Freitag, Dezember 26, 2008

... aus der weiten Welt


.... ich glaube Dekadenz ist das richtige Wort dafür.
(gesehen im Hilton Millenium, Bangkok)

Mittwoch, Dezember 24, 2008

Kapitänsdinner

Ich stehe dazu und ich oute mich. Ganz ehrlich, ich habe früher die TV Serie «Traumschiff» verschlungen. Beeindruckt hat mich nicht nur der Schauspieler Sascha Hehn, mit dem ich während meiner Pubertät schon die Geheimnisse der Schulmädchen er-kundete, sondern vor allem das immer am Schluss der Sendung zelebrierte Kapitänsdinner.
Die weiblichen Gäste scharten sich in ihren feinen Roben um ihre Ehemänner oder die liebgewonnenen Bekanntschaften und hatten doch nur einen Blick übrig für den schon etwas ergrauten Mann in der weissen Uniform mit den vier goldenen Streifen.

Je näher man am Kapitän sitzen durfte, desto grösser war das Ansehen. Der Stand spielte genauso eine Rolle wie der Geldbeutel und das Lobbyieren in den Tagen davor.
Während dann das Licht ausging, die Butler das mit Wunderkerzen beleuchtete Essen brachten und die Damen an der Seite des Kapitäns diesem in den Hintern kniffen, setzte Sascha Hehn die in seinen vorangegangenen Aufklärungsfilmen erlernten Fertigkeiten mit einer holden Dame in einer dunklen Ecke des Traumschiffs um.

Das Interesse an der Serie ist bei mir geschwunden, die Faszination an der Völlerei unter vierstreifiger Aufsicht nicht.
Ausgerechnet heute, am Heiligabend, darf ich mein erstes Kapitänsdinner unter der Sonne Thailands erleben. Das Hotel lädt ein und offeriert den ansässigen Crews ein grosses Buffet und reichlich Getränke.

Dieses Galadinner findet im «Gärtchen» statt und diese Lokation ist eine zugegebenermassen schön gestaltete Gartenumgebung mit exotischen Bäumen und einem Swimmingpool, der während des Tages fest im Griff der Aeroflot Damen ist. Eine hohe Mauer sorgt dafür, dass die Besucher des Gärtchens die notwendige Distanz zur siamesischen Wirklichkeit haben und das thailändische Buffet unter freiem Himmel geniessen können. Schmelzende Eisskulpturen - dezent beleuchtet, sorgen für eine weihnachtliche Atmosphäre.

Crews der Lufthansa, der Swiss, der Aeroflot, der Air Berlin und einigen anderen, kommen heute Abend in den Genuss von exotischen und scharfen Speisen.
Wir werden lachen, völlen, trinken, einander abstruse Fliegergeschichten erzählen und aus Angsthasen Helden formen. Wir werden auch an unsere Lieben zu Hause denken und den Weihnachtsliedern aus den Lautsprechern lauschen. Bei einigen geht es um Nächstenliebe und andere setzen alles daran, die Nächste zu lieben. Ich freue mich auf den Abend, habe aber noch zwei offene Fragen, die mich unglaublich beschäftigen. Erstens nimmt mich Wunder, wie ein Kapitänsdinner mit zwanzig Kapitänen funktioniert und zweitens möchte ich wissen, wer heute Abend die Rolle von Sascha Hehn übernimmt?

Es wird schon gut gehen! Wünsche allen schöne Weihnachten!

Montag, Dezember 15, 2008

Treten an Ort



Regelmässig schreit der manchmal vernachlässigte Body nach körperlicher Ertüchtigung. Ein Wunsch, den man seinem eigenen Fleisch und Blut nicht gerne abschlägt, aber in einer Grossstadt wie Hongkong gar nicht so einfach zu erfüllen ist.
Zum Glück gibt es das hoteleigene Fitnesscenter und glücklicherweise haben die Turnschuhe beim Packen den Weg in den Koffer gefunden. Mit trockenem Shirt und schwarzer Hose betrete ich ehrfürchtig den hellen Raum und schreibe mich in ein Buch ein, das mich stark an das Heiratsregister der Heimatgemeinde erinnert. Für jedermann ist jetzt ersichtlich, dass ich zumindest zwischen 17 Uhr und dem Nachtessen etwas Gutes getan habe.

Blitzblank stehen die Foltergeräte im Raum und warten auf meine Muskeln. Ich habe die Wahl zwischen Rudern an Ort, Laufen an Ort, Treten an Ort und Eisenheben an Ort. Bei Ersterem habe ich freien Blick auf den Pool und das vermittelt immerhin etwas Nähe zu der Realität des Ruderns. Da man auch in diesem Fitnesstempel unter ständiger Beobachtung der Mitsportler steht, installiere ich mich routiniert auf dem Gerät mit dem beweglichen Sitz, pflanze die weissen Kopfhörer in meine Gehörgänge und rudere die ersten Meter mit hoher Kadenz, während mir ein Unbekannter einen Roman aus der Feder von John Grisham vorliest.

Den virtuellen Kilometer 1 passiere ich mit Rekordgeschwindigkeit und der erste Schweisstropfen kullert zu meiner Freude auf mein graues Shirt, das die Spuren der Anstrengung aus farblichen Gründen so schön zeichnet. Bei Kilometer 2 geschieht in meinen Ohren ein Mord, dessen Beschreibung mich so in den Bann zieht, dass ich Kilometer 3 glatt verpasse.

Bei Kilometer 4 betritt ein ästhetisch geformter weiblicher Körper den Raum, was auch prompt die Aufmerksamkeit der anderen schweissnassen Mitsportler auf sich zieht. Die Dame hat sich in sehr kurze und eng anliegende Hosen aus dem Hause Adidas gezwängt und trägt ein Top, das genauso gross ist, dass der Schriftzug der eben genannten Herstellerfirma knapp darauf Platz findet. Einige schlecht rasierte Hälse drehen sich um und das Wesen, das etwa soviel wiegt wie ich Übergewicht habe, kommt auf mich zu und begrüsst mich zum Leidwesen meiner Mitsportler herzlich. Es ist eine Kollegin der anderen Besatzung und sie setzt sich neben mir auf ein Teil, dessen Bildschirm grösser ist als der Fernseher bei mir zu Hause.
Es liegt vermutlich an der männlichen Natur, dass ich unbewusst meine Kadenz erhöhe und virtuell vorwärts komme, wie in meiner Ruderkarriere noch nie zuvor. Meine Kollegin beginnt mit dem Radeln vor Ort und das keinen Meter von meinem Denkzentrum entfernt.

Der Kilometer 5 ist der psychologisch entscheidende. Er bedeute Halbzeit und als Ruderer vor Ort muss man darauf bedacht sein, dass die Schlagtechnik nicht nachlässt. Am besten kontrolliert man das mit einem seitlichen Blick auf einen der rundum montierten Spiegel. Man sieht dann ob die Beinarbeit den Ansprüchen genügt, die Arme die richtigen Bewegungen ausführen und der Rücken auch im korrekten Winkel steht. Leider erspäht man auch den entgegen des Gefühls immer noch präsenten Schwabbelbauch. Mit dem entdecken des ungeliebten Details ist die Krise da. Der Anblick der eigenen Bauchwölbung lässt die Kadenz bei Kilometer 6 einbrechen. Meine Kollegin merkt davon aber glücklicherweise nichts, räkelt sich zur Lockerung auf dem Sattel, was auch prompt zur Folge hat, dass ein bis anhin unbemerkter Mann chinesischer Herkunft abgelenkt wird und beim Laufen an Ort wegen eines Fehltritts fast auf dem Boden landet.

Kurz nach Kilometer 7 stöhnt ein Mitsportler so laut durch den Raum, dass man an etwas nicht Jugendfreies denken muss. Ein Blick über meine Schulter bestätigt mir, dass der Kerl den rechten Arm heftig auf und ab bewegt, dabei aber eine Hantel in der Hand hält und ununterbrochen auf seinen Bizeps starrt. Während die digitalen Ziffern auf meinem Gerät berichten, dass Kilometer 8 hinter mir liegt, läuft der Schweiss in Bächen an mir herunter. Ich spüre jeden Muskel und ein Glücksgefühl kommt auf, das in dieser Form nur Sportler kennen.

Einige Meter nach der virtuellen Kilometer 9 Flagge verlässt das reizende Wesen neben mir ihr Standfahrrad, schaut auf meinen Display und klopft mir anerkennend auf die nasse Schulter. Es ist aber nicht die Berührung, die mir Flügel verleiht, es ist der Blick auf die Uhr. In 17 Minuten habe ich mich in der Lobby für das Nachtessen verabredet. Es folgt ein Schlussspurt, den dieses Fitnesscenter noch nie gesehen hat.

Kilometer 10 - endlich! Ich trockne mein Gesicht ab und suche den Weg durch den Spiegelsaal. Kurz vor dem Tresen erblicke ich das helvetische Adidas-Girl wieder. Sie sitzt dem Tresen zugewandt auf einer mit Seilzügen versehenen Vorrichtung und trainiert die Abduktoren, indem sie gegen einen Widerstand beide Knie nach aussen drückt. Der Mann am Empfang ist nicht mehr zu gebrauchen und für mich ist es Zeit zu gehen.

Ich brauche jetzt dringend eine Dusche - und zwar eine kalte.

Freitag, Dezember 12, 2008

«V» oder der Tag vor der Nacht

Entscheidend ist am Tag des Abflugs nicht nur die Flugnummer, sondern auch der Buchstabe vor der meistens dreistelligen Zahl. Während die Ziffernfolgen Auskunft über die Destination geben, bestimmt der Buchstabe die Schicht, die man arbeiten muss.
Ein nebensächliches Detail bei den Flügen, die Zürich um die Mittagszeit verlassen, ein umso entscheidender Faktor bei den Starts nahe um Mitternacht.

Es liegt in der Natur der Sache, dass der menschliche Körper - oder was nach 13 Jahren Langstreckenfliegerei noch davon übrig ist, um Mitternacht ans Bett und nicht an den Steuerknüppel denkt. Glücklich also, wer als erster Schlafen darf, Arschkarte für den anderen Copiloten. Den Kapitän interessieren diese Diskussionen bei drei Mann Cockpitbesatzung nicht. Er isst sich nach dem Start durch das Erstklassmenu, geniesst danach einen feinen Espresso, liest die Tageszeitungen und verabschiedet sich während der grössten Krise seines Handlangers Untergebenen Richtung Schlafkoje. Der müde Copilot nimmt dann seinen Platz ein, rechtzeitig zum Frühstück wird der Chef wieder geweckt und eine menschenähnliche Gestalt macht des Kapitäns Sitz frei, verschwindet unter der noch angewärmten Decke und fällt in einen komatösen Tiefschlaf. Der Anblick dieser Gestalt könnte die Passagiere erschrecken, darum wird beim letzten Schichtwechsel auch immer der Vorhang zwischen der Küche und dem Gästeraum gezogen. Vielleicht hat es mit dem Vorhang zu tun, dass diese ungeliebte Schicht mit dem Buchstaben «V» gekennzeichnet ist.

Hat man wie ich heute Abend ein «V» im Einsatz, dann sollte man sich am Tag des Fluges seriös darauf vorbereiten. Jede Stunde Schlaf vor dem langen Nachtflug zählt. Ideal wäre natürlich, wenn Mister «V» am Morgen lange schlafen könnte, danach ausgiebig Frühstücken dürfte und nach etwas Sport in einen etwa vierstündigen Nachmittagsschlaf fallen würde. Genaus das versuche ich seit 13 Jahren und es ist mir noch nie gelungen. Fällt der Abflugtag auf einen Wochentag, dann kann darauf gewettet werden, dass irgend ein Handwerker in der näheren Umgebung um 7 Uhr in der Früh oder um 14 Uhr am Mittag den Presslufthammer in die harte Erde rammt. Samstags mähen dann die Nachbarn von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang um die Wette und am Sonntag läuten die Glocken der diversen Kirchen um die Gunst der wenigen Kirchgänger.

«V» zu sein ist kein Schleck, doch einer muss es machen. Zum wiederholten Male verschwinde ich jetzt mitten am Nachmittag im Schlafzimmer und versuche die Augen zu schliessen. Wenn dann der A340 heute Nacht so langsam in den Himmel steigt, als ob er Hongkong erreichen möchte ohne Zürich zu verlassen, werde ich sehnsüchtig an das Bett denken, in das ich heute Nachmittag vergeblich geschloffen bin. Gute Nacht Zürich!

Dienstag, Dezember 02, 2008

wilde Wasser

Hongkong ist wie ein Wildbach mit all seinen Gefahren und Überraschungen. Die Stadt ist voller Strudel, die einem in ungeahnte Welten ziehen können. Als ehemaliger Wildwasserfahrer weiss ich natürlich, dass man sich gegen den Sog nicht wehren soll, denn irgendeinmal wird man von selber wieder ausgespuckt.
Wie ein schwimmendes Stück Holz wird man als Fussgänger durch die Gassen gespült und fühlt sich dabei wie ein Spielball der Massen. Immer wieder kommt es zu Stauungen, verursacht durch Ampeln an den Strassenübergängen. Der Druck von hinten wird vor dem Rotlicht mit jeder Wartesekunde grösser und beim erlösenden grünen Signal kommt es explosionsartig zum Dammbruch. Die Menschenmassen auf beiden Seiten stürmen aufeinander los und geniessen für einen klitzekleinen Moment das offene Feld. Wie das Wasser auch, halten sich die Fussgängermassen an keinerlei Regeln und treffen in der Strassenmitte in voller Gewalt aufeinander. Die Geschichte mit dem «Gesicht verlieren» führt zu der grotesken Situation, dass keiner dem anderen freiwillig Platz macht und der Ellbogen hemmungslos eingesetzt wird, um den Weg freizukämpfen.
Derweil heulen die Motoren der wartenden Automobile auf, deren Fahrer damit unmissverständlich signalisieren, dass nur noch eine limitierte Zeitspanne zur Verfügung steht, um den Fussgängerknoten mitten auf der Strasse zu entwirren.
Die Ampel springt ohne orange Warnung auf Rot, die letzten Fussgänger retten sich mit einem Sprung vor der Blechlawine und die stinkenden Taxis rasen Zentimeter neben dem eigenen Oberschenkel in Höchstgeschwindigkeit vorbei.

Der Gehsteig wird schmaler und ein alter Mann mit krummem Rücken zieht einen quietschenden Wagen hinter sich her, auf dem stinkende Pakete bedrohlich schräg gestapelt sind. An ein Übersteigen des Hindernisses ist nicht zu denken und so entscheide ich mich für die vernünftige Variante, nämlich dem alten Herrn zu folgen. Nicht so meine Mitkämpfer. Links und rechts quetschen sich die wendigen Asiaten am Grossvater vorbei und bringen ihn regelmässig in Schräglage, nie aber zur Weissglut. Wer in dieser Stadt gross geworden ist, hat sich scheinbar an den täglichen Kampf um ein paar Zentimeter Privatsphäre gewöhnt.

An der nächsten Kreuzung biegt der Chauffeur des «quietsch-quietsch» Gefährts in eine Seitengasse ein und ich folge einer Dauertelefoniererin asiatischer Abstammung. Die Dame hat den Dreh raus und schlängelt sich durch die Massen, als wären die Passanten Kippstangen in einem alpinen Skirennen. Schon nach wenigen Metern lasse ich abbrechen und rette mich - nein nicht in einen Starbucks -, sondern auf die Fähre Richtung Lamma Island.

Obwohl der Sitzabstand zum vorderen Passagier gewohnt asiatisch eng bemessen ist, geniesse ich die paar Millimeter Abstand zum nächsten menschlichen Körper und wage einen Blick aus dem Fährenfenster. Draussen präsentiert sich der Ameisenhaufen «Hongkong», in dem sich die Arbeitstiere ununterbrochen abrackern, bis sie tot umfallen.

Zwanzig lange Minuten dauert die Reise in eine andere Welt. Zu meinen Ehren hat die Bevölkerung vom Lamma ein Spalier von Fahrrädern aufgestellt und der grosse Kaffee wird wie immer unter freiem Himmel direkt am Meer serviert. Es folgen ein paar Frühstückseier und ein Spaziergang über die Hügel von Lamma zum anderen Hafen. Unterwegs treffe ich auf grosse Kunst eines kleinen Künstlers. Eine Arbeitsameise hat ihren Handschuh über einen Besenstiel gestülpt und so freiwillig oder unfreiwillig eine grosse Skulptur geschaffen. Der Stinkefinger zeigt dem Betrachter unmissverständlich, dass es sich ab und zu lohnt, gegen den Strom zu schwimmen. Es braucht manchmal nur kleine Gesten, um Grosses zu vermitteln.