Mittwoch, November 19, 2008

Dangerous Goods

Wie überall gibt es auch in der Fliegerei Angenehmes und Unangenehmes. Unter die Kategorie «unangenehm» fällt eindeutig alles rund ums Thema «Dangerous Goods». Zu diesen DG‘s, wie wir die gefährlichen Stoffe auch nennen, gehören sowohl Gifte als auch brennbare Materialien und Stoffe mit einem Strahlenschutzlabel.

Natürlich gibt es für den Transport solcher Güter in einem Passagierflugzeug unzählige Vorschriften und natürlich wird das Wissen über diese auch regelmässig überprüft. Einmal im Jahr geschieht das in Form eines schriftlichen Tests im Schulhaus in Kloten und sporadisch auch vor Ort auf dem Flugzeug, durchgeführt durch Fachpersonal vom helvetischen Flugamt.

Ich gebe zu, dass ich nicht in jedem Punkt mit den Behörden einig bin, aber gestern haben mich die Dame und der Herr restlos überzeugt. Warum zum Herrgott sollen die Test auch im feuchtkalten Zürich abgenommen werden, wenn dies auch im warmen Singapore geht? Natürlich sind die beiden nicht nur wegen meiner Person in eine der abgelegensten Städte auf unserem Streckennetz gereist. Gleichzeitig wurde auch der Flughafen des Stadtstaates auditiert (oder wie das heute im Mänätscher-Slang so heisst).

Solche Überprüfungen machen nur Sinn, wenn niemand davon weiss. So sass ich in den Socken, ohne Krawatte und zeitungslesend im Cockpit, als jemand hinter meinem Rücken an die Tür klopfte und sich in breitem Berndeutsch als Bundesbeamtin vorstellte. Da ich auch in Socken und offenem Hemd charmant sein kann, war die Situation schnell gerettet und Fragen ihrerseits prasselten Sekunden später auf mich ein. Fehlerlos bestand ich die Überprüfung und fand danach noch Musse, mit der nicht unattraktiven Dame etwas zu quatschen.

Trotzdem war die Pause im Arsch und plötzlich drohte mir die Zeit davonzulaufen. Keine halbe Stunde später heulten die Motoren auf und wir schwebten von der Piste 02C wieder Richtung Bangkok davon.

Der nächste Nespresso fand den Weg ins Cockpit und erleichtert wurden die Schultergurten gelöst. Ein seltsames Geräusch ertönte, als der Chef seine Dinger mit einem Handgriff in die Freiheit entliess. Das klang nicht wie sonst üblich und der mitgereiste Mechaniker bewaffnete sich sogleich mit verschiedensten Werkzeugen.

Der Schultergurt war verklemmt und schnell war klar, dass dieses Malheur in der Luft nicht repariert werden kann. Ein Blick in die Vorschriften zeigte, dass ein Weiterflug mit defekten Schultergurten auf der Kapitänsseite nicht erlaubt ist. Die Zentrale in Zürich wurde informiert und diese instruierte unseren Schraubenmeister sachgemäss. Nach längerer Erklärung verstanden auch wir pilotierenden Laien, dass der dritte Sitz als fliegendes Ersatzteillager dienen soll. Noch während des Reisefluges demontierte der Mechaniker in aller Eile die hintere Sitzgelegenheit und baute das gesuchte Teil aus, um am Boden sofort für den Wechsel bereit zu sein. Fein säuberlich deponierte er die losen Teile im Pilotenschlafzimmer und wir landeten währenddessen den 170 Tonnen schweren Flieger auf der Piste 01R in Bangkok.

Waren die Motoren endlich abgestellt, kam beim Mechaniker Hektik auf. Er rannte um das Flugzeug herum, machte vor der Sitzreparatur noch den Aussencheck und liess uns Steuermänner im Cockpit mit dem hinteren Sitzgerippe allein.
Mir blieb nichts anderes übrig als meine Unterlagen einzusammeln, das Gepäck zu schultern und die zwei benutzten Kaffeebecher des Mechanikers zu entsorgen. Lieblos stopfte er Schokoladenpapier und leere Kaffeerahmportionen in den oberen Pappbecher, was zusammen mit dem schmutzigen Löffel keinen schönen Anblick bot. Ich packte die zwei übereinander gestülpten Becher mit dem unappetitlichen Inhalt und schmiss sie in den Abfalleimer.

Bewusst, dass wir heute gute Arbeit geleistet haben, schlichen sich der Kapitän und ich Richtung Feierabendbier davon und freuten uns auf die scharfe Suppe im hoteleigenen Kaffeeshop.

Am nächsten Tag war der Sitzumbau natürlich Thema Nummer Eins. Ich fragte den Mechaniker vor dem Antritt meines zweiten Fluges nach Singapur, ob die grössere Reparatur auch geglückt sei. Er bejahte, beklagte sich aber über die Idioten der Putzmannschaft, die während seiner kurzen Abwesenheit den bereitgestellten Kaffeebecher gefüllt mit den Schrauben des Sitzes einfach entsorgt haben. Ich schwieg.

Kommentare:

  1. Der war gut :-) Toller Blog!

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  2. :-)! oder shit happens sometimes...b

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  3. Ui jetzt musst du mir, als sehr interessiertem aber absoluten Laien, wenn du Zeit findest, auf die Sprünge helfen. Es gibt also Menschen, die Flughäfen auditieren? Und so wie ich das verstanden habe sind das Schweizer, welche Changi prüfen. Wenn ja, finde ich das doch ziemlich anmassend.
    Auf der anderen Seite - Flughäfen auditieren wäre genau der Job auf den ich ein halbes Leben lang gewartet habe!! Und keine Angst, du kämst bei irgendwelchen Fragen natürlich auch immer sehr gut weg.
    Guten Rückflug wünscht dir
    Peter

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  4. Hoffentlich kennt der betroffene Sesselschrauber Deinen Blog nicht (was wohl schwer ist)... ;o)

    Wisi

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  5. @Prechiblog: Wenn Länder die eigenen Flughäfen unter die Lupe nehmen, funktioniert's nicht, ergo kommen ausländische Experten zum Zug. Was soll daran anmassend sein?

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  6. @anonym: danke

    @Angi: genau so isses...

    @prechiblog:
    Wie das Audit genau abgelaufen ist, das kann ich dir auch nicht sagen. Da es sich um DG Speziallisten handelte nehme ich an, dass es um die Frachtgesellschaft ging....

    @Wisi:
    Er ist Holländer, es besteht also die Hoffnung, dass er es nicht liest :-)

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  7. Ich hoffe du hast deinen zweiten Turnaround ohne Probleme überstanden ;-)!

    Eine Frage dazu hätte ich doch noch: Warum fliegt überhaupt ein Mechaniker mit? Ich dachte das Zeitalter der Boardmechaniker sei definitiv vorbei? Oder geschieht dies nur auf gewissen Rotationen?

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  8. @Angi: Teilweise hast du Mechaniker dabei die auf Auswärtsstationen eine Ferienablösung übernehmen oder so=)

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  9. Bei den aviatischen Preisen für Flugzeugbstandteile schuldest Du der Frima nun etwa CHF 5000 ...

    wird dir mit dem nächsten Lohn verrechnet :-D

    G!

    PS Habe damit wieder gelernt, dass man nur das nötigste machen soll, denn alles andere kann zuviel sein ;-)

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  10. A - ha...jetzt geht mir ein Licht auf...
    Jetzt versteh ich umso besser was es heisst wenn man von "versteckten Kosten" spricht ;)

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  11. Reden ist Silber, schweigen ist Gold. Viel plastischer könnten diese Silben nicht bewiesen werden....

    Lg Severin

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  12. Köstliche Story!
    Vor kurzem hatten wir die montierte Garderobenablage.
    Nun den demontierten Pilotensitz. Was wohl als nächstes folgt?

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