Mittwoch, Februar 04, 2009

Kehrtwende


Es ist tiefster Winter hier im Engadin. Die Berggipfel kommen schon in den Genuss der ersten Sonnenstrahlen, während das Tal noch im Schatten liegt. Die Freitage zwischen zwei Flugeinsätzen sind zum Erholen da und das macht man doch am besten in einer Umgebung, die einem das Herz höher schlagen lässt. So pendle ich zur Zeit nicht nur zwischen den verschiedenen Weltstädten, sondern auch zwischen der heimlichen Hauptstadt der Schweiz und dem Pelz- und Kaviarmekka in den Schweizer Bergen.
Obwohl meine Aufenthaltsorte verschiedener nicht sein könnten, sind Gemeinsamkeiten bei genauen Hingucken trotzdem zu entdecken.

Wie auf der ganzen restlichen Welt, ist die Bevölkerung auch hier im Engadin in die zwei Gruppen „Preller“ und „Geprellte“ eingeteilt. Obwohl der meiste Teil zur zweiten Gruppe gehört, werden die Schlitzohren von ihnen nicht selten verehrt und bewundert. Die Geprellten gelten als schwach und wenig erfolgreich, die Preller als stark und sexy. Ich bin ein Geprellter.

Als glücklicher Besitzer eines kleinen Studios bin ich schon über zehn Jahre Mitglied eines Stockwerkeigentümervereins, der einen schmucken rätoromanischen Namen im Logo trägt. Einmal im Jahr ist Versammlung und ich verpasse diese regelmässig, weil Piloten ja üblicherweise über die Festtage arbeiten. So bekomme ich seit Jahren pünktlich zur Fasnacht dicke Stapel Akten, die in italienischer Sprache verfasst sind. Dies ist nicht nur praktisch für den Grossteil der italienischen Besitzer, sondern auch legal, weil der Dialekt Berlusconis im Kanton Graubünden eine anerkannte Kantonssprache ist. Nur leider verstehe ich Berlusconi nicht nur wegen seiner Sprache nicht.
Da meine Wohnung winzig klein ist, ist mein Anteil an den Kosten praktischerweise auch sehr gering. So lochte ich die Akten bis anhin ungelesen und bezahlte die Rechnung kritiklos.

Das Gleichgewicht der italienischen (98%) und schweizerischen (2%) Stockwerkeigentümerschaft kam ins Wanken, als ein sympathischer Schwabe eine sehr grosse Wohnung über meinem Kopf kaufte und damit auch einen sehr grossen Anteil an den Kosten übernehmen musste. Zum ersten Mal wurde das Protokoll übersetzt und zum ersten Mal wurde ich mir bewusst, dass ich auf der Seite der Geprellten stand.

Da las ich doch schwarz auf weiss, dass unser Hauswart (nicht Verwalter, sondern Hauswart) einen Lohn bezog, bei dessen Anblick meine Kapitäne allesamt rote Ohren bekommen. Ich täte es ihm auch gönnen, würde der Kerl nicht noch zusätzlich 234 Franken pro Stunde für das Schneeräumen verrechnen und dazu noch die Schneefräse in Kosten stellen, die uns Stockwerkeigentümern schon seit langer Zeit gehört. Wer meint hier einen Skandal zu wittern, hat sich getäuscht. Als mein schwäbischer Nachbar bei der letzten Sitzung die Fakten auf den Tisch legte, schmunzelten die südlichen Mitbesitzer nur und meinten, Qualität hätte halt seinen Preis.

So ist das Leben.

Ach, was ärgere ich mich über Nebensächlichkeiten. Das Wetter ist prächtig und der Schnee liegt heuer so hoch, dass die in der Schweiz so verbreiteten Verbotssignale nur noch knapp aus der weissen Pracht hervorschauen und so unfreiwilligerweise zum dem werden, wozu sie am besten geeignet sind: als Pinkelstation für die Hunde.

Bald verlasse ich das Tal wieder Richtung Los Angeles und nehme dann ein Bad in den Oscarvorbereitungen in der westlichen Hauptstadt des Films. Sehen werde ich bei diesem Anlass die gleichen Leute, die sich am Wochenende am Pferderennen auf dem gefrorenen St. Moritzersee tummeln. Die Welt ist so klein.

Wussten sie übrigens, dass das White Turf - so heisst das Pferderennen, wo ein paar lebendige Rösser im Kreis rennen und von einer Hundertschaft toter Zobel und Füchse beobachtet werden -, etwas geschafft hat, was die Bonibezüger und Finanzdebakelauslöser in Davos nicht auf die Reihe kriegten? Nämlich eine Rezept zur Lösung der Finanzkrise. In grossen Lettern verkünden die Organisatoren im Hochglanzprospekt zum Anlass das Motto für das nächste Jahr:

Ab 2010 geht es links herum!

Endlich eine Wende, die Hoffnung macht. Wir werden sie an ihren Taten messen!

Kommentare:

  1. hallo herr nff,
    durch zufall bin ich auf deinem blog gelandet und rolle mich regelmäßig ab über deine gabe, die seltsamkeiten deines berufes so lakonisch, lustig und überaus treffend zu beschreiben. mein highlight war bisher die pneumatik. das hat mir in jeder hinsicht den atem geraubt (vor lachen) ;-) ich hab was übrig für leute, die sich ausdrücken können, denn ich bin selber journalistin. hoffentlich machst du auch entsprechende ansagen an bord. aber da gehts wahrscheinlich förmlicher zu... wenn ich mal eine frage zum fliegen habe, werde ich mich vertrauensvoll an dich wenden :-))
    gruss katharina

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  2. Und, werter Herr Schweizer, die Qualität hat doch *ihren* Preis. Ist eine Allianz mit dem Schwaben in Planung, um den Hauswart um sein Managergehalt zu prellen? Für 234 Währungsdinge in der Stunde könnte man da locker eine von den Virgin-Damen im Bikini die Arbeit verrichten lassen!

    Beste Grüße aus Hamburg,

    Ulrike

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  3. @Katharina:
    Vielen Dank für die lobenden Worte. Wenn sich eine Journalistin so positiv äussert, dann werde ich schon fast rot....
    Werde kräftig in die Tasten hauen, wenn deinerseits Fragen zur Fliegerei auftauchen - aber eben, bin halt nur Copilot :-)

    @Ulrike
    ... natürlich haben wir Deutschsprachigen uns zu einer Koalition zusammengetan und versucht, die Mehrheit zu stürzen. Aber leider brachten wir es nie über 50% Stimmenanteil. So räumt unser Hauswart noch immer grinsend den Vorplatz, wenn es ein paar Zentimeter geschneit hat.

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  4. Ja, man staunt immer wieder, wie kreativ unsere südlichen Nachbarn bei der Geldwäsche sind.
    Daß dabei warscheinlich das Gehalt des Hauswartes allein von den Schweizern getragen wird ist warscheinlich ein praktischer Nebenaspekt :-|

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