Samstag, Oktober 11, 2008

was nicht passt wird passend gemacht

Unser kleines Studio am Fusse des Corvatsch wollte neu eingerichtet werden und natürlich stellte ich mich dieser Herausforderung. Meine Frau bereitete das umfangreiche Projekt hervorragend vor und stellte eine lange Liste voller Begehrlichkeiten zusammen. Mit einem A4 Blatt betraten wir vor Tagen das schwedische Möbelhaus und mit einem Berg schwerer Kartonschachteln und einem Auto, das sich bedrohlich nach hinten neigte, verliessen wir drei Stunden, zwei Hotdog und ein Softeis später das Areal wieder.

Das Auto bis oben voll mit IKEA Schachteln beladen und irgendwo dazwischen noch den Hund hineingepfercht, ging es Richtung Engadin. Wie genau wir das Engadin erreicht und wie viele Verkehrsregeln wir dabei verletzt haben, möchte ich an dieser Stelle gar nicht diskutieren. Einmal angekommen, begann das Renovationsprojekt wie Piloten es sich gewöhnt sind, nämlich mit einem umfangreichen Briefing. Wir schworen uns gute Teamarbeit und hofften beide, dass wir in absehbarer Zeit ohne Ehekrach vor dem neuen Interieur stehen werden. Die Rollenverteilung war von Anfang an klar: Ich war der Experte und sie wusste wie es geht.

Die erste Schachtel wurde noch vorsichtig ausgepackt und die Bauanleitung genaustens studiert. Die Akkubohrmaschine steckte im Holster und ich fühlte mich dabei wie John Wayne vor einem grossen Duell. Dementsprechend schwungvoll wurde die erste Schraube in das Holz gedreht. Der Akkubohrer jaulte auf und verrichtete seine Arbeit zur meiner Freude tadellos. Nur leider war mein Liebling auf das durchdringen von Stahl eingestellt, was auch prompt der Kreuzschraube ihr Kreuz kostete. Aus dem vormals katholischen Kopf wurde so ein konfessionsloser. Doch das kümmerte mich wenig. Ich hatte nicht vor, den soeben montierten Stützwinkel je wieder zu demontieren.
Flüssig nahm das Möbel seine Form an. Rückwand angenagelt und dabei nur zwei Mal auf den Daumen gehauen - ein voller Erfolg! Sechzehn Mal das Akkugeräusch «WüüüWüüü» und die Füsse waren angeschraubt.

Als das Möbelchen auf seinen filigranen Stelzen stand, warteten noch zwei Türen auf ihre Bestimmung. Schnell war die Montageanleitung dechiffriert und die Scharniere angebracht. Jetzt mussten die Flügel nur noch schrankseitig befestigt werden. Ohalätz, der Winkel war im Weg und musste wieder weg. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen meine Frau über den Konfessionswechsel der Schraube und die daraus folgenden Konsequenzen zu informieren. Kopfschütteln ihrerseits und ein Motivationschub meinerseits folgten. Vorsichtig schob ich den 3er Schraubenzieher unter den Winkel und hob diesen leicht an. Weg war er schnell, aber das Loch in der furnierten Spanplatte erfreute die Projektleiterin ganz und gar nicht.

Die folgenden Schränke waren dank der gewonnenen Erfahrung schneller aufgestellt und Löcher in den Seitenwänden konnten weitgehend vermieden werden. Wäre da nicht das Modell mit der Ausziehschublade gewesen, man(n) hätte von einem erfolgreichen Morgen sprechen können. Die Ausziehschublade erforderte grosse Aufmerksamkeit. Ich als Experte sah keine Probleme und die die weiss wie es geht anfänglich auch nicht. Zuerst den Winkel richtig montieren, dann die Schublade zusammenstellen, noch hurtig das Schubladenscharnier einpassen und dann die Schublade einhängen. So zumindest lautete der Plan. Das Scharnier passte perfekt, die Schublade liess sich prächtig einhängen, aber leider fehlte ein Fingerbreit, damit sich das Teil auch richtig schliessen liess.
Vierundzwanzig mal «WüüüWüüü» auf die eine Seite und vierundzwanzig Mal «WüüüWüüü» auf die andere und alles war wieder paletti.

Die Hutablage war als nächstes an der Reihe. Zwei Meter über Boden musste die Unterkante sein, damit Herrchen nicht sein Haupt deformiert. IKEA hat eine wunderbare Lösung bereit, die mit nur vier Schrauben befestigt werden muss und lächerliche 18 Kilogramm wiegt. Aus Mangel einer Wasserwaage musste das Augenmass genügen.
«Links ein bisschen höher, nein rechts höher, jetzt ist gut, nein links tiefer, nein rechts tiefer». Meine Arme zitterten und der Schweiss rann aus allen Löchern. Schlussendlich hatten wir für die vier Bohrlöcher zwölf mögliche Ansetzpunkte für den Bohrer aufgezeichnet. Die die wusste wie es geht verlangte ein neuerliches Massnehmen und der Experte setzte trotzig den Bohrer an der offensichtlich richtigen Stelle an, ohne den am Boden liegenden Fressnapf von Hundchen wegzuräumen. Acht Bohrlöcher, acht Dübel und unzählige Flüche später waren endlich die richtigen Löcher gefunden und die Hutablage hing über dem verschlammten Wassertöpchen vom staunenden Hundi.

Die nächste Ablage war kleiner, somit auch leichter und durfte etwas tiefer montiert werden. Die die weiss wie es geht wurde zum Halten verdonnert und der Experte nahm Augenmass. Einmal «rechts etwas höher» genügte unter männlicher Regie und die vier Bohrlöcher waren angezeichnet. Selbstverständlich passten diese perfekt und die Ablage wurde in Rekordtempo mit vier «WüüüWüüü» an die Wand fixiert. Der Experte war stolz und die die wusste wie es geht verkniff sich das Lachen.

Dass mein Augenmass etwas vom seitlich nach unten kommenden Armaturenbrett im Airbus degeneriert ist sah man subito, als die die weiss wie es geht die Äpfel auf die Ablage stellte und die Früchtchen dann ungefragt ihre Reise Richtung Kühlschrank in Angriff nahmen. Ich besann mich auf die Freiheiten des Künstlers und weigerte mich erfolgreich noch einmal vier Löcher in den Beton zu hämmern.

Irgendwann war das Projekt beendet und der Experte und die die weiss wie es geht wurden wieder zu einem normalen Ehepaar - IKEA sei Dank.

Kommentare:

  1. Herrlich, danke für die Abendlektüre.

    Das montieren kommt mir bekannt vor, nach erfolgtem Wechsel der Behausung wurde auch bei besagtem Einrichtungshaus eingekauft, Möbel montiert und falsch gebohrt :-D

    Und sobald die Firma mit den 2 C im Namen die Sachen liefert geht es auch in meinem Blog weiter, der Fotoapparat ist nämlich dort und die neuen Fotos noch nicht auf dem Apfel.

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  2. IKEA-Die bekannte Abkürzung für "Ich kriege einen Anfall"...

    Gratulation zur erfolgreichen Montage!

    Viele Grüße
    Stefan

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  3. Ich sag nur «chapeau», für den absolut netten Blogeintrag. Auch wenns sicher überflüssig ist, mindestens dreimal «WüüüWüüü» von mir, auf dass es ewig halten mag.

    Liebe Grüsse
    Christoph

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  4. .... schon einmal mit dem frischmontierten Teil über meinem Kopf geschlafen - es hat gehalten!

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  5. Danke für den sehr sehr unterhaltsamen Beitrag. Ich musste richtig lachen...

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  6. ...oja einrichten macht spaß. gäbs ne kundenkarte a la miles and more beim genannten schweden wär ich ein HON...
    in meiner neuen wohnung stand letztes we schaffensperiode 2 am plan...der bericht sprach mir also aus der seele.nur, dass mein helfer mit der bohrmaschine ein wasserwaagenfetischist ist. seiner zwangsneurose, das ständige anlegen der gerätschaft mit dem gefangenen luftbläschen, konnte er beim montieren meiner garderobe vollkommen ausleben...last but not least: sie hängt pünktlich zum beginn der jackensaison u verrichtet ihre dienste!!

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  7. Selten wegen einem Blog so gelacht. Ich sah mich und meine Frau vor mir, denn genau so läuft es bei uns auch ab.

    Gruss
    Andi

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  8. Habe gewüüühert vor Lachen...wusste gar nicht, wie konfessionell Kreuzschrauben sein können...wüüüh...
    "Ich war der Experte und sie wusste wie es geht"...wüü hüüüüh...Loriot und Kishon lassen grüssen.

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  9. *pruuust*
    Danke für den nachmittäglichen Lacher :-)

    Ist grad mal gut ein Jahr her, als der beste aller Ehemänner und ich mein Münchner Mini-Apartement mit einer IKEA-Küche versahen. Das war sehr sehr ähnlich ;-)

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  10. Danke für die Kommentare. Wie wir sehen verbindet IKEA :-)

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  11. Der Beitrag knüpft in Sachen Qualität und Orginalität an Tim "Heimwerkerking" Taylor's "Home Improvement" an...und DAS will was heissen!

    BTW: da sag noch einer, Piloten seien Fachidioten... :-)

    G!

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  12. .... danke für das Lob :-)
    Die Schränke halten übrigens noch immer.
    Frage: darf man eigentlich einen Akkubohrer ins Cockpit nehmen?

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  13. ...dann weiss ich, wer mir beim Montieren des nächsten Schwedenmöbels mit Rat und Tat zur Seite stehen kann :-)

    Gute Frage, ist ja weder was zum schneiden, noch flüssig - daher würde ich JA sagen ... oder soll ichs morgen um 0610 versuchen? :-)

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  14. Hier kannst Du noch Ideen für das nächste Projekt holen, frei nach dem Motto: "es gibt keinen Blog, den es nicht gibt":

    http://ikeahacker.blogspot.com/

    :-)

    G!

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  15. Das hält hundert Jahre, wenn´s vorher nicht zusammenbricht.

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  16. Ich würde sagen es hat doch alles perfekt geklappt!"grins"

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