Sonntag, März 29, 2009

wer bin ich

der Blick aus dem Hotelzimmer

Ich bin mir bewusst, was für dunkle Regenwolken über Europa hängen und verschone den Leser mit Beschreibungen der Strandlandschaft hier in Dar es Salaam. Obwohl die Strandschönheit im weissen Bikini, die gerade aus dem Wasser steigt wie einst Ursula Andres, einige Zeilen verdient hätte, möchte ich von meinem Dilemma berichten, das mich gerade beschäftigt.

Eine Zusatzaufgabe wurde an mich herangetragen, die ich aus Begeisterung an der Sache nicht ausschlagen konnte. Zukünftig werde ich im Dienste einiger Auserwählten in die Tasten hauen und Texte zu verschiedensten Themen zu Papier bringen. Natürlich haben die Leser dieser Publikation ein Recht darauf zu wissen, wer sie in Zukunft mit Weisheiten und Schreifehlern bombardiert.
«Stell dich im nächsten Heft kurz vor, so 3000 Zeichen wären ideal», sagte der Chefredaktor so beiläufig. Man halte sich das einmal vor Augen: Lausige 3000 Zeichen für mein Leben, meine Persönlichkeit, meine Schwächen und meine Stärken. Schon für die Schwächen alleine bräuchte ich 3000 Leerschläge! Doch da wäre das Budget schon erschöpft, ohne dass nur ein einziger Buchstabe das Blatt zieren würde. Und wo soll ich nur beginnen? Interessiert es die Leser, dass ich Mark Spitz 1972 die Daumen gedrückt habe, weil er so schöne Badehosen trug? Darf ich schreiben, dass ich geweint habe, als Deutschland 1974 im WM Final das 2:1 geschossen hat und Cruyff mit der Nummer 14 dadurch den WM Titel verpasste?

Wäre ich Paolo Coelho, könnte ich allein darüber ein Buch schreiben, wie sehr mein Herz geschlagen hat, als ich bei der ersten Schulreise im Zug neben meinem grossen Schulschatz sitzen durfte. Mir bleiben 3000 Zeichen für 43 Jahre leiden, lieben, rennen, schuften - 3000 Zeichen um meinen Charakter zu beschreiben. Und glauben sie mir, dass sich dieses Ursula Andres Double vor meinen Augen gerade die Beine mit Sonnenöl einreibt, macht die Sache auch nicht einfacher!

Wo und wann beginnt mein Leben in den Augen der Leser? Ist es wirklich so wichtig, welche Ausbildungen ich durchlaufen habe oder welche Flugzeuge ich steuerte? «Über Siege soll man schreiben und aus Niederlagen lernen.» Dieses Zitat habe ich keinem grossen Denker abgeschrieben, sondern ist mir gerade jetzt eingefallen. Dreitausend Zeichen! Wenn es ein Leben in 3000 Zeichen gibt, dann muss es auch eines in 1000 und solche in 2000 geben. So betrachtet bin ich noch gut weggekommen.
Ach, die Vorstellung meiner Person in 3000 Zeichen kann auch noch bis morgen warten. Die Höhenluft von Nairobi könnte mich inspirieren, die Entbehrungen Kenias Einwohner könnten mich Bescheidenheit lehren. Doch vielleicht schreibe ich morgen auch einfach vom Besuch im Kinderheim mitten in den Slums von Nairobi. Nach dem Blick in die Augen der Kinder wird mir mein Leben nicht mehr so wichtig vorkommen. Eigentlich reichen 11 Buchstaben inklusive Satz- und Leerzeichen, um die existentielle Frage «wer bin ich?» zu beantworten. «Ein Mensch!» Die restlichen 2989 Zeichen spende ich dem Kinderheim.

Kinder im Heim "youth for hope"

Donnerstag, März 26, 2009

Bereitschaft 3: Christian & Olaf


Es kam wie es kommen musste. Delhi war gestern, jetzt heisst das neue Reiseziel Nairobi. Viele Worte braucht es dazu nicht, denn die beiden Lufthansapiloten Christian & Olaf haben einen herrlichen Rap über die Launen der Crewplanung während der Bereitschaft geschrieben. Den Song kann man auf ihrer Homepage nach etwas Suchen in etwas verminderter Qualität geniessen. Wer öfter fliegt, dem empfehle ich die CD im Onlineshop zu kaufen!


Grüss mir Nairobi

Neulich steh ich in der Küche

und brat mir grad ein Ei.

Da klingelte das Telefon,

ich denk mir nichts dabei.

Ich habe zwar Bereitschaft,

und ich bin noch nicht rasiert

und auch noch nicht in Uniform;

ich hab´s wohl nicht kapiert,

denn ich fahr schon eine Stunde,

und nun kommt die frohe Kunde

drück die Muschel fest ans Ohr,

da stellt der Einsatz sich schon vor.

Ich such mir was zum Schreiben,

denn zu Haus darf ich nicht bleiben.

Zwar wollt ich noch zu OBI
.
Und jetzt soll ich nach Nairobi.

Das hat auch nichts schlechtes 

und ist mir sehr genehm,

denn auf ´ne Safari

wollt ich immer schon mal gehen.

Ich pack noch ein paar Sachen,

geb dem Schatzi einen Schmatz!

Sehn´uns in ein paar Tagen,

hier am gleichen Platz.

Grüß mir Nairobi
Grüß dich, 
wo kommst du her

wo gehst du hin?

Grüß mir Nairobi

Genau ne Stunde später

Steh ich dann im Keller.

10 Punkte zwar in Flensburg,

es ging nun mal nicht schneller.

Jetzt noch fix das Postfach checken,

und was muss ich da entdecken:

Mein Request so heiß ersehnt

Wurde mir glatt abgelehnt.

Und statt dessen, ist doch völlig klar:

Mo-Mo-Mo-Motivationsseminar.

Gar nicht lange nachgedacht,

denn Eile ist nun angesagt,

und beim Checkin Tresen

bin ich auch noch nicht gewesen.

Also rauf auf die Treppe,

die nach oben fährt,

als Begegnungsstätte

bei uns immer sehr begehrt.

Und nun fahrn sie mir entgegen

meine lieben Kollegen.

Sie gucken ganz verlegen,

und sie fragen sich:

kenn ich die, kennt die mich,

kennt der mich kenn ich dich?


Hallo grüß dich, wie geht´s?

Wo kommst du her,
wo gehst du hin?

Nach Nairobi aus dem Standby
...
schööön!



Grüß mir Nairobi…

Komm schon und erzähl,

wir sind alle interessiert:

was ist auf der Reise 
denn sonst noch so passiert?

Tja, war nix mit Safari.

Wieso denn das?

Bei den Unruhen in Nairobi

macht Safari kein Spaß.

Mensch, Unruhen, klar,

da kann man das vergessen.

Statt dessen hab´n wir nur

im Hotel rumgesessen.

Mmmh, gesessen und gegessen,

ist schon klar.

3 Tage Nairobi...Wunderbar

bei der nächsten Tour

hab ich n´ähnliches Glück:

On duty nach Brüssel

und Deadhead zurück.

Ist das war?

Ich hab das Gegenstück:

Deadhead nach Brüssel,

on duty zurück!



Grüß mir Nairobi...


der Text stammt aus der Feder "der Flieger" - Infos unter http://www.dieflieger.de

Mittwoch, März 25, 2009

Bereitschaft 2: Gandhi


Ha! Da hat jemand meinen Seelenbericht aus Shanghai gelesen. Ich klagte über eine Stadt ohne Seele und sehnte mich nach eben dieser. Man hat mich erhört, man hat mich verplant, man schickt mich in zwei Tagen nach Delhi.

Auf dem Subkontinent Indien scheint alles zu leben und zu pulsieren, sogar die Banknoten. Legendär sind die speckigen „ten Rupees“ Scheine, die mit Klammern aus dem Hause Bostitch zu Bündeln zusammengeheftet werden und von kleinen Löchern nur so übersät sind. Ein Tiger und ein Elefant zieren die Rückseite und zeugen vom wilden Tierleben des Landes. Doch dieser Abbildung hätte es nicht bedarft, denn auf der Oberfläche der Banknote tummeln sich so viele Lebewesen, wie es kein Zoo auf der Welt sich leisten könnte.
In 17 verschiedenen Landessprachen ist der Wert des Geldscheines aufgedruckt und welche der insgesamt 22 Dialekte vergessen gingen, entzieht sich meinem Wissen. Auf der Vorderseite der Banknote lächelt mich Gandhi an und flüstert mir ins Ohr:

Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse,
aber nicht für jedermanns Gier.

Ich freue mich auch auf die vielen Gerüche, die scharfen Currys, das Chaos in den Gassen, den Stau auf den Strassen, das Durcheinander beim Check-In und auf die freudigen Augen des Kofferträgers am Flughafen, wenn ich ihm als Dank für den vergossenen Schweiss, einen Taglohn in die schmutzigen Hände drücke.
Ich freue mich aber auch auf das tolle Hotel mit den sauberen Bettlaken, denn da bin ich ehrlich. So viel Seele wie Indien zu bieten hat, ertrage ich degenerierter Reisender nur, wenn ich zwischendurch in einem Luxuspalast duschen darf.

Samstag, März 21, 2009

die Seele einer Stadt


Jede Stadt hat sie, die Seele, die das Leben in ihr wertvoll macht. Ein Platz, ein Ort, ein Lokal, ein Quartier, ein Bauwerk - etwas, das dem Besucher und dem Bewohner das Gefühl gibt, an einem Ort angekommen zu sein.

Man kann einer Stadt die Seele nehmen, sie aber wieder einzupflanzen, gelingt selten. Und doch wird es immer wieder versucht. Stadtplaner, Behörden und Investoren preisen bei Eröffnungen von neuen Bauwerken immer wieder an, dem Ort dadurch eine neue Seele eingehaucht zu haben. Meistens erreichen sie aber das Gegenteil.

Damit ein Ort dieses Wohlgefühl ausstrahlen kann, braucht es Leben, Auseinandersetzung, Identität. Der Raum darf nicht einfach genutzt, er muss belebt werden. So wie ein globalisiertes und standardisiertes Starbucks nie eine Quartierkneipe ersetzen kann, stehen internationale Markenläden nicht unbedingt für Lebensqualität.

Ausgerüstet mit Kartenmaterial und den offiziellen Touristentipps, verliess ich heute Morgen in der Früh das warme Bett und machte mich auf, die für mich unbekannte Stadt Shanghai zu erkunden. Die Engländer waren da, die Franzosen auch, Deutsche haben Spuren hinterlassen und Japaner sowieso. Die Geschichte dieser Stadt reicht weiter zurück, als die unseres Ricolas. Doch schon bald wurde mir klar, dass die tiefsten Furchen nicht die Gäste und Besetzer der diversen Volksgruppen hinterlassen haben, sondern die gelben Baumaschinen der Firma Caterpillar. Schulter an Schulter stehen die Glas- und Stahlgiganten in einer Reihe und allesamt haben sie in den höheren Etagen eine bauliche Extravaganz eingebaut, die dem Gebäude einen hohen Wiedererkennungswert gibt. Die Gäste der Stadt nehmen das dankend an. Denn ein MMS mit Turm und Mozartkugel auf der Spitze, bringt die Lieben zu Hause zum Staunen.

Ich laufe dem Fluss entlang, teile mir die Promenade mit fähnchenhaltenden Touristen und suche verzweifelt nach einem Platz mit Charme. Wenn die Attraktion Nummer 1 das Versprochene nicht hält, dann vielleicht die Nummer 2. Nach Westen erstreckt sich eine grosse Fussgängerzone, die auch rege benutzt wird. Doch jeder zweite Chinese scheint hier zum Inventar der Strasse zu gehören. Filme werden mir angeboten, Kleider auch. Taschen scheinen im Moment genauso gefragt zu sein, wie T-Shirts aus lokaler Produktion. Was jedoch jeder Schwarzhändler im Angebot hat, sind Uhren in allen Formen und Farben. Ich schwöre unter dem omnipräsenten Auge des Kentucky Fried Chicken Werbemannes, dass ich nicht der Stadtpräsident von Zürich sei und als Repräsentationsgeschenke keine chinesischen Plastikuhren brauche. Als mir ein Herr mit einem Schaufelzahn weniger ein Schulmädchen für ein Schäferstündchen anbietet, verlasse ich Attraktion Nummer 2 angewidert und versuche im französischen Stadtteil die Seele der Stadt zu finden.

Auch hier wimmelt es von bunt leuchtenden Werbeschildern, deren Aufschrift ich schon an anderen Orten dieser Welt gesehen habe. Die letzten Franzosen scheinen ihre «Âme» beim Abzug auch mitgenommen zu haben. Zurück bleibt die Hülle einer längst vergangenen Epoche.

Die Seele der Stadt habe ich noch nicht entdeckt. Doch wie sollte ich auch? Es ist Samstag und läuft die Seele vermutlich Ski in der nahegelegenen Halle oder kauft ganz einfach irgendwo ein. Ich verspreche, dass ich, falls es einen nächsten Besuch gibt, weitersuchen werde.

Morgen verlasse ich die mir noch nicht ganz geheure Stadt wieder Richtung Heimat. Was bleibt sind die Erinnerungen an die gläsernen Paläste, an die mit Einkaufstaschen behangenen Passanten, an die glitzernde, neonfarbene Leere.

Freitag, März 20, 2009

Bereitschaft 1: Voltaire

Einunddreissig lange Tage stehe ich im Dienste der Firma. Einunddreissig lange Tage vergraule ich Kollegen, verschiebe Einladungen zu Nachtessen, lebe von der Unsicherheit, schiebe Bereitschaftsdienst. Das Telefon ist mein ständiger Begleiter, der Ausgangsrayon beschränkt. Eine gute Stunde bleibt mir nach einem Anruf Zeit, um mich zu duschen, die Sachen zu packen, an den Flugplatz zu rasen und einzuchecken. Nicht immer erreicht mich der Hilferuf der Firma im letzten Moment, wenn aber doch, eilt es in der Regel sehr. Passagiere warten, die am anderen Ende der Welt eine Sitzung nicht verpassen möchten und Kolleginnen warten, weil die Einkaufsliste diesmal ach gar so lange ist.

Boston! Ich fliege nach Boston! Das zumindest kommunizierte der Computer noch eine Woche vor dem Abflug. Klingt gemütlich, ist es auch. Abflug so gegen halb Sechs am Abend, eine für Langstreckenverhältnisse kurze Flugzeit und eine Stadt, die es am Morgen des Abflugtages zu erwandern gilt.
Fünf Tage vor dem Flug an den Charles River dann eine Änderung. Chicago heisst es diesmal in meinem Einsatzplan. Weiter, kälter und windiger ist die grosse Stadt am Ufer der grossen Seen. Handschuhe, Mütze und Schal finden neben der warmen Winterjacke Platz auf meinem Kleiderberg, der am folgenden Tag mit mir über den Atlantik reisen wird. Ich bin ein Frühpacker, das heisst ich stopfe alles Notwendige immer am Vorabend in den Hartschalenkoffer, um am Morgen des Abfluges stressfrei das Frühstück geniessen zu können. Kurz nach zehn Uhr in der Nacht klingelt das Telefon. Ich wische mir den Schlaf aus den Fernsehaugen und den Rotwein von der Oberlippe. «Crew Planung, guten Abend. Sie fliegen morgen nach Shanghai.»

Den Malanser geleert, starte ich den Computer und lege nach dem Konsultieren einer Wetterseite einen neuen Kleiderberg zur Seite. «Sonne, 20°C», meldet das Meteoportal und so finden Schal und Mütze den Weg zurück in den Kleiderschrank, Faserpelzjacke wird durch Kurzarmleibchen ersetzt und in Shanghai werde ich Gegensatz zu Chicago auch Zeit für ein paar Fitnesslektionen finden. Hund und Frau schauen mich müde an, als ich meine Packerei im Keller so gegen elf Uhr beende. Noch schnell eine Kurznachricht durch den Äther schicken und so unfreundlich, wie es in unserer Zeit halt üblich ist, eine Einladung am Samstagabend absagen. Pilotenalltag - leider.

So starte ich mit der Sonne im Rücken statt im Gesicht, fliege zu den Klein- statt zu den Breitwüchsigen und mit einem Bündner Primero statt einem Zürcher Secondo. Was mich aber am meisten wurmt, ist das verpasste Blueskonzert auf den Bühnen der «Kingston Mines» in Chicago. Alles hatten wir schon eingefädelt, der Zürcher Secondo und ich.

Nun vergnüge ich mich halt in Shanghai. War noch nie in der Stadt am Huangpu River und werde schon meine Plätze finden, die mich über das verpasset Konzert hinwegtrösten.

«Gott hat uns in die Welt gesetzt, damit wir uns amüsieren. Alles andere ist trivial und schändlich und erbärmlich.»

Ich werde dem Rat von Voltaire folgen!

Freitag, März 13, 2009

Stinktiere



Auch wenn ich ab und zu mit meinem Beruf und seinen gesundheitlichen Schattenseiten hadere, geniesse ich doch die Momente, in denen ich ohne Zeitdruck, Pläne und Vorgaben durch die Orte auf diesem Planeten wandern kann, die mir in den letzten Jahren so vertraut wurden. Long Beach ist so ein Platz. Man kann ihn lieben, hassen oder auch beides. Es ist der ideale Ort, wo man sich zurückziehen und die Langeweile zelebrieren kann. Hier hat es leere Strände, leere Kinosäle und leere Starbucks, wo man herrlich in die eigenen Gedanken und mitgebrachten Zeitschriften eintauchen darf.

Im Laufe der Jahre veränderten sich meine Bedürfnisse laufend. War ich zu Anfang feuriger Anhänger der «HURRA - Fraktion», die an jedem Ort der Welt die verrücktesten Lokalitäten entdecken wollte und keine Party zu lange dauerte, suche ich heute eher die Tiefe und die Ruhe. Grosse Gruppen meide ich und selber fällt mir auf, dass ich Diskussionen an überlangen Tischen nicht mehr folgen kann oder will. Kurz: Ich werde älter.

Da passt der Artikel dazu, den ich heute Morgen im Kaffeehaus verschlungen habe. Im einem älteren Zeit-Magazin stellen die Gebrüder Lebert ihr neues Buch «der Ernst des Lebens - und was man dagegen tun kann» vor. Darin kommt Hans Joachim Schellnhuber zu Wort, seines Zeichens Professor der Physik und Klimaberater der Bundeskanzlerin, der gefragt wurde, was denn seine wichtigste Erkenntnis in seiner wissenschaftlichen Karriere war. Er nannte das Stinktier-Prinzip als seine bahnbrechendste Entdeckung. «Egal in welchem Beruf sie tätig sind, in welcher privaten Situation sie stecken, es gibt immer Personen, die sie runterziehen, Menschen, die für schlechte Stimmung sorgen, Jammerer, Nörgler und unangenehme Zeitgenossen. Es ist wichtig, dass man sein berufliches und privates Umfeld durchkämmt und die Stinktiere identifiziert, denn sind die Stinktiere erkannt, können sie nicht mehr verletzten», so der Herr Schellnhuber.

Recht hat er. Natürlich habe ich beim Lesen des Textes genau das gemacht, was sie vermutlich jetzt auch machen. Ich habe gedanklich sofort eine Stinktierliste angelegt und dabei geschmunzelt und gelacht. Mir gefällt das Prinzip. Über genau diese Leute habe ich mich schon lange nicht mehr amüsiert. Ich hab sie entwaffnet - besiegt für einen kleinen Moment.

Wer wen auf die Stinktierliste nimmt, hängt im Wesentlichen von persönlichen Kriterien ab. Der Wissenschaftler listet sieben Gründe auf, warum es Personen bei ihm in die Stinktierfamilie schaffen. Ich will hier nicht alle aufführen, möchte aber den ersten Punkt trotzdem erwähnen. Zuoberst auf Schellnhubers Kriterienliste stehen die Menschen, die immer alles besser wissen. Ich möchte dies um den Nebensatz: «… und nicht zuhören können» ergänzen.

Tja, zuletzt bleiben noch zwei Fragen offen: Die Erste befasst sich mit dem Problem, wie man sich verhalten soll, wenn es sich beim Stinktier um den eigenen Chef handelt? Auch hier haben die Autoren eine Antwort bereit, die wie immer aus prominentem Mund stammt. Es ist ein Satz, der Karl Valentin einmal seinem Chef ins Gesicht geschrien haben soll: «Das merken sie sich jetzt! Sie sind nicht auf mich angewiesen! Aber ich auf sie!»

Die zweite Frage stellt sich ganz automatisch, wenn man drei Tage allein durch Long Beach bummelt: Auf wie vielen Stinktierlisten stehe ich wohl?

Mittwoch, März 11, 2009

was nicht passt wird passend gemacht

«Sechzig plus 5, 45 lang, nochmals 60, aber plus 4...» In den Unterhosen stehe ich vor einem Mann, der hoffentlich weiss was er macht. Ich werde vermessen. Vermessen am ganzen Körper und dies im Dienste der Mode. Eine neue Uniform soll es geben und die muss natürlich passen.
Doch schon bei der Tatsache, wie etwas passen muss, scheiden sich die Geister. Der Modeausmesser mit seinen gepflegten Fingernägeln, hat das Bild eines adretten Helden der Lüfte vor sich, der sich an einer durchgestylten Flughafenbar zusammen mit ein paar Flugbegleiterinnen einen Espresso gönnt, bevor er den Gewalten der Natur trotzt und die über 200 Tonnen Leichtmetall in den Himmel wuchtet. Er stellt sich vor, wie das edle Tuch sich über den vom Langlauf gestählten Hintern spannt und durch das Hemd die Adern des Bizeps sichtbar werden. Der Hut sitzt locker auf dem stolzen Haupt, oder hängt an der Garderobe neben der Strickjacke aus Wolle und dem braunen Mantel, der vor den Launen der Natur schützen soll.

«Hutgrösse 61» - «Nein, ich habe 64!» - «Ich messe 61!» - «Wer misst misst Mist! Ich messe 64.» - «Sie messen zu tief!» - «…. und sie zu hoch!» - «Sind sie schon mal bei Wind und Wetter um das Flugzeug gelaufen? Der Hut muss auf dem Kopf verbleiben, auch wenn es mit 40 Knoten bläst.» - «Also gut 62.» - «Nein 64!» - «Wir haben kein 64 - 62!» - «Ich beantrage eine Hutdispens!»

Die Unterhosen in XXL, gekauft im Wal Mart, erweisen sich als Glückskauf. Der Stoff hängt fast bis zu den Knien, nichts wird abgezeichnet und der Massgriff in meinen Schritt bleibt aus. «Hier ihre Hose, probieren sie diese an. Sieht toll aus, passt wie angegossen.» - «Ist zu klein und spannt um die Schenkel.» - «Das muss so sein, ist Mode und bringt ihre muskulösen Beine zur Geltung.» - «Ja, aber ich sitze darin 12 Stunden und will nicht, dass mir der Stoff den Blutkreislauf staut.» - «Ja aber, ...» - «Nichts aber, ich nehme die Grössere.» - «Ach, sie sind ein schwieriger Fall, nichts nach Norm, kein Standard.»

Und wie ich darauf stolz bin! In einer Welt, wo man alles normieren, standardisieren und vermessen will, müssen Exoten wie ich doch gefeiert werden. «Und jetzt kommen wir noch zur Strickjacke.» - «Strickjacke?» - «Ja, sie erhalten eine Strickjacke.» - «Mein Grossvater trug Strickjacken.» - «Die sind wieder modern!» - «Wer sagt das?» - «Modefachleute sagen das.» - «Und welcher Modefachmann hat den roten Streifen an den Abschluss der Ärmel gepinselt? Sieht ja spassig aus.» - «Nicht spassig: modern! 60 plus 5.»

Also gut, dann nehme ich die Strickjacke halt. Ist ja während den Nachtflügen auch immer so kalt am Fenster. Wer weiss, vielleicht gewöhne ich mich ja daran. «So, und jetzt der Veston. Drei oder vier Streifen?» - «Am liebsten keinen.» - «Warum, sie sind doch Pilot, oder?» - «Ja schon, aber ohne Streifen könnte ich den Anzug auch privat tragen. In meinem Alter sollte man so etwas im Kleiderschrank haben. Wer weiss, an welch traurige Anlässe man eingeladen wird.» - «Die Uniform dürfen sie nicht privat tragen!» - «War nur ein kleiner Scherz.» - «Über Uniformen macht man keine Scherze.»
«So, hier ihre Grösse. Passt wie angegossen.» - «Ich will keine Weltcuprennen fahren, ich will eine bequeme Uniform!» - «Das muss eng sein.» - «Nein, muss es nicht! Und übrigens, wenn ich Grossvaters Strickjacke unter dem Veston tragen soll, dann braucht es da noch Platz zum Atmen.» Dieses Argument sass. «60 plus 3.»

Wider erwarten trennten wir uns im Frieden und ich konnte meinen Flug nach Los Angeles antreten. Vor dem Sicherheitcheck eine ellenlange Schlange. «Wir üben für Schengen», erklärte ein Flieger aus der Teppichetage. «Non Schengen Destinationen links, Schengen Destinationen rechts», brüllte der Überwacher in die Menge und wir taten was befohlen. Fein säuberlich trennten sich die Wege der Schengen und Non-Schengenflieger und dies wurde durch Observateure genaustens überwacht. Logisch wurden die Sicherheitsleute ob der ungewöhnlichen Präsenz nervös und kontrollierten strenger als sonst. «Aufmachen!», befahl eine durchaus charmante Frau in blauer Polizeiuniform und ich tat was verlangt. Ein iPod, ein iPhone und ein Mac fanden den Weg auf den Tisch und in einer Ecke der Tasche fand die Dame zwei Memorysticks, die ich schon längst abgeschrieben hatte. «Brauchen sie diese Geräte wirklich alle?» - «Ja, man weiss nie, wenn ein Musikplayer aussteigt, da braucht man doch als Strickjackenträger Ersatz.» - «Was hat das mit Strickjacken zu tun?» - «Strickjackenträger legen Wert auf Redundanz. Hosenträger und Gurt sind in Zukunft das Motto.» - «Sie tragen ja gar keine Hosenträger.» - «Kleiner Scherz.» - «Über Sicherheit macht man keine Scherze!»

Nach der Sicherheitskontrolle trafen sich die Ströme der Schengen und Non-Schengen Besatzungen wieder und wir warteten vereint auf eintreffende Busse. Es fröstelte mich ein bisschen und nur das Schütteln des Kopfes über die gelebte Realsatire an den Flughäfen rund um die Welt, hielt meinen Organismus in Trab. Zum ersten Mal vermisste ich das Strickjäckchen.

Samstag, März 07, 2009

Sleep Awareness Week


Das National Transportation Safety Board NTSB hat gestern eine Pressemitteilung herausgegeben, die auf die Schlafprobleme von Flugbesatzungen aufmerksam macht und diese bekämpfen will.

Ich verstehe und begrüsse das.

Studien von namhaften Organisationen wie NASA und anderen gibt es unzählige und die Ergebnisse sind zum Teil erschreckend. Nicht wenige machen auf den gefährlichen Schafmangel aufmerksam, auf Grund dessen schon Besatzungsmitglieder während des Anflugs in den sogenannten Mikroschlaf (< 5 Sekunden) gefallen sind (Quelle).

Seit Jahren liegen sich Pilotengewerkschaften und Management vieler Fluggesellschaften in den Haaren und kämpfen um jede Stunde Arbeits- bzw. Ruhezeit. Dazwischen liegen die Piloten und Flugbegleiter, die getroffene Vereinbarungen und Kompromisse ausbaden müssen. Oft wird gerade von Aussenstehenden der Fehler gemacht, dass Flüge einzeln beurteilt werden. Welche Arbeitszeit kann man einem Besatzungsmitglied zumuten, wenn der Flug um die Mittagszeit startet? Zwölf Stunden? Vierzehn Stunden? Am runden Tisch sieht alles schnell einmal problemlos aus, wenn es isoliert betrachtet wird. Dabei spielt die Kumulation von Schlafmangel eine grosse Rolle.

Die Langstreckenfliegerei findet leider zum grossen Teil nachts statt. Steht ein Abflug kurz vor Mitternacht auf dem Plan, dann ist der normale Mensch schon über 16 Stunden wach. Ich bin ein Morgenmensch und das rächt sich in diesen Situationen. Vorschlafen lautet die Devise, nur gibt es medizinisch gesehen das Vorschlafen nicht. Man kann Schlaf nicht vorholen, man kann nur verpassten Schlaf nachholen. Beginne ich also meine Schicht um 23 Uhr und muss dann noch acht Stunden arbeiten, dann bin ich als „8 Uhr in der Früh Aufsteher“ bei Arbeitsende schon 23 Stunden wach. Und das erlebe ich bis zu sieben Mal im Monat.

Ein seriöser Lebenswandel, viel Sport als Ausgleich und wenig Nachteinsätze ausserhalb des Jobs helfen, die Folgen etwas abzuschwächen. Doch schon eine Baustelle in der Nachbarschaft oder Probleme in der Familie können das Wellnessprogramm in der Freizeit empfindlich stören. Der Körper reagiert dann in der Regel sofort. Letzten Monat habe ich zwei Freitage einfach verschlafen. Mehr als 30 (!) Stunden habe ich abgesehen von ein paar Pinkelstopps durchgepennt. Ich finde das nicht normal und mein Körper auch nicht.

Reinhard Mey besang einst die grenzenlose Freiheit über den Wolken. Ich geniesse sie noch immer, wenn ich auch ab und zu dabei einschlafe……..

Freitag, März 06, 2009

Materialprobleme


Der vor mir hat einen X-Ium Nis 1, die hinter mir einen RCS. Beide sehen sie gefährlich aus. Sie tragen Kampfanzüge aus technologisch hochstehendem Stoff, in Farben gehalten, die den Gegnern das Blut in den Adern gefrieren lässt. Helmartige Kopfüberzüge mit Beschriftungen in allen Farben krönen das Haupt und Brillen, die gegen alle galaktischen Strahlen schützen, sind auf dem Nasenpflaster parkiert. In den Händen halten sie dünne und leichte Waffen mit Schriftzügen wie Super Shark oder HM Carbon. Doch das Gefährlichste an ihnen ist unsichtbar. Unter dem X-Ium Nis 1 und den RCS haben sie chemische Kampfstoffe versteckt. Es kleben HF Dibloc Molybdenum und Jet Stream red an der Unterseite oder gar das Geheimmittel Helix. Alle samt sind sie in Labors gemixte Substanzen mit Giftklasse so um die drei, die ein kleines Vermögen kosten und den Gegnern das Fürchten lehren.

Der Engadiner Skimarathon steht vor der Tür und auf den Loipen ist Grosskampftag. Ich stehe mit meiner Frau in Maloja und plane 22,3 % des Marathons zu laufen. Die zwei topgestylten Sportler stehen neben uns und verpflegen sich aus einem Trinkgefäss so gross, als ob die bevorstehende Schlacht über Wochen gehen könnte. Etwas ihres geheimnisvollen Getränks schwappt über und hinterlässt auf dem weissorangen Anzug hässliche Spuren in einer seltsamen Farbe. Langsam laufe hinter meiner Frau los und wir nehmen gemütlich, aber regelmässig Tempo auf. Die Loipengladiatoren von vorhin überholen uns schon bald und schwärmen von der angebrachten Struktur im Belag und dem Finish mit HF Dibloc Molybdenum. Die Dame läuft ein wenig einseitig, sonst steht sie aber gut auf den Latten. Ihr Gatte hat viel Kraft, aber wenig Technik. Sie entschwinden langsam unserem Blickfeld.

Kurz vor Sils zahle ich für das horrende Tempo meiner Frau Tribut. Meine Pumpe läuft hochtourig und ich täusche Durst vor. In kleinen Portionen trinke ich das Leitungswasser und geniesse die Pause im steifen Gegenwind. Neben uns stoppen auch die Kämpfer von vorhin. Wieder ist das Wachs das Thema und wieder höre ich Namen, die mir sehr spanisch vorkommen. Frau schwört auf Helix Fluor Dingsbums und Mann auf HF Dibloc Molybdenum. Zu meiner Überraschung fragt mich der Herr mit dem X-Ium Nis 1, was ich denn unter die Latten gebügelt hätte, denn offensichtlich hätten meine Frau und ich einen schnellen Ski. Da antwortete ich wahrheitsgetreu, dass er sich beim Roger in Silvaplana erkundigen solle, was dieser am 2. Februar den Kunden auf die Langlaufskier schmierte. Wortlos zogen die zwei weiter. Die Frau immer noch leicht einseitig, der Herr mit wenig Technik und jetzt noch weniger Kraft.

Bei Kilometer 7.5 das Desaster. Mein für über 400 Fränkli gekaufter X-Ium W.C LVF drohte sich beim horrenden Tempo in seine Einzelteile zu zerlegen. Der Leim zwischen Sohle und Schuh trat in den Streik und meine Technik glich der des Mannes von vorhin. Glücklicherweise war das Ziel in Sichtweite und ich konnte mein Tagespensum erhobenen Hauptes beenden.

Nicht dass ich nur eine Minute daran gedacht hätte den Engadin Skimarathon dieses Jahr zu laufen, aber mit der Schuhpanne sind alle Startchancen definitiv dahin. Ein X-Ium W.C LVF in Grösse 48,5 kriegt man in der ganzen Schweiz nicht in so kurzer Zeit. So schaue ich am Sonntag nach 15 Teilnahmen zum ersten Mal in meinem Leben dem verrückten Volkslauf zu. Ich freue mich riesig, obwohl ich in der Form meines Lebens gewesen wäre. Mit Bestimmtheit hätte ich gewinnen können - jawohl gewinnen!