Dienstag, November 04, 2008

Demokratie macht glücklich

Es ist sprichwörtlich etwas im Busch heute Morgen in Chicago. Die Sonne wärmt für diese Jahreszeit unnatürlich intensiv und der Himmel zeigt sich von seiner schönsten Seite. Es ist noch nicht 7 Uhr morgens, aber die Leute strömen schon emsig aus allen Hauseingängen heraus auf die Strasse und halten sich an dampfenden Kaffeebechern fest. Menschen mit einem BMI unter 30 joggen in kurzen Hosen Richtung See und die mit 30+ suchen nach essbarem in Kaffeeshops und Schnellimbissen.

Es ist wirklich etwas im Busch heute Morgen in Chicago und das hat zum einen mit einem Bush zu tun und zum anderen mit einem der Söhne dieser Stadt. Es ist Wahltag in den Staaten und hier im Starbucks gleich neben der «Walgreens» Drogerie bin ich der Einzige, der in einer Zeitung liest, in der nicht die Präsidentschaftskandidaten auf der Frontseite lächeln. Das macht mein Umfeld natürlich neugierig. «Wo ich her sei», will mein Nachbar wissen und ich antworte mit Europa, um seine Geografiekenntnisse nicht zu überfordern.
Sofort schwenkt die Diskussion auf die amerikanische Politik um und der Herr aus der BMI Klasse 30+ will meine Meinung dazu wissen. Ich erkläre ihm, dass ich mich hüten werde als Gast dieses Landes meine Meinung kundzutun und verschweige ihm auch, dass eine ähnliche Aussprache mit einem United Captain letzten Monat in Narita fast in einem Handgemenge geendet hat.

«I voted for Obama», schreit die Verkäuferin hinter dem Tresen im Starbucks jedem Gast ungefragt ins Gesicht und sorgt damit für Erheiterung. «Er hätte auch für Obama gewählt», antwortet mein Nachbar neuerlich und merkt nicht, dass ich überhaupt keine Lust auf ein politisches Gespräch mit ihm habe. Mein Blick schweift ab und ich beobachte eine runderneuerte Blondine mit BMI 19-, die in «Hot Pants» direkt vor meinem «Hot Venti Latte» vorbeijoggt.

«Ihr Europäer hasst uns wegen der Politik George des Zweiten», behauptet mein Nachbar ungefragt. Bei dieser Frage kann ich nur verlieren. Bin ich ehrlich und schreie dem penetrant aufdringlichen Kerl meine Meinung ins Gesicht, dann könnte die Stimmung in diesem kleinen Raum schlagartig kippen. Lüge ich, dann müsste dies als Zustimmung der Politik des aktuellen Chefs aufgefasst werden und die Dame hinter dem Tresen mit dem ununterbrochenen «I voted for Obama» wird mir mit Sicherheit ihre Freundschaft kündigen. Aufgrund ihrer doch bemerkenswerten Erscheinung scheint mir auch dieses Risiko zu gross. Ich gehe.

Auf der Strasse angekommen, laufe ich langsam Richtung «Michigan Avenue». Ich schaue in die Gesichter der Passanten und erkenne da und dort ein Lächeln und Erleichterung. «Der Himmel trägt heute die Farbe der Demokratischen Partei», sagt mir eine ältere Dame auf dem Gehsteig. «Tatsächlich», kommentiere ich und lobe sie für ihren schönen Hund. «Es werde ein guter Tag werden für Amerika», meint die gepflegte Frau und schwärmt mir von alten Zeiten vor. Ich höre ihr zu und merke, wie glücklich die Menschen in diesem Land an diesem Tag sind, an dem sie endlich etwas zu sagen haben. Ich schenke den Gesprächen der Dame noch einige Minuten Gehör und beobachte, wie ihr kleiner Dackel ausserhalb des Blickwinkels des Frauchens ein stinkendes Häufchen setzt.
Es ist tatsächlich etwas im Busch heute Morgen in Chicago.

Kommentare:

  1. Na, das nenn ich doch mal "im Brennpunkt des Geschehens sitzen". Danke für den Lagebericht.
    Guten Heimflug!
    Peter

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  2. Uff, mittlerweile ist es ja geschafft und wir, äh ich meine die Amis, haben ihren 44. Präsidenten gewählt. Hoffentlich wird dieser den hohen Erwartungen gerecht, denn sonst haben auch wir Europäer ein Problem, da wir uns dann, im Gegensatz zur Bush Ära, nicht mehr darüber mockieren können warum die dummen Amis so einen Deppen zum Präsidenten gemacht haben, da Obama in Europa ja beinahe zu Messias hochgejubelt worden ist und wohl mit einer fast undemokratisch anmutenden Mehrheit gewählt worden wäre.

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  3. ...zum Glück war keine Elchjägerin im Busch! ;-)

    Viel Spass noch in Obama-Land!

    Gruss, Tomy

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  4. 80% Wahlbeteiligung, davon träumt wohl jeder in Europa.
    Ich hoffe der neue "Kennedy" endet nicht wie jener.

    Danke für diese Bericht. Ich freue mich jede Woche darauf.

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  5. Spannend in so einem Moment im Land zu sein, danke! Dann warten wir Europäer doch auf die "Changes"......

    G!

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  6. Ausgebusht in den Verunreinigten Staaten von Amerika. Nach dem Schauspieler (10'000 B-Movies, und er hat es in seiner Amtszeit nicht einmal geschafft, diese zu verbieten!) könne es nicht mehr schlimmer kommen, dachte man, aber es kam schlimmer. In der Bibel hatte man die 7 guten und die 7 schlechten Jahre. In Amistan ist alles etwas grösser. Da sind es halt 8 Jahre. Hoffen wir für die ganze Welt, dass jetzt die besseren 8 kommen...

    Dass Du fliegst, habe ich gewusst, aber dass Du auch noch schriftstellerst, musste ich aus dem Lokalschundblatt erfahren (Aargauer Woche)

    En Gruess us em Aargau
    vom Saftel (eMail im Adressverzeichnis der Elektra)

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  7. Danke für die vielen Kommentare.

    @Saftel:
    Freut mich von Dir zu hören! Ich habe neben Engadiner- und Fliegergeschichten auch noch einen Kurzroman zum Thema Verbindung schwanger ....
    Als ehemaliger Longdrinkmagister(LM) kannst Du Dir ja vorstellen, dass es explosiv zu und her geht :-)

    Mis Blüemli - Mönch

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  8. Chapeau! Wieder ein großartiger Beitrag. Nur hinter dem Scharmützel mit dem United-Kollegen in Tokio stehen für mich noch Fragezeichen.
    Grüße, Paul

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