Dienstag, September 23, 2008

von den kleinen Sünden

Der Urlaub ist zu Ende und alle körperlichen Leiden auskuriert. Die Uniform passt besser als noch vor den freien Tagen und um Peinlichkeiten zu vermeiden, bin ich mit dem Zug zum Arbeitsplatz gefahren. Bei der ständigen Bautätigkeit am Flughafen kann es einem schon mal passieren, dass der Weg zum Parkplatz nach längerer Abwesenheit nicht auf Anhieb gefunden wird.

Kurz, ich trat meinen ersten Flug bestens vorbereitet an. Routiniert schlich ich auf dem Weg vom Flughafenbahnhof Richtung Operationszentrum und nahm mit Freude zur Kenntnis, dass ich noch erkannt wurde. Da ein Schwätzchen, dort eine Aktualisierung der in der Firma kursierenden Gerüchte, ein Lächeln hier, ein Küsschen auf eine gepuderte Backe, noch schnell zu meinem Postfach, die Revisionen von den persönlichen Nachrichten trennen, einen der beiden Papierberge umweltgerecht entsorgen, den Automaten um 200 U$ erleichtern, der Versuchung widerstehen einen Kaffee zu trinken und dann der Blick zur Uhr - Panik!

Ich war noch nicht zu spät, aber mein Zeitplan duldete keine Verzögerungen mehr. Zielgerecht steuerte ich Richtung «Check-In Computer» und lief direkt in die Arme eines guten Kollegen. Im Wissen, dass gute Kommunikation die Flugsicherheit signifikant erhöht, wechselte ich einige Sätze mit dem humorvollen Redner. Unser heiteres Gespräch lockte einen anderen Kapitän hinter seinem Bildschirm hervor, der auch noch einige Bonmots zum Besten gab. Aufmerksam hörte ich zu, hielt mit meiner linken Hand die Post der letzten zwanzig Tagen und tippte mit der rechten mein Kurzzeichen und das Passwort in den Computer. You successfully checked in, meldete die Maske und mein Puls senkte sich merklich.
Hinter mir schlich sich ein anderes bekanntes Gesicht Richtung Ausgang, klopfte mir beim Vorbeigehen auf die Schulter und meinte kollegial: «Siehst müde aus, bis du gerade mit dem Sao Paulo Flug gelandet?» «Nein, ich trete meinen Flugdienst erst an….»

In der Ferne erblickte ich meine zwei Cockpitkollegen, die schon eine Landschaft voller Planungunterlagen ausgebreitet haben und mir erwartungsvoll zuwinkten. Beide kenne ich gut und der Zufall will es, dass wir vor ein paar Monaten exakt in der gleichen Zusammensetzung an die selbe Destination flogen. Los Angeles steht in grossen Lettern auf dem ersten Blatt und da ich die Landung ausführen darf steht es mir zu, den Papierberg abzuarbeiten. Aber Vorsicht, mein Kapitän ist abergläubisch und besteht darauf, dass wir vor der ersten Zeile einen Blick in seine Schnupftabakdose werfen. Ich will es nicht schon in den ersten Minuten mit ihm verbocken und beuge mich dem Gruppendruck. Sein Aberglaube scheint ausgeprägt zu sein. Keine Checkliste ohne Schnupf, keine Passagieransage ohne Schnupf und schon gar keine Landung ohne Schnupf. Das Ergebnis lässt sich sehen. Das erste Mal in meiner Karriere bekam ich ein Lob für die paar Französischen Sätze, die ich über die Lippen brachte und über die Landung möchte ich jetzt nicht sprechen, da Eigenlob ja bekanntlich stinkt. Nur etwas machte mir zu Beginn etwas Sorgen. Mein Rotz ähnelte stark meinem Stuhlgang und roch irgendwie auch so, was aber gemäss Aussage meines Chefs nach dem Konsum des Blechdoseninhalts ganz normal sei.

Irgendwann war dann auch der erste Flug nach meinem Urlaub zu Ende und wir sassen müde in der Hotelbar um das obligate Bier nach dem Flug zu geniessen. Herrlich, wie der gelbliche Saft den Gaumen erfrischt und die Lebensgeister zumindest kurzfristig wieder belebt. Zu meiner Erleichterung war des Kapitäns Schnupfdose leer und so konnte ich tränenlos meinen geliebten Hopfensaft kneipen. Was wäre das Leben bloss ohne die kleinen Sünden!?!

Kommentare:

  1. Es ist schön zu lesen, dass es Dir wieder gut geht und dass das Bier auch/wieder schmeckt ;-)

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  2. Hallo Ingo

    Danke für die Anteilnahme :-)
    Im Moment hätte ich aber eher Bock auf einen Kaffee. Es ist 04:00 Uhr LT, ich bin schon 2 Stunden wach und das Kaffee öffnet erst um 06:00 Uhr.

    .... die Leiden des kleinen nff....

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  3. Welcome back bei den "Lebenden". Und schon wieder ein literarisches highligh.
    Gruss
    Peter

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  4. Schön bist du wieder "on duty"! War ganz schön trostlos ohne deine Geschichten!

    Viel Spass in LA!
    Tomy

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  5. Bin ebenfalls froh, dass es Dir wieder gut geht..!!

    Noch zwei Stunden und der geliebte Starbucks ist Deiner, resp. ein Teil davon. Geniess es.

    Bei mir gehts ab SA eine Woche nach Sibirien.

    Machs gut und bis bald. Grüsse an Deinen Anhang!!

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  6. Priis und guet Luft lieber NFF!

    Schön, dass Du wieder fit bist.

    ...Jetzt sind wir natürlich gespannt, welche Schnupfspüche zum Besten gegeben wurden- denn die sind ja bekanntlich fast so wichtig wie der eigentliche Schnupfvorgang selbst...

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  7. Grossartiges Posting :-D und im Übrigen ists doch eh immer so, dass man umso mehr Leute im Ops antrifft, je knapper man zeitlich dran ist...

    G!

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  8. In Sachen "Schnupftabak"...
    Heute schnell, schnell an der Obstgartenstrasse in Chloote vorbeigeschaut - und - den eisernen Blicken des dortigen Empfankomittees zum Trotz gnädigerweise durch die hoch-heilige "Eingangsschleuse" durchgelassen, kamen mir dutzende, Rotz und Wasser heulende "Mannen" entgegen... bisweilen rann ein übe-übel aussiehendes Sekret aus den Nasenlöchern derselben... Plötzlich kam mir ein "Post" von Tilly Peter in den Sinn.... könnte es sein, dass "der entsprechende Käptn'" auch am Flottenmeeting sein Unwesen trieb??? Thomi Freak(ly), jedenfalls sah so aus, als hätten ihm sämtliche Flotten-Sitzungsmitgliedern den Hintern versohlt... Mann-o-Mann - was blüht mir da in der Luft???!!! Schnupfende Cockpit-Crews - die "Luftloch"-Situationen" auslösen werden, ob ihrem Tabak-Geschnupfe???
    Gruss aus dem "TV-Chaschte" -"Trolley-Dolly in spe"

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  9. Der Pilot des Fluges von RIX nach ZRH, in welchem ich heute sass, hat wohl auch irgendwie gesündigt.

    Die Crew ist zehn Minuten vor Boarding-Time in den Flieger eingestiegen, welcher eine Innentemperatur von zirka 4°C hatte und wohl das erste Produkt war, welches von den USA nach dem zweiten Weltkrieg eingeführt worden ist.
    Bei der Landung in ZRH hat dieser Pilot dann zuerst mit dem linken Fahrwerk aufgesetzt und gebremst. Dadurch hats den Flieger nach rechts gerissen, und noch immer auf einem Fahrwerk hat er dann aufgeschlagen (nachdem er in der zwischenzeit noch einen kleinen Hüpfer hingelegt hat). Dann nach einigen richtungsändernden Korrekturen sind wir dann schliesslich zum Stillstand gekommen.

    Was doch die kleinen Wodka-Sünden ausmachen.

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