungen auskommst.

    Eine gute Motivation in Bezug auf die anstehende FQ bei der LH. Besonders "Sehnsüchte" hat mir auf wundervolle Art und Weise sowohl die Sinnhaftigkeit als auch die Sinnlosigkeit meiner vielen Gedanken zum Thema "Herausforderungen eines Piloten" vor Augen geführt. Es spiegelte geradezu perfekt meine Gedankenwelt wieder.

    Ich möchte - wie Du - mit einem schlauen Zitat eines vermutlich schlauen Menschen enden, sowohl passend zum aktuellen Thema, als auch zu meinen "Bedenken". Ein Satz, den ich mir ab jetzt immer wieder durch den Kopf gehen lassen werde, wenn Zweifel am Berufswunsch laut zu werden scheinen:

    "Warum ist der Mensch nie zufrieden?"

    Peter Tilly in "Sehnsüchte"

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  2. Hallo Max

    Eigentlich könnte ich jetzt den Blog schliessen. Zum ersten mal in meinem Leben wurde ich zitiert! Danke.

    Tja, diese Bedenken, diese ständigen Gedanken, ob man auch das Richtige macht. Im aktuellen NZZ Folio (Monatsbeilage der Zürcher Zeitung) dreht sich alles um Entscheidungen, die doch so oft (und meistens nicht ganz erfolglos) aus dem Bauch getroffen werden.

    Ich wünsche Dir dabei und bei der FQ der LH viel Glück!

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  3. Hallo, Respekt vor eurer arbeit. Es war mir nicht bewusst, dass eine solche fast schon bedingungslose Flexibilität verlangt wird. Bedeutet das, dass du während einem Zeitraum als Ersatzpilot eingesetzt wird, falls ein Pilot wegen Krankheit oder was auch immer nicht zur Arbeit erscheint?
    Philippe

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  4. Hallo Philippe

    Genau so ist es. Dies kann natürlich auch bedeuten, dass man einmal den ganzen Tag zu Hause bleibt..

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