Samstag, Februar 07, 2009

das Schweigen der Bähnler

Wer bei höchster Lawinengefahr, meterhohem Neuschnee und Reisewarnungen ein Hochtal wie das Engadin verlassen will, muss bekloppt sein. Dass ich hie und da aus dem Rahmen falle, wissen treue Leser bestimmt und darum verwundert es sicher auch nicht, dass ich das Projekt (heute muss zwangsläufig alles ein Projekt sein) «Reise nach Zürich» am Morgen in Angriff nahm. Schliesslich werden meine Passagiere morgen nicht verstehen, dass der Copilot wegen ein paar lächerlichen Metern bestem Powder den Flug nicht angetreten hat.
Das Aufrufen der Homepage der Rhätischen Bahn (RhB) zu früher Morgenstunde hatte wenig Informationscharakter. Da warb der Webmaster für einen Ausflug mit dem Berninaexpress im offenen Wagen. Dass eben dieser Übergang auf unbestimmte Zeit wegen Lawinengefahr geschlossen bleibt, verschwieg das Informationsmedium des lokalen Zugunternehmens höflich. Ein Anruf beim Bahnhof St. Moritz fruchtete mehr. Ein freundlicher Zugexperte (hüärä geil de Schnee da dussä) informierte mich, dass im Moment alle Verbindungen aus dem Engadin heraus geschlossen sind. Neuigkeiten werden um die Mittagszeit erwartet. Wieder startete ich das Internet und siehe da, die staatlichen Bahnen wussten mehr: Die Strecke ins Unterengadin und durch den Vereina sei ab Zuoz offen. Die Berninastrecke werde vermutlich ab Mittag wieder für den Verkehr freigegeben. Also keine Panik, noch etwas surfen und die täglichen Nachrichten auf den verschiedenen Seiten studieren.

Und was sehe ich da beim helvetischen Boulevardblatt: «Lawine verschüttet Berninastrecke - bis Montag ist der Bahnverkehr unterbrochen». Hmm, wer hat nun recht? Ein neuerlicher Anruf beim Bahnhofsvorstand St. Moritz endete in einem Endlosband. «GESCHÄTZTE REISENDE, WEGEN DES SCHNEEFALLS SIND DIVERSE STRECKEN UNTERBROCHEN, BITTE INFORMIEREN SIE SICH IM INTERNET UNTER RHB.CH.» Danke, das habe ich schon gemacht und hätte dabei fast eine Reise im offenen Oldtimerwagen über den geschlossenen Berninapass gebucht.

Jetzt halt mit dem Auto nach Zuoz und dort den Zug durch den Vereina besteigen. Schliesslich zeigen ab Zuoz alle Signale auf Grün, zumindest auf der Internetseite der Bundesbahnen. Meine Frau hatte die zündende Idee und schlug vor, dass ich mich doch hurtig am Bahnschalter in St. Moritz erkundigen soll, ob der Zug wirklich ab Zuoz fahre. Gesagt, getan. Freundlich bestätigte mir der Beamte (hüärä geil de Schnee da dussä), dass ab S-Chanf ein Regionalzug zum Vereinatunnel fahre. «Nicht ab Zuoz, wie es im Internet stehe?», fragte ich ihn und er verneinte. Meine Frage nach einem Bahnersatzdienst mit Bussen stiess auf Kopfschütteln. «Nein, das sei ihm nicht bekannt.» Woher sollte er das auch wissen, denn wie ich später erfuhr, verkehrten die Busse ab Samedan, etwa acht Kilometer entfernt von St. Moritz. Das ist für manche Beamte eine Weltreise.

Am Bahnhof von S-Chanf angekommen traf ich auf eine grosse Menschentraube. Manche warteten schon über eine Stunde und sie sollten noch weitere 90 Minuten warten, ohne Wartesaal und öffentliche Toiletten versteht sich. Drei Personen der Rhätischen Bahn standen herum und betrachteten die Hügel (hüärä geil de Schnee da dussä). Information gab es keine, ausser aus meinem iPhone. Als dann nach langer Zeit eine Zugkomposition sichtbar wurde, hielt die Freude nicht lange an. Ganze vier Wagen sollten den halben Kanton Aargau mit Sack und Pack aufnehmen. Der Zug, vollbeladen mit Reisenden Richtung St. Moritz, kam zum Stehen und niemand wollte aussteigen. Warum auch, schliesslich war der Zug mit St. Moritz angeschrieben und keine RhB-Seele hat die Reisenden Richtung Oberengadin informiert, dass sie hier auf Busse umsteigen müssen. Der halbe Kanton Aargau musste aus-, und die andere Hälfte Aargau wollte einsteigen. Es kam zu kleineren Tumulten und man duellierte sich beim schmalen Ausgang mit Snowboard und Skiern.

Endlich begann die Zugreise und nach nochmaligem Umsteigen tauchte die rote Komposition endlich in den langen Vereinatunnel ein. Die Dunkelheit beruhigte die Gemüter und die ersten Kinder machten sich mangels Toiletten in die Hosen.
Neben mir witzelten vier Kanadier aus der Region von Quebec über die Situation und ich fragte mich, warum eigentlich Kanadier in der Schweiz Skilaufen und Schweizer in Kanada?

Die Landschaft wurde flacher, der Schnee rarer und die Fahrplananfragen an mich, bzw. mein iPhone seltener. Landquart kam näher und näher kam auch ein Zug mit freien Sitzplätzen. Ich betrat das Ersteklasseabteil und steuerte einen freien Sitzplatz an, der mit einer Einkaufstasche belegt war.
«Noch frei?», ist die einzige Frage, die mir in solch einer Situation in den Sinn kommt. «Wenn es sein muss...», antwortete die Nachbarin widerwillig und ich bestätigte ihr, dass es nach über vier Stunden Reisezeit im Stehen, Sitzen und Kauern sein muss, SONST WÜRDE ICH IHRE EINKAUFSTASCHE IM HOHEN BOGEN AUS DEM FENSTER WERFEN!

Irgendwann kam ich nach Hause, das muss so ungefähr zur gleichen Zeit gewesen sein, als der Nachbar aus dem Engadin, der den Vereinatunnel mit seinem Auto auf dem Rücken eines Zugs durchqueren wollte, eben diesen Zug im Unterengadin befahren durfte.

So habe ich mein Projekt «Reise nach Zürich» beim Eindunkeln beendet und bereite mich auf den morgigen Flug nach Los Angeles vor. Ich freue mich, und hoffentlich freuen sich die Passagiere auch. Ich schwöre, dass ich bestens informieren werden, falls es eine Verspätung gibt, auch wenn sie noch so klitzeklein ist.

***

NACHTRAG VOM 9. FEBRUAR 13:48 UHR:

Es liegt in der Natur der Sache, dass der Verkehr, zu Luft und zu Bahn, den Launen der Natur ausgesetzt ist. Darum lieben wir die Natur ja so.

Für alle Beteiligten, Arbeiter und Passagiere gleichermassen, haben Verschiebungen, Ausfälle und Sperrungen unangenehme Folgen.

Gerade bei meinem erlebten Abenteuer, war nicht das Verständnis der Passagiere das Problem. Im Gegenteil, auf dem kleinen Bahnhof von S-Chanf wurde in den 90 Minuten, die ich da gestanden habe, viel gelacht und gewitzelt.

Der Hammer waren die drei Angestellten, die im Halbkreis in ihren Uniformen herumgestanden sind und kein Wort über die Lippen brachten. Auch den Leuten zu sagen, dass man nichts weiss ist ehrliche Kommunikation und kommt in der Regel gut an.

Aber einfach mit den Schultern zu zucken ist arrogant und befremdend. Und genau um die gleiche Arroganz geht es doch, wenn dann im Nachhinein die Verantwortlichen den schwarzen Peter den Gästen zuschieben und mit einem Lächeln auf den Lippen sagen, dass wer mit Verspätungen bei diesen Verhältnissen nicht umgehen kann, selber schuld sei.

Bitte lernt endlich zu kommunizieren. Auch im Lokalfernsehzeitalter, wo jede öffentliche Telefonkabine ihren eigenen Pressesprecher hat, kann jeder Mitarbeiter dazu beitragen.

Kommentare:

  1. Bahnen scheinen sich zu ähneln. Ein solches Chaos an Informationen, bzw. eher Desinformationen, traue ich der Deutschen Bahn auch zu.

    AntwortenLöschen
  2. Ja leider - auch bei SBB und BLS gibts immer wieder diese Informationspannen und aus den vielen, vielen Fehlern der letzten Jahre scheint man offenbar nicht bereit zu sein, entsprechende Lehren zu ziehen. Schade. (PS. Ich fahre viel mit der Bahn).

    AntwortenLöschen
  3. Mühsam, wenn man drin steckt, ich weiss. Dennoch staune ich ein wenig, dass man sich so entrüsten kann, dass die Natur ein Verkehrssystem so durcheinander bringen kann.
    That's life, Leute.

    Und den Vergleich mit der DB akzeptiere ich nur beschränkt. 96% der SBB-Züge verkehrten im letzten Jahr mit maximal 5 Min. Verspätung. Ich glaube, das ist ein Spitzenwert.

    AntwortenLöschen
  4. Natürlich kann es Pannen geben - ich kritisiere nicht diese, sondern das Unvermögen, die Passagiere, also die Kunden, in einer solchen Sitation entsprechend klar zu informieren. Zu Hause kann ich übers Internet selber nachsehen - auf prosurf.sbb.ch hat man viele Informationen. Aber wenn ich unterwegs bin, hab ich kein Internet und hier wäre eben sehr viel zu tun...

    AntwortenLöschen
  5. @Thinkabout:
    Es geht mir nicht um Verspätungen im Allgemeinen, wodurch auch immer verursacht, sondern um die immer wieder beklagte - und von mir selbst diverse Male erlebte - Desinformation.
    Für Verspätungen durch extreme Wettereinflüsse wird wohl jeder Verständnis haben, auch der Autor dieses Blogs.

    AntwortenLöschen
  6. Du fragst dich warum Kanadier in der Schweiz und Schweizer in Kanada Ski fahren? Ganz einfach - damit du sie hin und her fliegen kannst! Alles hat seine guten Seiten :-)
    Have a good time in LA!!

    AntwortenLöschen
  7. Herrlich :-) Das Internet als zeitverzugsloses Kommunikationsmedium ist halt nur so gut, wie derjenige, der es füttert...

    In dem Sinne: Huere geil, de Sand in LA :-),

    G!

    AntwortenLöschen
  8. Jaja, die Kräfte der Natur... Aber irgendwie war die Albula-Linie dann doch erstaunlich rasch wieder offen. :)

    Als Reisezugbegleiter (aka Kondukteur) durfte ich mich an diesem Tag auch mit Reisenden von und nach Graubünden herumschlagen. Manche hatten echt das Gefühl, es sei ein Menschenrecht, immer und jederzeit die gewünschte Route fahren zu können; Lawinen hin oder her. ;-)

    AntwortenLöschen
  9. "Hüärä geil de Schnee da dussä"...ha ha ha,
    dazu noch dieser Bündner Dialekt (wobei das Adjektiv "geil" in sämtlichen Schweizerdialekten ähnlich klingen dürfte, Bündner, Basler, Zürcher, St.Galler...beim Bernerdialekt bin ich mir nicht ganz sicher)

    Wie auch immer, köstliche Story einmal mehr, mit gelungenem Running Gag.
    I love it!

    AntwortenLöschen
  10. ...meinsch chönnted mir eusi CRM-Kenntnis no nützlich verkaufe? ... zum Awaltsstundeasatz natürlich :-D

    AntwortenLöschen
  11. Herr Hobi hat es leider - als SBB Angestellter - nicht verstanden. Scheint wirklich ein Problem bei den Bahnen und ihren Angstellten zu liegen. Also nochmals: Pannen kann es immer geben und krasse Wetterbedingungen führen zu Ausfällen und Umleitungen - das ist nicht das Problem und das versteht (fast) jeder. Was aber auch ich nicht verstehe, ist die immer und immer wieder anzutreffende Unfähigkeit, die Kunden klar zu informieren, was Sache ist. Oder muss man die Schlussfolgerung ziehen, dass diese in solchen Situationen auch nichts wissen? Darf man das nicht zugeben?

    AntwortenLöschen