Dienstag, Dezember 29, 2009

Viagra für Piloten



Ich hab es gut – richtig gut! Meine Festtage dauern länger als die von allen andern – genau 17 Stunden länger. Hab ich es gut!
Viele Kinder waren eifersüchtig als sie hörten, dass ich ganze acht Stunden früher den Weihnachtsmann traf. Japan machte es möglich.
Jetzt freue ich mich auf den späten Silvester. Wenn die Schweiz ins neue Jahr rutscht, dann halte ich in Long Beach noch den Kopf an die Sonne. Neun Stunden Unterschied sind es diese Woche, allerdings in die andere Richtung als vor fünf Tagen…
Da stellt sich natürlich sofort die Frage, wie ich den Zeitunterschied – also den Jet Lag – verkrafte.
Ich holte mir Rat beim Beraterteam von «Howcast». Der kurze Film ist aufschlussreich, vor allem die Sequenz ganz am Schluss. Da wird behauptet, dass Hamster, die etwas Viagra erhielten, Zeitunterschiede 20 - 50 Prozent besser verkrafteten, als die Kollegen ohne. Man(n) sollte das einmal versuchen. Ob dies allerdings mit den verschärften Sicherheitsvorschriften vereinbar ist, muss noch abgeklärt werden…

Mittwoch, Dezember 23, 2009

Nein, dies ist kein Coming-Out




Während in der Schweiz noch die Mittagsnachrichten auf DRS1 laufen, neigt sich der Tag hier in Tokio schon dem Ende zu. Es war ein langer Tag, er hat früh begonnen. Genau genommen um 02:00 Uhr.
Es ist halt so eine Sache hier in Japan mit der Schlaferei. Es gibt Momente, da fällt der Körper in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Ist dann gerade ein Bett in der Nähe, ist die Versuchung gross, sich unabhängig der Tageszeit unter der Decke zu verkriechen. So geschehen bei mir gestern Abend. Ich habe tief und gut geschlafen, leider aber auch kurz.

Zwei Uhr in der Früh wach sein gehört nicht gerade zum Standardprogramm in Japan, doch ein Weltreisender weiss sich auch in dieser Situation zu helfen. Mit Turnschuhen und Lesematerial bewaffnet, schrieb ich mich Mitten in der Nacht im Fitness-Center ein und lief zum Film Ocean Eleven eine gute Stunde an Ort. Als dann Julia Robert im roten Kleid die Kasinotreppe herunter schwebte, schaltete ich den Fernseher aus. Ich hatte die beste Szene des Streifens soeben gesehen.

Beim Verlassen des Fitnesstempels warf ich neuerlich einen Blick auf die Liste. Zuoberst stand da der Name eines Freundes, der mir während der Pilotenschule einmal auf mein Kopfkissen gekotzt hat und mit dem ich in Florida gemeinsam gegen einen Fluglehrer ankämpfte. Er war zwei Stunden vor mir auf dem Laufband. Ob er auch Schlafstörungen hat?
Ein SMS versprach Klärung.

«Wach? Gruss aus Zimmer 1104»
«Bin am Suppe essen – wanna eat?»



Es ist Jahre und mindestens zwei Arbeitgeber her, seit ich das letzte Mal mitten in der Nacht an die Zimmertüre eines anderen Besatzungsmitglieds klopfte. Heute war er das erste Mal, dass hinter der Tür behaarte Männerbeine warteten. Einmal ist das erste Mal...

Die Suppe schmeckte übrigens ausgezeichnet und ich habe mich danach auch nicht aus Revanche auf seinem Kissen übergeben. Männer können so etwas vergessen.

Um sechs Uhr verliess ich das Zimmer wieder. Gesehen hat mich zum Glück niemand. Man weiss ja aus Erfahrung, wie schnell der Klatsch in Zürich ankommt. Eine halbe Stunde später machte ich mich Richtung Nikko auf, er im laufe des Morgens nach Zürich.



Es folgten lange Zugfahrten, schöne Wanderungen, tolle Eindrücke, deftige Krisen, warme Bäder, eine stündige (nicht eine sündige!) Massage, leckeres Essen und Weihnachtsbeleuchtung so kitschig, wie wir es von zu Hause kennen.





Nach einer letzten Suppe und einem Notkaffee sitze ich jetzt kaputt vor dem Computer und bin froh, dass ich den kurzen Text mit vielen Fotos schmücken kann. Die Augen fallen zu und ich hoffe auf eine stille und lange Nacht. Mein Suppenkollege von letzter Nacht hat es auch bald geschafft, er landet in etwa zwei Stunden in Kloten.

Wünsche allen schöne Feiertage aus Japan.

Montag, Dezember 14, 2009

Room 1827 – Service Please


Überall auf der Welt leiden Hotelzimmer unter drei unheilbaren Krankheiten: Zwanzig-Watt-Birnen, ab Mitte April wird nicht mehr geheizt und die Kissen sind mit irgend etwas zwischen Holz und Rohgummi gefüllt.
Ephraim Kishon

Wenn ich nach einem langen Flug im Hotel ankomme, dann läuft das immer nach dem gleichen Muster ab. Nach Erhalt des Zimmerschlüssels reisse ich dem Pagen meinen Koffer aus den Händen und eile zum Fahrstuhl. Nicht, dass ich den Service des Angestellten nicht schätzen würde, aber bei einer Besatzung von 13 Personen dauert die Auslieferung seine Zeit. Zeit, die ich nach einem Flug nicht habe, die mir zu wertvoll ist.
Im Zimmer angekommen, wird der Koffer an seinen Platz gestellt, wobei dieser Platz je nach Destination nicht so einfach zu finden ist. Manchmal ist das Zimmer zu klein, manchmal zu verwinkelt und manchmal – wie hier in Shanghai – viel zu gross.

Ich hause hier in einer Turnhalle, die trotz guter Belüftung leicht nach Chemikalien riecht, gegen die in Europa in Fussgängerzonen Unterschriften gesammelt werden. Zehn Lichtschalter zähle ich, die an den Stehlampen nicht eingerechnet. Es braucht mehrere Versuche, bis es im Badezimmer hell wird, und ins Badezimmer muss ich jetzt dringend, denn die Fahrt vom Flughafen war lang und mühsam. Das Necessaire – oh Verzeihung, den Kulturbeutel –, stelle ich auf eine elegante Box, die mit Kosmetika bis oben gefüllt ist. Im Sitzen lasse ich meinem Urin freien Lauf und wie von Geisterhand gesteuert, entweicht meinem Arsch ein kleines Lüftchen, das Dank der guten Akustik der Keramikschale klingt, wie manch ein Nachwuchsstar bei den Singwettbewerben im Fernsehen. Ich muss mich dafür nicht schämen, denn im Hintergrund träumt Bill Crosby von weissen Weihnachten.

Jetzt bin ich angekommen.

Ich pflege keine übertriebene Ordnung, halte aber auch nichts von einem Chaos. Das frische Uniformhemd wird noch vor dem Entledigen der Uniform mit den Rangabzeichen versehen und sorgfältig im Schrank verstaut. Die zu kurze Uniformhose hänge ich genauso auf, wie die zu grosse Jacke mit dem rauhen Stoff.
Mit der schmutzigen Wäsche halte ich es weitaus unkomplizierter. Neben dem Koffer häufe ich bis zur Abreise einen Turm aus übel riechenden Socken, lampigen Unterhosen, verkleckerten Uniformhemden, zerknitterten Leibchen und verschwitzter Funktionswäsche an. Gerade letztere verbreiten nicht selten nach einigen Stunden einen scharfen Geruch im Zimmer, dem keine Klimaanlage gewachsen ist. Damit es nicht soweit kommt, wickle ich eben diese Teile in solche aus Baumwolle ein. Das führt zu einem unstabilen Wäscheturm, was mir aber wiederum egal ist.

Nach einer Nacht in einem Bett, in dem vor mir schon Tausende geschlafen haben, verlasse ich mein Lager für einige Augenblicke und hänge das Schild «Service Please» an die Türfalle. Es ist die Stunde des Zimmermädchens.
Ich mag die Zimmermädchen, obwohl ich sie nie sehe. Ich mag die Zimmermädchen so sehr, dass ich in der Regel einen Geldschein unter dem Kissen verstecke. Das ist dann der Moment, wo ich mir sehr weltmännisch vorkomme.

Aus Respekt vor der Raumpflegerin räume ich den Schreibtisch frei, verstaue den Abfall im dafür vorgesehenen Behälter und lege die feuchten Badetücher auf den Boden im Badezimmer. Mein Koffer ist zu, nur den ekligen Turm aus Schmutzwäsche lasse ich dort, wo er die ganze Nacht vor sich hingemottet hat.

Drei Stunden und vier Kaffee später halte ich die Magnetkarte ans Schloss und stelle mit Freude fest, dass mein Zimmer in der Zwischenzeit generalüberholt wurde. Gestärkte Tücher hängen im Bad und das Bett sieht aus, als ob es jemand mit dem Bügeleisen traktiert hätte. Trotzdem stört mich etwas beim Rundumblick – richtig, der Schmutzwäscheturm ist weg! Man hat mir meine Wäsche geklaut!

Tatsächlich, der Platz neben dem Koffer ist leer, der Koffer selber auch. Auf dem Stuhl finde ich nichts und unter dem Bett auch nicht. Im Bad hängen frische Lumpen und auf der Chaiselongue wartet nur ein einsames Kissen darauf, zerknüllt zu werden. Beim Gang zur Tür nimmt meine Nase eine Spur auf. Es riecht – es riecht aus der Garderobe. Neben dem frischen Hemd und der brandneuen Uniform liegt ein Stapel Wäsche, der dreinschaut wie aus der Fabrik. Meine Schmutzwäsche! Zwei paar Unterhosen mit Spuren von drei anstrengenden Tagen, Socken mit Airbus-Duftnoten und nicht zu vergessen das Sporthemd, das vom gestrigen Spurt auf dem Laufband noch feucht ist und dementsprechend riecht. Sie hat tatsächlich alles fein säuberlich gefaltet und gestapelt.

Ich habe dem Zimmermädchen diesmal wohl zu viel zugesteckt.

Freitag, Dezember 04, 2009

Englischtest für Piloten

It‘s now soweit. I have to proof, that I speak enough English to fly a flugzüüg. The Bundesamt and the Europäische government means, that it was unsafe, that I flew the last 17 years to the Staaten and all the other English speaking destinations without passing the language test. Holy cow, they have not all cups in the locker!

I mean my English is not the best – I know – but when I listen to some members of the Bundesrat, I‘m quite zfridä with my oral knowledge – yep! Also the Swiss parliament have a funny approach to the language of Shakespeare. No native English speaking politician would name the capital of a country «Wankdorf». That is first of all politically incorrect and secondly a bit strange (maybe also a bit true…).

I believe they spider.

But anyway, I can‘t do anything. I have to pass this test – *gopferdammisiech*! It doesn‘t matter how I fly, it matters how I speak. We‘re coming closer and closer to the banking business. Schnurre is more important than liferä. So lets start to practice.

I go now out of my Zimmer and have some fun with locals and expats here in Hongkong. Maybe a learn some new words, maybe I drink my beer alone. Let‘s hope for the best. Push me the thumb!

Donnerstag, Dezember 03, 2009

Coors light Girl

Sie ist vielleicht 23, trägt ein enges Kleid und versucht vergeblich, uns durchsichtiges Bier aus einer amerikanischen Brauerei zu verkaufen. Trotzdem finden Gläser mit anderem Inhalt den Weg auf unseren Tisch und werden von der kitschigen Weihnachtsbeleuchtung im Sekundentakt farbig beleuchtet.

Der Platz hier in Kowloon ist gut frequentiert. Geschäftsleute gönnen sich ein Bier nach Feierabend und eine müde Airline-Crew pflegt ihre Blessuren nach dem langen Flug von der Schweiz nach Hongkong.
Und Blessuren gibt es viele nach so einer Schlacht, das können sie mir glauben. Piloten klagen über schmerzende Rücken und geschwollene Beine. Flight-Attendants über furzende Passagiere und heisse Suppen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, darum wird auch kräftigt geklagt.

Leichter Wind kommt auf und es kühlt merklich ab. Der Reissverschluss meiner Outdoor-Jacke wird an den oberen Anschlag gezogen und das unrasierte Kinn verschwindet unter dem flauschigen Kragen. Die Damen kramen in ihren Handtaschen und ziehen wärmende Stoffe aus ihren Schatztruhen, die sie auf Märkten rund um die Welt ersteigert haben. Nur das «Coors light Girl» steht regungslos in ihrem kurzen Rock neben den Tischen und hofft auf Kundschaft. Ihre nackten Beine sind in der Zwischenzeit so kalt wie der von ihr angebotene Gerstensaft. Ich würde an ihrer Stelle erfrieren. Sie hält sich tapfer.

Gerade als es so gemütlich wurde, passiert das, was in gemütlichen Situationen leider immer wieder passiert – jemand erzählt einen Witz.
«Was trennt einen Alkoholiker von einer Nymphomanin?» Der Witzerzähler schaut erwartungsvoll in die Runde und hofft auf viele Lacher. Stattdessen blickt er in Gesichter, die sich peinlich berührt von ihm abwenden. Keiner am Tisch, der diesen schlechten Witz nicht schon hundertmal gehört hätte. Keiner? Nein, ein junges Ding grinst und erkundigt sich nach dem Unterschied. Das Unglück nimmt seinen Lauf. Versuche, das Thema zu wechseln oder den selbsternannten Spassvogel zu bremsen, scheitern allesamt. Erst als dieser die Gruppe der Flugingenieure ins Fadenkreuz nimmt, wendet sich auch die letzte Zuhörerin von ihm ab. Wie sollte sie die Witze auch verstehen? Als die Bordtechniker abgeschafft wurden, lag sie noch in den Windeln.

Grad für Grad nähert sich die Aussentemperatur der 15° Grenze. Gut sichtbar für alle Gäste bildet sich am Oberarm des «Coors light Girls» Hühnerhaut. Wir wundern uns, warum sich das Mädchen nicht ins Innere des Lokals flüchtet und so einer drohenden Grippe entgeht. Ist es Unvernunft oder übertriebene Loyalität? Ist es Unwissenheit oder jugendlicher Leichtsinn? Fragen, die wegen des akuten Kälteeinbruchs nicht beantwortet werden können. Die Paschminas – oder wie die Dinger auch heissen, schützen unsere Damen zu wenig und wir flüchten uns vor dem Frost ins Restaurant.

Ein Fehler, wie sich bald herausstellt. Im Innern läuft die Airconditioning mit einer Geschwindigkeit, als ob sie das Problem der Klimaerwärmung in Eigenregie lösen müsste. Das «Coors light Girl» grinst mich an, jetzt bekomme ich Hühnerhaut.

Montag, November 30, 2009

kopfschüttelnde Kängerus

Paula ist auf Besuch. Vor fünf Jahren stand sie mit der ganzen Familie vor unserer Tür und bat um Asyl. Drei Wochen teilten wir unsere Wohnung. Wir, das waren ich und meine Frau, zwei Kinder im Windelalter, ein Ehemann mit Ducati und eben Paula.
Vier Jahre blieben sie. Zuerst zogen sie nach Spreitenbach, dann nach Meilen. Der Ehemann pendelte regelmässig nach London und flog dann für Qantas mit der 747 nach Hongkong, Bangkok und Singapore. Paula blieb mit den Kindern in der Schweiz und beglückte uns mit ihrer gewinenden Art. Die vier lieben die Schweiz, ja sie verehren unser Land.

Irgendwann reisten sie wieder nach Brisbane zurück.

Jetzt ist Paula wieder da, für drei Wochen. Ohne Kinder, ohne Mann und mit viel Appetit auf Raclette und Fondue. Und genau das hatte wir gestern – viel, ja sehr viel Raclettekäse.
Weisswein floss, es wurde gelacht, diskutiert und mit dem Ehemann in Brisbane telefoniert. Über Skype geht das wunderbar. Mit Bild, Ton und ganz gratis.
Er sah verschlafen aus, wir übernächtigt.

Graham – so heisst Paulas Ehemann – las nebenbei die Brisbane Times. Höflich ist das nicht, aber ich gebe zu, dass auch ich während eines Telefongesprächs schon mal durch das Netz gesurft bin. Plötzlich verengten sich seine Augen. «What‘s wrong with Switzerland?», fragte er aufgeschreckt.

Er meinte die Minarett-Initiative, sie hatte es auch in die Brisbane-Times geschafft. Eine plausible Antwort auf dieses Abstimmungsresultat konnte ich ihm nicht geben.

Mittwoch, November 25, 2009

Checklisten

Auf meinem Arbeitsgerät hat es Checklisten für alle Eventualitäten, Banalitäten und Absurditäten. Punkt für Punkt ist da geregelt, was zu tun, zu sagen und zu quittieren ist. Nicht selten gibt das im Cockpit Grund zum Schmunzeln. Meistens dann, wenn eine neue Checkliste eingeführt, oder uralte Abläufe abgeändert werden.

Jetzt muss man wissen, dass die meisten der Checklisten vom Hersteller aus Frankreich kommen. Ich habe viele schöne Tage in und um die Bäckereien Frankreichs verbracht und die Einwohner nie als pedantisch oder überaus kompliziert empfunden. Eher das Gegenteil war der Fall. Unkompliziert standen sie Schlange, kauften das lange Baguette beim Bäckermeister und klemmten das frische Broterzeugnis für den Heimweg unter die verschwitzten Achselhöhlen.

Thomas Wale (1701 -1796) beschreibt die Franzosen in der Gewohnheit als wechselhaft und in der Ehe als frei. Also doch! Die Deutschen seien in der Gewohnheit Nachahmer und in der Ehe Gebieter, meint der Gelehrte. Da die Briten und die Spanier auch im Airbus Konsortium mitmischen, dürfen ihre Merkmale laut Wale hier nicht fehlen. Beim Briten weiss der längst Verstorbene zu wissen, dass sie im Gemüt wandelbar und in der Ehe bescheidene Diener seien. Spanier sind angeblich in der Partnerschaft Tyrannen und im Geschäft wie Elefanten. Um mich zu schützen möchte ich noch einmal betonen, dass diese Aufzählung nicht von mir stammt, sondern vom oben genannten Gentleman. Für einmal habe ich diese Weisheiten nicht von Wikipedia, sondern vom absolut unentbehrlichen Sammelsurium aus Ben Schotts Feder. Ein Buch, das in jede Bibliothek gehört. Doch dazu ein anderes Mal.

Also, jetzt stelle man sich einmal vor, was passiert, wenn so verschiedene Charakteren zusammenkommen. Da braucht es Regeln, Vorschriften und eine Sprache, die alle verstehen. Das war die Geburtsstunde der Airbus Checklisten. Man kann mit Hilfe dieser weder ein Baguette kaufen, noch mit einer charmanten Spanierin flirten, dafür den Redefluss im Cockpit kanalisieren und standardisieren. Ich liebe das.

Doch leider gibt es in einem Flugzeug nicht für alles ein Rezept, das auf ein plastikverstärktes Papier passt. So gibt es meines Wissens keine Vorschrift, die das Zubereiten des Nespresso regelt. Ich weiss auch nichts über Vorschriften zum Gebrauch der Kleiderbügel. Warum auch? Sinn würde das kaum machen. Dafür hat es in den Toiletten kleine Schlitze, wo man die Rasierklingen verstauen kann, obwohl niemand mehr Rasierklingen benutzt und diese eh verboten sind. Apropos Toiletten, wie würde wohl eine Checkliste (und das zugehörende Wording!) bei partnerschaftlicher Benutzung des stillen Örtchen aussehen? Zum Akt käme es mit Bestimmtheit nie!

Habe ich sie gelangweilt? Macht nichts. Checklisten haben das so an sich.

Montag, November 23, 2009

Streichkäse

Wenn die Motoren abgestellt, die schweren Koffer der Hostessen entladen, das Schengentor passiert und die Rangabzeichen abgelegt sind, dann beginnt der Feierabend. Feierabend ist vielleicht das falsche Wort, denn die Zeiger der Bahnhofsuhr zeigen 06:30 Uhr – am Morgen versteht sich.

Muffig kommen mir die Arbeitsameisen entgegen. Sie sind dem Zug entstiegen, den ich gleich besteigen werde. Sie schauen mich an, als hätte ich Hochverrat begangen. Wer um diese Zeit mit einem Koffer und einem leicht zerknitterten Hemd den Heimweg antritt, gehört mit bösen Blicken überhäuft.

Es ist Montagmorgen. Die Bundesbahnen haben Rollmaterial aus den 50er Jahren aus dem Museum geholt, eine heisere Stimme wünscht einen schönen Tag und eine erlebnisreiche Fahrt. Ob wohl meine Ansagen im Flugzeug auch so nerven?

Mein Blick geht ins Leere. Ich schaue in beleuchtete Büros und sehe nichts, ich Blicke in fremde Gesichter und erkenne nichts. Die junge Dame schräg gegenüber trägt Rock und bunte Strümpfe. Ich sollte nicht so starren. Das ist unhöflich. Auch ich trage übrigens Strümpfe – Stützstrümpfe, die mich vor gesundheitlichen Schäden durch das lange Sitzen schützen. Unter diesen Dingern juckt es mich. Kunststück, sie liegen auch schon seit über 16 Stunden satt um meine Unterschenkel.

Am Zielbahnhof steige ich aus. Mit meinem Koffer im Schlepptau störe ich den Fluss der Passanten. Mürrisch werde ich überholt. In der linken Hand die Gratiszeitung, in der rechten ein Energiedrink und im Ohr Zivilisationslärm, laufen sie Richtung Arbeitsstätte. Ich bin ihnen im Weg, ich laufe zu langsam.

Irgendwann endlich im Bett – Komaschlaf.

Nach dem Erwachen fühlt sich der Körper wie ein Streichkäse, der zu lange an der Sonne lag. Morgen geht es dann wieder besser.

Sonntag, November 22, 2009

Reisen mit Partner

Am Donnerstag war es wieder einmal soweit. Nicht alleine zog ich in die weite Welt hinaus, sondern in Begleitung. Der Nachbar, Mann meiner Cousine und Bikekollege begleitete mich zum Bahnhof - , dann zum Flughafen - und dann nach Hongkong.

Reisen mit Begleitung stellt besondere Anforderungen an die Organisation. Der Begleiter moechte etwas sehen, sich amuesieren, gut essen, auch trinken und in die fremde Kultur eintauchen. Nichts ist einfacher als das in dieser pulsierenden Metropole.

Doch wie ich oben schon beschrieben habe, liegt der Teufel manchmal im Detail. Wenn mit dem Flug alles geklappt hat und die Einreiseformalitaeten hinter einem liegen, vergisst das Hotel zwei Betten ins Zimmer zu stellen. Nicht dass ich meinen Nachbar nicht mag, aber Arsch an Arsch zwei Naechte in einem King-Size Bett zu liegen, ist Kuschelfaktor zuviel.

Doch auch dieses Hindernis haben wir umschifft.

Die 48 Stunden sind bald um. Noch ein letztes Mal ins Gewuehl stuerzen, ein paar Sushi verspeisen und dann geht es wieder Richtung Heimat. Geschrieben habe ich nicht viel, aber ich komme ja naechste Woche wieder.

Donnerstag, November 19, 2009

Massanzug

Vor ein paar Monaten griff mir ein älterer Herr in den Schritt, bestimmte die Distanz zwischen Ellenbogen und Handgelenk und wickelte mir das Massband um den Kopf. Das alles mit dem Ziel, mir eine perfekt sitzende Uniform zu schneidern.

Das Ergebnis flatterte gestern per A-Post frei Haus.

Mein Frau krümmte sich vor Lachen...

Ich finde es legitim, dass arg gebeutelte KMU in diesen schweren Zeiten etwas mehr Stoff verkaufen möchten, was ich aber da in der Kartonschachtel vorfand, war des Guten zuviel.

Die neue Uniform erinnerte mich an das "Tenue Blau" der Schweizer Armee, das es zu meiner Rekrutenschulzeit 1986 in den Grössen "viel zu klein", "zu klein" und "viel zu gross" gab.



Damit ich beim ersten Flug mit der neuen Uniform am 7. Dezember nicht das Gefühl habe, dass ich am Flammwerfer "Innernen Dienst" machen muss, brachte ich die Teile gestern zu einem tapferen Schneiderlein. Jetzt drücke ich die Daumen, dass der Stoff an den richtigen Stellen gestutzt wird.....

Zur neuen Uniform gesellt sich auch ein neues Reglement, das die Farbe der Koffer regelt. Dunkel dürfen sie in Zukunft sein, oder auch Alufarben. Da habe ich noch einmal Schwein gehabt, dass ich vor Monatsfrist zwei Samsonite in weisser Farbe gekauft habe. Da in unserer Firma das Aluminium vorwiegend in Weiss gehalten ist, muss ich mich vor den bösen Blicken der Uniform-Kontrolleure kaum fürchten.



Sonntag, November 15, 2009

jingle bells

Ein Flachbildschirm, zwei Betten, ein Durcheinander und durchschwitzte Sportwäsche am Boden – so kann man mein Hotelzimmer hier in New York in wenigen Worten beschreiben. Die dicken Vorhänge sind gezogen und halten das Licht so gut ab, wie es mit den Plastikdingern halt geht.

Bald lösche ich die Leselampe, schalte den Computer aus und hoffe, dass ich vor dem langen Flug die Augen noch ein bisschen schliessen kann. Müde wäre ich – müde vom Joggen im Central Park, müde von Spaziergang in Soho und müde vom Kampf gegen die Massen. Draussen wimmelt es an diesem Sonntag von Leuten. In der Regel halten sie in beiden Händen grosse Plastiktaschen, die nicht selten den Schriftzug von «Macy‘s» tragen. Dieses grossen Warenhaus liegt gleich um die Ecke des Hotels und scheint Shoppingwillige anzuziehen, wie der Speck die Maden.

Die deutsche Sprache ist gut vertreten, der Schweizer Dialekt auch. Französische Brocken schnappe ich auf und italienische Flüche erklingen. Holländer beweisen ihre Sparsamkeit und Dänen ihren Charme. Es wird eingekauft, als ob es Morgen verboten würde. Die paar einheimischen New Yorker agieren als Zuschauer. Sie, die erst nach Thanksgiving ihre Weihnachtseinkäufe erledigen, wundern sich ab dem offensichtlichen Mangel an Gütern im fernen Europa.

Doch es hat auch ein paar normale Touristen in der Stadt. Als ich heute auf meinem Heimweg an einem Sexkino vorbei kam, verliessen zwei jugendliche Besucher das Lichtspieltheater. Beide hatten die Hemdkragen hochgeschlagen und schauten verlegen nach links und rechts. Über der Schulter baumelte bei einem ein Rucksack der Schweizerischen Bundesbahnen, was ihn zweifelsfrei als Landsmann identifizierte. Ein Gruss meinerseits im schönsten Züridütsch veränderte seine Gesichtsfarbe schlagartig, die fortan röter als das SBB Logo leuchtete. Das war gemein, ich weiss.

So, Schluss mit dem Texten. Ich sollte schlafen, die Kraft brauche ich noch heute Nacht. Es ist nicht nur der Flug, der viel abverlangt, es ist auch das Beladen des Busses. Denn auch unsere Mädels werden viel eingekauft haben, das steht fest. Koffer mit dreissig Kilogramm und mehr warten auf meine Oberarme und werden die Rückenmuskulatur stärken. Viel Schlaues weiss ich nicht mehr zu berichten. Darum beende ich den Text mit einem Zitat (Danke Mäse!), das so gut in die vorweihnachtliche Zeit passt:

Heutzutage kaufen viele Leute mit dem Geld,
das sie nicht haben, Sachen,
die sie nicht brauchen,
um damit Leuten zu imponieren,
die sie nicht mögen...
Ernst Bloch, dt. Philosoph, 1885-1977

Mittwoch, November 11, 2009

das Image der Piloten

Sie fliegen zu weit, sie verdienen zu viel, sie arbeiten nichts, sie machen mit den Frauen rum, sie ....

Ein Podcast räumt endlich mit all den Vorurteilen auf.

Die fünf Episoden lohnen sich. Hier ein Müsterchen:



... weitere Geschichten auf:
http://cockpit.blip.tv/
oder einfach im iTunes Store nach COCKPIT suchen.

Donnerstag, November 05, 2009

Closed Loo Principle

Wichtige Handgriffe pflegen wir im Cockpit gemeinsam zu erledigen. Wir überwachen uns gegenseitig und nennen das respektvoll «Closed Loop Principle». Diese Überwachung ist wichtig und verhindert Fehler. Trotzdem gibt es Handlungen, bei denen man ab und zu selber Hand anlegen muss.

Spätestens nach einer Stunde im Crewbunk sollte in die Seitenlage gewechselt werden. Der Rücken schmerzt, der Nacken ist blockiert und die Blase droht zu platzen. Natürlich würde der Gang auf die Toilette Erleichterung bringen, doch dann wäre die wunderbare Schwere im Körper wie weggeflogen. Also vorsichtig die Beine anziehen, das Schienbein unter dem praktischen Tablar hindurchzwängen und weiter träumen. Was der Blase Entspannung bringt, belastet den linken Arm. Er findet auf der schmalen Unterlage keinen Platz und hängt regungslos über dem schmutzigen Teppich.

Eine weitere Stunde später schläft nur noch der linke Arm. Durch den Druck auf die Gefässe wurde die Blutzufuhr unterbrochen und nur ein leichtes Kribbeln bestätigt, dass dieses schlaffe Teil zum eigenen Körper gehört. Die Extremität ist nicht nur taub, sondern dank der Zugluft auch unterkühlt. Dies wirkt sich wiederum negativ auf die Stimmung der Blase aus. Die Entleerung duldet keinen Aufschub mehr.

Ist der Kopf hart am oberen Bett aufgeschlagen, das Hemd zugeknöpft, die Hose geschlossen und die Frisur im Lot –, kann die Crewbunktür guter Hoffnung geöffnet werden. Nur zwei Schritte trennen den schlaftrunkenen Copiloten vom Ort der Erleichterung. Zwei Schritte nur, um eine drohende Katastrophe abzuwenden. Doch die Chancen auf eine freie Toilette stehen vor der Landung etwa ähnlich schlecht, wie die auf den Hauptgewinn bei der «Euro Millions» Ziehung. Kein Wunder, möchten sich doch acht Gäste aus der ersten Klasse nach dem langen Aufenthalt unter der Daunendecke etwas frisch machen, ihren Schlafanzug ausziehen und allerlei Duftstoffe verteilen. Mit Schminkkoffer in der einen und dem «Deux Pièces» in der anderen Hand, verschwindet die Dame von 1A einen winzigkleinen Moment vor mir im engen Raum.

Ein «Ratsch» quittierte meine schmerzliche Niederlage. Mit diesem «Ratsch» wechselt der Schieber von Grün nach Rot. Grün, die Farbe der Hoffnung – Gelb, die meiner Augen! Minuten später ein erster Hoffnungsschimmer: die Spülung wird betätigt. Ein Mann würde sich jetzt noch kurz die Hände waschen, einen letzten Kontrollblick tätigen und das Klo schnellstmöglich verlassen. Nicht so die Dame von 1A. Mit zwei gut hörbaren «Klonk» wird der Schminkkoffer aus edler Manufaktur geöffnet. Als Zuhörer kann man nur ahnen, wie lange die sanfte Renovation der Aussenfassade von 1A dauern könnte. Zur Ablenkung hüpft der geplagte Copilot von einem Bein auf das andere und lenkt sich ab. Den angebotenen Espresso hätte er gerne getrunken, muss ihn aber aus Kapazitätsgründen ins Holding schicken.

Eine Ewigkeit später die Erlösung. Ein «Ratsch» und aus Rot wird Grün – endlich! Aus dem Nichts kommend schiesst der Kapitän an mit vorbei und bittet um Entschuldigung. Schliesslich sei man bald im Anflug, schliesslich warte anspruchsvolle Arbeit im Cockpit.
Wieder «Ratsch».

Brutal, es wäre so schön gewesen.

Sein Geschäft hat er schnell erledigt. Eine Minute später steht er vor mir. In meinen Augen kann er die nackte Panik ablesen. Denn auf 2A erhebt sich ein Mann und läuft zielstrebig Richtung Toilette. Ich will am Kapitän vorbei, kann aber nicht. Dieser steht im Weg und schlürft genüsslich den Espresso, der eigentlich für mich vorgesehen war. Dabei verstellt er den Durchgang für den wartenden Copiloten, was Passagier 2A geschickt ausnutzt. «Ratsch» und der Schieber steht wieder auf Rot. Aus Verzweiflung beisse ich in ein fettiges Croissant und schaue mich nach Alternativen wie leeren Champagnerkübeln oder Pet-Flaschen um. Aus Sekunden werden Minuten, aus Minuten Stunden.

Lange nachdem ein leuchtendes Symbol die Passagiere an den Sitz fesselte, verlässt 2A das Klo. Die Erleichterung lässt sich nicht in Worte fassen. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer. Schon beim nächsten Flug wird sich das Theater wiederholen. Darum reden Copiloten, die in der zweiten Schicht schlafen müssen, auch vom «Closed Loo Principle».

umgezogen, enttäuscht und zurück

Liebe Leser

die alte neue Seite hat mich enttäuscht. Weder Geschwindigkeit, noch Layout haben mich befriedigt. Vielleicht erklärt sich damit auch meine Schreibfaulheit in den letzten Wochen.

Unter neuer (und alter) Adresse findet man ab subito wieder das vertraute Layout und den hoffentlich lesenswerten Artikeln.

Dienstag, September 15, 2009

von Baustellen und Umzügen

Gerne wettern Autofahrer in den Sommermonaten über die vielen Löcher und Absperrungen auf dem Belag, der ihnen das Leben bedeutet. Zu allem Elend wird jetzt an dieser Stelle auch alles aufgerissen und umgebaut. Flexibilität heisst das Zauberwort, Anpassung und Angewöhnung.

Ich leite sie, liebe Leser, jetzt mit Geschickt um all die Hindernisse herum und führe sie direkt auf meine neue Seite. Wer subito zum noch fast leeren Blog gelangen möchte, klickt hier. Wer zuerst über die Haupt- auf die Neben- und dann auf die Blogseite navigieren möchte, klickt hier.

Natürlich verstehe ich all die treuen Leser, die ab heute auf einer halbfertigen Seite lesen müssen. Das ist so wie im richtigen Leben, fertig werden die Baustellen nämlich nie.

Zum Schluss möchte ich mich mit allen Ehren von splitduty.blogspot.com verabschieden. 381 Geschichten habe ich aus aller Welt auf dieser Plattform gepostet. Begrüssen wir das neue Kind, es heisst

flugschreiber.ch

Samstag, September 05, 2009

JJ

Als «JJ» werden in den Bündner Bergen die wieder zugewanderten Bären bezeichnet. Meine Frau nennt mich auch schon JJ. Drei Wochen Ferien sind hinter mir und der wohlverdiente Winterschlaf hat mir gut getan. Meine Abneigung gegen Rasuren zeigt sich am Pelz im Gesicht und die rigorose Beeren- und Gemüsediät meiner Frau bescheren mir erste Erfolge beim Besteigen der Waage. Zum Glück haben wir in unserer kleinen Wohnung eine Dusche, sonst würde ich auch wie JJ riechen.

Gefahr droht mir im Moment nur von der Bündner Hochjagd und meinem irrationalen Ehrgeiz bei der Abfahrt auf Serpentinen mit dem Mountainbike aus edlem Material. «Carbon statt Kondition» haben neulich zwei Steinböcke in einem Werbevideo einem alternden Sportler nachgerufen. Ich passe ziemlich genau in dieses Bild.


Seit man mit Hilfe dem iPhone die gefahrene Strecke, die Geschwindigkeit und das Höhenprofil nach der Fahrt analysieren kann, mache ich mir auch keine Illusionen mehr über meinen Fitnesszustand. Auf zwei Stellen genau sehe ich meine gefahrene Durchschnittsgeschwindigkeit. Mit der Marke, die ich vor zwanzig Jahren beim Joggen erreichen musste, bin ich heute auf dem Rad zufrieden. Die Zeiten ändern sich, aber das ist auch gut so.

Auf meiner Joggingrunde über Stock und Stein hat mich letzte Woche eine Läuferin überholt, die zur Musik im Ohr summte und roch, als wäre die Parfümabteilung vom Jelmoli gleich um die Ecke. Da bevorzuge ich die Duftnote von «JJ».

Noch zwei Wochen bleibe ich in den Bergen. Zwei Wochen mit viel Bewegung, ohne Rasur und mit ordentlich Bärennahrung. Mögen mich die Jäger verschonen und mein Bike auch. Ohne Carbon komme ich gar nicht mehr die Berge hoch!

Dienstag, August 25, 2009

schlaf, Copi schlaf


Schlaf, Copi, schlaf.
Der Captain hüt' die Schaf,
die Cockpittür wird zugeknallt,
im Galley wird ganz laut gelallt.
Schlaf, Copi, schlaf.

Schlaf, Copi, schlaf,
jetzt schnarcht auch der Chef ganz brav
der Autopilot ist das Lämmerlein,
der ATHR das Schäferlein.
Schlaf, Copi, schlaf.

Schlaf, Copi, schlaf.
diese FDRs sind eine Straf
der Crewbunk der ist unbequem
und laut wie Mozarts Requiem
Schlaf, Copi schlaf.

Schlaf, Copi, schlaf.
auch wenn du bist jetzt schlaff
musst du machen die Landung
Punktgenau und mit viel Schwung
Brav, Copi brav.

Eine Woche meiner langen Ferien sind jetzt um. Jeden Abend ging ich knapp nach dem Eindunkeln ins Bett und schlief zehn Stunden durch. Dazu gesellte sich über die Mittagszeit eine Siesta von mindestens 90 Minuten. Und wissen sie was? Ich bin immer noch müde.

Mein Körper braucht die Ruhe. Er schreit förmlich nach Schlaf und lässt mich das auch spüren. An Anlässen nicke ich ein und nicht mal ein Spielfilm am Fernsehen kann ich geniessen, ohne dass meine Augen sich schliessen und der Kopf zur Seite kippt. Normal finde ich das nicht.

Auch die Luftfahrtsicherheitsbehörde der Europäischen Union, die EASA, findet das nicht normal und hat eine Wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben. Diese so genannte «Moebius-Studie» hat sich kritisch mit den geltenden Flugdienstvorschriften auseinandergesetzt. Die Wissenschaftler haben 18 Punkte kritisiert, die sicherheitsrelevant sind und zur Übermüdung der Flugbesatzungen führen. Natürlich kritisierten die Airlines die Ergebnisse der Studie. Der Ball liegt jetzt bei der Politik.

Selbstverständlich dürfen die Pilotenverbände zu diesem Thema nicht schweigen. Unter dem Titel «Flying drunk … or too tired to care?» veröffentlichte die IFALPA im Oktober 2007 einen lesenswerten Artikel zum Thema Müdigkeit. Im Text wird darauf hingewiesen, dass die Reaktionszeit bei Wachperioden von grösser 16 Stunden ähnlich der nach starkem Alkoholkonsum sei. Laut einem Artikel im TIME Magazin entspricht eine Wachperiode von zwanzig Stunden 0.8 Promille Alkohol im Blut. Nicht von ungefähr raten uns mitfliegende Polizisten immer wieder, dass wir nach Nachtflügen besser nicht mit dem Auto nach Hause fahren sollen.

Vor nicht langer Zeit habe ich einen Piloten interviewt, der 1994 mit etwas über 12‘500 Flugstunden pensioniert wurde. Kolleginnen und Kollegen, die heute in die Linienfliegerei eintreten, werden voraussichtlich mit 25‘000 Flugstunden in den Ruhestand geschickt – also mit genau dem Doppelten.

Unsere Körper rebellieren bereits dagegen, unser Geist noch nicht. Das müssen wir ändern!

Freitag, August 21, 2009

mein Flug mit Griess-Air

Würden ausgewählte Handwerksbetriebe eine Airline führen, dann blieben die Sitze wegen des zu erwartenden Chaos mit Bestimmtheit leer. Trotzdem buchte ich einen Sitz auf der renommierten Griess-Air, die gemäss eigener Internetseite behauptet, dass sich der Kunde um nichts mehr zu kümmern braucht. Der Name Griess-Air ist übrigens erfunden und Ähnlichkeiten mit existierenden Firmen sind nicht beabsichtigt.

«Guten Tag, leider sind alle unsere Speziallisten im Moment besetzt. Bitte haben sie einen Moment Geduld.» Für 25 Rappen die Minute singt mir Michael Jackson einen Thriller vor. Nach 75 Rappen hört das Kreischen auf. Immerhin – hätte ich den Song im iTunes Store gekauft, er wäre doppelt so teuer gekommen. Draussen schneit es, wir schreiben den 3. März.
«Grüezi, wie kann ich ihnen helfen?»
«Ich würde gerne einen Flug nach New York buchen»
«Wann soll die Reise dann stattfinden?»
«So bald als möglich.»
«Reisen sie allein?»
«Nein, meine Frau und der Hund begleiten mich.»
«Oh, das wird kompliziert.»
«Warum?»
«Für Männer ist eine andere Abteilung zuständig als für Frauen. Hundetransporte haben wir ausgelagert.»
«Mir ist eigentlich Wurst, wie sie ihre Firma organisieren. Geht es oder geht es nicht.»
«Ich schicke einen Berater vor Ort. Wann passt es ihnen?»
«Nächsten Dienstag.»
«Dienstag ist gut. Er kommt zwischen 7.30 Uhr und 12.30 Uhr.»
«Geht es nicht ein bisschen genauer?»
«Was stellen sie sich vor? Wir haben noch andere Kunden!»

So sass ich am folgenden Dienstag erwartungsvoll in der Küche und wartete auf den Kundenberater. Er kam um 14 Uhr, mass mich, meine Frau und den Hund aus und versprach, sich bald wieder zu melden. Drei Wochen später traf der Kostenvoranschlag ein. Der Fachmann riet mir aufgrund meiner Grösse in der Businessklasse zu reisen und meine Frau als Verwöhnprogramm in der First zu buchen. Es sei zwar etwas teurer, dafür luxuriöser. Den Hund würde er vom hinteren ins vordere Compartement upgraden, und das ganz ohne Zusatzkosten. Wir akzeptierten das Angebot und freuten uns den Flug.

Am Reisetag klebten wir wie kleine Kinder an der Scheibe des Flughafens und schauten, wie breitschultrige Männer unser erstaunlich kleines Flugzeug mit Hund und Koffern beluden. Minuten später liefen wir die Passagierbrücke hinunter und nahmen Platz. So geräumig war die Businessklasse auch nicht, doch «who cares», schliesslich ging es endlich los.

Man schrieb Mitte Mai, als wir Richtung Startpiste rollten. Ich fragte den Piloten noch, ob wir mit dieser kleinen Klapperkiste denn wirklich nach Übersee kämmen? Er bejahte und wir stiegen langsam gegen den Himmel. Schon über Basel begann der Propeller zu stottern. Das Benzin sei ihm ausgegangen, sagte der schwitzende Flugzeugführer. Er hätte die Tankkapazität der Cessna 152 scheinbar doch überschätzt.

Am gleichen Abend hörte ich wieder Michael Jackson zu, der damals übrigens noch lebte. Drei Minuten später war klar, dass ich den Song gescheiter bei iTunes gekauft hätte – es wäre billiger gewesen. Neuer Termin: Ein Tag im Juni, irgendwann zwischen 7.30 Uhr und 12.30 Uhr.

Im Juni ein weiterer Versuch. Die Maschine war grösser und der Sitzabstand auch. Alles klappte prima bis über der Stadt Paris. Sie hätten ein Flugzeug ohne Druckkabine erwischt, entschuldigte sich die Hostess. Dass wir neuerlich nach Zürich zurückkehren müssen sei sicherlich auch in unserem Sinn. Der Hund stehe noch auf dem Vorfeld – jemand vergass ihn einzuladen.

Aerosmith krähten mir «Crying» ins rechte Ohr und ich wartete neuerlich vier Minuten am Telefon. Wir seinen schwierige Kunden, informierte mich die Telefonfee, aber sie versuche alles menschenmögliche, dass wir einen neuen Termin ohne übliche Wartefrist bekämen. Schliesslich stehen die Sommerferien vor der Tür und man sei mit Personal eher knapp bestückt. Ich wiederholte, dass mich die Organisation ihrer Firma nicht interessiere. Das überhörte sie höflich. Nächster Termin: Ein Tag im September zwischen 7.30 Uhr und 12.30 Uhr. Dass wir im September in den Ferien seinen, nahm sie mit einem Stöhnen zur Kenntnis. Definitiver Termin: Ein Tag im Oktober zwischen 7.30 Uhr und 12.30 Uhr.

Im Oktober fiel das erste Laub von den Bäumen. Die Triebwerke heulten auf und ein lauter Knall ertönte. Startabbruch und zurück an den Standplatz. Ein Mechaniker schlug mit einem grossen Vorschlaghammer auf das rechte Triebwerk, worauf der Pilot mit rotem Kopf das Fenster öffnete: «Es ist das Linke du Idiot!» Der Mechaniker zuckte mit den Achseln und schlug mit doppelter Wucht auf eben das Linke. Den Piloten schien das zu befriedigen und er rollte zur Piste. Ohne Probleme hob die Röhre ab und ohne Verspätung erreichten wir New York. Hund war da, Koffer war da und die Frau auch.

Beim Einchecken für den Rückflug standen wir vor dem Schalter, wo uns eine Dame anwies, die 0848 Nummer der Griess-Air zu wählen. Ich ahnte nichts Gutes, Reinhard Mey schon. Er sang von der Freiheit über den Wolken, nicht ohne 25 Rappen pro Minute dafür zu kassieren.

Sie müsse mir sagen, dass der Flieger mit beiden Triebwerken Probleme hätte. Irgend ein Volltrottel hätte vor Jahresfrist mit einem grossen Hammer auf die Motoren geschlagen und sie irreparabel beschädigt. Das sei die schlechte Nachricht, aber es gäbe auch eine gute. Ein Team von Speziallisten sei unterwegs nach New York, hätten neue Motoren dabei und werden die defekten Teile so schnell wie möglich auswechseln. Wir warteten.
Ein kompetenter Chefmechaniker trat eine Stunde später in die Lounge und informierte die Fluggäste über die Reparatur. Und zwar so freundlich, wie er es am Kundenbindungsseminar lernte. Schliesslich agiere Griess-Air so, dass sich die Kunden um gar nichts zu kümmern hätten, betonte er lässig an der Theke stehend. Von hinten schlich sich ein bleicher Lehrling heran und flüsterte gut hörbar für alle Beteiligten genau den Satz ins Ohr, den wir alle irgendwie erwartet hatten: «Chef, wir haben die Motoren in Zürich vergessen.»

Nächster Termin: Tag unbekannt, aber bestimmt zwischen 7.30 Uhr und 12.30 Uhr.

Dienstag, August 18, 2009

von der Leichtigkeit des Fliegens

Oft werde ich gefragt, ob das Fliegen eines Airbus schwer sei. Ist es nicht, was dieser Beitrag beweist.

Nach dem Studium der SWC schauen wir kurz auf das TAF und das METAR, bevor wir das TOI begutachten. Es lohnt sich auch das SIGMET genau zu studieren, denn MOD TURB sind nicht wirklich angenehm. Hurtig die DIST und den GCI überprüfen und dann das FOB bestimmen. Schon ist die Planung abgeschlossen.

Derweil sitzt die Kabinenbesatzung im Kreis herum und die F/A‘s bekommen vom M/C Informationen über HONs und SENs. Weiter muss das FCG wissen, wie viele KSML geladen sind und ob PAX 1A wirklich ein VLML und nicht ein VGML will.

Die Kolleginnen in der YCL freuen sich über Flugnachwuchs und die 5 geladenen CHML. Ein WHCR sitzt in der CCL und ein VIP auf 2A. Die Küchenchefs werden darauf hingewiesen, dass die HSG durch CSG ersetzt wurden. Kein Wunder bei dieser Hitze!
Ich sitze wenige Minuten später im Cockpit und füttere die MCDU mit dem FLP. Das FOB stimmt und die MEL muss aufgrund des guten Zustandes der HB-JMA nicht kontaktiert werden. Nach dem Abspulen der Checkliste höre ich das ATIS und rufe die DLV auf. Gottseidank, wir kriegen das DEGES 1H und nicht das DEGES 2F!

APN gibt und die CLR zum zurückstossen und wir lassen die ENG1 an. ENG2, 3 und 4 folgen. ECHO sollen wir nehmen und short of 28 stoppen. Es muss der GND gerufen werden, bevor wird den RWY crossen dürfen. Ach, diese Funkerei! Zum Glück gibt es an vielen Orten der Welt CPDLC und PDC!

Der TWR gibt uns die Freigabe. Der CMD setzt T/O PWR, den wir mit FLEX 32 künstlich reduziert haben. Es rollt – V1, VR und V2 – das Flugzeug steigt mit einem ROC von ein paar Hundert FT in den Himmel und CLB THR wird gesetzt.

Soll mal einer sagen Fliegen sei schwer!

Sonntag, August 16, 2009

Schweinegerippe

Es ist Samstagabend hier in Montréal. Die Sonne wärmt die Stadt auf über 30° Celsius auf und die ausgehfreudigen Québécoises flanieren leicht gekleidet durch die Gassen. Mit viel Glück finden sieben durstige Crewmitglieder einen freien Platz mit Blick auf die Flaniermeile und lassen kühlen Gerstensaft durch ihre trockenen Kehlen laufen.

Lange geht es nicht, bis sich die Diskussionen um das Thema Schweinegerippe drehen. Man ist sich einig, dass Hygiene im Umgang mit Schweinegerippe von immenser Wichtigkeit ist. Regelmässige Reinigung der Hände mit Feuchttüchern und respektvolle Distanz zum Nachbarn sind wohl die wichtigsten Regeln, die es zu beachten gibt.

Auch das beliebte Küssen als Begrüssung ist tunlichst zu unterlassen. Unangenehm könnten die Folgen beim zärtlichem Berühren der Wangen sein, wenn eine davon vorher mit Schweinegerippe in Kontakt kam.

Ein fachmännischer Blick nach links und rechts bestätigt mir, dass dieses Lokal die Regeln im Umgang mit Schweinegerippe einhält. Feuchttücher liegen im Dutzend herum und frisch gewaschene Servietten werden gleich doppelt abgegeben. Nach einer kurzen Rücksprache mit dem Kapitän wage ich es und bestelle eine grosse Portion «Spare Rips». Herrlich dieses grillierte Schweinegerippe!

Mittwoch, August 12, 2009

Die grossen Mythen der Fliegerei

Mythos 1: Piloten fliegen gerne

Nein, ich wollte als kleiner Junge nicht Pilot werden. Fussballer wollte ich sein, und zwar so wild wie Botteron und nicht so geleckt wie Cruyff. In Tat und Wahrheit hatte ich Angst vor den fliegenden Kisten. Wackelig sahen sie aus und laut waren sie auch. Gross war die Freude meines Vaters, als er mit meiner Schwester und mir an sonnigen Sonntagen ins Birrfeld fuhr. Oft fragte er mich, ob ich einen Schnupperflug machen wolle. Ich wollte nie – ich hatte Schiss.

Und glauben sie mir, ich habe noch heute zittrige Knie, wenn ich ein Flugzeug besteigen muss. Es ist nicht die Höhe, die mir Angst macht, auch nicht das Element Luft oder die vielen Schalter. Ich habe weder Platzangst noch schlaflose Nächte wegen all den möglichen Sachen, die schiefgehen könnten – nein, es sind die Sitzabstände in der Touristenklasse, die mir den Angstschweiss auf die Schläfen zaubert.

Wenn mein Kreuz satt am Sitzkissen liegt, dann passen die Beine genau in den Leerraum zwischen Rückenpolster und Vordersitz. Leider aber nur, wenn ich verbotenerweise die Katastropheninstruktionen aus dem Zeitschriftenfach vor mir herausklaube und den Duty-Free Prospekt mitsamt Bordmagazin auf dem Nachbarsitz entsorge. Richtig schlimm wird es, wenn vor mir ein Vielflieger sitzt, der seinen Platznachbarn schon vor dem Start beweisen will, dass man die Sitzlehne am besten mit Schwung in die maximale Neigung bringt.

Nach fünf Minuten beginnt sich das Blut in den Kniekehlen zu stauen. Ein leichtes Kribbeln schleicht über die Zehen und dem Oberschenkel entlang zur Hüfte. Dem Hirn wird im Sekundentakt eine gesundheitsschädigende Position gemeldet. Die Ellenbogen liegen auf dem Schoss und würden gerne einen kurzen Moment auf der Armlehne links oder rechts pausieren. Leider sind diese schon besetzt. Eingenommen von den «Super-Dupper-Meilenkönigen», die mich ins Sandwich genommen haben. Nachbar rechts möchte Zeitung lesen und der links quatschen. Ich habe einmal gelernt, dass man aus Höflichkeit seinem Gesprächspartner in die Augen schaut. Nur leider geht das nicht. Die Rückenmuskulatur hat sich derart versteift, dass sich der Nacken mit der Lendenwirbelsäule solidarisierte und nun streikt. Also quatsche ich nicht.

Der Körper ist vom Unterleib hinunter taub. Die Blase liegt leicht oberhalb und meldet Überlaufgefahr. Obwohl ich noch keinen Tropfen intus habe und vor wenigen Minuten am Flughafen zollfrei meine Notdurft verrichtete, will die blöde Blase Wasser lassen. Bis ich meinen Nachbarn zu meiner rechten davon überzeugt habe, dass er bitte seine Zeitung verstauen und mich gnädigerweise vorbei lassen soll, steht eine junge Frau im Gang und schiebt einen Blechwagen vor sich her. Der Weg ist versperrt und die Blase muss warten. Ich muss den Sitz des Vordermannes leicht nach vorne drücken, damit ich wieder Platz nehmen kann.

Kaum im Sitz eingepasst, hat sich die junge Hostess neben unserer Sitzreihe aufgebaut. Ihr Wagen stinkt, sie nicht. Resolut versucht sie, mein Klapptischen in die Waagrechte zu bringen. Es geht nicht, und zwar wegen meiner Beine. Sie vermutet einen Defekt im Scharnier und versucht es mit Gewalt. Autsch!

Noch bevor ich mir die Schmerztränen abwischen kann, fragt sie mich nach meinen Lüsten – den kulinarischen versteht sich. Ich hätte besser nicht geantwortet. Eine heisse Aluminiumfolie wird von irgend einer kochenden Packung entfernt und gibt den Blick auf etwas frei, was sich ganz offensichtlich nicht zum Aufwärmen eignet. Wild durcheinander schwimmen Lebensmittel in einer Sauce, deren Farbe mich stark an – nein, das darf ich jetzt nicht schreiben.

Der Platz ist so knapp, dass wenn ich trinken will, ich mich mit meinem Nachbarn absprechen muss. Zusammen saufen geht nicht, vom Zuprosten wollen wir gar nicht reden.
Mittlerweile scheint auch meine Blase eingeschlafen zu sein. Die Taubheit erreicht langsam den Kopf und die Augenlider schliessen sich zaghaft. Ich beginne zu träumen und sehne mich nach dem Crewbunk. Ja, genau dieser Crewbunk, den ich sonst so verfluche, erscheint mir in meiner jetzigen Situation wie das Paradies auf zwölf Kilometer über Weissgottnichtwas.

Geweckt werde ich in drei Sprachen. «Friede-Freue-Eierkuchen» in drei Sprachen, Flugzeit in drei Sprachen, Route in drei Sprachen, Wolken in drei Sprachen, Temperatur in drei Sprachen, Rogers Siege in drei Sprachen, «Super-Dupper-Meilenprogramm» in drei Sprachen, Ortszeit in drei Sprachen, Flughöhe in drei Sprachen, Gegenwind in drei Sprachen, Unicef Spende in drei Sprachen, Danke in drei Sprachen, einen guten Appetit in drei Sprachen und die Hoffnung, dass wir einen schönen Flug hatten auch in drei Sprachen. Wofür habe ich eigentlich den doofen Bildschirm auf Bauchhöhe, der mir wertvolle Millimeter raubt und all die Angaben mehrfarbig präsentiert?

Nein, Piloten fliegen nicht gerne, zumindest nicht als Passagiere!

Freitag, August 07, 2009

von Bünzlis

In der Schweiz heissen die Spiessbürger Bünzlis. Nicht von ungefähr klingt das Wort im Dialekt lieblicher als in der Hochsprache. Wir Schweizer haben keine schwierige Beziehung zum Bünzli, denn alle Schweizer sind irgendwie von diesem Schlag.

Ja, ich würde sogar sagen, dass unser kleines Land die Wirtschaftskrise dank den Bünzlis besser übersteht. Schweizer lassen sich grob in drei Gruppen einteilen. Die die leidenschaftlich Bünzlis sind, die die alles machen um nicht Bünzlis zu sein und die Jungen.

Die Jungen opponieren, wollen sich abheben und versammeln sich biertrinkend auf öffentlichen Plätzen. Die Bünzlis haben am Samstagnachmittag das Auto gewaschen, gönnen sich einen gespritzten Weissen und flüchten danach ins Freie. Die die um keinen Preis Bünzlis sein wollen, stehen sich an einem hippen Ort die Beine in den durchtrainierten Arsch, nippen an Alkoholischem und reden mitten im Sommer vom Pulver-Schnee. Da unser Land ja so klein ist, kommen die drei Gruppen zwangsläufig am gleichen Ort zusammen und man redet dann von der Streetparade.

Aber ein ganz kleines Grüppchen Helvetier hat sich dem Rummel entzogen. Sie fliegen um den halben Erdball und landen in einer Stadt, die Verkehrschaos, grauen Himmel und heisse Temperaturen kennt. Selbst diese kleine Gruppe lässt sich wiederum einteilen. Es gibt solche die viel shoppen und solche die extrem viel shoppen. Die die viel shoppen, rennen in das MBK. Das MBK ist ein Shopping Center hier in Bangkok, das es gelinde gesagt mit den Markenschutzgesetzen nicht so genau nimmt. Die Bünzlis kaufen Stoffkrokodile auf Stoffshirts mit Kragen, die die um keinen Preis Bünzlis sein wollen, erstehen Altkleider mit dem Aufdruck «Abercrombie & Fitch».

Aber einer sticht aus dem Grüppchen heraus. Er kauft nichts, gar nichts. Lieber packt er sein Mac Book in eine alte Lastwagenplache und läuft ganz cool ins nächste Starbucks, wo er Texte wie diese verfasst.

Was habe ich zu Beginn des Aufsatzes behauptet? Richtig: Wir Schweizer sind alles Bünzlis – und zwar restlos!

Samstag, August 01, 2009

Geschätzte....

.... Frau Bundesrätin, geschätzte Bundesräte, liebe Ständerätinnen und Ständeräte, verehrte Nationalrätinnen und Nationalräte, lieber Herr Regierungsrat, geschätzte Volksvertreterinnen und Volksvertreter, Mitbürgerinnen und Mitbürger. Ich möchte sie, geschätzte Frau Bundesrätin, geschätzte Bundesräte, liebe Ständerätinnen und Ständeräte, verehrte Nationalrätinnen und Nationalräte, lieber Herr Regierungsrat, geschätzte Volksvertreterinnen und Volksvertreter, Mitbürgerinnen und Mitbürger ganz herzlich zur diesjährigen 1. Augustfeier begrüssen. Bevor ich meine Rede beginne, möchte ich sie, liebe Frau Bundesrätin, geschätzte Bundesräte, liebe Ständerätinnen und Ständeräte, verehrte Nationalrätinnen und Nationalräte, lieber Herr Regierungsrat, geschätzte Volksvertreterinnen und Volksvertreter, Mitbürgerinnen und Mitbürger, darauf hinweisen, dass mitgebrachtes Feuerwerk nur hinter dem Festzelt abgebrannt werden darf. Bitte achten sie darauf, liebe Frau Bundesrätin, geschätzte Bundesräte, liebe Ständerätinnen und Ständeräte, verehrte Nationalrätinnen und Nationalräte, lieber Herr Regierungsrat, geschätzte Volksvertreterinnen und Volksvertreter, Mitbürgerinnen und Mitbürger, dass auch ihre Kinder diese Regelung beachten.
1291 haben unsere Vorfahren für sie, geschätzte Frau Bundesrätin, geschätzte Bundesräte, liebe Ständerätinnen und Ständeräte, verehrte Nationalrätinnen und Nationalräte, lieber Herr Regierungsrat, geschätzte Volksvertreterinnen und Volksvertreter, Mitbürgerinnen und Mitbürger ... – oh, jetzt habe ich den Text vergessen.

Donnerstag, Juli 30, 2009

TRAFFIC! TRAFFIC!

Wenn unsere Warngeräte im Cockpit so aufheulen, dann steht eine Kollision in der Luft unmittelbar bevor. Autopilot ausschalten und den Kommandos des Computers folgen, auf das sind wir bestens vorbereitet und trainieren es regelmässig im Simulator.

Unbequemer ist es, wenn Personen wie Piloten, die gewohnt sind alles zu kontrollieren, nicht aktiv ins Geschehen eingreifen können. Man(n) kennt das, wenn Frau einmal das Steuer am eigenen Wagen übernimmt – Piloten kennen das, wenn sie ihr Leben im Ausland einem Taxifahrer anvertrauen. Scheinbar zur gleichen Zeit haben sich zwei Copiloten auf zwei verschiedenen Kontinenten in die gleich lebensgefährliche Lage begeben. Während sich Kollege Skypointer ins indische Verkehrschaos stürzte, erkundete ich das Johannesburger Hinterland.

Unsere Ausflüge scheinen einiges gemeinsam zu haben: Frühe Tagwacht, Stau in der Stadt, Rasen über die Nebenstrasse, Tiere auf der Fahrbahn, Angstschweiss und viel Alkohol am Abend nach dem Ausflug. Dankbar bin ich aber, dass unsere Fahrt nur 5 Stunden dauerte, der Wagen in ausgezeichnetem Zustand war, tadellose Sicherheitsgurten hatte und der Fahrer durch die Anwesenheit von zwei Sicherheitsbeamten aus dem Land der Reduitfestungen in seinen Rasergelüsten zurückgebunden wurde.

In Pilanesberg angekommen legten wir die Gurten ab und konzentrierten uns auf das Leben hinter den Autoscheiben. Schon nach zehn Minuten fuhren wir über ein stinkendes Häufchen, das angeblich den Löwen zuzuordnen war. Mangels Robidog darf die Tierkacke hier in Afrika noch getrost und ungestraft liegen gelassen werden.

Unser Hunger nach Wildtieren wurde bald gestillt. Impalas, Springbocks, Giraffen, Flusspferde (heissen die fern vom Nil auch Nilpferde?) und Wildsauen kreuzten unseren Weg. Elefanten soll es auch gehabt haben, aber die hat meine Wenigkeit angeblich verpennt. Die Löwen haben wir nicht mehr gesehen, dafür haben sich zwei Tiger in unserem Wagen verirrt – aber das ist eine andere Geschichte.



Als wir vom staubigen Land genug hatten und der Magen knurrte, stand plötzlich dieser unsympathische Zeitgenosse vor uns. Brav machte unser Fahrer Platz, denn keiner von uns verspürte Lust, sich mit dem Einheimischen um den Vortritt zu streiten. Die Fotoapparate wurden gezückt und der Moment verewigt.



Schutzengel haben dafür gesorgt, dass wir am Abend wie die Löwen unser 500g T-Bone Steak «medium-rare» geniessen konnten. Zurück bleibt die Erinnerung an einen schönen Ausflug und die Hoffnung, dass sich mir heute Nacht im Luftraum über Afrika nicht wieder ein Springbock* in den Weg stellt.




* die «South African Airlines» benutzt das Rufzeichen «Springbock» im Funkverkehr.

Montag, Juli 27, 2009

Nacktwandern

Soll mal einer sagen, dass das Limmattal ein verschlafener Ort ist. In akrobatischer Schräglage meisterte ich die Kurve in der Abfahrt vom Egelsee und erblickte Sekundenbruchteile später das Wesen im Adamskostüm. Braun gebrannt – nahtlos versteht sich – erklomm er seelenruhig die Steigung auf der Naturstrasse. Sein wippender Kollege verdeckte er gekonnt mit einem Büschel Grünzeug und mit besten Manieren grüsste er den verdutzten Radfahrer.

Im Nachhinein muss ich sagen, dass die Begegnung nach Appenzeller Art nur positive Seiten hatte. Nacktwanderer sind höflich, machen Platz, respektieren die Rasergene von "Fully-Bikern" und zaubern dem ausgepowerten Radler ein Lächeln auf die Lippen.

Ich fordere mehr Nacktwanderer und weniger Nordic Walkerinnen!

Dienstag, Juli 21, 2009

aussereheliches



Leser Beem möchte wissen, wie es um das aussereheliche Liebesleben von Flugzeugbesatzungen so steht. Ich versuche diese delikate Frage an diesem verregneten Monsuntag kompetent zu beantworten.

«Hinter jedem Piloten steht eine starke Frau und dahinter die Ehefrau» – so war das zumindest früher. Umschwärmt waren die zukünftigen Piloten schon in der Grundausbildung. Wenn sie auch nicht alle hübsch und anschaulich waren, so trotzten sie unisono von Selbstvertrauen. Die Damenwelt wusste, dass ein leibhaftiger Lottosechser vor ihnen stand und setzten ihre Waffen gezielt ein, den fetten Fisch an Land zu ziehen. Mit zwei dicken Streifen auf der Schulter wurden die jungen Herren auf den ersten Einsatz geschickt. Bald wurden es drei, dann vier. Während der Kapitän die Ringe an den Fingern trug, hatte sie der Copilot um die Augen. Kein «Nightstop» war zu kurz, um nicht noch einen Flirt irgendwo in einer dunklen Bar abzuhalten. Im Operations-Center stand damals noch ein Automat für die kleinen Notwendigkeiten. Neben den verletzlichen Damenstrümpfen in blauer Farbe, fanden sich für die Herren Kautschukprodukte mit grünem, violettem und blauem Band.
Mit den ersten Falten im Gesicht kamen in der Regel auch die Ringe um den Bauch. Da aber das Salär mit den Jahren exponentiell anstieg, verzieh die Damenwelt den Piloten diese kleinen Schönheitsfehler. Was für ein Leben! – das erzählen mir zumindest die pensionierten Kapitäne von früher.

Heute ist das anders. Die Aussicht auf ein Reiheneinfamilienhaus im Thurgauer Hinterland scheint weniger Anziehungskraft auf die junge Damenwelt zu haben, als die Villa am Zürichberg und die Ferienwohnung in Flims. Auch die Streifen auf den Schultern versprechen nicht mehr das, wofür sie früher standen. Doch diese Änderungen betreffen nicht nur uns Besatzungen, sie bedeuteten den Tod eines ganzen Industriezweigs. Das Eros-Center in Genf war als erste Institution dem Tod geweiht. Bald verlor das Crew-House in der gleichen Stadt den Glanz. Der Container in Narita musste seine Tore schliessen und auch das Joe Banana in Hongkong vermisste die balzenden Airline-Crews. «Effizienzsteigerung» ersetzte das Wort «Spass», «Vorschlafen» das «Vorspiel» und «SMS-len» das «Flirten».

Natürlich hat sich die Persönlichkeit der Piloten nicht grundsätzlich geändert. Noch immer würden wir jede Gelegenheit nutzen, wenn wir nur könnten. Dass es die immer noch zahlreich gibt, kann ich hier natürlich nicht öffentlich zugeben. Nur sind es nicht mehr die hübschen Flugbegleiterinnen, die uns aussereheliche Abenteuer bescheren, sondern die Sicherheitsbeamtinnen rund um den Erdball. Manche greifen einem so regelmässig in den Schritt, dass man schon fast nicht mehr von einer kurzen Affäre reden kann. Auch das sanfte Abtasten des Arsches würde in manchem Land der Welt als Scheidungsgrund genügen. Zum Glück sorgen die sechshundert zuschauenden Passagiere dafür, dass sich selbst beim jüngsten Copiloten nichts mehr regt.

Herr Beem, ich hoffe ihre Frage zur vollsten Zufriedenheit beantwortet zu haben. Allen Lesern, die auf schnelle Bettabenteuer aus sind rate ich, die Finger vom Pilotenberuf zu lassen. Melden sie sich bei «Big Brother» oder besser beim Sicherheitsdienst eines Flughafens in ihrer Nähe.


Montag, Juli 20, 2009

müde

Der Sonnenaufgang ist zugleich Rettung als auch Untergang. Endlich wird es hell im engen Stübchen. Die Welt elf Kilometer unter mir erwacht, meine Augenlider kämpfen gegen die Schwerkraft und der Körper meldet mit allen möglichen und unmöglichen Signalen, dass er dringend Schlaf braucht.

Flach treffen die Sonnenstrahlen auf die gereizten Netzhäute auf und verstärken den Wunsch, die Augen fest zu schliessen. Keine Sonnenbrille der Welt kann den Schmerz lindern – eine Zeitung muss her. Kunstvoll wird das Boulevardblatt als Schutzschild gegen die Lichtkanone befestigt. Statt Sonnenaufgang sehe ich jetzt den Arsch eines Promihäschens – was soll‘s?
Zwei Stunden später landet der Vogel mit meiner Hilfe auf einem nassen Asphaltstreifen. Feierabend – endlich. Zwei Freitage warten nach zwei Nachtflügen auf den müden Piloten. Keine schlechte Bilanz sollte man meinen. Zwei Tage Zeit um den verpassten Schlaf nachzuholen, die sozialen Kontakte zu pflegen, Sport zu treiben, den anstehenden Check vorzubereiten, den Körper zu synchronisieren, Bürokram zu erledigen und schöne Momente mir der geliebten Frau zu verbringen.

Klar hat der Check eine gewisse Priorität, schliesslich hängt meine Lizenz davon ab. Im System findet sich ein einzelnes A4 Papier mit dem ungefähren Ablauf, wie der Tag etwa stattfindet. Natürlich habe ich als alter Hase langsam ein Gespür dafür, wo ich bei der Vorbereitung die Prioritäten setzen muss. Darum bringt mich der Hinweis auf die genau 682 Seiten in diversen Manuals, die zur Vorbereitung auf die Prüfung bitte studiert werden sollen, nicht sonderlich aus der Fassung. Es darf auch nicht, denn das Gesetz verlangt ausdrücklich, dass ich ausgeruht meinen Dienst antreten muss und Simulator ist schliesslich auch Flugdienst. Pech, wenn man beim Check auf einen Instruktor mit einem geschärften Blick fürs Unwesentliche trifft, aber das ist wiederum halt Schicksal.

Sorgen bereitet mir ein anderes Phänomen. Die dreizehn Jahre Kontinentalhüpfen haben ihre Spuren hinterlassen. Der Körper ist müde, der Geist auch. Ich bin in den Jahren Meister im «Ausredensuchen» geworden. Schnell ist ein Grund gefunden, eine Aktivität abzusagen. Das Schaffen von Reserven – eine pilotische Lebensversicherung, hat auch im Privatleben Einzug gehalten. Zwei Tage sind einfach zu wenig für grosse Sprünge, drei Nächte im eigenen Bett müssen genutzt werden.

Der Check ist durch – alles gut überbestanden. Jetzt schaue ich hier im Mumbai zum Fenster hinaus. Monsunregen wässert die schmutzigen Strassen und wer nicht draussen sein muss, bleibt am Trockenen. Die charmante Stimme von Rosenstolz erheitert meine Ohren und der Milchkaffee meinen Gaumen. «Gib mir Sonne» lautet der Titel des Lieds. «Feiere das Leben, feiere den Tag» heisst es in einer Textpassage. Dazu habe ich auch Lust, aber zuerst brauche ich Schlaf. Ich bin müde!


unbekannter See an der iranisch-türkischen Grenze

Sonntag, Juli 05, 2009

Katerstimmung


Als ich gestern am «4th of July» um sechs Uhr in der Früh nach Belmond-Shore lief, traute ich meine Augen nicht. Lastwagengrosse Privatautos parkten am Strand und luden Unmengen von Lebensmitteln ab. Die Fresswaren wurden auf abgesperrten Flächen deponiert, wo sich ein Familienteam schon um den «King-Size-Grill» kümmerte.


Drei bis vier Zelte pro Familie war die Regel. Säcke voller Eis wurden in badewannengrosse Kühlboxen geleert, in denen Cola- und Bierdosen auf den Kälteschock warteten. Und das bei Sonnenaufgang.
Weisse, gelbe und rote Bänder sorgten dafür, dass die Outdoorfamilienidylle nicht von fremden Eindringlingen gestört wurde. Es war Grosskampftag, es war Unabhängigkeitstag.
In Amerika, wo eigentlich immer alles geöffnet ist, kann man am «4th of July» schon einmal vor geschlossenen Türen stehen. Der Kaffeeröster hatte zu meiner Erleichterung offen. Allerdings bereiteten nicht die charmanten Damen das leckere Getränk zu, sondern zwei College-Studenten. Sie haben es gut gemacht, die zwei, aber sehr l a n g s a m.
Tja, kalter Kaffee soll ja bekanntlich … - ach lassen wir das.
Der Abend verlief nicht viel anders als die grosse Patriotensause in der Schweiz - ich schlief ein.


Am «day after» wanderte ich wieder nach Belmond-Shore. Die gestern noch abgesperrten Flächen waren wieder frei. Müll lag überall herum und die wilden Katzen und Hunde erfreuten sich an den stinkenden Speiseresten. Die Patrioten schliefen ihren Kater aus und die Mexikaner räumten den Müll weg. Bei Tagesanbruch soll Amerika ja wieder so erstrahlen, wie man es am Vortag besungen hat. Der Müll weg und die Mexikaner auch.
Auch heute hatte mein Kaffee geöffnet. Der gleiche Student braute meinen Double-Latte und wiederholte das Kunststück vom Vortag - der Kaffee war kalt.
Ich erfreue mich am Sonnenschein und den angenehmen Temperaturen. Das Getränk findet auch kalt den Weg in meinen Bauch und die verkohlten Bagel ebenso.
Auch Amerika darf mal einen Kater haben. Geniesst ihn!

Samstag, Juli 04, 2009

wer findet Las Vegas?

... eigentlich wollte ich ein Bild von Las Vegas publizieren. Doch der Kerl stand mit im Weg.

Samstag, Juni 27, 2009

Controllers are good, Pilots are bad

Ein kleiner Tisch war noch frei. Zwei Stühle auch. Wir waren zu viert, also mussten zwei stehen. Die die standen, standen im Regen, die die sassen, sassen am Trockenen. Ich stand.
Die Angestellte war wenig erfreut über unsere Tischwahl, denn bei jeder Nachschublieferung musste sie durch eine Wasserlache laufen. Wir blieben.

Unsere hübschen Kolleginnen richteten sich auf den Barhockern ein, was auch prompt die Herren am Nachbartisch neugierig machte.
«Where are you guys from?»
«Switzerland, what else?»
«Pilots?»
«Yep»
«Listen Ladies, Controllers are good, Pilots are bad.»

Die Gläser erhoben sich, man prostete sich zu und trotzte dem Regen.
Robert stellte seine Kollegen vor. Zwei ATC Controller aus Hongkong, zwei Kapitäne der Dragon Air, ein Copi der Britisch Airways, sein Kollege aus der Kabine und ein Cathay Kapitän. Während sich die Piloten und die Herren aus der Flugsicherung der Damenwelt zuwendeten, spürte ich die Hand des Kabinenchefs an meiner rechten Arschbacke.

Der Abend nahm seinen Lauf. Es wurde geklagt, gejammert und geflucht. Diskussionen über Arbeitsbedingungen kamen erst dann ins Stottern, als ich realisierte, dass die Dragon-Air Piloten jeden Monat mehr Spesen für ihre Wohnungsmiete erhielten, als ich verdiente. Dies wiederum hatte zwei Vorteile: Erstens wurden fortan alle Drinks bezahlt und zweitens verschwand die Hand von meiner Arschbacke.

Der Schotte neben mir unterhielt die ganze Gesellschaft. Er erzählte von seinen Jahren in SH-ITALY, von Piloten ohne Orientierungsvermögen und den Vorzügen von Asien. Natürlich vergass er auch nicht die Schönheit helvetischer Frauen zu loben, was aber bei den Empfängerinnen nicht in gewünschter Form ankam.

Mit der Anzahl leerer Gläser stieg auch die Intensität des Werbens um die Gunst der Damen. Wir erfuhren von den Vorzügen von 80 Fuss Jachten, dem Leben in den Mid-Levels, vom Ferienhaus in Thailand und dem Landhaus in Schottland. Die beiden Dragon-Air Piloten stritten darum, ob die Mirage oder der F-16 bessere Akro-Eigenschaften hätten und der BA Kabinenchef wollte auch einmal im Leben «Maître de Cabine» genannt werden.

Kurz bevor die Sonne wieder ihren Arbeitstag begann, begleitete ein Schweizer die zwei Damen zurück ins Hotel. Nicht die 80 Fuss Jacht machte das Rennen, sondern der Herr mit Bauchansatz und fast zwei Metern Länge.
In Krisenzeiten scheint Bauch wieder gefragt zu sein!

Freitag, Juni 26, 2009

Outlet

Es hat da Adidas, Puma, jede Menge Frauen mit leuchtenden Augen und zu meiner Freude auch einen Starbucks. Das Citygate Outlet ist die Oase in Hongkong, wenn man nach dem Frühstück etwas unternehmen will, ohne von Regenschirmen erschlagen zu werden.



Outlet heisst ja eigentlich Abfluss und genau darum geht es in diesem dreistöckigen Gebäude mit einer geschätzten Innentemperatur von 16°C. Die Geschäfte möchten ihre Waren loswerden und geben anständige Rabatte. Frauen aus allen Kontinenten machen ihnen die Freude und kaufen wie die Irren ein. Schweinekrise und Wirtschaftsgrippe zum Trotz.
Ich kann nur bedingt am Shopping Erlebnis teilnehmen. Denn Grösse XXXXXXL, die ich mit asiatischen Wertmassstäben bräuchte, wird selbst in diesem Etablissement nicht verkauft. Einen Apple Shop hat es nicht und so lasse ich in diesem Outlet wenigstens den Kaffee durch meinen Körper fliessen.

Zeit Leute zu beobachten, Zeit den Blog zu füttern.



Beim Nike Shop schlägt ein Roger aus der Schweiz immer wieder gelbe Bälle gegen einen Gegner und will so Turnschuhe verhökern. Der Burberry Laden verscherbelt Schottenmuster ohne die Frage zu beantworten, was die Schottinnen darunter tragen. Samsonite wirbt dafür, dass Verantwortung nur tragen kann, wer Samsonite trägt. Ein Unternehmen mit dem Namen Krokodil verkauft Plastikschuhe die genauso stinken und ein anderes Unternehmen mit Crocs auf der Brust will Shirts verkaufen, die soviel kosten wie ein Nachtessen für eine ganze Crew im Lan Kwai Fong. Ein gewisser Levis Strauss preist Jeans für hungernde Frauen an und Colombia hat Skianzüge im Sortiment, die man in diesen frostigen Läden gut gebrauchen könnte. Ein Logo mit Bauhaus leuchtet hell und stellt darin Stoffresten aus, bei deren Anblick Walter Gropius die Röte ins Gesicht schiessen würde. Mit Esprit verkauft eine Schar Chinesinnen Kleider eben dieser Marke und bei Billabong könnte man Surfbretter kaufen, wenn es Wellen hätte.

Shoppen ist eine Wissenschaft. Schon beim Beobachten wird es mir schwindlig. Der letzte Schluck Kaffee verschwindet im Rachen und ich gehe.
Ob ich wohl in diesem Outlet wohl einen Abfluss finde, wo ich den Kaffee wieder loswerde? Ich hoffe es!

Montag, Juni 22, 2009

Schreibinvalid



... bald ist die Kuppe wieder angewachsen und dann werde ich auch Frieden mit dem Japanmesser schliessen.

Freitag, Juni 12, 2009

Scheisstag





Keine Angst, ich hatte keinen „söttigen“. Ganz im Gegenteil. Das Morgenessen in Lamma Island eingenommen, das obligate Gewitter unter einem Vordach abgewartet und auch schon über eine Stunde auf dem Depressionsbeschleuniger (Laufband) verbracht. Ein Volltreffer, dieser Tag.

Ich bin im Zusammenhang mit einem anderen Text auf das Wort gestossen. Scheisstag ist so ein Ausdruck, der schnell über die Lippen kommt. Manchmal zu schnell. So wie NATEL zum Beispiel. Beide Wörter werden benutzt, ohne dass die ursprüngliche Bedeutung genau bekannt ist. Für deutsche Leser muss ich erklären, dass wir Indianer das Handy liebevoll Natel nennen. Für englische Leser ohne deutschen Migrationshintergrund muss angefügt werden, dass sich hinter dem Ausdruck „Handy“ das Mobile versteckt.
Paradox daran ist, dass, wer das Natel als solches benutzt, in der Schweiz mit 100 Franken gebüsst wird! Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zum Scheisstag. Ich wollte eben dieses Wort in einem Text benutzen und zögerte kurz. Soll, darf, muss ich das Wort gebrauchen? Woher kommt der Ausdruck? Was bedeutet er? Auf solche Fragen weiss in der Regel das Internet Antwort. Und tatsächlich, Wikipedia brachte in Sekundenbruchteilen Licht ins Dunkle:

Als Scheisstage wurden in Süddeutschland und Österreich unter Knechten die zusätzlichen ein bis drei unbezahlten Arbeitstage bezeichnet, die die von ihnen beanspruchte Zeit für die Verrichtung des Stuhlgangs während der vereinbarten Anstellung ausgleichen sollten. Diese Praxis gab es im 18. und 19. Jahrhundert, vereinzelt sogar bis in das frühe 20. Jahrhundert. Die „Scheisstage“ wurden nach Ablauf des Dienstvertrages geleistet oder am Ende eines jeden Jahres am 29. Dezember.

Für einen normalen Arbeitnehmer wie mich stellt sich hier natürlich die Frage, was dies in einer Arbeitswelt wie der heutigen, wo sich die Arbeitsbedingungen wieder Richtung 19. Jahrhundert bewegen, für Auswirkungen hat?
Ich bereite schon jetzt auf die Sudoku-Woche, oder die Gala-Tage, oder den Nespresso-Monat vor.

Donnerstag, Juni 11, 2009

500 Meter Kowloon

Manchmal muss man einfach die Bilder sprechen lassen. Fünfhundert Meter sind es von der Star Ferry in Kowloon an die Nathan Road. Die Kamera trug ich lose in der Hand und drückte einfach ab und zu auf den Auslöser. Zufällig, genau so wie das Leben manchmal spielt.







Nachtrag:
Seit dem letzten Beitrag habe ich viel Zeit verstreichen lassen. Auch heute hatte ich wenig Lust, an dieser Stelle ironisches, satirisches oder lustiges zu schreiben. Nach dem Absturz des Air France A330 sind meine Lesezahlen in die Höhe gesprungen. Viele wollten offensichtlich wissen, was ich als Airbus Steuermann dazu zu sagen habe.
Dabei haben doch andere schon viel zu viel geredet und Stuss erzählt. In Internetforen haben 14-jährige Flight-Simulator-Süchtige mitdiskutiert, als ob sie jedes Detail des komplizierten Flugzeugs kennen. Experten haben sich in Funk und Fernsehen zu Wort gemeldet, die noch nie einen Airbus von innen gesehen haben. Die Recherche im Netz ist einfach. Wie eine Lawine schiessen die scheinbar exklusiven Meldungen durch die Weiten des World Wide Web. Nicht der Inhalt zählt, sondern wer es zuerst gefunden hat. Gerne nehmen die Medien die Steilpässe auf. Journalisten, die auch mal eine Meldung telefonisch überprüften, wurden auf die Strassen gestellt. Moderne Co-Chefredakteure meinen, es gehe auch mit der Hälfte des Personals.
Wann haben wir eigentlich verlernt zu schweigen, wenn es nichts zu erzählen gibt?

Montag, Juni 01, 2009

au revoir


Stille. Wenn andere Fragen stellen, wie wild spekulieren, dann ist bei mir nur Stille. Was soll ich sagen, was soll ich schreiben? Über zweihundert Menschen werden vermisst. Gestern waren sie noch da.
Es ist schwer, sich der Informationsflut zu entziehen. Speziell hier in Brasilien. Heute wollen TV-Nachrichten gesendet werden, morgen will der Zeitungsleser News erfahren, obwohl es keine gibt. Bildredaktoren wählen das emotionalste Bild. Es muss einfahren, es muss bewegen. Der Mensch dahinter interessiert nicht, die Wirkung schon.

In mir laufen zwei Filme ab, der professionelle und der emotionale. Im Professionellen sehe ich Bilder des Wetterradars, die ich in dieser Gegend schon oft gesehen habe. Eine Gewitterzelle reiht sich an die andere. Wo befindet sich die beste Gasse? Wo soll ich durchfliegen?
Mein emotionaler Film spielt in Bombay. Mumbay sagte man damals noch nicht. Damals war der 3. September 1998. CNN zeigte immer wieder den Crewbag einer Kollegin, den Fischer vor Halifax aus dem Wasser zogen. Eingebrannte Bilder. Bilder, die ich Betroffenen nicht wünsche.

Chère amis, ich bestelle jetzt einen Caipirinha. Das habt ihr vorgestern mit Bestimmtheit auch gemacht. Ich werde an euch denken. Heute Abend beim Apéro und auch Morgen, wenn ich die Südatlantiküberquerung in Angriff nehme.
Au revoir mes amis!

Samstag, Mai 30, 2009

Wege nach vorne links

Führungsstärke, Durchsetzungsvermögen, Konsequenz - die wohl wichtigsten Eigenschaften auf dem Weg zum Kapitän. Ich arbeite hart daran. Die ersten Erfolge zeigen sich beim Training mit meinem Hund Jack.

Erstflug

Dienstag, Mai 26, 2009

one minute of silence

Der letzte Ferientag. Wenn andere Koffer auspacken, packe ich ein. Um zehn Uhr in der Früh soll es losgehen. Nach New York - in den «Big Apple».
Ein anderer packt auch, keine fünf Kilometer von mir entfernt. Er wird mich begleiten auf der Reise über den Ozean. Sein Hotelzimmer ist reserviert, das Ticket gekauft, die Vorfreude riesengross.

Noch fünfzehn Stunden bis zum Check-In.

Die Weissweinflasche schwitzt mehr als ich. Es ist schwül auf dem Balkon. Bewegung ist anstrengend. Irgendwo klingelt das Telefon. Keine Lust aufzustehen. Es wäre idiotisch, den kalten «Pinot Gris» hilflos der Hitze auszuliefern. Herrlich dieser Abgang.

Noch vierzehn Stunden zum Check-In.

Beim Gang zur Toilette lege ich einen Stop bei Telefon ein. Es war die Firma. Ruft das Büro am letzten Ferientag an, ist in der Regel die Scheisse am dampfen.

«One Minute of Silence» - jetzt bloss nichts überstürzen.

Aus verständlichen Gründen hätte ich wenig Freude, wenn der Flug nach New York gestrichen würde. Ich berate mich mit meiner Frau. Ein weiteres Quantum «Pinot Gris» findet den Weg ins Glas. Vielleicht löst sich das Problem von selber.

Es klingelt wieder. Ein Fluch hallt hinaus ins Limmattal. «Ja, wer stört mich in den Ferien?» «Sie haben Morgen STBY05.» «Nein habe ich nicht.» «Doch haben sie.» «Und was ist mit dem Flug nach New York?» «Wir sind knapp an A340 Copiloten. Der A330 Flug nach New York wurde einem anderen zugeteilt.» Die Ohrmuschel wird zugehalten und ein weiterer Fluch ertönt.

«One Minute of Silence» - jetzt bloss nichts überstürzen.

Die Konsultation der Besatzungsliste nach New York bringt seltsames zu Tage. An meiner Stelle steht der Name eines Kollegen mit den exakt gleichen Qualifikationen. Ich bin sauer und der «Pinot Gris» ist warm.

«One Minute of Silence» - jetzt bloss nichts überstürzen.

«Ich bin es nochmals. Ihre Erklärung hinkt. An meiner Stelle geht ein Kollege mit den gleichen Qualifikationen.» «Ich kann da nichts mehr ändern.» Der Hörer fliegt im Looping auf die Gabel.

Noch dreizehn Stunden bis zum Check-In.

Meinen Reisepartner erwische ich telefonisch. Alles wird storniert, er kann den Koffer wieder auspacken. Ich nicht. Die über 200 Franken für das Hotelzimmer gehen flöten.

Am nächsten Morgen schwebt Frühflug nach NY über meinen Kopf hinweg. Ohne mich und ohne meinen Reisebegleiter. Neben mir liegt das Handy und der Hund will raus. Er kann nichts für meine schlechte Laune. Zusammen laufen wir zum nahen Bach und kühlen uns ab. Er frisst Holz, ich telefoniere.

«Ja?» «Wir brauchen sie dringend auf dem Flug nach Chicago.» «Aber der geht schon in einer Stunde.» «Kommen sie so schnell wie möglich.» Unrasiert und ungeduscht fahre ich an den Flughafen. Das Telefon klingelt ununterbrochen. Während der Autofahrt telefoniere ich grundsätzlich nicht - basta!
Als es ein weiteres Mal klingelt bin ich im Parkhaus. «Sie gehen nach New York.»

«One Minute of Silence» - jetzt bloss nichts überstürzen.

Die Akustik des Parkhauses am Flughafen ist ausgezeichnet. Mein unchristlicher Fluch hallt durch alle Stockwerke.

Ich wähne mich an der CEBIT, als ich das Flugzeug betrete. Acht grosse Flachbildschirme säumen den Weg zum Cockpit. Es sieht aus wie an einem Ballergame Kongress, wo sich langhaarige Kids die Nächte mit Energy-Drinks um die Ohren schlagen. So sieht also das neue Flugzeug aus.

Der Flug geht fast pünktlich. Einige Passagiere kommen zu spät, was aber wegen der kurzen Flugzeit nicht tragisch ist. Wieder einmal steigt ein Flugzeug in den Himmel und wieder einmal ist dies ein Ergebnis gutem Teamworks. Wobei ich «Teamwork» mit den Worten Harald Martensteins beschreiben möchte:

«Teamwork ist Ausbeutung der Gutmütigen durch Ungutmütige.»