Mittwoch, Oktober 29, 2008

68er

Es sind noch keine sechs Tage her, das hockte ich am gleichen Tisch unter freiem Himmel, genoss einige Cappuccinos und schaute auf die grosse Statue von Nelson Mandela hinüber. Wieder sitze ich jetzt also an dem Ort, der einem grossen politischen Führer die Ehre erweist. Weisse und schwarze Hautfarben sind gleichermassen vertreten und laufen zumindest vordergründig ohne böse Absichten zu hegen aneinander vorbei. Es brauchte eine Revolution, bis die Apartheid verschwunden und die Durchmischung der Volksgruppen Tatsache wurde. Nicht dass die Probleme damit aus der Welt geschafft wurden, aber immerhin liegt dem ganzen Leben in Südafrika ein demokratisches System zu Grunde.

Mein dritter Cappuccino finden den Weg auf den wackligen Tisch und ich schaue wegen der doch schon drei Nachtflüge innerhalb der letzten sieben Tage leicht belämmert in das grelle Sonnenlicht. Über meinen Gedanken liegt ein nebliger Schleier und das Denkzentrum funktioniert in diesem rauschähnlichen Zustand, hervorgerufen durch den folterähnlichen Schlafentzug, erstaunlich kreativ und aufmüpfig.

Ich versuche den Link zwischen dem Gastland und meinem Helvetien zu machen und erinnere mich an die kleinen Revolutionen, die mein Heimatland in den vergangenen 50 Jahren erleben durfte. Obwohl ich keine der grossen Aufstände gegen das Establishment miterlebt habe, hege ich im jetzigen Zustand grosse Sympathien mit den Bewegungen, die ich nur aus den Zeitungen und Büchern kenne. Als die 68er gegen alles und jeden aufbegehrten, der das darstellte, was die damaligen Demonstranten heute sind, solidarisierte ich mich mit den Aufständischen und deponierte meine stinkenden Protestnoten in Stoffwindeln. Zwölf Jahre später brannte Zürich und ich war als Halbwüchsiger am äussersten Rande mit dabei. Um was genau es bei den Protesten ging, verstand ich nicht und es interessierte mich ehrlich gesagt auch nicht. Zu jung war ich für die politischen Botschaften, alt genug war ich aber um zu verstehen, dass wenn alle Polizisten mit Tränengas gegen die Revoluzzer kämpften, keiner der Uniformierten Zeit fand mich und meinen frisierten Puch Maxi zu kontrollieren.

Als ich dann aber alt genug gewesen wäre um die Welt zu verändern, geschah einfach nichts. Keine Revolution, kein Aufbegehren, einmal im Jahr etwas laute Musik am Limmatquai, aber nichts weltbewegendes, nicht wovon man später reden würde. Verstehen sie mich bitte nicht falsch, ich sehne mich nicht nach brennenden Containern oder nach eingeschlagenen Fensterscheiben. Im Gegenteil, als Bürger geniesse ich das beschauliche Leben der Schweiz. Aber eben, ich kann mich mit keinem Label wie «alt 68er» oder «AJZ Veteran» schmücken.

Der vierte Cappuccino wird unsanft auf dem Tisch abgestellt und etwas Milch schwappt über. Ich greife nach der Zeitung und kämpfe mich durch all die Kommentare und Analysen über die Finanzkrise. Lese von höheren Angestellten, die sich für Milliardenverluste selber belohnen und Konsumenten, die jetzt bitte schön weiterhin Geld ausgeben sollen, während ihre Pensionskassenguthaben wie der Schnee an der Frühlingssonne schmelzen. Ein Herr Stonebridge wettert über das Steuerparadies Schweiz, das sich selber wacker verteidigt, während es neben dem Parlament vorbei ein kleines Sümmchen genannt Rettungsanker auf die Cayman Inseln überweist.
Dieser Rettungsanker kommt einer Firma zugute, die - Ironie des Schicksals - Hauptsponsor einer Rennjacht ist.

Den fünften Cappuccino lasse ich aus. Nicht nur wegen des Koffeins, sondern auch wegen der Tatsache, dass die Heimatfront mein Geld braucht und nicht Südafrika. Ich habe etwas Respekt vor der Rechnung an diesem exklusiven Ort, obwohl ich mich in den letzten Tagen an grosse Zahlen gewöhnt habe:

700 Milliarden? Ein Klacks!
1.5 Billionen? Peanuts!
Nur 68 Milliarden? Ein Hoch auf unsere Banken!

Noch immer etwas gedanklich verwirrt packe ich meine sieben Sachen zusammen und laufe ehrfürchtig an der Statue von Nelson Mandela vorbei. Er hat für seine Revolution gekämpft. Ich kam glücklicherweise um meine herum. Oder vielleicht doch nicht? Vielleicht bin ich einer der «Neu 68er». 68 für die 68 Milliarden oder 68 für den zukünftigen Deckungsgrad meiner Pensionskasse.

Kommentare:

  1. Ich sehe schon, dass wir etwas mehr zu diskutieren haben, wenn wir mal zusammen die Luft unsicher machen ... nein, nicht Politik, sondern Puch Maxis ;-)

    Zurück zum Ernst des Lebens: mir scheint dass alle Welt vergisst, dass die 68 Mia. der Schweiz in Relation mit unseren Finanzmarkt gesehen - und darum geht es - um die Relationen, ein Vielfaches der Summen der USA und der EU sind! Die effektiven Zahlen habe ich jetzt grad nicht zur Hand...dazu kommt, dass die Summe hierzulande nicht von einer Gruppe von Banken, sondern faktisch von EINER Bank verursacht wurde...

    Das vergesse ich jetzt aber, und geniesse meine letzten 23 Grad dieses Jahres am letzten Abend des alten Hotels mit Meersicht in ATHEN.

    Prost!

    G!

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  2. Wir können zwar etwas dafür, dass wir eine Oase sind, doch wir haben nichts dazu beigetragen, dass das Land um uns herum zu einer Wüste wurde.

    Es beruhigt mich, dass nicht alle Deutschen so denken. Genau genommen ist es ja nur einer.

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  3. EINE BANK! 68 Mia. miese!
    Und dies in diesem kleinen Land!

    Mir kam es schon immer vor, als hätten wir es mit einem Staat im Staate zu tun.

    Nun muss er einspringen!
    Welcher?
    Der Staat? Oder der Staat?

    Come on! Und die 68er waren nicht nur politisch. Die 68er werden viel zu sehr politisch vereinnahmt.
    Die 68er waren nicht zuletzt eine Kulturelle Angelegenheit!

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