Freitag, Oktober 03, 2008

die erste dunkle Oktobernacht

Der Wind bläst von hinten mit 132 Knoten, das sind 245 Stundenkilometer, und der nächste Flughafen St. Johns in Neufundland ist 90 Flugminuten entfernt. Zwischen uns und dem schäumenden Meer liegen 11‘600 Meter Luft. Das immer noch 200 Tonnen schwere Flugzeug wird von den Luftmassen hin und her bewegt und draussen ist es dunkel wie in einer Kuh.

Die Passagiere schlafen und in den Galleys harrt ein kleines Grüppchen Flight Attendants frierend auf einem Stuhl sitzend aus und schlägt sich die Nacht um die Ohren. Die Lichter im Passagierraum sind gedimmt und nur ein leises Schnarchen stört hie und da die Stille. Das Flugzeug ähnelt irgendwie einem U-Boot das dem feindlichen Sonar entkommen will und sich so ruhig wie möglich stellt.

Unser Navigationsgerät sendet im Millisekundenrhythmus Positionsmeldungen nach Gander und ich versuche über die Frequenz 5616 die Dame hinter dem Mikrofon zu erreichen. Ein lautes Rauschen quält meine Gehörgänge, das mich irgendwie an den Lärm auf der Aussichtsplattform des Rheinfalls erinnert. Vier Stunden sind wir jetzt schon in der Luft und die Hälfte ist noch nicht vorüber.
Wenn sich die amerikanischen Piloten nicht über jede Bodenwelle auf der Luftstrasse beklagen würden, wäre es am Funk so still wie hinten in der Kabine. Nachtflüge sind kein Vergnügen.

In etwas mehr als vier Stunden wartet ein 3.2 Kilometer langes und 60 Meter breites Band Asphalt auf uns und das sollten wir so genau wie möglich mit unserem dann noch 210 Stundenkilometer schnellen Vogel treffen. Und genau darum müssen wir uns irgendwie während der Nacht aktiv erholen. Kreuzworträtsel lösen ist eine Option, kleine Power-Naps die andere.
Dieses Wachbleiben während der Nacht kann man nicht trainieren. Manchmal geht es besser, manchmal fallen die Augen im Minutentakt zu. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Intensität und die Menge der Nachtflüge im direkten Zusammenhang mit der eigenen Müdigkeit steht. Diesen Monat komme ich auf acht dieser Nachtreisen. Acht Nächte sind viel, vielleicht zu viel. Klar versuche ich mich vor und nach den Flügen zu erholen, aber immer klappt das auch nicht. Hat der Zimmernachbar im Hotel gerade eine kleine Party oder ist er nicht fähig die Tür stilvoll und leise zu schliessen, dann ist es um den Nachmittagsschlaf vor einem Nachtflug geschehen. Schwere Lider und eine noch längere Nacht sind dann die Folge.

Mittlerweile sind wir bei 48N/038W angekommen, es dauert noch vier Stunden bis zur Landung in Zürich und mein Chef kämpft mit dem Schlaf. Ich gönne ihm seine Ruhe, übernehme das Flugzeug und beschliesse diesen Artikel. Bald geht das Licht im Cockpit aus und ich werde dann vierzig lange Minuten in den dunklen Himmel hinausblicken. Damit ich nicht auch einschlafe, stellen wir zur Sicherheit einen Eierwecker. Man weiss ja nie.

Kommentare:

  1. Schaltet man wirklich die Lichter aus zum pennen? Ein Hoch auf die Airbus-Philosophie:
    "Solange der Christbaum überm Kopf dunkel ist, ist alles in Ordnung."

    Was ich mich während den letzten Cockpitaufenthalten gefragt hab: wie klingelt der Wecker, wenn das Ei genügend ausgebrütet ist? Master Warning wäre wohl am effektivsten:D

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  2. Hm, wenn ich jetzt auf die Uhr schaue, wäre ich prädestiniert für Nachtflüge, da ich noch ziemlich fit bin... Vielleicht sollten wir beide die Briefingzeiten tauschen, ich bin ab Montag 0605 wieder im Ops anzutreffen. So, ich lösche die Lichter jetzt auch, der Eierwecker kann mir aber noch bis Montag gestohlen bleiben, sonst will ich im Halbschlaf noch einen Fuelcheck machen :-)

    G!ueti Erholig!

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  3. Eierwecker kann ungünstigenfalls aber ganz ei-genartige Assoziationen wecken... tztztztz :-P
    Ginge nicht auch ne Sanduhr? ;-)

    *Klugscheißmodus aus*

    Welche Rolle spielt Koffein? Hilfts noch oder ist manN schon resistent?

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  4. was fuer erinnerungen werden da bei mir wach...als ehemalige langstrecklerin...diese muedigkeit...und dieses frieren im galley, waehrend man versucht sich wachzuhalten...

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  5. @ivi:
    Kommt auf den Schläfer an. Bei mir kannst Du die Lichter brennen lassen, denn ich trage eine Augenbinde :-)

    @G!:
    Kaufe einen Hund, dann wirst Du auch zum Frühaufsteher!

    @Kerstin:
    Sanduhr ist die rügener Lösung :-)

    @Allegra:
    ... darum ist es wichtig, dass sich die charmanten Damen regelmässig im Cockpit aufwärmen :-)

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