Mittwoch, Oktober 15, 2008

Zutsuu ga shimasu (ich habe Kopfweh)

Unter Betroffenen spricht man vom «Canadian neck» oder von der «Österreicher Starre». Gemeint ist damit der versteifte Nacken nach einem Schlafversuch in der verwunschenen Schlafkoje unserer jüngsten A340 Kinder. Bei diesen Flugzeugen, die von österreichischen und kanadischen Fluggesellschaften übernommen wurden, sind gelinde gesagt leichte Baumängel im Bereich der Betten versteckt. Meines Wissens wird weder im Kreis der aviatischen Mediziner noch in den pilotischen Selbsthilfegruppen über dieses wichtige Thema debattiert.
Gut, bei den Wissenschaftlern kenne ich die Ausrede schon jetzt, die bei unbequemen und gesundheitsgefährdenden Problemen seit Jahren die Gleiche ist: «Für statistisch relevante Aussagen fehlen uns einfach die notwendige Anzahl genickstarrer Patienten.» Die statistisch relevante Grösse beginnt in der Regel so bei 1000 Personen, was bei 370 Crewbunkbenutzern in unserer Firma gar nicht so einfach erreichbar ist.



Einmal mehr werden lange Langstreckenpiloten mit ihrem delikaten Problem allein gelassen. Und glauben sie mir, mit einer Körperlänge über den magischen 195 cm muss man wirklich so liegen, wie es beiliegendes Foto dokumentiert. Die Füsse sind dabei rechtwinklig am Knisterwandteppich angelehnt und der Kopf verschwindet in der kleinen Delle, die eigentlich für den Geldsäckel der fürstlich verdienenden Kapitäne aus dem Herstellerland des Airbus gedacht ist.

Die Folgen dieser unfreiwilligen Yogastellung sind brennende Füsse, Genickstarre und Kopfweh - oder etwas japanpoetischer ausgedrückt: «Zutsuu ga shimasu». Da der japanische Ausdruck zugleich schöner als auch dramatischer klingt, entscheide ich mich das Leiden auf lokale Art zu lösen.

Vor dem Eingang zum Bad mit den heissen Quellen hat sich diszipliniert eine kleine Warteschlange gebildet, die ein älterer Herr mit perfekt passender Uniform wortlos dirigiert. Speditiv werden die Besucher nach Geschlechtern getrennt und entledigen sich schichtenweise ihrer Kleidung. Die Badehalle versprüht eine meditative Stimmung und nach dem bitte nicht zu kurzen Waschprozedere, wo sämtliche Körperporen gereinigt werden, sitzt der Besucher in einem Quellwasser, dessen Temperatur deutlich jenseits der 40° Grenze liegt. Langsam lösen sich die ersten Verspannungen, der Geist bekommt wieder genügend Betriebsstoff und damit wird Kapazität frei, um die Atmosphäre in diesem Bad zu geniessen.
Schnell gewöhnen sich die Augen an die nackten Männerkörper und man nimmt erleichtert zur Kenntnis, dass in Japan die Spezie der Zwangsexhibitionisten und der Längenvergleicher nicht existiert.

Auf Grund der hohen Luftfeuchtigkeit liegt ein leichter Nebel über den Bädern und trübt die Sicht für das Geschehen in der Ferne. In der Wanne mit dem salzigen Wasser habe ich die Erscheinung zum ersten Mal gesehen, im Sprudelbad neuerlich. Da huscht doch tatsächlich eine junge Frau in Uniform zwischen den vielen nackten Männern hindurch und verrichtet eine Arbeit, die ich auf Distanz und ohne Brille nicht genau erkennen kann. Im Adamskostüm schleiche ich mich an und beobachte, dass den jungen Frauen eine Aufgabe zugeteilt wurde, die ich so verachtenswert gar nicht finde.
Auf vier Pritschen verteilt liegen ältere Herren, die von den Damen abwechslungsweise mit einem Waschlappen und warmem Wasser gestreichelt werden. Was jetzt so anrüchig klingt, ist in diesem hochseriösen Etablissement eine normale Dienstleistung, die anständig und mit Sozialversicherungsanteil entlöhnt wird. Auch ich buche eine halbe Stunde.

So liege ich nackt auf einem Holzbett und werde mit einem Gartenschlauch genässt. Die Temperatur ist angenehm und die junge Dame verrichtet ihre Arbeit wie schon bei meinen älteren Vorgängern wortlos und professionell. Nach dem Benetzen meiner Körperoberfläche kommt der Waschlappen zur Anwendung. Dieser wird mit einem Mittel benetzt, den die weibliche Hälfte der Erdbewohner Peelingcrème nennt und wir Männer schlicht Kernseife. Die junge Dame raspelt am Oberkörper alte Hautresten von meinen Knochen und ich entspanne mich dabei herrlich. Auch die Behandlung des Brustbereiches lasse ich mir gerne gefallen. Als aber der Waschlappen Richtung Bauchnabel und Schenkelinnenseite wandert, bereue ich das Inanspruchnehmen dieser Dienstleistung zum ersten Mal. Man stelle sich nur die Schlagzeilen in der heimischen Boulevardzeitung vor, wenn …. - ja sie wissen schon. Nur der Gedanke an die letzte Steuerrechnung rettet mich vor einer Peinlichkeit und ich überstehe den Rest der Behandlung ohne unerwartete Zwischenfälle.

Mit der Haut eines 14-jährigen entsteige ich dem Behandlungstisch und bedanke mich mit einer tiefen Verbeugung bei der Kernseifenfrau. Für einmal ziehe ich das eiskalte Wasser den heissen Quellen vor und bewege den Nacken leicht von links und nach rechts. Die Verspannung ist noch immer nicht weg, aber glücklicherweise ist auch keine weitere dazugekommen.

Kommentare:

  1. Guten Tag,
    ich folge stets mit Interesse Ihren Berichten. Falls Sie jedoch Mitleid über die unbequeme Schlafposition in Ihrem Dienstbett erwarten, so muss ich Sie enttüschen. Ich passe mit 199cm sitend sowas von genau in die Economy-Sitze, dass ich auf den Gurt verzichten könnte. Mit den Knien am Vordermann tief in den Selles gekeilt, endet meine Rückenlehne auch auf Schulterhöhe. Um den Kopf anzulehnen, müsste ich den Hals um 90 Grad nach hinten biegen. Das, lieber Herr Kojenlieger, macht einen Tansatlantikflug auch nicht gerade zum Spaziergang.
    Anregung für Sie: Legen Sie sich doch einmal etwas unter die Knie, das entspannt den Rücken und verkürzt Ihre Ruhelänge um einige Zentimeter.
    Herzlichst!

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  2. Wie immer herrlich geschrieben, wenn auch liegetechnisch nicht ganz optimal.
    Eigentlich wollte ich Dir ja raten, zur schreibenden Zunft zu wechseln, aber wo kämen dann die Anekdoten her, über die es sich zu Berichten lohnt ?

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  3. Nun, da der Herr upofix keines spendet, hier ein wenig Mitleid von mir. Als 166cm-Zwergerl hab ich da einiges übrig ;-)
    Nett, dass Du die japanische Peeling-Massage so schön beschrieben hast :-)

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  4. Wo bist Du eigentlich gelagert?
    Über den Erstklass-Passagieren? Oder darunter?
    Wo auch immer: ich hoffe doch sehr, dass Du nicht auch noch durch deren Schnarchgeräusche belästigt wirst!

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  5. Da hab ich in Zukunft wenigstens einen Vorteil klein zu sein :-)

    Apropos "Längenvergleicher": bei fast 2m ist klar, warum die Japaner die Länge nicht vergleichen wollen ;-))))

    G!

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  6. .... da gibt es doch diese Regel: Grosser mann, kleines .... - oder so ähnlich :-)

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  7. @nff und G!: Das ganze ist jetzt bisschen allzu schwanzlastig geworden, so fliegt sich schlecht. Solltet ihr Piloten eigentlich wissen…

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  8. Ob schwanzlastig oder nicht, entscheidet sich letztendlich im Kopf des Lesers :-)

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  9. Lese deinen blogbeitrag nun zum xten mal und immer wieder kommen erinnerungen hoch. War kurz aber unvergesslich meine NRT rotation mit dir (nicht wegen dem sushi, das ich immer noch nicht mag).

    Sitze momentan, ganz getreu deinem motto, in einem starbucks im staate newjersey und lese fasziniert, und mit vielen zuckungen meiner lachmuskeln, dein buch .

    Genau das richtige vor meiner ersten OPC sim session um drei uhr lokal.

    Hoffe es geht dir (und deiner rueckenmuskulatur) gut und freue mich jetzt schon auf das tshirt ;o)

    Liebe gruesse aus newyork

    Wisi

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  10. Hallo upofix.
    Ich kanns nicht lassen zu antworten. Economie ist zwar nahe an und meisten bereits über der schmerzgrenze, aber wir müssen dann auch nicht tonnenweise metall auf einer Winzpinste sanft runterbringen. Wenns sein muss kann der Herr Pilot JEDERZEIT seinen Kopf auf meinem Schosse betten!
    Philip

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