Freitag, Dezember 12, 2008

«V» oder der Tag vor der Nacht

Entscheidend ist am Tag des Abflugs nicht nur die Flugnummer, sondern auch der Buchstabe vor der meistens dreistelligen Zahl. Während die Ziffernfolgen Auskunft über die Destination geben, bestimmt der Buchstabe die Schicht, die man arbeiten muss.
Ein nebensächliches Detail bei den Flügen, die Zürich um die Mittagszeit verlassen, ein umso entscheidender Faktor bei den Starts nahe um Mitternacht.

Es liegt in der Natur der Sache, dass der menschliche Körper - oder was nach 13 Jahren Langstreckenfliegerei noch davon übrig ist, um Mitternacht ans Bett und nicht an den Steuerknüppel denkt. Glücklich also, wer als erster Schlafen darf, Arschkarte für den anderen Copiloten. Den Kapitän interessieren diese Diskussionen bei drei Mann Cockpitbesatzung nicht. Er isst sich nach dem Start durch das Erstklassmenu, geniesst danach einen feinen Espresso, liest die Tageszeitungen und verabschiedet sich während der grössten Krise seines Handlangers Untergebenen Richtung Schlafkoje. Der müde Copilot nimmt dann seinen Platz ein, rechtzeitig zum Frühstück wird der Chef wieder geweckt und eine menschenähnliche Gestalt macht des Kapitäns Sitz frei, verschwindet unter der noch angewärmten Decke und fällt in einen komatösen Tiefschlaf. Der Anblick dieser Gestalt könnte die Passagiere erschrecken, darum wird beim letzten Schichtwechsel auch immer der Vorhang zwischen der Küche und dem Gästeraum gezogen. Vielleicht hat es mit dem Vorhang zu tun, dass diese ungeliebte Schicht mit dem Buchstaben «V» gekennzeichnet ist.

Hat man wie ich heute Abend ein «V» im Einsatz, dann sollte man sich am Tag des Fluges seriös darauf vorbereiten. Jede Stunde Schlaf vor dem langen Nachtflug zählt. Ideal wäre natürlich, wenn Mister «V» am Morgen lange schlafen könnte, danach ausgiebig Frühstücken dürfte und nach etwas Sport in einen etwa vierstündigen Nachmittagsschlaf fallen würde. Genaus das versuche ich seit 13 Jahren und es ist mir noch nie gelungen. Fällt der Abflugtag auf einen Wochentag, dann kann darauf gewettet werden, dass irgend ein Handwerker in der näheren Umgebung um 7 Uhr in der Früh oder um 14 Uhr am Mittag den Presslufthammer in die harte Erde rammt. Samstags mähen dann die Nachbarn von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang um die Wette und am Sonntag läuten die Glocken der diversen Kirchen um die Gunst der wenigen Kirchgänger.

«V» zu sein ist kein Schleck, doch einer muss es machen. Zum wiederholten Male verschwinde ich jetzt mitten am Nachmittag im Schlafzimmer und versuche die Augen zu schliessen. Wenn dann der A340 heute Nacht so langsam in den Himmel steigt, als ob er Hongkong erreichen möchte ohne Zürich zu verlassen, werde ich sehnsüchtig an das Bett denken, in das ich heute Nachmittag vergeblich geschloffen bin. Gute Nacht Zürich!

Kommentare:

  1. Die V-Schicht hat vermutlich doch nichts mit dem Vorhang zu tun, Verlierer oder "Verschupfter" zwingt sich fast auf...
    Ich hoffe doch - für dich- und alle anderen gebeutelten Copis, dass die V-Schicht bald in den Charakter der Vergangenheit schlüpft...


    svenson

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  2. Oft, wenn ich hier in St. Gallen so um gut 11 Uhr von der Beiz nach Hause laufe (krieche) höre ich euch über unseren Dächern in den Nachthimmel steigen. Mir kommen dann fast die Tränen, weil ich so gerne drinsitzen würde. Heute nun, werde ich fest an dich denken und dir, wenn du dann dazu kommst einen gaaaaanz tiefen Schlaf wünschen. Wünsche dir einen guten Flug!
    再见 Zai jian
    Peter

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  3. oh je,dann hofft man nun dass die Grippe nicht allzu sehr in den Knochen liegt....
    eine Sache interessiert mich noch :

    wie wird denn dann der Schlafrhythmus angepasst wenn du gen Osten,sprich gegen die Sonne fliegst?
    Dann würdest du ja nur kurz im Flugzeug schlafen und müsstest dann entweder in Hongkong den Tag wachbleiben oder dort angekommen erstmal schlafen(was du ja an anderer Stelle als grossen Fehler bezeichnet hattest).
    Schon spannend was sich da hinter den Kulissen abspielt :D

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  4. Hallo eb

    Theorien über den idealen Schlafrhythmus gibt es unzählige. Namhafte Organisationen wie NASA, etc. haben Doktorarbeiten über das Ruheverhalten von Langstreckenpiloten verfasst.
    Die in diesen Studien verbreiteten Theorien sind nur beschränkt anwendbar und beziehen sich auf ideale Modelle.

    Jeder Mensch ist gesondert zu betrachten. Eine grosse Rolle spielen die Wechsel von Ost nach West, die Intensität der Einsätze, die Anzahl Zeitzonen und immer wieder vergessen: die Anzahl Nachtflüge.

    Ein grosses Problem stellen auch die fehlenden Daten dar. Vor 10 Jahren flogen wir in der Swissair etwa 500 Stunden pro Jahr, hatten deutlich längere Aufenthalte und kamen dadurch auf wesentlich weniger Nachtflüge.

    Heute sind 900h/Jahr (max erlaubte Stundenzahl gemäss VBR) die Regel und nicht selten kommt ein 100% eingesetzter Pilot auf 7 Nachtflüge/Monat.

    Es geht nicht um das übliche Pilotengejammer, sondern die Daten sollen aufzeigen, was im Zuge der (notwendigen) Produktionssteigerung alles geändert hat.

    Mit diesem über Jahre gefüllten Rucksack von schlaflosen Nächten ist eine Planung der Schlaftätigkeit praktisch unmöglich und an eine latente Müdigkeit muss sich der Pilot (und seine Freunde, und seine Ehefrau) gewöhnen.

    Bestrebungen dieses Tendenzen zu stoppen, bzw. die Belastung zu verringern scheitern immer wieder von Neuem. Es ist schwierig einem Manager zu erklären, dass 2,5 Tage Freizeit nach einem 3 tägigen Einsatz nach Johannesburg wegen der zwei Nachtflüge zu wenig sind.
    Auch Hinweise auf die langfristigen Gesundheitsfolgen prallen auf Granit. Auch hier fehlt es an langfristigen Datensätzen, die bezüglich der Desynchronisation des Körpers und der Strahlenbelastung auf eine höhere Mortalität der Piloten (und Flugbegleiter) hinweisen würden.

    Was bleibt ist die konstante Schlappheit.

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  5. V steht vermutlich für "Very important Pilot". Also nimm es als Kompliment. Wenn das nichts nützt, Kaffee hilft sicher.

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  6. Seh es doch positiv.... Wenn ich als Passagier nach HKG hinten beim selfloading cargo sitze, schlafe ich meistens so viel, dass ich dann nach der Ankunft nicht mehr schlafe wenn denn die Zeit gekommen ist (nach HKG Rechnung natürlich).... Meistens verläuft die schlaflose Nacht dann so, dass ich todmüde bin, wenn der Wecker klingelt und das Meeting ruft.... So wie ich mich dann jeweils im Meeting fühle, kommt wahrscheinlich dem Feeling der V Schicht nahe...

    In diesem Sinne, viel Spass in HKG! Lass dich von der Weihnchts-CD die allethalben in der Endlosschlaufe läuft nicht in den Wahnsinn treiben! ;-)

    Gruss
    Tomy

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