Donnerstag, Oktober 23, 2008

vom Käse zum Fleisch


Herrlich ist der Herbst. Ich liebe die melancholische Stimmung und die feuchtkalten Spaziergänge durch den farbenfrohen Wald. Die Jacken werden wieder bis oben geschlossen und die Mediziner versuchen uns massenweise Grippeimpfungen anzudrehen. Ich persönlich ziehe als Arznei das Fondue vor. Es hilft vielleicht nicht gegen Fieberschübe, aber sicherlich gegen Schwermütigkeit.
Wer aber dem Frühling den Vorzug gibt, dem habe ich ein gutes Rezept parat: folgt mir nach Südafrika.

Zwischen dem beschaulichen Zürich und dem von Kriminalität geplagten Johannesburg liegen zehn Flugstunden und ein ganzer Kontinent. Afrika, diese unglaublich grosse Landmasse, bei der überirdisch eine inakzeptable Armut herrscht und unterirdisch überschwänglicher Reichtum, ist unser Gastgeber heute Nacht.
Das Flugzeug ist bis oben gefüllt und die Passagiere zum Teil auch. 228 Gäste, das sind 228 Erwartungen an den Flug und 228 Schicksale. Alle wollen sie nach Johannesburg, alle wollen sie etwas schlafen und alle schätzen es, wenn sie verwöhnt werden. Die Landschaften zehn Kilometer unter ihnen interessieren sie nicht. Afrika ist etwas Fernes, Unbekanntes, Unheimliches.

Uns Piloten interessiert sehr wohl, was sich unter uns abspielt. Alle zwei Flugstunden brauchen wir aus planerischen Gründen eine Landemöglichkeit. Das Wetter an diesen Orten ist für uns genauso wichtig, wie der Zustand des Flughafens. Über bürgerkriegsähnliche Zustände werden wir informiert, aber die für Afrika leider alltäglichen Gemeinheiten wie Hungersnöte und Grenzkriege finden in den Bulletins keine Erwähnung.

Nach etwas über einer Stunde fliegen wir über die Fischerinsel Lampedusa. Es sind nicht die Fische, für die diese Insel als Synonym stehen, es sind die Körper, die täglich aus dem Meer gezogen werden. Menschen, die ihren Bodenschätzen folgen und dabei ihr Leben lassen.
Die Lichter auf dem Meer sind spärlich. Vereinzelnd sind Fischerboote auszumachen, in der Ferne werden die Umrisse der Stadt Tripolis sichtbar und dahinter erscheint wie eine undurchdringliche Wand die grosse Dunkelheit der Sahara. Zwischen den nächsten beiden Ausweichflughäfen Tripolis und N‘Djamena liegen mehr als 1500 Kilometer. Es sind unsere einzigen Landemöglichkeiten in dieser Gegend. Aus aviatischer Sicht absolut unproblematisch, aus politischer weniger. N‘Djamena hat mehr als eine Million Einwohner. Obwohl die Metropole die Hauptstadt des Tschad ist, liegt sie am äussersten Zipfel des Landes genau an der Grenze zum Nachbarland Kamerun. Man könnte meinen, als warte sie auf den richtigen Moment, um über den Fluss Schari zu setzen und damit ihrer Armut zu entkommen. Der ganze Tschad ist von bewaffneten Konflikten geplagt und die Bevölkerung leidet entsprechend darunter. Ich bin froh, dass uns nichts dazu zwingt, hier zu landen.

Der nächste Ausweichflughafen ist Kinshasa in der demokratischen Republik Kongo. Der demokratische Gedanke wird in diesem Land speziell ausgelegt. Man schwört lieber auf die Kalaschnikov als auf die Verfassung und so wundert es nicht, dass es in Kinshasa und in der nur durch einen Fluss getrennten Millionenstadt Brazzaville immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen kommt. Auch keine meiner Wunschdestinationen.

Das Tageslicht zeigt sich und Johannesburg kommt immer näher. Der Anflug führt uns am Township Soweto vorbei auf die Piste 03R. Sanft berührend die Räder afrikanischen Boden und unser Bodenpersonal nimmt den A340 wenige Minuten später in Beschlag.

Im Frühling angekommen, freue ich mich auf das grosse Steak heute Abend und geniesse noch einen Kaffee unter freiem Himmel.
Neben mir ersäuft ein junges Pärchen ihren Frust schon zu früher Stunde im Alkohol, während der Nachwuchs unbeaufsichtigt am Pool spielt. Der Kleine planscht, lacht, schreit und wird dabei pudelnass. Irgendwann gewinnt die Kälte Oberhand über den Spieltrieb und das kleine Häufchen Mensch rennt weinend zu seinen alkoholgeladenen Eltern. Die Mutter erhebt die Hand, ruft eine Serviertochter herbei und verlangt lauthals, dass diese ihren Sohn bitte in trockene Kleider stecken soll.
Fassungslos sehe ich zu und realisiere, dass ich diesen Kontinent wohl nie verstehen werde.

Kommentare:

  1. Eine andere Sichtweise auf die Intermediates... Nichts desto trotz oder gerade deswegen freue ich mich Afrika (zumindest einen klitzekleinen Teil davon) kennenzulernen.

    Jetzt muss ich in die "Vista Lounge" im sechsten Stock, wo wir Crew Apéro haben und geniesse zum zweitletzten Mal den Blick aufs griechische Meer...

    G!

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  2. Wunderbare Einsichten zu Afrika.

    Als Swiss Vielflieger (der alle A340 Strecken bereits mitgelitten hat, teilweise mehrfach) schätze ich deine Texte und die Einblicke in das Leben eines Piloten sehr.
    Seit ich hier mitlese passe ich bei der Vorstellung der Piloten immer besonders auf, aber dein Name fiel noch nie....
    Falls ja darf man dann mal hallo sagen :)?

    Und ja, ich fühle mich jeweils wohl an Bord :)
    Philip

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  3. und die Welt schaut zu....

    mich mit eingeschlossen - leider.


    Ist eben doch anders wenn man die zu überfliegende Landschaft nicht nur als Landemöglichkeit oder Wegpunkt sieht,sondern auch Schicksale und Historie in Betracht zieht...
    Danke!

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  4. @G!:
    .... der Ausblick von der Terrasse im neuen Crewhotel ist auch nicht zu verachten! Geniesse die verbleibenden Kurzstreckenstunden, der A330 kommt ja bald!

    @Philip:
    .... Hallo sagen geht immer. Meistens findet man mich neben der Nespressomaschine :-)

    @anonym:
    .... es ist tatsächlich schwierig, diesen Kontinent gedankenlos zu überfliegen.

    @Angel:
    .... Danke.

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