Freitag, Januar 09, 2009

Pneumatisches

Wenn bei der elektronischen Anmeldung bei Arbeitsbeginn ein paar rote Lämpchen leuchten, dann ist dies ein sicheres Zeichen, dass nächstens irgend eine Berechtigung abläuft. Bei mir ist dies die A340 Lizenz und darum muss ich noch vor Ende Januar den Simulator beehren

Zwei Tage wird dann geflogen, gefragt, geflucht, gelöscht, gelandet, geschwitzt, geredet und geprüft. Damit man aber die vielen Sachen, die so schön mit den Buchstaben «ge» beginnen auch im Griff hat, muss zuerst viel gedruckt, gebüffelt, geschrieben, gelernt und gelesen werden.

Wer alle notwendigen Unterlagen in der firmeneigenen Datensammlung finden, hat bereits einen Orden verdient. Diese Hürde habe ich gestern mit Bravour genommen und all die Blätter liegen jetzt im Hotelzimmer verstreut vor mir. Fein säuberlich aufgelistet sind sämtliche Kapitel, die ich gefälligst zu studieren habe und dick hervorgehoben all die Paragraphen, die ein solider Pilot halt so aus dem Ärmel schütteln sollte. Bekäme ich für jede zu lesende Zeile einen Dollar, ich könnte die Finanzkrise mit Hilfe der eigenen Schatulle aus der Welt schaffen.

Doch ich klage nicht - zumindest nicht, bis ich die letzte Linie eines unscheinbaren Blattes sehe. Ein Referat soll ich halten. Nicht vor grossem Publikum, sondern vor den Herrn Instruktor und meinem Kollegen dem Kapitän. Das Publikum ist also gegeben, das Thema natürlich auch. Über Pneumatik darf ich reden und damit meine Zuhörer in den Bann ziehen. Heisse Luft ist also weiterhin gefragt.

Das Wort Pneumatik soll seinen Ursprung im Griechischen haben, machen mir die Wissenden von Wikipedia schmackhaft und weisen ferner darauf hin, das «pneuma» eben in der Sprache des ehemaligen Fussball-Europameisters für Wind und Atem stehe. Was sich beim ersten Blick als langweiliges Thema entpuppt, entwickelt sich beim genaueren Hinsehen als das perfekte Studienobjekt der Aviatik.

Was habe ich doch ständig Probleme, meine Winde während den langen Flügen unter Kontrolle zu halten. Die humane Pneumatik spielt wegen der Verpflegung und den ständigen Druckunterschieden verrückt und andauernd belegte Toiletten machen das zivilisierte Ablassen über das OPV (overpressure valve) zuweilen unmöglich. Erst bei Kleingruppen ab drei Personen können Fürze gefahrlos einem anderen angehängt werden. Jeder sieht dann etwas verstört in die Runde und fragt sich, wer der Urheber dieser Duftnote war. Die Anonymität bleibt in der Regel gewahrt, denn Erziehung und die Würde der Uniform verbieten es uns, den Schuldigen sofort zu eruieren.
Beim Zweimanncockpit ist also das Ablassen der heissen Luft im Steuerhaus nicht zu empfehlen, ausser man kriegt von einer Kollegin Besuch und hat so für einen kurzen Moment eine dieser ominösen Kleingruppen von mindestens drei Personen zusammen. Diese Variante wird aber nur im absoluten Notfall empfohlen.
Ist der Lokus besetzt, läuft man am besten durch den Gang, lässt die warme Druckluft vorsichtig reguliert durch das BAV (bleed air valve) und kühlt diese vor dem Eintritt in die Kabinenatmosphäre im Precooler (Unterhosen) vorsichtig ab. Im hinteren Galley angekommen beschwert man sich sogleich über die furzenden Passagiere und bekommt in der Regel grosse Unterstützung.

Manche der Leser mögen jetzt aufgrund des eher unappetitlichen Themas die Nase rümpfen, aber ich kann ihnen versichern, dass die Pneumatik in der Praxis gar nicht so negative Auswirkungen auf die Kabinenluft hat. Im Gegenteil, ohne Pneumatik kein Leben auf 12’000 Metern Höhe und wer das ihnen jetzt beweisen wird ist kein Geringerer, als mein Kapitän höchstpersönlich, der seinerseits ein Referat über das Airconditioning-System des Airbus halten darf. Da sind wir mal gespannt!

Kommentare:

  1. Und ich habe ganz banal etwas über OEB-Reminder erzählt, welch Ignoranz gegenüber der Pneumatik meinerseits.

    Dafür war ich schon fluchen, fragen, löschen und darf jetzt wieder ruhiger durch die Weltgeschichte fliegen.

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  2. Haha, eine weiterer Klassiker, vielen Dank! Nachdem ich vorgestern und gestern "ran" durfte, würde ich dir gerne meinen Vortrag geben, aber bei uns auf dem kleinen kommt bekanntlich nur halb soviel warme Luft wie bei euch raus, drum lassen wir das.

    En guete Check! [Was ich gelernt habe: wenn der Capt - selber Checker - sagt: willst du anfangen? NEIN sagen, sonst fliegst/funkst du den ganzen Refresher alleine, während er rumswitched...]

    G!

    PS: Wenn du statt warmer Luft einfach diesen Beitrag vorliest, dann hast du die Aufmerksamkeit der Kollegen und die nötige Unterschrift auf sicher...!

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  3. Köstlich, bei uns musste bis anhin noch keiner der Piloten ins hintere Galley lüften kommen.

    Glücklicherweise sind wir in der sehr viel feudaleren Situation, dass wir den Arbeitsplatz nahe bei den Toiletten gelegen haben und so allfällig Dünste und Dämpfe immer auf die etwas undichte WC-Tür oder die eben daraus entkommenen Passagiere schieben können. Als Ausgleich lassen eure Sitze wahrscheinlich ein diskreteres Entwichen des Overpressure zu, als die unsrigen Pritschen die beim leisesten Windstoss fast zu knattern beginnen....

    Grüsse und mut zum Druckausgleich schickt

    Severin

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  4. Pneumatisch korrekt, Dein feinsinniger Artikel!
    Du könntest ja mal einen Votrag über "Pranayama" halten... noch so ein pneumatischer Aspekt...

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  5. @Tobi & G!:
    Gratuliere Euch zu den bestandenen Checks! Das mit "weniger warmer Luft" bei den Kleinen bezweifle ich. Blähungen sind bekanntlich eine Funktion der E-Stoffe im Essen und davon kriegt ihr auf der Kurzstrecke mindestens soviel mit, wie wir auf den langen Dingern....

    @Severin:
    ... das nächste Mal komme ich zu Dir ins Galley :-)

    @Richi:
    Yoga & Furzen sind so quasi wie Yin & Yang - sie gehören einfach zusammen :-)

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  6. Das war mal ein Klugscheiss-Klassiker. Ich frage mich ja immer, was sich die Firma dabei denkt, uns Obst und Milchprodukte bereitzustellen, bzw. den Passagieren Bohnen und Erbsengemüse zu servieren.

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  7. Klassisch gut geschrieben.
    Die pneumatischen Dinge sind schon faszinierend, nur dumm wenn du als Passagier eine sexy Passagierin neben dir hast...
    Dann gibt es pneumatische Hochdruckgebiete im Innenraum, die gefühlte Hydraulische Kräfte ausüben.

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  8. Selten so einen netten Artikel über Flatulenz gelesen, eigentlich garnie.

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  9. Übt Ihr im Simulator eigentlich auch "Landung im Hudson River" ? Ich glaube der Junge hatte seinen Vogel ganz ordentlich im Griff und dazu noch eine riesige Portion Dusel und ein Schwarm Schutzengel (mindestens so gross wie der Vogelschwarm, der ihm die Triebwerke verstopfte ....

    Gruss
    Saftel

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  10. Hallo Saftel

    Wasserungen haben wir am Longdrinkstamm am Ufer des Hallwilersee anno 1988 (?) genügend geübt! Nein im Ernst, solche Situationen (Wasserung oder der Anflug ohne Steuerung eines Airbus' in Bagdad(*)), können so nicht geübt werden. Wie sagt Airbus so schön: each such situation is unique and can't be trained for in advance.
    Die Piloten und F/A's haben sehr gut reagiert. Weniger stolz bin ich auf die Passagiere oder hast Du auf den Zeitungsbildern jemanden mit Schwimmweste gesehen? Aber eben: der coole Passagier hat den Safety-Movie nicht mehr nötig....

    Gruss nff -> alt LM
    (*) http://www.smartcockpit.com/pdf/flightops/flyingtechnique/10

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