Mittwoch, Oktober 29, 2008

68er

Es sind noch keine sechs Tage her, das hockte ich am gleichen Tisch unter freiem Himmel, genoss einige Cappuccinos und schaute auf die grosse Statue von Nelson Mandela hinüber. Wieder sitze ich jetzt also an dem Ort, der einem grossen politischen Führer die Ehre erweist. Weisse und schwarze Hautfarben sind gleichermassen vertreten und laufen zumindest vordergründig ohne böse Absichten zu hegen aneinander vorbei. Es brauchte eine Revolution, bis die Apartheid verschwunden und die Durchmischung der Volksgruppen Tatsache wurde. Nicht dass die Probleme damit aus der Welt geschafft wurden, aber immerhin liegt dem ganzen Leben in Südafrika ein demokratisches System zu Grunde.

Mein dritter Cappuccino finden den Weg auf den wackligen Tisch und ich schaue wegen der doch schon drei Nachtflüge innerhalb der letzten sieben Tage leicht belämmert in das grelle Sonnenlicht. Über meinen Gedanken liegt ein nebliger Schleier und das Denkzentrum funktioniert in diesem rauschähnlichen Zustand, hervorgerufen durch den folterähnlichen Schlafentzug, erstaunlich kreativ und aufmüpfig.

Ich versuche den Link zwischen dem Gastland und meinem Helvetien zu machen und erinnere mich an die kleinen Revolutionen, die mein Heimatland in den vergangenen 50 Jahren erleben durfte. Obwohl ich keine der grossen Aufstände gegen das Establishment miterlebt habe, hege ich im jetzigen Zustand grosse Sympathien mit den Bewegungen, die ich nur aus den Zeitungen und Büchern kenne. Als die 68er gegen alles und jeden aufbegehrten, der das darstellte, was die damaligen Demonstranten heute sind, solidarisierte ich mich mit den Aufständischen und deponierte meine stinkenden Protestnoten in Stoffwindeln. Zwölf Jahre später brannte Zürich und ich war als Halbwüchsiger am äussersten Rande mit dabei. Um was genau es bei den Protesten ging, verstand ich nicht und es interessierte mich ehrlich gesagt auch nicht. Zu jung war ich für die politischen Botschaften, alt genug war ich aber um zu verstehen, dass wenn alle Polizisten mit Tränengas gegen die Revoluzzer kämpften, keiner der Uniformierten Zeit fand mich und meinen frisierten Puch Maxi zu kontrollieren.

Als ich dann aber alt genug gewesen wäre um die Welt zu verändern, geschah einfach nichts. Keine Revolution, kein Aufbegehren, einmal im Jahr etwas laute Musik am Limmatquai, aber nichts weltbewegendes, nicht wovon man später reden würde. Verstehen sie mich bitte nicht falsch, ich sehne mich nicht nach brennenden Containern oder nach eingeschlagenen Fensterscheiben. Im Gegenteil, als Bürger geniesse ich das beschauliche Leben der Schweiz. Aber eben, ich kann mich mit keinem Label wie «alt 68er» oder «AJZ Veteran» schmücken.

Der vierte Cappuccino wird unsanft auf dem Tisch abgestellt und etwas Milch schwappt über. Ich greife nach der Zeitung und kämpfe mich durch all die Kommentare und Analysen über die Finanzkrise. Lese von höheren Angestellten, die sich für Milliardenverluste selber belohnen und Konsumenten, die jetzt bitte schön weiterhin Geld ausgeben sollen, während ihre Pensionskassenguthaben wie der Schnee an der Frühlingssonne schmelzen. Ein Herr Stonebridge wettert über das Steuerparadies Schweiz, das sich selber wacker verteidigt, während es neben dem Parlament vorbei ein kleines Sümmchen genannt Rettungsanker auf die Cayman Inseln überweist.
Dieser Rettungsanker kommt einer Firma zugute, die - Ironie des Schicksals - Hauptsponsor einer Rennjacht ist.

Den fünften Cappuccino lasse ich aus. Nicht nur wegen des Koffeins, sondern auch wegen der Tatsache, dass die Heimatfront mein Geld braucht und nicht Südafrika. Ich habe etwas Respekt vor der Rechnung an diesem exklusiven Ort, obwohl ich mich in den letzten Tagen an grosse Zahlen gewöhnt habe:

700 Milliarden? Ein Klacks!
1.5 Billionen? Peanuts!
Nur 68 Milliarden? Ein Hoch auf unsere Banken!

Noch immer etwas gedanklich verwirrt packe ich meine sieben Sachen zusammen und laufe ehrfürchtig an der Statue von Nelson Mandela vorbei. Er hat für seine Revolution gekämpft. Ich kam glücklicherweise um meine herum. Oder vielleicht doch nicht? Vielleicht bin ich einer der «Neu 68er». 68 für die 68 Milliarden oder 68 für den zukünftigen Deckungsgrad meiner Pensionskasse.

Donnerstag, Oktober 23, 2008

vom Käse zum Fleisch


Herrlich ist der Herbst. Ich liebe die melancholische Stimmung und die feuchtkalten Spaziergänge durch den farbenfrohen Wald. Die Jacken werden wieder bis oben geschlossen und die Mediziner versuchen uns massenweise Grippeimpfungen anzudrehen. Ich persönlich ziehe als Arznei das Fondue vor. Es hilft vielleicht nicht gegen Fieberschübe, aber sicherlich gegen Schwermütigkeit.
Wer aber dem Frühling den Vorzug gibt, dem habe ich ein gutes Rezept parat: folgt mir nach Südafrika.

Zwischen dem beschaulichen Zürich und dem von Kriminalität geplagten Johannesburg liegen zehn Flugstunden und ein ganzer Kontinent. Afrika, diese unglaublich grosse Landmasse, bei der überirdisch eine inakzeptable Armut herrscht und unterirdisch überschwänglicher Reichtum, ist unser Gastgeber heute Nacht.
Das Flugzeug ist bis oben gefüllt und die Passagiere zum Teil auch. 228 Gäste, das sind 228 Erwartungen an den Flug und 228 Schicksale. Alle wollen sie nach Johannesburg, alle wollen sie etwas schlafen und alle schätzen es, wenn sie verwöhnt werden. Die Landschaften zehn Kilometer unter ihnen interessieren sie nicht. Afrika ist etwas Fernes, Unbekanntes, Unheimliches.

Uns Piloten interessiert sehr wohl, was sich unter uns abspielt. Alle zwei Flugstunden brauchen wir aus planerischen Gründen eine Landemöglichkeit. Das Wetter an diesen Orten ist für uns genauso wichtig, wie der Zustand des Flughafens. Über bürgerkriegsähnliche Zustände werden wir informiert, aber die für Afrika leider alltäglichen Gemeinheiten wie Hungersnöte und Grenzkriege finden in den Bulletins keine Erwähnung.

Nach etwas über einer Stunde fliegen wir über die Fischerinsel Lampedusa. Es sind nicht die Fische, für die diese Insel als Synonym stehen, es sind die Körper, die täglich aus dem Meer gezogen werden. Menschen, die ihren Bodenschätzen folgen und dabei ihr Leben lassen.
Die Lichter auf dem Meer sind spärlich. Vereinzelnd sind Fischerboote auszumachen, in der Ferne werden die Umrisse der Stadt Tripolis sichtbar und dahinter erscheint wie eine undurchdringliche Wand die grosse Dunkelheit der Sahara. Zwischen den nächsten beiden Ausweichflughäfen Tripolis und N‘Djamena liegen mehr als 1500 Kilometer. Es sind unsere einzigen Landemöglichkeiten in dieser Gegend. Aus aviatischer Sicht absolut unproblematisch, aus politischer weniger. N‘Djamena hat mehr als eine Million Einwohner. Obwohl die Metropole die Hauptstadt des Tschad ist, liegt sie am äussersten Zipfel des Landes genau an der Grenze zum Nachbarland Kamerun. Man könnte meinen, als warte sie auf den richtigen Moment, um über den Fluss Schari zu setzen und damit ihrer Armut zu entkommen. Der ganze Tschad ist von bewaffneten Konflikten geplagt und die Bevölkerung leidet entsprechend darunter. Ich bin froh, dass uns nichts dazu zwingt, hier zu landen.

Der nächste Ausweichflughafen ist Kinshasa in der demokratischen Republik Kongo. Der demokratische Gedanke wird in diesem Land speziell ausgelegt. Man schwört lieber auf die Kalaschnikov als auf die Verfassung und so wundert es nicht, dass es in Kinshasa und in der nur durch einen Fluss getrennten Millionenstadt Brazzaville immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen kommt. Auch keine meiner Wunschdestinationen.

Das Tageslicht zeigt sich und Johannesburg kommt immer näher. Der Anflug führt uns am Township Soweto vorbei auf die Piste 03R. Sanft berührend die Räder afrikanischen Boden und unser Bodenpersonal nimmt den A340 wenige Minuten später in Beschlag.

Im Frühling angekommen, freue ich mich auf das grosse Steak heute Abend und geniesse noch einen Kaffee unter freiem Himmel.
Neben mir ersäuft ein junges Pärchen ihren Frust schon zu früher Stunde im Alkohol, während der Nachwuchs unbeaufsichtigt am Pool spielt. Der Kleine planscht, lacht, schreit und wird dabei pudelnass. Irgendwann gewinnt die Kälte Oberhand über den Spieltrieb und das kleine Häufchen Mensch rennt weinend zu seinen alkoholgeladenen Eltern. Die Mutter erhebt die Hand, ruft eine Serviertochter herbei und verlangt lauthals, dass diese ihren Sohn bitte in trockene Kleider stecken soll.
Fassungslos sehe ich zu und realisiere, dass ich diesen Kontinent wohl nie verstehen werde.

Mittwoch, Oktober 15, 2008

Zutsuu ga shimasu (ich habe Kopfweh)

Unter Betroffenen spricht man vom «Canadian neck» oder von der «Österreicher Starre». Gemeint ist damit der versteifte Nacken nach einem Schlafversuch in der verwunschenen Schlafkoje unserer jüngsten A340 Kinder. Bei diesen Flugzeugen, die von österreichischen und kanadischen Fluggesellschaften übernommen wurden, sind gelinde gesagt leichte Baumängel im Bereich der Betten versteckt. Meines Wissens wird weder im Kreis der aviatischen Mediziner noch in den pilotischen Selbsthilfegruppen über dieses wichtige Thema debattiert.
Gut, bei den Wissenschaftlern kenne ich die Ausrede schon jetzt, die bei unbequemen und gesundheitsgefährdenden Problemen seit Jahren die Gleiche ist: «Für statistisch relevante Aussagen fehlen uns einfach die notwendige Anzahl genickstarrer Patienten.» Die statistisch relevante Grösse beginnt in der Regel so bei 1000 Personen, was bei 370 Crewbunkbenutzern in unserer Firma gar nicht so einfach erreichbar ist.



Einmal mehr werden lange Langstreckenpiloten mit ihrem delikaten Problem allein gelassen. Und glauben sie mir, mit einer Körperlänge über den magischen 195 cm muss man wirklich so liegen, wie es beiliegendes Foto dokumentiert. Die Füsse sind dabei rechtwinklig am Knisterwandteppich angelehnt und der Kopf verschwindet in der kleinen Delle, die eigentlich für den Geldsäckel der fürstlich verdienenden Kapitäne aus dem Herstellerland des Airbus gedacht ist.

Die Folgen dieser unfreiwilligen Yogastellung sind brennende Füsse, Genickstarre und Kopfweh - oder etwas japanpoetischer ausgedrückt: «Zutsuu ga shimasu». Da der japanische Ausdruck zugleich schöner als auch dramatischer klingt, entscheide ich mich das Leiden auf lokale Art zu lösen.

Vor dem Eingang zum Bad mit den heissen Quellen hat sich diszipliniert eine kleine Warteschlange gebildet, die ein älterer Herr mit perfekt passender Uniform wortlos dirigiert. Speditiv werden die Besucher nach Geschlechtern getrennt und entledigen sich schichtenweise ihrer Kleidung. Die Badehalle versprüht eine meditative Stimmung und nach dem bitte nicht zu kurzen Waschprozedere, wo sämtliche Körperporen gereinigt werden, sitzt der Besucher in einem Quellwasser, dessen Temperatur deutlich jenseits der 40° Grenze liegt. Langsam lösen sich die ersten Verspannungen, der Geist bekommt wieder genügend Betriebsstoff und damit wird Kapazität frei, um die Atmosphäre in diesem Bad zu geniessen.
Schnell gewöhnen sich die Augen an die nackten Männerkörper und man nimmt erleichtert zur Kenntnis, dass in Japan die Spezie der Zwangsexhibitionisten und der Längenvergleicher nicht existiert.

Auf Grund der hohen Luftfeuchtigkeit liegt ein leichter Nebel über den Bädern und trübt die Sicht für das Geschehen in der Ferne. In der Wanne mit dem salzigen Wasser habe ich die Erscheinung zum ersten Mal gesehen, im Sprudelbad neuerlich. Da huscht doch tatsächlich eine junge Frau in Uniform zwischen den vielen nackten Männern hindurch und verrichtet eine Arbeit, die ich auf Distanz und ohne Brille nicht genau erkennen kann. Im Adamskostüm schleiche ich mich an und beobachte, dass den jungen Frauen eine Aufgabe zugeteilt wurde, die ich so verachtenswert gar nicht finde.
Auf vier Pritschen verteilt liegen ältere Herren, die von den Damen abwechslungsweise mit einem Waschlappen und warmem Wasser gestreichelt werden. Was jetzt so anrüchig klingt, ist in diesem hochseriösen Etablissement eine normale Dienstleistung, die anständig und mit Sozialversicherungsanteil entlöhnt wird. Auch ich buche eine halbe Stunde.

So liege ich nackt auf einem Holzbett und werde mit einem Gartenschlauch genässt. Die Temperatur ist angenehm und die junge Dame verrichtet ihre Arbeit wie schon bei meinen älteren Vorgängern wortlos und professionell. Nach dem Benetzen meiner Körperoberfläche kommt der Waschlappen zur Anwendung. Dieser wird mit einem Mittel benetzt, den die weibliche Hälfte der Erdbewohner Peelingcrème nennt und wir Männer schlicht Kernseife. Die junge Dame raspelt am Oberkörper alte Hautresten von meinen Knochen und ich entspanne mich dabei herrlich. Auch die Behandlung des Brustbereiches lasse ich mir gerne gefallen. Als aber der Waschlappen Richtung Bauchnabel und Schenkelinnenseite wandert, bereue ich das Inanspruchnehmen dieser Dienstleistung zum ersten Mal. Man stelle sich nur die Schlagzeilen in der heimischen Boulevardzeitung vor, wenn …. - ja sie wissen schon. Nur der Gedanke an die letzte Steuerrechnung rettet mich vor einer Peinlichkeit und ich überstehe den Rest der Behandlung ohne unerwartete Zwischenfälle.

Mit der Haut eines 14-jährigen entsteige ich dem Behandlungstisch und bedanke mich mit einer tiefen Verbeugung bei der Kernseifenfrau. Für einmal ziehe ich das eiskalte Wasser den heissen Quellen vor und bewege den Nacken leicht von links und nach rechts. Die Verspannung ist noch immer nicht weg, aber glücklicherweise ist auch keine weitere dazugekommen.

Samstag, Oktober 11, 2008

was nicht passt wird passend gemacht

Unser kleines Studio am Fusse des Corvatsch wollte neu eingerichtet werden und natürlich stellte ich mich dieser Herausforderung. Meine Frau bereitete das umfangreiche Projekt hervorragend vor und stellte eine lange Liste voller Begehrlichkeiten zusammen. Mit einem A4 Blatt betraten wir vor Tagen das schwedische Möbelhaus und mit einem Berg schwerer Kartonschachteln und einem Auto, das sich bedrohlich nach hinten neigte, verliessen wir drei Stunden, zwei Hotdog und ein Softeis später das Areal wieder.

Das Auto bis oben voll mit IKEA Schachteln beladen und irgendwo dazwischen noch den Hund hineingepfercht, ging es Richtung Engadin. Wie genau wir das Engadin erreicht und wie viele Verkehrsregeln wir dabei verletzt haben, möchte ich an dieser Stelle gar nicht diskutieren. Einmal angekommen, begann das Renovationsprojekt wie Piloten es sich gewöhnt sind, nämlich mit einem umfangreichen Briefing. Wir schworen uns gute Teamarbeit und hofften beide, dass wir in absehbarer Zeit ohne Ehekrach vor dem neuen Interieur stehen werden. Die Rollenverteilung war von Anfang an klar: Ich war der Experte und sie wusste wie es geht.

Die erste Schachtel wurde noch vorsichtig ausgepackt und die Bauanleitung genaustens studiert. Die Akkubohrmaschine steckte im Holster und ich fühlte mich dabei wie John Wayne vor einem grossen Duell. Dementsprechend schwungvoll wurde die erste Schraube in das Holz gedreht. Der Akkubohrer jaulte auf und verrichtete seine Arbeit zur meiner Freude tadellos. Nur leider war mein Liebling auf das durchdringen von Stahl eingestellt, was auch prompt der Kreuzschraube ihr Kreuz kostete. Aus dem vormals katholischen Kopf wurde so ein konfessionsloser. Doch das kümmerte mich wenig. Ich hatte nicht vor, den soeben montierten Stützwinkel je wieder zu demontieren.
Flüssig nahm das Möbel seine Form an. Rückwand angenagelt und dabei nur zwei Mal auf den Daumen gehauen - ein voller Erfolg! Sechzehn Mal das Akkugeräusch «WüüüWüüü» und die Füsse waren angeschraubt.

Als das Möbelchen auf seinen filigranen Stelzen stand, warteten noch zwei Türen auf ihre Bestimmung. Schnell war die Montageanleitung dechiffriert und die Scharniere angebracht. Jetzt mussten die Flügel nur noch schrankseitig befestigt werden. Ohalätz, der Winkel war im Weg und musste wieder weg. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen meine Frau über den Konfessionswechsel der Schraube und die daraus folgenden Konsequenzen zu informieren. Kopfschütteln ihrerseits und ein Motivationschub meinerseits folgten. Vorsichtig schob ich den 3er Schraubenzieher unter den Winkel und hob diesen leicht an. Weg war er schnell, aber das Loch in der furnierten Spanplatte erfreute die Projektleiterin ganz und gar nicht.

Die folgenden Schränke waren dank der gewonnenen Erfahrung schneller aufgestellt und Löcher in den Seitenwänden konnten weitgehend vermieden werden. Wäre da nicht das Modell mit der Ausziehschublade gewesen, man(n) hätte von einem erfolgreichen Morgen sprechen können. Die Ausziehschublade erforderte grosse Aufmerksamkeit. Ich als Experte sah keine Probleme und die die weiss wie es geht anfänglich auch nicht. Zuerst den Winkel richtig montieren, dann die Schublade zusammenstellen, noch hurtig das Schubladenscharnier einpassen und dann die Schublade einhängen. So zumindest lautete der Plan. Das Scharnier passte perfekt, die Schublade liess sich prächtig einhängen, aber leider fehlte ein Fingerbreit, damit sich das Teil auch richtig schliessen liess.
Vierundzwanzig mal «WüüüWüüü» auf die eine Seite und vierundzwanzig Mal «WüüüWüüü» auf die andere und alles war wieder paletti.

Die Hutablage war als nächstes an der Reihe. Zwei Meter über Boden musste die Unterkante sein, damit Herrchen nicht sein Haupt deformiert. IKEA hat eine wunderbare Lösung bereit, die mit nur vier Schrauben befestigt werden muss und lächerliche 18 Kilogramm wiegt. Aus Mangel einer Wasserwaage musste das Augenmass genügen.
«Links ein bisschen höher, nein rechts höher, jetzt ist gut, nein links tiefer, nein rechts tiefer». Meine Arme zitterten und der Schweiss rann aus allen Löchern. Schlussendlich hatten wir für die vier Bohrlöcher zwölf mögliche Ansetzpunkte für den Bohrer aufgezeichnet. Die die wusste wie es geht verlangte ein neuerliches Massnehmen und der Experte setzte trotzig den Bohrer an der offensichtlich richtigen Stelle an, ohne den am Boden liegenden Fressnapf von Hundchen wegzuräumen. Acht Bohrlöcher, acht Dübel und unzählige Flüche später waren endlich die richtigen Löcher gefunden und die Hutablage hing über dem verschlammten Wassertöpchen vom staunenden Hundi.

Die nächste Ablage war kleiner, somit auch leichter und durfte etwas tiefer montiert werden. Die die weiss wie es geht wurde zum Halten verdonnert und der Experte nahm Augenmass. Einmal «rechts etwas höher» genügte unter männlicher Regie und die vier Bohrlöcher waren angezeichnet. Selbstverständlich passten diese perfekt und die Ablage wurde in Rekordtempo mit vier «WüüüWüüü» an die Wand fixiert. Der Experte war stolz und die die wusste wie es geht verkniff sich das Lachen.

Dass mein Augenmass etwas vom seitlich nach unten kommenden Armaturenbrett im Airbus degeneriert ist sah man subito, als die die weiss wie es geht die Äpfel auf die Ablage stellte und die Früchtchen dann ungefragt ihre Reise Richtung Kühlschrank in Angriff nahmen. Ich besann mich auf die Freiheiten des Künstlers und weigerte mich erfolgreich noch einmal vier Löcher in den Beton zu hämmern.

Irgendwann war das Projekt beendet und der Experte und die die weiss wie es geht wurden wieder zu einem normalen Ehepaar - IKEA sei Dank.

Mittwoch, Oktober 08, 2008

das ABC der Fliegerei

Immer wieder werde ich in diesem Blog oder über andere Kanäle angesprochen und man verlangt von mir Auskunft über verschiedenste Dinge in der Luftfahrt. Nicht immer bin ich der richtige Ansprechpartner und oft kann ich die detaillierten Fragen nur ungenügend beantworten. Ich bin halt ein typischer Generalist - von allem keine Ahnung.

Um weiteren Fragen und dem zunehmenden Mailverkehr etwas entgegen zu wirken, habe ich dieses kleine ABC der Verkehrsfliegerei zusammengestellt. Selbstverständlich bin ich für Anschlussfragen weiterhin erreichbar.

A für Abbreviation:
Abbreviation ist, wenn ich es recht verstanden und geschrieben habe, das angelsächsische Wort für Abkürzung. Nicht die unzähligen Nieten oder gar die zwei Piloten halten den Airbus in der Luft, nein es sind eindeutig die Abkürzungen!

B für Bier:
Aus unerfindlichen Gründen braucht der Mensch (übrigens geschlechterunabhängig!) nach einem Aufenthalt von mehr als zwölf Stunden in der staubtrockenen Flugzeugatmosphäre ein kleines Quantum Bier, um die Nieren wieder anzufeuchten. Die medizinische Abteilung des Bundesamtes versucht bei Umfragen immer wieder herauszufinden, wie gross diese Quantum beim Einzelnen ist. Die Besatzungen unterliegen bei diesen Umfragen dem gleichen Ehrenkodex wie Radrennfahrer an der Tour de France.

C für Crewbunk:
Disziplinierungsraum für renitente Copiloten mit einer Länge von über 190 Zentimeter.

D für Deadheading:
Flugreise als Crew ohne Duty, ohne Zeitung, ohne Kaffee, ohne Rechte.

E für Enlarger:
Copilot, der ganz im Sinne des Jobenlargement über den höchsten Bergen der Welt in die Rolle des Kapitäns rutscht, ohne dafür entschädigt zu werden.

F für Form 60.530:
Grünes Formular des Bundesamtes, das alle paar Wochen geändert wird und die Instruktoren zur Weissglut treibt.

G für Grippe:
Einzige Rotation mit 6 garantierten Freitagen.

H für Hut:
Ein Teil, das kleine Piloten gross macht und grossen Piloten zu klein ist.

I für iBag:
Mein schneeweisser Samsonitekoffer Grösse XXL, der mich schon in so viele Hotels begleitet hat und immer wieder zu Diskussionen Anlass gibt.

J für Jockerwunsch:
Das einzig gültige Eintrittsticket für einen Bangkokflug.

K für Krawatte:
Farbiges Verbindungsstück zwischen den beiden Hirnzentren der Männer. Ethnologen streiten sich darüber, wie sich das unbequeme und immer wieder in der Salatsauce schwimmende Seidenteil über die Jahrhunderte hat retten können.

L für Letztflug:
Garant für einen langen Bangkok.

M für Mitternacht
Zeitpunkt, wo ein normaler Mensch müde wird. Da immer irgendwo auf der Welt Mitternacht ist, sind Nomaden, die überall auf der Welt zu Hause sind immer müde.

N für Nullfünfacht:
Wenn diese Vorwahl auf dem heimischen Telefondisplay erscheint, dann verläuft das geplante Sozialleben bis zum Rest des Monats garantiert nicht innerhalb der geplanten Bahnen.

O für Observerseat:
Überzähliger Sitz im Cockpit, auf dem sich Pilotengattinnen zwölf Stunden in Kauerstellung hinsetzen um den lieben Ehemann bei der Ausübung seines Berufes zu bewundern.

P für PBS:
Ein Placebo innerhalb der Familie der Planungssysteme.

Q für Quebec:
Einzige Gegend der Welt, wo die Bewohner mit ähnlich schwerem Akzent Französisch sprechen wie ich.

R für Routecheck:
Flug mit einem Kapitän, der nichts weiss und darum ununterbrochen Fragen stellt.

S für Sicherheitsbeamtin:
Die einzige Frau vor der ich mich entblössen darf, ohne mit einer Anklage wegen sexueller Belästigung rechnen zu müssen.

T für Tip:
Trinkgeld, das in Amerika halt so erwartet wird. Der Copilot die arme Sau soll jeweils den zu bezahlenden Betrag berechnen, was immer wieder zu roten Köpfen führt.

U für Unique:
Hat das Zeug zum trendy Einkaufszentrum - wenn nur dieser nervige Flughafen nicht wäre.

V für variable Ferien:
Ferientage, die mir meine Firma frei zuteilen kann, es aber aus unerfindlichen Gründen nie tut.

W für Weihnachten:
Ein in der Aviatik unbekannter Feiertag.

X für X-Ray:
Pettingersatz für Besatzungsmitglieder im Dauereinsatz.

Y für Y-Class:
Aviatische Bezeichnung für die Holzklasse. Lagerort der leckeren Schokolade und Wirkungsort der jüngsten Hostessen.

Z für Zoll:
Eine Institution, bei der man verzollen könnte, wenn es sie im Operation Center auch gäbe. Wir müssen verzollen, können aber nicht, weil es keinen Zoll hat. Verzollt man aber nicht, wenn man müsste, dann hat es plötzlich Zollbeamte überall. Beliebt sind die unangemeldeten Kontrollen fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges unter Beobachtung der neugierigen Passagiere. Nicht aus Zufall ist der Buchstabe Z an letzter Stelle des Alphabets.

Dienstag, Oktober 07, 2008

Fünfzehn Wörter

Der monatliche Einsatzplan - oder Roster wie das Ding auf Neudeutsch heisst, wird von allen Fliegenden sehnlichst erwartet. Wenn dann der Computer am 23. jeden Monats erbarmen zeigt und das Ding ausspuckt, dann wird das Sozialleben um die Flüge herum geplant.

Wann die Yogalektionen besucht werden können spielt genauso eine Rolle, wie das Terminieren von Autoservice und das Treffen von Freunden. Diesmal blieben die Wochenenden weitgehend frei, was im Oktober das Verabreden mit Bekannten wesentlich einfacher machte.

Mails wurden verschickt und viel herumtelefoniert. Zum Glück haben sich die noch verbliebenen Kollegen mit meiner doch eher komplizierten Art Termine zu fixieren langsam arrangiert. Das schon längst fällige Treffen mit einer befreundeten Familie im Engadin konnte genauso gesetzt werden, wie das Fondueessen mit meinen in der Nachbarschaft lebenden Cousinen. Mein Patenkind und seine kleine Schwester freuen sich auf die Übernachtung bei uns und ihre Eltern auf den freien Abend ohne Kinder. Ein schon lange versprochenes Nachtessen mit einem befreundeten Pärchen passt an einem Sonntag perfekt zwischen einen Bombay Flug und dem Treffen mit einem ehemaligen Studienkollegen.

Soweit so gut. Bis zum gestrigen Telefonat lief alles innerhalb den geplanten Bahnen. «Wir müssen ihnen leider den Hongkong Flug wegnehmen und brauchen sie als Reserve morgen Dienstag.» Fünfzehn Wörter aus dem Mund einer Dispatcherin werfen den ganzen Monatsplan durcheinander. Fünfzehn Wörter, die das Oktoberblatt in meiner Agenda zur Makulatur machen. Fünfzehn Wörter!

Freitag, Oktober 03, 2008

die erste dunkle Oktobernacht

Der Wind bläst von hinten mit 132 Knoten, das sind 245 Stundenkilometer, und der nächste Flughafen St. Johns in Neufundland ist 90 Flugminuten entfernt. Zwischen uns und dem schäumenden Meer liegen 11‘600 Meter Luft. Das immer noch 200 Tonnen schwere Flugzeug wird von den Luftmassen hin und her bewegt und draussen ist es dunkel wie in einer Kuh.

Die Passagiere schlafen und in den Galleys harrt ein kleines Grüppchen Flight Attendants frierend auf einem Stuhl sitzend aus und schlägt sich die Nacht um die Ohren. Die Lichter im Passagierraum sind gedimmt und nur ein leises Schnarchen stört hie und da die Stille. Das Flugzeug ähnelt irgendwie einem U-Boot das dem feindlichen Sonar entkommen will und sich so ruhig wie möglich stellt.

Unser Navigationsgerät sendet im Millisekundenrhythmus Positionsmeldungen nach Gander und ich versuche über die Frequenz 5616 die Dame hinter dem Mikrofon zu erreichen. Ein lautes Rauschen quält meine Gehörgänge, das mich irgendwie an den Lärm auf der Aussichtsplattform des Rheinfalls erinnert. Vier Stunden sind wir jetzt schon in der Luft und die Hälfte ist noch nicht vorüber.
Wenn sich die amerikanischen Piloten nicht über jede Bodenwelle auf der Luftstrasse beklagen würden, wäre es am Funk so still wie hinten in der Kabine. Nachtflüge sind kein Vergnügen.

In etwas mehr als vier Stunden wartet ein 3.2 Kilometer langes und 60 Meter breites Band Asphalt auf uns und das sollten wir so genau wie möglich mit unserem dann noch 210 Stundenkilometer schnellen Vogel treffen. Und genau darum müssen wir uns irgendwie während der Nacht aktiv erholen. Kreuzworträtsel lösen ist eine Option, kleine Power-Naps die andere.
Dieses Wachbleiben während der Nacht kann man nicht trainieren. Manchmal geht es besser, manchmal fallen die Augen im Minutentakt zu. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Intensität und die Menge der Nachtflüge im direkten Zusammenhang mit der eigenen Müdigkeit steht. Diesen Monat komme ich auf acht dieser Nachtreisen. Acht Nächte sind viel, vielleicht zu viel. Klar versuche ich mich vor und nach den Flügen zu erholen, aber immer klappt das auch nicht. Hat der Zimmernachbar im Hotel gerade eine kleine Party oder ist er nicht fähig die Tür stilvoll und leise zu schliessen, dann ist es um den Nachmittagsschlaf vor einem Nachtflug geschehen. Schwere Lider und eine noch längere Nacht sind dann die Folge.

Mittlerweile sind wir bei 48N/038W angekommen, es dauert noch vier Stunden bis zur Landung in Zürich und mein Chef kämpft mit dem Schlaf. Ich gönne ihm seine Ruhe, übernehme das Flugzeug und beschliesse diesen Artikel. Bald geht das Licht im Cockpit aus und ich werde dann vierzig lange Minuten in den dunklen Himmel hinausblicken. Damit ich nicht auch einschlafe, stellen wir zur Sicherheit einen Eierwecker. Man weiss ja nie.

Mittwoch, Oktober 01, 2008

there is really nothing special to say about this flight

In den Faserpelz gehüllt verlasse ich den Flughafenbahnhof um 11 Uhr am Morgen und kämpfe mich durch den Ameisenhaufen Richtung Operation-Center. Im Ohr stecken meine weissen Kopfhörer und der Sänger der Band Travis fragt mich mit Musik untermalt: «Why does it always rain on me?»
Kolleginnen und Kollegen kommen mir entgegen. Alle haben sie eine lange Nacht hinter sich und alle fokussieren sie die paar Meter Asphalt vor ihren Füssen. Sie kennen nur noch ein Ziel: Das heimische Bett.

Mein Ziel ist das Operation-Center, wo ich mich für den Flug nach Miami bereitmachen muss. Im Gebäude angekommen werden die üblichen Arbeiten verrichtet, ein kleiner Schwatz mit der Polizistin vor der neuen Sicherheitsanlage gehalten und meinen Chef unter dem Heer Kapitänen gesucht, die vor der Kaffeemaschine Schlange stehen. Zusammen erklimmen wir die Stufen zum Planungsbüro. Ein freundlicher Dispatcher begrüsst uns kollegial und breitet einen Stapel Papiere vor unseren Augen aus. «Er sei noch mit der Tokio Crew beschäftigt, komme aber gleich zu uns», meinte er beim vorbeigehen. Und dann kam dieser kleine Nebensatz über seine Lippen, der uns noch den ganzen Tag verfolgen würde: «There is really nothing special to say about this flight!»

Ich als fliegender Pilot lehnte mich über die Karte, die mit vielen Symbolen überzogen, die Grosswetterlage zwischen Zürich und Florida zeigt. Für die Zeit nach dem Start werden bedingt durch die Westwindlage einige Turbulenzen vorausgesagt, nach etwa einem Drittel der Flugstrecke werden wir einen der starken Höhenwinde durchfliegen und nach etwa der Hälfte der Strecke geht mein Bleistiftstrich genau durch den Buchstaben «a» des Namens Laura. Diese Laura ist weder eine botoxverschönerte Texanerin noch ein Codewort für einen netten Cockpitbesuch, sondern ein veritabler tropischer Sturm.
Die Wettervorhersage für Miami ist dafür gut. Entgegen den vielen Wetterseiten auf dem Internet und der meines iDingsbums, sagen die Wettergurus Miami einen gewitterfreien Tag voraus. Unsere Erfahrungen mit Miami und einer amerikanischen Laura (bzw. mit ihrem Gatten) ermutigen uns, die Treibstoffreserven grosszügig aufzustocken.

Irgendwann sitzen wir im Cockpit, haben alle Arbeiten erledigt, die brüsselbedingte Wartezeit abgesessen und die Leistungshebel nach vorne geschoben. Die Nase des A340 erhebt sich langsam Richtung Himmel, der Tennisplatz von Opfikon verschwindet unter unseren mit 79 Tonnen Treibstoff gefüllten Flügeln und ich lege die 250 Tonnen Flugzeug in eine leichte Linkskurve. Der Westwind schüttelt uns kräftig durch und nach drei Flugminuten schaut die Spitze des Airbus zum ersten Mal Richtung Miami.
Ein nach Trüffeln riechender Käse findet eine Stunde später den Weg auf meinen Teller. Grünzeug folgt und als Hauptspeise gönne ich mir Wildravioli an einer leckeren Sauce. Dazwischen ein Schwätzchen und als Abschluss einen Nespresso und zwei Sünden in Form von Pralinen aus edler Manufaktur. Nach diesen Stärkungen fühlte ich mich bereit, Laura tief ins Auge zu schauen. Wolken erschienen in der Ferne und das Anschnallzeichen wird eingeschaltet.
Der Wetterradar zeigt einige kleine Echos an, die wir elegant umfliegen, aber im Grossen und Ganzen müssen wir dem Dispatcher in Zürich recht geben: Laura ist noch zu jung zur guten Bläserin.

Die Anspannung wird wieder heruntergefahren, schliesslich warten noch fünf lange Flugstunden auf uns. Zwei Lachscanapés verschwinden in meinem Rachen und ein Tonic Wasser folgt. Jetzt braucht eine Pause um meine brennenden Augen zu schonen. Nach Absprache mit dem Chef ziehe ich die Augenbinde über meine roten Dinger, lasse den Sitz zwei Raster nach hinten fallen und schliesse begleitet von Iggy Pop mit seinem Song Passenger für eine halbe Stunde die Augen.

Irgendwann ist dann auch Miami in Sichtweite. Der Tower meldet noch zehn Minuten vor dem geplanten Aufsetzen leichte Winde in Pistenrichtung und eine gute Sicht. Unserem Airbus wird die Freigabe zum Anflug gegeben. Dunkle Wolken bauen sich vor uns auf und auch das Radarbild verspricht nichts Gutes. Die Winde nehmen zu und kommen aus verschiedenen Richtungen. Wir informierten den Tower, dass wir im Falle eines Durchstarts wegen der Gewitterwolken sofort nach Links drehen müssen. Der Satz ist noch nicht zu Ende macht eine Microburstwarnung einen Anflug unmöglich. Diese Microburst sind wohl eines der übelsten Wetterphänomene in der Aviatik und haben schon einige tragischen Unfälle verursacht.

Leistungshebel nach vorne schieben, sofort nach links drehen, aufpassen, dass die freigegebene Höhe nicht überschossen wird, die Geschwindigkeit unter Kontrolle halten und die Passagiere informieren. Der Flughafen Miami ist geschlossen, über dem geplanten Ausweichplatz tobt entgegen den Voraussagen ein starkes Gewitter und dieses zieht Richtung Orlando, der dritten Landeoption. Dank unseren Treibstoffreserven können wir noch eine Stunde über dem Meer warten oder auf den Flugplatz von Freeport auf den Bahamainseln ausweichen. Freeport meldet gutes Wetter, wäre also eine akzeptable Variante, wenn sich der Sturm nicht bald verzieht.

Tausend Meter über dem rauschenden Meer ziehen wir unsere Runden und warten auf Neuigkeiten. Die Flugüberwachung in Miami ist sehr kooperativ und informiert ausgezeichnet. Unter uns und über uns kreisen die Flugzeuge, denen alle langsam das Kerosin ausgeht. Ein deutscher Charterflieger verabschiedet sich als Erster. Er peilt Fort Myers an. Zwanzig lange Minuten später öffnet der Flughafen wieder. Die Fallwinde sind verschwunden und der starke Wind hat sich gelegt. Das im Zusammenhang mit dem starken Regen erwartete Aquaplaning auf der Piste können wir dank den schwachen Winden akzeptieren.

«Fifty - forty - thirty - twenty - ten - touchdown.» Der Radiohöhenmesser gibt und die Distanz zur Piste an. Die Räder berühren den Boden, volle Schubumkehr und Bremseinsatz folgen. Nach dem Verlassen der Piste stehen wir von Blitz und Donner begleitet hinter eine langen Kolonne von gestrandeten Flugzeugen, die uns den Weg zum Gate versperren. Zwölf Stunden nach der Freigabe zum Motorenstart stehen wir schwitzend am Gate in Miami. Schwitzend wegen des Anflugs, aber vor allem wegen der Hilfsturbine die den Dienst verweigert und so auch der Airconditioning die notwendigen Ressourcen nicht liefert.

Wie hat der Dispatcher nochmals gesagt: «There is really nothing special to say about this flight!»