Samstag, Februar 28, 2009

auf der Suche nach Kies

Ein Stein war der Anfang. Ein Matrose fand ein Exemplar und brauchte kein Einstein zu sein, um aus dem einen Stein viel Kies zu machen.
Etwas rohe Gewalt, wenig Hemmungen und ein Geheimnis, das weltweit seinesgleichen suchte, genügte, um Berge davon anzuhäufen. Der Matrose war ob des vielen Kieses glücklich und nannte sich fortan Ankermann, weil dies irgendwie globaler klang. Singend und musizierend lief er durch die Welt. In St. Moritz traf er während einer Kur einen anderen Kurer, der wie er am Kies interessiert war.
Also Ankermann könne er sich unmöglich nennen, meinte der Kurer und schlug auch gleich zwei mögliche Alternativen vor.
Ackermann sei in der Branche zwar bereits vertreten, aber Bankermann fände er auch gut, meinte der neue Berater und der Matrose mit dem vielen Kies entschied sich für die Kurzform des zweiten.

Banker zierte ab diesem Tag seine Karte und der Kurer wurde sein treuer Weggefährte. Zusammen zogen sie in die Welt hinaus und trafen zu ihrem eigenen Erstaunen Millionen von anderen Bankern mit ebensoviel Kies. Denen fehlte zwar das Ankergeheimnis, doch der Matrose wollte ein Unique Banker Superman sein, und nicht einer unter Millionen. Gut hatte er den Kurer und dieser zog wieder zum richtigen Zeitpunkt ein neues Ass aus dem Ärmel. Er, der Matrose, Verzeihung Ankermann, Verzeihung Banker musiziere doch so gerne und singe die Gospels an der Fasnacht so innbrünstig und ohne Grazie, darum schlage er Gospel ohne G als neuen Namen vor. Ospel, the Unique Banker Superman of the Universe!

Der Matrose war ausser sich, kaufte mit einem Teil des Kieses einen Dampfer, um dieses in aller Welt zu verteilen und zu vermehren. Ospel überlud das Fuder hoffnungslos und der Dampfer mit dem Namen Unique Banker Superman sank. Übrigens sehr zum Leidwesen eines Bauunternehmers aus dem nördlichen Nachbarland, der mit dem vielen Kies eigentlich Steinbrück bauen wollte.
Das Kies war weg und was mit dem Matrosen geschehen ist, wurde nie vollständig geklärt. Es soll Leute geben, die den Ospel auf einer Insel voller Palmen gesehen haben wollen.
Der Kurer kurt sich derweilen in einer halbstaatlichen Kuranstalt gesund, bevor er dem Ospel in absehbarer Zeit auf die Insel folgt.

Warum ich diese Geschichte erzähle. Der Merz steht stürmisch und tobend vor der Tür und draussen wütet ein Unwetter über dem Mittelmeer. Ich sitze in einem Strandkaffee in Tel Aviv, schaue der Brandung zu und hoffe, dass etwas vom vielen versenkten Kies angespült wird. Irgendwo muss es doch sein. Ich Grübel noch etwas weiter.

Sonntag, Februar 22, 2009

fürchterlicher Zwischenfall

Kurz nach Reichenau-Tamins ist es passiert. Reisende Richtung Südbünden kennen die gefährliche Stelle. Felsen türmen sich links und rechts auf, ein Engpass sorgt für knappe Platzverhältnisse und trotzdem wird gerast, was das Zeug hält. Es scheint, als ob die Reisenden den beiden wilden Rheinhälften zeigen wollten, dass nicht nur rauschende Wasser Kräfte entwickeln können, die für Mensch und Tier bedrohend sind.

Ein abrupter Schwenker nach links und eine Abfolge von undefinierbaren Lauten mit metallischem Hintergrund sind das Letzte, was ich vor dem Unglück noch mitbekam. Es schleuderte mich nach allen Seiten, meine Füsse und der fahrbare Untersatz suchten Halt und die Schulter schmerzte vom Aufprall auf einen harten Gegenstand. Alles versuchte ich, um grösseren Schaden abzuwenden - vergeblich. Augenblicke später verteilte sich meine DNA sich über eine Länge von mehreren hundert Metern. Spuren blieben im Schnee zurück, menschliche Spuren.

Ich hasse das Plumpsklo in der Rhätischen Bahn!

Samstag, Februar 21, 2009

das Treffen der Titanen


Das griechische Wort "τιταίνω / titainō" bedeutet übersetzt "sich recken"; 
folglich schwingen die Konnotationen von Rebellion, Auflehnung und Dynamik mit.
Quelle: Wikipedia

Meiner hat 35 für die Swiss(air) gearbeitet, der anderen 33 und wieder ein anderer 36 Jahre. Hier in Bangkok geben sich Kapitäne die Cockpittüre in die Hand, die alle eines gemeinsam haben: sie befinden sich auf ihrem letzten Flug ihrer Karriere und werden den Hut nach der Ankunft an den berühmten Nagel hängen.

Dass sie alle Bangkok für die letzte Reise in dunkelblauer Uniform gewählt haben, ist nicht zufällig. Ganze vier Tage verbringen wir in der Hauptstadt von Thailand und nur ein angenehmer Flug nach Singapur und zurück stört den Frieden zwischendurch.

Da bleibt genügend Zeit, um in edlen Lokalitäten hoch über der pulsierenden Stadt Drinks zu geniessen, deren Farbe stark an die von Hydrauliköl erinnert und in Restaurants zu speisen, wo einem das Wasser schon im Mund zusammenläuft, wenn man die Eingangspforte überschreitet.

Es wird viel gelacht, geredet und von alten Zeiten erzählt. Treffen dann noch drei dieser «Bald-Rentner» zusammen und werden von ehemaligen Klassenkollegen der Fliegerschule begleitet, dann muss der Abend einfach gut werden.

Der Star war der Herr in der goldenen Uniform, dessen Stoff stark an den des Tischtuches des Peninsula Hotels erinnerte. Als Chefunterhalter agierte ein Däne, der 1999 die Linienpilotenlizenz ad acta legte und noch heute jünger als ich aussieht. Der Schnupftabaklieferant wird seine Flugstunden in Zukunft fast ausschliesslich im Rückenflug absolvieren und der Oranje unter den Pensionisten sorgte dafür, dass wir von den Konservierungsstoffen im lokalen Bier verschont blieben und ein niederländisches Produkt konsumierten.

Ich stand mit meinen Copi-Kollegen etwas ausserhalb und wir beobachteten das Treffen der Titanen. Viele Nächte haben wir mit den abtretenden Kapitänen auf unbequemen Cockpitsitzen um die Ohren geschlagen und viel voneinander erfahren. Es sind Freundschaften, die durch die Launen des Planungssystems entstanden sind, aber selten ausserhalb des Arbeitsplatzes gepflegt wurden. Darum besteht auch die Gefahr, dass wir einander irgendwann aus den Augen verlieren.

Heute Abend wird meinem Kapitän beim Auschecken vom Hotelmanager ein Blumenkranz aus Orchideen um den Hals gelegt und das Orchester in der Bar stimmt das Abschiedslied an, das jedem auf seinem letzten Flug von der Crew vorgesungen wird. Während die Falschsinger der Besatzung den nach Feuchtigkeit riechenden Bus besteigen, nimmt der «Bald-Rentner» mit seiner Frau in einem «Rolls Royce Silver Shadow» Platz und wird von Chauffeur an seinen Arbeitsplatz gekarrt. Dann die letzte Planung, der letzte Start, die letzte Nacht im viel zu kurzen Crewbett und die letzte Landung im noch dunklen Zürich. Ansprachen folgen, ein paar Gläser sprudelnder Wein wird getrunken und ein Abgesandter der Führungscrew beehrt den ehemaligen Linienpiloten mit seiner Anwesenheit. Wenn ich dann nach sechs intensiven und lustigen Tagen von meinem Kollegen Abschied nehme, dann fehlen mir sicher wieder die Worte. Wünsche ich ihm alles Gute im neuen Lebensabschnitt, dann knallt er mir sicher eine. Am besten sage ich einfach Danke für die tolle Zeit, die wir in den letzten 16 Jahren zusammen auf verschiedenen Flugzeugtypen erlebt haben. Vielleicht nehmen wir aber auch einfach einen Schnupf und schauen uns kurz tief in die Augen. Unter Titanen geht das.

Dienstag, Februar 17, 2009

Zahlen, Zahlen und nochmals Zahlen


95050 Liter Kerosin getankt; 12 Crewmitglieder persönlich begrüsst; vor 219 Passagieren einen Vortrag in drei Sprachen gehalten; vor dem Start in Zürich 1250 Liter Kerosin verdampft; 1 Nespresso vor und 4 nach dem Start getrunken; 6 Zeitzonen durch- und 14 Länder überflogen; genau 9473 Kilometer zurückgelegt; dabei 82625 Liter Treibstoff in kinetische und potentielle Energie umgewandelt; politisch bedingt einen Umweg von 474 Kilometern zur kürzesten Distanz dazugelegt; beim Start 240 Tonnen auf die Waage gebracht und bei der Landung 174; mit 264.9 km/h in Zürich dem Schnee entflohen und in Bangkok mit 251 km/h die Erde geküsst; von -29.3°C Aussentemperatur im Engadin nach 34.1°C in Südostasien gejettet; 4 Zeitungen gelesen und eine Gala Illustrierte verschlungen; genau 1 Mal diskret gefurzt und danach 2 Pralinen gegessen.

So, jetzt bin ich seit fast 24 Stunden wach und werde bald schlafen. Es gibt morgen in Bangkok noch viel zu tun!

Donnerstag, Februar 12, 2009

Language Proficiency

Mein Urin ist in Ordnung, das Blut immer noch rot und das Herz schlägt auch so, wie es sollte. Das attestierte mir vor einer Stunde meine Vertrauensärztin und meldete dies auch unverzüglich nach Bern ins Bundesamt. So bin ich nun stolzer Besitzer eines druckfrischen medizinischen Zertifikats und darf zumindest aus ärztlicher Sicht noch ein weiteres Jahr fliegen.

Gut, mein Gewicht hat etwas zugelegt, dafür hat das Hörvermögen leicht abgegeben. Auch bis zum Sehtestposter blicke ich noch einwandfrei und die Impfungen sind auf dem neusten Stand. So sitze ich jetzt entspannt im Zug nach St. Moritz und freue mich auf die freien Tage im Engadin.

Draussen tanzen die Flocken und drinnen schreien die Kinder herum, die sich auf die Skitage in den Bergen freuen. Aus Langeweile betrachte ich meinen Stapel Lizenzen und stosse bei diesen hochoffiziellen Dokumenten auf interessante Tatsachen. So erzählt mir das attachment to flight crew licence, welche Flugzeugtypen ich in der Vergangenheit schon gesteuert habe. Ein PA31/42 ist da ebenso aufgeführt, wie die alte Dame 747. Während ich mich noch bestens an den Jumbo erinnern kann, habe ich keine Ahnung, was der PA Dingsbums für ein Flugzeug war. Zum Jumbo habe ich ganze drei Einträge in der Lizenz. Die Flight Engineer Berechtigung ist 1998 abgelaufen und die des Copiloten 2001. Einige Jahre früher, genau vier Jahre bevor ich das erste Mal ein Propellerflugzeug steuerte, verfiel die Kapitänslizenz des 747 laut eben diesem attachment to flight crew licence. Wer bis anhin keinen Respekt vor mir hatte, sollte seine Haltung schleunigst ändern!

In der eigentlichen Lizenz sind fein säuberlich die gültigen Berechtigungen aufgeführt. Bei Nacht darf ich, im A330 darf ich und im A340 auch. Zum Funken bin ich qualifiziert und zum Fliegen nach Instrumenten ebenso. Natürlich ist das alles in Englisch aufgeführt und dass ich die Sprache auch verstehe, bezeugt das Language Proficiency Certificate auf Stufe 4. Erst im Jahre 2011 muss ich wieder beweisen, dass ich die Laute der Angelsachsen auch verstehe. Grund genug heute im Zug mit dem Lernen zu beginnen. Am besten starte ich mit ein paar aviatischen Wörtern, die man in der Fliegerei täglich braucht und schlage diese im Wörterbuch nach:

COCKPIT
Eine typische Wortschöpfung, die so noch nicht lange existiert. Das Wort pit heisst übersetzt Fallgrube, Fruchtstein oder einfach Box, wobei Box natürlich auch ein englischer Ausdruck ist, der sich über die Jahre bei uns eingeschlichen hat.
Wesentlich interessanter ist das Wort Cock. Cock bedeutet entweder Gockel oder Schwanz. Wobei der vordere und nicht der hintere gemeint ist.
Somit ist also ein Cockpit entweder eine Gockelbox oder eine Fallgrube für Schwänze. Je nach Crewzusammenstellung könnte ich dies unterschreiben.

MANAGER
Bei ersten Wort man muss man nicht lange nach der Bedeutung suchen. Ager ist schon wesentlich interessanter. Ich vermute einmal, dass es vom Wort age kommt. Wobei age einerseits Alter heisst und to age unter anderem auch vergüten. Somit ist ein Manager ein alter Mann oder ein Mann, der sich gerne vergüten lässt. Häufig trifft beides zu.

SENIOR FIRST OFFICER
Dieser Titel passt zu mir. Es handelt sich hier um einen alten, leitenden Angestellten.

CREW BUNK
Bunk wird in meinem Wörterbuch sowohl mit Koje, als auch mit Quatsch übersetzt. Die Grenze zwischen Koje und Quatsch liegt bei etwa 180 cm Körpergrösse.

CREW BAG
Ein auf den ersten Blick einfaches Wortpaar mit doppelter Bedeutung. Bag ist nämlich nicht einfach das Wort für Koffer, sondern auch das für Jagdbeute. Darum heisst Crew Bag übersetzt nicht Besatzungsgepäck, sondern Besatzungsjagdbeute. Wer das nicht glaubt, der beobachte eine Crew, die gerade aus dem Fernen Osten kommend in Zürich gelandet ist.

JAR
Jetzt begebe ich mich auf Glatteis, da die Interpretation von administrativen Ausdrücken nicht zu meinen Kernkompetenzen gehört. JAR steht - so viel ich weiss, für joint aviation requirements. Da haben sich die europäischen Länder zusammengeschlossen, um die Aviatik zu verkomplizieren vereinfachen. Jar steht im Englischen auch für Bierkrug und so kann man Teile der JAR Rules bedenkenlos als Bieridee bezeichnen.

Ach, das sind schon immerhin sechs Wörter. Bis zum Jahr 2011 habe ich noch etwas Zeit. Aber wenn alle Ausdrücke dieser Sprache so mehrdeutig sind, werde ich hart arbeiten müssen. Ich bleibe dran.

Dienstag, Februar 10, 2009

das Loch in den Unterhosen





Wenn ich auf dem Stuhl mit dieser Aussicht sitze, dann bin ich glücklich. Diese Oase des Kaffees begleitet mich nun seit vielen Jahren in den neuen Tag, wenn ich meine Zelte in Long Beach aufgebaut habe.
Frisch gerösteten Kaffee, den es sonst nur bei Bethli und Renato Ferrari in der Metropole Dietikon gibt, geniesse ich zusammen mit Backwaren, die in solcher Qualität in diesen Breiten selten sind.
Dazu eine Wochenzeitung lesen oder im Internet surfen. Gut öffnet Polly‘s, wie sich das Kaffee nennt, schon vor 7 Uhr in der Früh seine Pforten. Mit 9 Stunden Zeitverschiebung dankt das mein um diese Morgenstunde viel zu tiefer Koffeinpegel.

In der Regel sitze ich weit über zwei Stunden am gleichen Platz und trinke in regelmässigen Abständen einen grossen Becher Latte. Zeitdruck habe ich keinen, schliesslich war ich zwischen drei und fünf Uhr morgens bereits im Fitness und habe danach den Sonnenaufgang beim ausgiebigen Spaziergang am Strand genossen.

Doch gestern war das anders. Auf meiner «to do» Liste hatte es einige Punkte, die mir Kopfzerbrechen bereiteten. Mein heimischer Unterhosenbestand, bestehend aus ca. zwölf Antiquitäten aus der Gründerzeit von H&M, wurde entweder Opfer von Motten oder meinen pneumatischen Aktivitäten. Grosse Löcher machten sich im hinteren Bereich der Baumwollteile bemerkbar und an eine Reparatur der geliebten Schlüpfer war nicht zu denken. So fand der ungeliebte Eintrag seinen Weg auf meine Erledigungsliste.

Liebend gerne hätte ich im «Apple-Shop» etwas eingekauft oder irgend ein Leseband im Buchladen erstanden. Aber Unterhosen kaufen? Gibt es es für einen Mann etwas langweiligeres?
So nahm ich widerwillig den Weg Richtung Einkaufsstrasse in Angriff und steuerte den Laden an, der sich gerade während der Krise regen Zulaufs erfreut: der Wal-Mart.
Dieser Laden ist mindestens so gross wie zwei Fussballfelder und bietet alles an, was der kostenbewusste Amerikaner zum Leben halt so braucht. Aus arbeitsethischen und ökologischen Gründen sollte man die Kette eigentlich meiden, aber um bei einem ungeliebten Einkauf ein ungeliebtes Kleidungsstück zu erstehen, ist ein ungeliebter Laden der ideale Ort.

Mit einem Einkaufswagen fast so gross wie der Kleinwagen «Smart», betrat ich durch die Eintrittsschranke den riesigen Verkaufsraum. Das Glück war mir hold, denn gleich zu meiner Rechten erspähte ich die Kleiderabteilung für Männer. Statt in der Unterhosenauslage zu stöbern, zog es mich zuerst in die Sportabteilung. Schnell fanden zwei kurze Jogginghosen und zwei funktionelle Sportleibchen den Weg in den Einkaufswagen. Gerne hätte ich auch noch ein Sweatshirt erstanden, aber in meiner favorisierten Farbe hatten sie nur die Grössen 5X (XXXXXL) und 4X (XXXXL) im Angebot. Beim Weg Richtung Unterhosen rammte ich ein Gestell behangen mit Kurzarmhemden eines Labels, dass ich schon bei einem unserer modebewussten Stewards gesehen habe. Ein unmissverständliches Zeichen, dass die Marke im Moment angesagt ist. So erhöhte sich mein Kleiderberg im Wagen um eben drei dieser Hemden.
Etwas versteckt hinter der Arbeitskleidung für Handwerker, befanden sich die gesuchten Baumwollunterhosen. Im Viererpack wurden sie angeboten und ich musste mich höllisch konzentrieren, dass ich beim herunternehmen vom Gestell nicht die 4X Grösse erwischte. Der Berg im Wagen wuchs um 12 Paar «Fruit of the Loom» Slips. Beim Gang Richtung Kasse passierte ich die Unterleibchenabteilung und ehe ich mich versah, lagen noch vier weisse Shirts auf den Unterhosen und den anderen Kleidern.

Wenige Minuten später parkte ich meinen «Smart» vor der Kasse und der freundliche Herr begann zu tippen. In einer stoischen Ruhe betrachtete er jede Etikette und packte das erstandene auch gleich in die bereitliegenden Plastiktaschen. Mein ökologisches Gewissen wurde schwer belastet, als ich den Einkaufshaufen und die vielen Taschen vor mir erblickte. Meine Miene hellte sich aber wieder auf, als ich das Total an der Registrierkasse angezeigt sah. Ganze 115 Dollar wurde meiner Kreditkarte abgebucht. Ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, was für grosse Löcher an delikater Lage damit gestopft werden.

Montag, Februar 09, 2009

laufende Bilder

In Los Angeles regnet es für einmal - von wegen "it never rains in Southern California..." 
Grund genug, einmal ein paar Fotos aus 13 Jahren Langstreckenfliegerei in Filmform zu zeigen. Viel Spass

Samstag, Februar 07, 2009

das Schweigen der Bähnler

Wer bei höchster Lawinengefahr, meterhohem Neuschnee und Reisewarnungen ein Hochtal wie das Engadin verlassen will, muss bekloppt sein. Dass ich hie und da aus dem Rahmen falle, wissen treue Leser bestimmt und darum verwundert es sicher auch nicht, dass ich das Projekt (heute muss zwangsläufig alles ein Projekt sein) «Reise nach Zürich» am Morgen in Angriff nahm. Schliesslich werden meine Passagiere morgen nicht verstehen, dass der Copilot wegen ein paar lächerlichen Metern bestem Powder den Flug nicht angetreten hat.
Das Aufrufen der Homepage der Rhätischen Bahn (RhB) zu früher Morgenstunde hatte wenig Informationscharakter. Da warb der Webmaster für einen Ausflug mit dem Berninaexpress im offenen Wagen. Dass eben dieser Übergang auf unbestimmte Zeit wegen Lawinengefahr geschlossen bleibt, verschwieg das Informationsmedium des lokalen Zugunternehmens höflich. Ein Anruf beim Bahnhof St. Moritz fruchtete mehr. Ein freundlicher Zugexperte (hüärä geil de Schnee da dussä) informierte mich, dass im Moment alle Verbindungen aus dem Engadin heraus geschlossen sind. Neuigkeiten werden um die Mittagszeit erwartet. Wieder startete ich das Internet und siehe da, die staatlichen Bahnen wussten mehr: Die Strecke ins Unterengadin und durch den Vereina sei ab Zuoz offen. Die Berninastrecke werde vermutlich ab Mittag wieder für den Verkehr freigegeben. Also keine Panik, noch etwas surfen und die täglichen Nachrichten auf den verschiedenen Seiten studieren.

Und was sehe ich da beim helvetischen Boulevardblatt: «Lawine verschüttet Berninastrecke - bis Montag ist der Bahnverkehr unterbrochen». Hmm, wer hat nun recht? Ein neuerlicher Anruf beim Bahnhofsvorstand St. Moritz endete in einem Endlosband. «GESCHÄTZTE REISENDE, WEGEN DES SCHNEEFALLS SIND DIVERSE STRECKEN UNTERBROCHEN, BITTE INFORMIEREN SIE SICH IM INTERNET UNTER RHB.CH.» Danke, das habe ich schon gemacht und hätte dabei fast eine Reise im offenen Oldtimerwagen über den geschlossenen Berninapass gebucht.

Jetzt halt mit dem Auto nach Zuoz und dort den Zug durch den Vereina besteigen. Schliesslich zeigen ab Zuoz alle Signale auf Grün, zumindest auf der Internetseite der Bundesbahnen. Meine Frau hatte die zündende Idee und schlug vor, dass ich mich doch hurtig am Bahnschalter in St. Moritz erkundigen soll, ob der Zug wirklich ab Zuoz fahre. Gesagt, getan. Freundlich bestätigte mir der Beamte (hüärä geil de Schnee da dussä), dass ab S-Chanf ein Regionalzug zum Vereinatunnel fahre. «Nicht ab Zuoz, wie es im Internet stehe?», fragte ich ihn und er verneinte. Meine Frage nach einem Bahnersatzdienst mit Bussen stiess auf Kopfschütteln. «Nein, das sei ihm nicht bekannt.» Woher sollte er das auch wissen, denn wie ich später erfuhr, verkehrten die Busse ab Samedan, etwa acht Kilometer entfernt von St. Moritz. Das ist für manche Beamte eine Weltreise.

Am Bahnhof von S-Chanf angekommen traf ich auf eine grosse Menschentraube. Manche warteten schon über eine Stunde und sie sollten noch weitere 90 Minuten warten, ohne Wartesaal und öffentliche Toiletten versteht sich. Drei Personen der Rhätischen Bahn standen herum und betrachteten die Hügel (hüärä geil de Schnee da dussä). Information gab es keine, ausser aus meinem iPhone. Als dann nach langer Zeit eine Zugkomposition sichtbar wurde, hielt die Freude nicht lange an. Ganze vier Wagen sollten den halben Kanton Aargau mit Sack und Pack aufnehmen. Der Zug, vollbeladen mit Reisenden Richtung St. Moritz, kam zum Stehen und niemand wollte aussteigen. Warum auch, schliesslich war der Zug mit St. Moritz angeschrieben und keine RhB-Seele hat die Reisenden Richtung Oberengadin informiert, dass sie hier auf Busse umsteigen müssen. Der halbe Kanton Aargau musste aus-, und die andere Hälfte Aargau wollte einsteigen. Es kam zu kleineren Tumulten und man duellierte sich beim schmalen Ausgang mit Snowboard und Skiern.

Endlich begann die Zugreise und nach nochmaligem Umsteigen tauchte die rote Komposition endlich in den langen Vereinatunnel ein. Die Dunkelheit beruhigte die Gemüter und die ersten Kinder machten sich mangels Toiletten in die Hosen.
Neben mir witzelten vier Kanadier aus der Region von Quebec über die Situation und ich fragte mich, warum eigentlich Kanadier in der Schweiz Skilaufen und Schweizer in Kanada?

Die Landschaft wurde flacher, der Schnee rarer und die Fahrplananfragen an mich, bzw. mein iPhone seltener. Landquart kam näher und näher kam auch ein Zug mit freien Sitzplätzen. Ich betrat das Ersteklasseabteil und steuerte einen freien Sitzplatz an, der mit einer Einkaufstasche belegt war.
«Noch frei?», ist die einzige Frage, die mir in solch einer Situation in den Sinn kommt. «Wenn es sein muss...», antwortete die Nachbarin widerwillig und ich bestätigte ihr, dass es nach über vier Stunden Reisezeit im Stehen, Sitzen und Kauern sein muss, SONST WÜRDE ICH IHRE EINKAUFSTASCHE IM HOHEN BOGEN AUS DEM FENSTER WERFEN!

Irgendwann kam ich nach Hause, das muss so ungefähr zur gleichen Zeit gewesen sein, als der Nachbar aus dem Engadin, der den Vereinatunnel mit seinem Auto auf dem Rücken eines Zugs durchqueren wollte, eben diesen Zug im Unterengadin befahren durfte.

So habe ich mein Projekt «Reise nach Zürich» beim Eindunkeln beendet und bereite mich auf den morgigen Flug nach Los Angeles vor. Ich freue mich, und hoffentlich freuen sich die Passagiere auch. Ich schwöre, dass ich bestens informieren werden, falls es eine Verspätung gibt, auch wenn sie noch so klitzeklein ist.

***

NACHTRAG VOM 9. FEBRUAR 13:48 UHR:

Es liegt in der Natur der Sache, dass der Verkehr, zu Luft und zu Bahn, den Launen der Natur ausgesetzt ist. Darum lieben wir die Natur ja so.

Für alle Beteiligten, Arbeiter und Passagiere gleichermassen, haben Verschiebungen, Ausfälle und Sperrungen unangenehme Folgen.

Gerade bei meinem erlebten Abenteuer, war nicht das Verständnis der Passagiere das Problem. Im Gegenteil, auf dem kleinen Bahnhof von S-Chanf wurde in den 90 Minuten, die ich da gestanden habe, viel gelacht und gewitzelt.

Der Hammer waren die drei Angestellten, die im Halbkreis in ihren Uniformen herumgestanden sind und kein Wort über die Lippen brachten. Auch den Leuten zu sagen, dass man nichts weiss ist ehrliche Kommunikation und kommt in der Regel gut an.

Aber einfach mit den Schultern zu zucken ist arrogant und befremdend. Und genau um die gleiche Arroganz geht es doch, wenn dann im Nachhinein die Verantwortlichen den schwarzen Peter den Gästen zuschieben und mit einem Lächeln auf den Lippen sagen, dass wer mit Verspätungen bei diesen Verhältnissen nicht umgehen kann, selber schuld sei.

Bitte lernt endlich zu kommunizieren. Auch im Lokalfernsehzeitalter, wo jede öffentliche Telefonkabine ihren eigenen Pressesprecher hat, kann jeder Mitarbeiter dazu beitragen.

Eingeschneit!

Lawinenniedergänge rundherum; Julier, Maloja und Bernina gesperrt; Bahn wegen Lawine lahmgelegt und draussen schneit es wacker weiter. Im Geldbeutel wartet ein 1. Klasse Ticket der RhB darauf gelocht zu werden. Eigentlich sollte ich morgen nach Los Angeles, aber das ist ja erst morgen.....





Mittwoch, Februar 04, 2009

Kehrtwende


Es ist tiefster Winter hier im Engadin. Die Berggipfel kommen schon in den Genuss der ersten Sonnenstrahlen, während das Tal noch im Schatten liegt. Die Freitage zwischen zwei Flugeinsätzen sind zum Erholen da und das macht man doch am besten in einer Umgebung, die einem das Herz höher schlagen lässt. So pendle ich zur Zeit nicht nur zwischen den verschiedenen Weltstädten, sondern auch zwischen der heimlichen Hauptstadt der Schweiz und dem Pelz- und Kaviarmekka in den Schweizer Bergen.
Obwohl meine Aufenthaltsorte verschiedener nicht sein könnten, sind Gemeinsamkeiten bei genauen Hingucken trotzdem zu entdecken.

Wie auf der ganzen restlichen Welt, ist die Bevölkerung auch hier im Engadin in die zwei Gruppen „Preller“ und „Geprellte“ eingeteilt. Obwohl der meiste Teil zur zweiten Gruppe gehört, werden die Schlitzohren von ihnen nicht selten verehrt und bewundert. Die Geprellten gelten als schwach und wenig erfolgreich, die Preller als stark und sexy. Ich bin ein Geprellter.

Als glücklicher Besitzer eines kleinen Studios bin ich schon über zehn Jahre Mitglied eines Stockwerkeigentümervereins, der einen schmucken rätoromanischen Namen im Logo trägt. Einmal im Jahr ist Versammlung und ich verpasse diese regelmässig, weil Piloten ja üblicherweise über die Festtage arbeiten. So bekomme ich seit Jahren pünktlich zur Fasnacht dicke Stapel Akten, die in italienischer Sprache verfasst sind. Dies ist nicht nur praktisch für den Grossteil der italienischen Besitzer, sondern auch legal, weil der Dialekt Berlusconis im Kanton Graubünden eine anerkannte Kantonssprache ist. Nur leider verstehe ich Berlusconi nicht nur wegen seiner Sprache nicht.
Da meine Wohnung winzig klein ist, ist mein Anteil an den Kosten praktischerweise auch sehr gering. So lochte ich die Akten bis anhin ungelesen und bezahlte die Rechnung kritiklos.

Das Gleichgewicht der italienischen (98%) und schweizerischen (2%) Stockwerkeigentümerschaft kam ins Wanken, als ein sympathischer Schwabe eine sehr grosse Wohnung über meinem Kopf kaufte und damit auch einen sehr grossen Anteil an den Kosten übernehmen musste. Zum ersten Mal wurde das Protokoll übersetzt und zum ersten Mal wurde ich mir bewusst, dass ich auf der Seite der Geprellten stand.

Da las ich doch schwarz auf weiss, dass unser Hauswart (nicht Verwalter, sondern Hauswart) einen Lohn bezog, bei dessen Anblick meine Kapitäne allesamt rote Ohren bekommen. Ich täte es ihm auch gönnen, würde der Kerl nicht noch zusätzlich 234 Franken pro Stunde für das Schneeräumen verrechnen und dazu noch die Schneefräse in Kosten stellen, die uns Stockwerkeigentümern schon seit langer Zeit gehört. Wer meint hier einen Skandal zu wittern, hat sich getäuscht. Als mein schwäbischer Nachbar bei der letzten Sitzung die Fakten auf den Tisch legte, schmunzelten die südlichen Mitbesitzer nur und meinten, Qualität hätte halt seinen Preis.

So ist das Leben.

Ach, was ärgere ich mich über Nebensächlichkeiten. Das Wetter ist prächtig und der Schnee liegt heuer so hoch, dass die in der Schweiz so verbreiteten Verbotssignale nur noch knapp aus der weissen Pracht hervorschauen und so unfreiwilligerweise zum dem werden, wozu sie am besten geeignet sind: als Pinkelstation für die Hunde.

Bald verlasse ich das Tal wieder Richtung Los Angeles und nehme dann ein Bad in den Oscarvorbereitungen in der westlichen Hauptstadt des Films. Sehen werde ich bei diesem Anlass die gleichen Leute, die sich am Wochenende am Pferderennen auf dem gefrorenen St. Moritzersee tummeln. Die Welt ist so klein.

Wussten sie übrigens, dass das White Turf - so heisst das Pferderennen, wo ein paar lebendige Rösser im Kreis rennen und von einer Hundertschaft toter Zobel und Füchse beobachtet werden -, etwas geschafft hat, was die Bonibezüger und Finanzdebakelauslöser in Davos nicht auf die Reihe kriegten? Nämlich eine Rezept zur Lösung der Finanzkrise. In grossen Lettern verkünden die Organisatoren im Hochglanzprospekt zum Anlass das Motto für das nächste Jahr:

Ab 2010 geht es links herum!

Endlich eine Wende, die Hoffnung macht. Wir werden sie an ihren Taten messen!