Dienstag, Dezember 02, 2008

wilde Wasser

Hongkong ist wie ein Wildbach mit all seinen Gefahren und Überraschungen. Die Stadt ist voller Strudel, die einem in ungeahnte Welten ziehen können. Als ehemaliger Wildwasserfahrer weiss ich natürlich, dass man sich gegen den Sog nicht wehren soll, denn irgendeinmal wird man von selber wieder ausgespuckt.
Wie ein schwimmendes Stück Holz wird man als Fussgänger durch die Gassen gespült und fühlt sich dabei wie ein Spielball der Massen. Immer wieder kommt es zu Stauungen, verursacht durch Ampeln an den Strassenübergängen. Der Druck von hinten wird vor dem Rotlicht mit jeder Wartesekunde grösser und beim erlösenden grünen Signal kommt es explosionsartig zum Dammbruch. Die Menschenmassen auf beiden Seiten stürmen aufeinander los und geniessen für einen klitzekleinen Moment das offene Feld. Wie das Wasser auch, halten sich die Fussgängermassen an keinerlei Regeln und treffen in der Strassenmitte in voller Gewalt aufeinander. Die Geschichte mit dem «Gesicht verlieren» führt zu der grotesken Situation, dass keiner dem anderen freiwillig Platz macht und der Ellbogen hemmungslos eingesetzt wird, um den Weg freizukämpfen.
Derweil heulen die Motoren der wartenden Automobile auf, deren Fahrer damit unmissverständlich signalisieren, dass nur noch eine limitierte Zeitspanne zur Verfügung steht, um den Fussgängerknoten mitten auf der Strasse zu entwirren.
Die Ampel springt ohne orange Warnung auf Rot, die letzten Fussgänger retten sich mit einem Sprung vor der Blechlawine und die stinkenden Taxis rasen Zentimeter neben dem eigenen Oberschenkel in Höchstgeschwindigkeit vorbei.

Der Gehsteig wird schmaler und ein alter Mann mit krummem Rücken zieht einen quietschenden Wagen hinter sich her, auf dem stinkende Pakete bedrohlich schräg gestapelt sind. An ein Übersteigen des Hindernisses ist nicht zu denken und so entscheide ich mich für die vernünftige Variante, nämlich dem alten Herrn zu folgen. Nicht so meine Mitkämpfer. Links und rechts quetschen sich die wendigen Asiaten am Grossvater vorbei und bringen ihn regelmässig in Schräglage, nie aber zur Weissglut. Wer in dieser Stadt gross geworden ist, hat sich scheinbar an den täglichen Kampf um ein paar Zentimeter Privatsphäre gewöhnt.

An der nächsten Kreuzung biegt der Chauffeur des «quietsch-quietsch» Gefährts in eine Seitengasse ein und ich folge einer Dauertelefoniererin asiatischer Abstammung. Die Dame hat den Dreh raus und schlängelt sich durch die Massen, als wären die Passanten Kippstangen in einem alpinen Skirennen. Schon nach wenigen Metern lasse ich abbrechen und rette mich - nein nicht in einen Starbucks -, sondern auf die Fähre Richtung Lamma Island.

Obwohl der Sitzabstand zum vorderen Passagier gewohnt asiatisch eng bemessen ist, geniesse ich die paar Millimeter Abstand zum nächsten menschlichen Körper und wage einen Blick aus dem Fährenfenster. Draussen präsentiert sich der Ameisenhaufen «Hongkong», in dem sich die Arbeitstiere ununterbrochen abrackern, bis sie tot umfallen.

Zwanzig lange Minuten dauert die Reise in eine andere Welt. Zu meinen Ehren hat die Bevölkerung vom Lamma ein Spalier von Fahrrädern aufgestellt und der grosse Kaffee wird wie immer unter freiem Himmel direkt am Meer serviert. Es folgen ein paar Frühstückseier und ein Spaziergang über die Hügel von Lamma zum anderen Hafen. Unterwegs treffe ich auf grosse Kunst eines kleinen Künstlers. Eine Arbeitsameise hat ihren Handschuh über einen Besenstiel gestülpt und so freiwillig oder unfreiwillig eine grosse Skulptur geschaffen. Der Stinkefinger zeigt dem Betrachter unmissverständlich, dass es sich ab und zu lohnt, gegen den Strom zu schwimmen. Es braucht manchmal nur kleine Gesten, um Grosses zu vermitteln.

Kommentare:

  1. was ich mich immer wieder frage ist wieso sie denn immer alleine unterwegs sind?
    Wäre doch sicher amüsanter die Städte mit Begleitung zu erkunden,oder?
    Aber manchmal hat man wohl doch gern einfach seine Ruhe und Zeit für sich :)

    Vg

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  2. So schön dieser Text! So lebensnah! Mir kommen fast die Tränen so gerne würde ich mich wieder einmal durch die Massen Hong Kongs schlängeln/treiben lassen.
    Gute Zeit!
    Peter

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  3. @eb:
    .... das Tagesprogramm ist in der Tat verschieden. Während der weibliche Teil eher Einkaufstaschen schleppt, widme ich mich lieber meiner Zeitung :-)

    @prechi v/o Peter:
    .... danke!

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  4. Ich war vor kurzem auch dort. Die Wilde-Wasser-und-Strudel-Impression kann ich nur bestätigen, fand ich doch an einer Strassenkreuzung einen Fussgängerkreisel vor. Vier Treppen führten zu diesem Kreisel hoch, von jeder Ecke der Kreuzung eine. Oben angelangt, konnte man hinunterschauen auf das Verkehrs-Tohuwabohu. Aber da waren noch diese Schilder. Dort wurde man angehalten, bitte nicht anzuhalten, da es sich um einen Fussgänger-Hochfrequenzkreisel handele.

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  5. Lieber Copilot, vor zwei Tagen habe ich etwas beendet, was ich schon gaaanz lange nicht mehr gemacht habe: einen Blog (genauer, diesen hier) von Anfang bis Ende durchzulesen - und das, obwohl weiße Schrift auf dunklem Grund eine Pest für Leute mit schlechten Augen ist. Aber die Lektüre war es wert!
    Ich wünsche noch viele unfallfreie Flüge!

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  6. ... Danke für die lobenden Worte.
    Verstehe die Probleme mit dem dunklen Hintergrund. Als Alternative empfehle ich die Printversion "Flugnomade". Darin sind alle Artikel von den Jahren 04 - 06. Fortsetzung folgt. Es geht doch nichts über ein Buch!

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  7. Allerdings, wenn man Deine Bücher kauft, warum dann noch hier lesen?

    Ich habe Dein Buch an einem Abend verschlungen. Es wäre schade, wenn man dann das (neue) Buch in Händen hält und einem alle Geschichten schon bekannt vorkommen....

    Was also machen..?

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  8. na wo sind sie denn,die Gedanken eines Fliegenden..;)

    Vg

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  9. ... waren hinter Grippeschüben verschwunden.

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