Samstag, Februar 21, 2009

das Treffen der Titanen


Das griechische Wort "τιταίνω / titainō" bedeutet übersetzt "sich recken"; 
folglich schwingen die Konnotationen von Rebellion, Auflehnung und Dynamik mit.
Quelle: Wikipedia

Meiner hat 35 für die Swiss(air) gearbeitet, der anderen 33 und wieder ein anderer 36 Jahre. Hier in Bangkok geben sich Kapitäne die Cockpittüre in die Hand, die alle eines gemeinsam haben: sie befinden sich auf ihrem letzten Flug ihrer Karriere und werden den Hut nach der Ankunft an den berühmten Nagel hängen.

Dass sie alle Bangkok für die letzte Reise in dunkelblauer Uniform gewählt haben, ist nicht zufällig. Ganze vier Tage verbringen wir in der Hauptstadt von Thailand und nur ein angenehmer Flug nach Singapur und zurück stört den Frieden zwischendurch.

Da bleibt genügend Zeit, um in edlen Lokalitäten hoch über der pulsierenden Stadt Drinks zu geniessen, deren Farbe stark an die von Hydrauliköl erinnert und in Restaurants zu speisen, wo einem das Wasser schon im Mund zusammenläuft, wenn man die Eingangspforte überschreitet.

Es wird viel gelacht, geredet und von alten Zeiten erzählt. Treffen dann noch drei dieser «Bald-Rentner» zusammen und werden von ehemaligen Klassenkollegen der Fliegerschule begleitet, dann muss der Abend einfach gut werden.

Der Star war der Herr in der goldenen Uniform, dessen Stoff stark an den des Tischtuches des Peninsula Hotels erinnerte. Als Chefunterhalter agierte ein Däne, der 1999 die Linienpilotenlizenz ad acta legte und noch heute jünger als ich aussieht. Der Schnupftabaklieferant wird seine Flugstunden in Zukunft fast ausschliesslich im Rückenflug absolvieren und der Oranje unter den Pensionisten sorgte dafür, dass wir von den Konservierungsstoffen im lokalen Bier verschont blieben und ein niederländisches Produkt konsumierten.

Ich stand mit meinen Copi-Kollegen etwas ausserhalb und wir beobachteten das Treffen der Titanen. Viele Nächte haben wir mit den abtretenden Kapitänen auf unbequemen Cockpitsitzen um die Ohren geschlagen und viel voneinander erfahren. Es sind Freundschaften, die durch die Launen des Planungssystems entstanden sind, aber selten ausserhalb des Arbeitsplatzes gepflegt wurden. Darum besteht auch die Gefahr, dass wir einander irgendwann aus den Augen verlieren.

Heute Abend wird meinem Kapitän beim Auschecken vom Hotelmanager ein Blumenkranz aus Orchideen um den Hals gelegt und das Orchester in der Bar stimmt das Abschiedslied an, das jedem auf seinem letzten Flug von der Crew vorgesungen wird. Während die Falschsinger der Besatzung den nach Feuchtigkeit riechenden Bus besteigen, nimmt der «Bald-Rentner» mit seiner Frau in einem «Rolls Royce Silver Shadow» Platz und wird von Chauffeur an seinen Arbeitsplatz gekarrt. Dann die letzte Planung, der letzte Start, die letzte Nacht im viel zu kurzen Crewbett und die letzte Landung im noch dunklen Zürich. Ansprachen folgen, ein paar Gläser sprudelnder Wein wird getrunken und ein Abgesandter der Führungscrew beehrt den ehemaligen Linienpiloten mit seiner Anwesenheit. Wenn ich dann nach sechs intensiven und lustigen Tagen von meinem Kollegen Abschied nehme, dann fehlen mir sicher wieder die Worte. Wünsche ich ihm alles Gute im neuen Lebensabschnitt, dann knallt er mir sicher eine. Am besten sage ich einfach Danke für die tolle Zeit, die wir in den letzten 16 Jahren zusammen auf verschiedenen Flugzeugtypen erlebt haben. Vielleicht nehmen wir aber auch einfach einen Schnupf und schauen uns kurz tief in die Augen. Unter Titanen geht das.

Kommentare:

  1. Wieder ein sehr schöner Beitrag... Da wird man richtig schwermütig.

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  2. Ist doch eine schöne Art, den Abschied zu begehen. Zumindest schön geschildert.
    Darf man erfahren, welche Bar über den Dächern auserkoren wurde? Nächsten Monat verbringe ich einige Zeit in BKK und würde mich auf einen Ausgehtip sehr freuen.
    Philippe

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  3. Hoffentlich haben dem Neu-Pensionär heute morgen die letzten Headings gefallen beim line up auf die ILS - ich hab mir gaaaaanz viel Mühe gegeben mit euch ;-)

    Gruss vom TWR Mädel

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  4. @TWR-Mädel:
    Ganz grosse Klasse! Leider war ich nicht am Funk. Mit verschlafenen Augen sass ich hinten auf dem Bock und hörte, wie sich eine charmante Stimme nach dem Wind erkundigt.
    Danke!

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  5. @Phillipe:
    ... es ist das Vertigo:
    http://www.banyantree.com/bangkok/facilities/dining/vertigo.html

    ... zum Essen ging es ins Face:
    http://www.facebars.com/bg/

    ... beides nicht ganz billig was soviel heissen will, dass es etwas günstiger war als Zürich im Ausgang....

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  6. Danke für die Blumen :-)

    Geniess die freien Tage und lass dich nicht ganz einschneien...

    Gruss TWR Mädel

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  7. Wieder ein erneuter, sehr schöner Beitrag. Wirklich eine schöne Art, so Abschied zu nehmen.

    Achja, in deinem Buch erzählst du in dem Eintrag "Die natürlichste Sache der Welt", dass erwünscht wird, dass die kleine Kästchen, die den Eintritt zur Toilette nur nach Einwurf von Geld gewähren, wenigstens nicht im Flieger auftauchen. Darf ich dazu hierauf verweisen:

    http://www.n-tv.de/1111357.html

    Bald scheints wohl soweit zu sein....

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