Montag, Dezember 15, 2008

Treten an Ort



Regelmässig schreit der manchmal vernachlässigte Body nach körperlicher Ertüchtigung. Ein Wunsch, den man seinem eigenen Fleisch und Blut nicht gerne abschlägt, aber in einer Grossstadt wie Hongkong gar nicht so einfach zu erfüllen ist.
Zum Glück gibt es das hoteleigene Fitnesscenter und glücklicherweise haben die Turnschuhe beim Packen den Weg in den Koffer gefunden. Mit trockenem Shirt und schwarzer Hose betrete ich ehrfürchtig den hellen Raum und schreibe mich in ein Buch ein, das mich stark an das Heiratsregister der Heimatgemeinde erinnert. Für jedermann ist jetzt ersichtlich, dass ich zumindest zwischen 17 Uhr und dem Nachtessen etwas Gutes getan habe.

Blitzblank stehen die Foltergeräte im Raum und warten auf meine Muskeln. Ich habe die Wahl zwischen Rudern an Ort, Laufen an Ort, Treten an Ort und Eisenheben an Ort. Bei Ersterem habe ich freien Blick auf den Pool und das vermittelt immerhin etwas Nähe zu der Realität des Ruderns. Da man auch in diesem Fitnesstempel unter ständiger Beobachtung der Mitsportler steht, installiere ich mich routiniert auf dem Gerät mit dem beweglichen Sitz, pflanze die weissen Kopfhörer in meine Gehörgänge und rudere die ersten Meter mit hoher Kadenz, während mir ein Unbekannter einen Roman aus der Feder von John Grisham vorliest.

Den virtuellen Kilometer 1 passiere ich mit Rekordgeschwindigkeit und der erste Schweisstropfen kullert zu meiner Freude auf mein graues Shirt, das die Spuren der Anstrengung aus farblichen Gründen so schön zeichnet. Bei Kilometer 2 geschieht in meinen Ohren ein Mord, dessen Beschreibung mich so in den Bann zieht, dass ich Kilometer 3 glatt verpasse.

Bei Kilometer 4 betritt ein ästhetisch geformter weiblicher Körper den Raum, was auch prompt die Aufmerksamkeit der anderen schweissnassen Mitsportler auf sich zieht. Die Dame hat sich in sehr kurze und eng anliegende Hosen aus dem Hause Adidas gezwängt und trägt ein Top, das genauso gross ist, dass der Schriftzug der eben genannten Herstellerfirma knapp darauf Platz findet. Einige schlecht rasierte Hälse drehen sich um und das Wesen, das etwa soviel wiegt wie ich Übergewicht habe, kommt auf mich zu und begrüsst mich zum Leidwesen meiner Mitsportler herzlich. Es ist eine Kollegin der anderen Besatzung und sie setzt sich neben mir auf ein Teil, dessen Bildschirm grösser ist als der Fernseher bei mir zu Hause.
Es liegt vermutlich an der männlichen Natur, dass ich unbewusst meine Kadenz erhöhe und virtuell vorwärts komme, wie in meiner Ruderkarriere noch nie zuvor. Meine Kollegin beginnt mit dem Radeln vor Ort und das keinen Meter von meinem Denkzentrum entfernt.

Der Kilometer 5 ist der psychologisch entscheidende. Er bedeute Halbzeit und als Ruderer vor Ort muss man darauf bedacht sein, dass die Schlagtechnik nicht nachlässt. Am besten kontrolliert man das mit einem seitlichen Blick auf einen der rundum montierten Spiegel. Man sieht dann ob die Beinarbeit den Ansprüchen genügt, die Arme die richtigen Bewegungen ausführen und der Rücken auch im korrekten Winkel steht. Leider erspäht man auch den entgegen des Gefühls immer noch präsenten Schwabbelbauch. Mit dem entdecken des ungeliebten Details ist die Krise da. Der Anblick der eigenen Bauchwölbung lässt die Kadenz bei Kilometer 6 einbrechen. Meine Kollegin merkt davon aber glücklicherweise nichts, räkelt sich zur Lockerung auf dem Sattel, was auch prompt zur Folge hat, dass ein bis anhin unbemerkter Mann chinesischer Herkunft abgelenkt wird und beim Laufen an Ort wegen eines Fehltritts fast auf dem Boden landet.

Kurz nach Kilometer 7 stöhnt ein Mitsportler so laut durch den Raum, dass man an etwas nicht Jugendfreies denken muss. Ein Blick über meine Schulter bestätigt mir, dass der Kerl den rechten Arm heftig auf und ab bewegt, dabei aber eine Hantel in der Hand hält und ununterbrochen auf seinen Bizeps starrt. Während die digitalen Ziffern auf meinem Gerät berichten, dass Kilometer 8 hinter mir liegt, läuft der Schweiss in Bächen an mir herunter. Ich spüre jeden Muskel und ein Glücksgefühl kommt auf, das in dieser Form nur Sportler kennen.

Einige Meter nach der virtuellen Kilometer 9 Flagge verlässt das reizende Wesen neben mir ihr Standfahrrad, schaut auf meinen Display und klopft mir anerkennend auf die nasse Schulter. Es ist aber nicht die Berührung, die mir Flügel verleiht, es ist der Blick auf die Uhr. In 17 Minuten habe ich mich in der Lobby für das Nachtessen verabredet. Es folgt ein Schlussspurt, den dieses Fitnesscenter noch nie gesehen hat.

Kilometer 10 - endlich! Ich trockne mein Gesicht ab und suche den Weg durch den Spiegelsaal. Kurz vor dem Tresen erblicke ich das helvetische Adidas-Girl wieder. Sie sitzt dem Tresen zugewandt auf einer mit Seilzügen versehenen Vorrichtung und trainiert die Abduktoren, indem sie gegen einen Widerstand beide Knie nach aussen drückt. Der Mann am Empfang ist nicht mehr zu gebrauchen und für mich ist es Zeit zu gehen.

Ich brauche jetzt dringend eine Dusche - und zwar eine kalte.

Kommentare:

  1. Oha, fitness training in fremden Ländern mit entsprechendem Auftreten von fitnessgestählten Figuren uiui. Da ich meistens auf Bändern jogge bin ich der Typ, der sich Schmerzen zuzieht da der Fuss nicht mehr aufs Band tritt sondern auf eine seitliche Stelle, die sich nicht bewegt. Führt zu Schmerzen in der gegend, die du dir kalt abduschen musstest.
    Hoffentlich konntest du dein nachtessen geniessen, schliesslich hast du es dir ja doppelt verdienen müssen....

    Philippe

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  2. kein schlechter schnitt auf 10km.

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  3. Klasse geschrieben NFF! Ich werde morgen in CDG aufpassen, dass ich nicht zusehr stöhne, wenn ich die rechte Hand auf und ab bewege und hoffe, dass ich auch so eine Kollegin habe, die mir dabei Gesellschaft leistet :-).

    ...und: es WAR das Heiratsregister...wart nur, bis Mai Ling mit ihrem ganzen Stammbaum im Engadin an die Tür klopft....

    G!

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  4. Wo ist der Comiczeichner, der den Schlussspurt von Kilometer 9 auf 10 illustriert?

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  5. Wenn ich da trainiere, kommen keine göttlichen Wesen in enganliegender Kleidung vorbei, unter denen sich wohlgeformte Muskelpäckchen abzeichnen, sondern eher solche, bei denen man meint, der Kilometer 10 solle besser das anschließende Essen ersetzen. Deswegen komme ich selbst nie bis Kilometer 10. Bei Spiegelung sogar nicht mal bis Kilometer 2.

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  6. ... nicht die Kilometer zählen, sondern die Qualität bei der Ausführung. Das ist so wie beim - ach sie wissen schon ;-)

    Wünsche schöne Festtage!

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  7. Alle Achtung - 10 km auf so einem Foltergerät sind nicht ohne. Ich habe das vor langer Zeit regelmäßig im Wintertraining für das "echte" Rudern gemacht, und es war furchtbar.

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  8. Hey der Schreibstil gefällt mir! Werde öfter mal reinschauen...

    gruß Artur

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