Dienstag, November 11, 2008

Crewbag Entsorgung


In ein paar Jahren werden wir uns beim Betrachten alter Fotos aus dem Fliegerleben den Bauch vor Lachen halten. Wir werden uns über die enganliegenden Sakkos amüsieren und erklären, dass dies am Anfang dieses Jahrhunderts halt so Mode war. Die Betrachter werden dann mit einem Finger auf die blaue Haftschale auf dem Kopf zeigen und fragen, warum ich denn keinen Hut getragen habe. Ich antworte dann mit dem gleichen Satz, mit dem ich mich über Jahre meinen Chef- und Checkpiloten erklärt habe: «Mein Kopf war für das grösste Standardmodel einfach zu gross.»

Am meisten Aufmerksamkeit wird aber das unförmige schwarze Ding auf sich ziehen, das ganze Horden von Piloten und Hostessen die Jahre über durch die halbe Welt getragen und gezogen haben. Die ersten Betrachter werden sich die Lachtränen aus den Augen reiben, wenn ich endlich erkläre, für was wir das Ding brauchten und dass die Abschaffung dieses Crewbags gar nicht so einfach war.

Den ersten Entsorgungsversuch startete ich unfreiwilligerweise letzte Woche in Chicago. Weil die Stewards und die Hostessen ja so beschäftigt waren, half ich einmal mehr als einziger dem Busfahrer die vom Einkaufsrausch gezeichneten Koffer einzuladen. Als letztes Teil kam mein Crewbag auf den Haufen und mit Mühe schlossen wir die Tür des altertümlichen Transportmittels. Hurtig bog der Fahrer auf den sechsspurigen Highway ein und genau so hurtig schob ich meine iPod Stöpsel in die Ohren. Just als «KT Tunstall» von einem «Funnyman» sang, hielt ein anderer Funnyman den Bus mitten auf der stark befahrenen Autobahn an und rapportierte, dass er soeben einen Koffer verloren hätte. Weil die Stewards und die Hostessen ja so beschäftigt waren, nahm ich den lebensgefährlichen Gang hinter das Fahrzeug in Angriff und zählte zusammen mit dem sich nonstop entschuldigenden Fahrer die Koffer. Tatsächlich fehlte ein Teil und dabei handelte es sich um meinen Crewbag. Das war mir eigentlich ziemlich egal. Im Bag befanden sich ausser ein paar Büchern der Firma und der Leuchtweste, die ich mitten auf der Autobahn liebend gerne tragen würde, nichts aufregendes.
Ich sagte dem Fahrer, er solle sich wieder auf den Weg Richtung Flughafen machen und das Missgeschick vergessen. Plötzlich waren die Stewards und Hostessen nicht mehr so beschäftigt und verstanden nicht, dass ich mich heimlich sogar über den Verlust freute. Endlich ohne das quietschende Teil durch die Flughafenhallen laufen, endlich frei, endlich erlöst von den Revisionen, die der Computer sowieso viel besser macht als ich!

Der Fahrer schwitzte vor Aufregung und ich begleitete Katie Melua mit meiner tiefen Stimme, als sie von neun Millionen Fahrrädern sang. In Chicago Obama O‘Hare angekommen, half ich als einziger dem Fahrer beim Ausladen der Koffer, weil die Stewards und die Hostessen ja so beschäftigt waren. Unglaublich dieses Gefühl von totaler Freiheit. Mit leichtem Gepäck lief ich hinter den Kolleginnen nach und erfreute mich über die neue Leichtigkeit des Seins.

Ein kleiner Schwatz mit dem Stationschef, die Flugunterlagen kontrollieren und dann ohne Crewbag zur Sicherheitskontrolle. Das war mein Plan, doch leider kam es anders. Durch die gläserne Eingangstüre rannte unser Crewbusfahrer auf uns zu und trug so ein schwarzes Teil in seiner rechten Hand, das mir ziemlich bekannt vor kam. So ein Pech! Einer seiner Kollegen vollführte auf dem Highway eine Vollbremsung, als er den Crewbag auf dem mittleren Fahrstreifen erblickte. Vorbei war es mit der neuen Leichtigkeit des Copilotendaseins, vorbei war der Traum vom crewbaglosen Leben. Doch ich gebe nicht auf, heute Abend habe ich in Südafrika eine neue Chance. Weil die Stewards und die Hostessen auch heute extrem beschäftigt sein werden, bleibt das Koffereinladen wie immer an mir hängen und so wird mein Crewbag wie schon letzte Woche zuoberst auf der Beige landen. Wer weiss, vielleicht öffnet sich der Kofferraumdeckel ein zweites Mal wie von Geisterhand betätigt und mein Crewbag findet damit eine neue Bestimmung in der südlichen Hemisphäre. Drückt mir die Daumen!

Kommentare:

  1. einfach köstlich dieser Beitrag, besten Dank nff und viel Glück!

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  2. Viel Glück in Jo'burg!!

    Gruss
    Tomy

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  3. Es gibt auch in der Schweiz drei Wunderbare Möglichkeiten, wie du Müll entsorgen kannst:

    1. Die Schweizer Seen eignen wich wunderbar um sich seinen Sachen zu entledigen. Alles findet Platz: Bierflaschen, Körper, Zigarretten, Kanister, Gasflaschen, hab beim Tauchen sogar schon Toiletten gefunden. Ob die von Pfahlbauern stammt weiss ich nicht.

    2. Da derzeit in der ganzen Schweiz nach Spalten und Ritzen gesucht wird, um den lästig gewordenen Atommüll aus den Augen und für einige Jahre auch aus dem Sinn zu bekommen, wird nach Endlagern gesucht. Wer weiss, vielleicht hätte da auch ein Koffer Platz. Besteht ja alles aus Atomen.

    3. Gib ihn doch beim Cern ab. Vielleicht ballern sie ihn in eine andere Dimension.

    Ansonsten gibst du ihn im Ausland ab. Ausschaffung ist sehr effektiv.

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  4. Netter Beitrag, ich hab mal wieder herzlich gelacht. Ich kenne das Problem, habe aber das schwere und lästige Crewbag schon vor einiger Zeit gegen ein kleines und leichtes Aktentäschchen eingetauscht in das gerade meine Lizenz, Flugbluch, Iphone und Stöpsel sowie die gehasste gelbe Weste reinpasst.

    Hat den Vorteil dass man es auch ohne Aufsehen zu anderen Terminen benutzen kann :)

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  5. Bloede Frage eines Fussgaengers: Wozu braucht ihr denn die Leuchtweste? Aussteigen und unter die Motorhaube sehen kommt bei euch doch eher selten vor, oder?

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  6. Auf der Langstrecke eher weniger aber auf der Kurzstrecke wird vor jedem Flug dem Flieger auf die Motorhaube und in die Motoren geschaut ;-)

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  7. Ach so ist das, da bin ich ja gar nicht so weit daneben gelegen. :-)

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  8. Einmal mehr - herrlich abgefasst lieber NFF!
    In Zeiten bröckelnder Finanzmärkte solltest du deinen Crewbag aber nicht derart gedankenlos entsorgen. In weiteren zehn Jahren werden dir nämlich angefressene SammlerInnen das gute Stück förmlich aus den Händen reissen. Da bis dann deine Pensionskasse den Konkurs angemeldet hat, kannst du vielleicht sogar einen Bruchteil der verloren gegangenen Altersgelder kompensieren. Damit du dir auch im hohen Alter noch Starbucks-Kaffee leisten kannst (sofern Starbucks überlebt...).

    Gruss

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  9. Leider hat es nicht geklappt. Keine Zwischenfälle beim Einladen, eine ruhige Fahrt und weder Diebe noch Sammler beim Ausladen....
    Nur etwas war wie immer: Die Stewards und die Hostessen waren ja so beschäftigt ....

    @ivi:
    ... die Seen sind für die Munition reserviert!

    @tobi:
    ... das in die Motoren schauen machen wir auf der Langstrecke auch - gopf!

    @Dide:
    Das Problem der Pensionskasse stellt sich bei unserer Generation nicht. Wir geben den Bettel dank den neuen FDR's vor dem Letztflug ab..... Mein Sackgeld peppe ich ganz anders auf: Die Schlafanzüge unserer prominenten Gäste lassen sich prima auf eBay vertschutten :-)
    DISCLAIMER: DAS WAR EIN WITZ. SAMMLER KÖNNEN SICH DEN AUSFLUG AUF DIE AUKTIONSHÄUSER SPAREN. ZUMINDEST ICH VERKAUFE WEDER PARIS HILTONS PIJAMA NOCH GEORGE CLOONEYS NESPRESSOKAPSEL.

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  10. Laut Schweizer Armee stört die Munition aber niemanden. Bei der Diskussion ob sie gerettet werden soll wurde herausgefunden, dass die Seen nicht mehr sich selbst wären, ohne ihr Herzstück. Man würde der Umwelt schaden, würde man die Sprengladungen bergen. Die Unterwasserlebewesen hätten sich daran gewöhnt. So lässt man sie mal unten. Vielleicht brauchen wir sie ja, um uns gegen die Peitsche des Herrn Nachbarn zu wehren.

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  11. Komisch, noch freue ich mich auf das morgige Abholen der Uniform und des schwarzen, unförmigen Crewbags. Ausserdem verspreche ich in diesem Moment feierlich, nicht einer dieser vielbeschäftigten Flight Attendants zu sein und dem Copi nach Kräften beim Ausladen zu helfen.... Kannst du deinen Koffer nicht so packen, dass er der Polizei verdächtig erscheint und sie ihn dann als Konsequenz sprengen. Ein spektakuläreres Ende für ein Crewbag kann ich mir nicht vorstellen...

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  12. Und ich dachte Du hättest das Ding nach Deinem Gespräch mit den Lehmann Brüdern bereits im September verkauft... Schade, jetzt wirst du wohl doch nicht so schnell reich. Das dürfte auch der Grund sein dass Du Dein Studio für läppische 150 Milliönli verkaufen würdest, wo heute doch Milliarden so auf die Schnelle die Hand wechseln - ohne garantierten Gegenwet, versteht sich.

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  13. also wenn ich der stellvertretende Chef im Haus wär würd ich mich schnell unbeliebt machen und die Regel einführen :

    Wer (ein-)kauft,der schleppt. ;D

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  14. Köstlich...werde morgen an dich denken, wenn ich die Koffer der sich morgen früh im Bazar austobenden F/As in den Kofferraum hieve. Immerhin sind's nur zwei - manchmal hats eben auch Vorteile mit einer kleinen Crew on the Road zu sein.

    Und dasselbe Entsorgungspech verfolgt mich mit dem Hut, ich bringe ihn - zum Leidwesen meiner Frisur - einfach nicht los...

    Gruess us IST, G!

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