Montag, September 01, 2008

ein trauriges Jubiläum


Der Gedenkstein im Operation-Center am Flughafen Zürich


Am 3. September jährt sich der Absturz des Fluges SR111 zum zehnten Mal. Ein persönlicher Rückblick auf die Tage, die mich veränderten.


Die schweren Monsunwolken hatten sich verzogen und das herrliche Wetter lud ein, das Frühstück im «Sun n’ Sand» in Mumbai unter freiem Himmel zu geniessen. Gerade als ich mich am besten Tisch breit machte, kam ein älterer Steward auf mich zu und blieb bleich und weinend vor mir stehen. «Wir haben heute Nacht ein Flugzeug verloren. CNN meldet, dass eine MD-11 an der Ostküste Amerikas abgestürzt ist.»

Ein Bild, das ich nie vergessen werde

Fassungslos rannte ich die zwei Stockwerke hoch und schalte den Fernseher ein. «Breaking News» stand am unteren Bildrand und ein Helfer zog an einem Fischerhaken einen blauen Crewbag aus dem kalten Meer. Da war sie diese Gewissheit, die einem jede Hoffnung nahm und betätigte, dass etwas Schreckliches passiert ist. Regungslos starrte ich auf den Bildschirm und wartete auf eine gute Nachricht - leider vergeblich. Wenige Minuten später beorderte der Kapitän alle Besatzungsmitglieder in einen abgeschirmten Raum und informierte über Fakten und Ungewisses. Seitens der Firma trafen in unregelmässigen Abständen Informationen zur Lage ein. Am späteren Nachmittag dann die schwierigste aller Meldungen. Der Stationsleiter übergab dem Kapitän schweigend die Crewliste des Fluges 111 und dieser las die Namen langsam vor. Ein äusserst trauriger und emotionaler Moment.

Die Heimkehr

Es war still - sehr still, als wir Tage später nach dem langen Nachtflug das «Operation-Center» am heimischen Flughafen betraten. Stumm liefen Kolleginnen und Kollegen durch die Gänge und wer wollte, konnte bei bereitstehenden Betreuern Rat und Trost suchen. Eine unglaublich bedrückende Stimmung lag über dem Gebäude und mich zog es nur noch nach Hause. In den folgenden Tagen rollte die unbarmherzige Medienlawine über uns hinweg. An die kurze Phase der sachlichen Berichterstattung reihte sich die Zeit der Spekulationen, gefolgt von der schwer zu ertragenden Suche nach Schicksalen und Tragödien. Es war unmöglich der Informationsflut aus dem Weg zu gehen und die ständigen Erkundigungen nach dem eigenen Befinden belasteten noch zusätzlich. Als mich dann der erste Journalist persönlich zu Hause anrief, knallte ich angewidert den Hörer in die Gabel.

Der Jahrestag

Ein Jahr später schien wieder die Sonne, als ich schweigend neben dem Leuchtturm von «Peggys Cove» sass und aufs Meer hinaus schaute. Neben mir kauerten der Kapitän und der Flight-Engineer, mit denen ich am folgenden Tag einen leeren Jumbo, der zuvor die Angehörigen für die Gedenkfeier einflog, nach New York bringen sollte. Es mag seltsam klingen, aber dies war ein versöhnender Augenblick. Dieser Ort, der uns im vergangenen Jahr ständig begleitete und als Sinnbild für Leid und Schmerz stand, hat ein Gesicht bekommen.
Als ich nach einer Nacht die Provinzhauptstadt Richtung New York verliess, waren viele Gedanken mit im Gepäck. Sie galten den Opfern, den Angehörigen und den vielen Helfern und Betreuern vor Ort und in der Schweiz.

3. September 2008

Zehn Jahre ist es also her, seit die HB-IWF vor dem Leuchtturm bei «Peggys Cove» abgestürzt ist. Beim Rückblick auf das traurige Ereignis wird einem bewusst, wie schnell die Zeit vergeht. Für die Besatzungsmitglieder und die Passagiere von Flug Swissair 111 ist die Zeit am 3. September 1998 um 01:31:18 UTC stehen geblieben. Lasst uns ihrer gedenken.


***

Dieser Artikel erschien im Septemberheft der Aviatikzeitschrift COCKPIT

Kommentare:

  1. Sehr bewegend deine Schilderung!

    Danke dafür.

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  2. Wer das Fliegen zu seinem Beruf macht, muss lernen mit dem Risiko eines möglichen Unfalls umzugehen. Müsste man meinen. Die Realität präsentiert sich leider nicht so formelhaft einfach. 27 Jahre in diesem Beruf haben mir gezeigt, dass Crew members ihre Bedenken und ihren Respekt (mitunter auch ihre Angst) entweder verdrängen oder sich krampfhaft hinter Paragraphen zahlreicher Handbücher verstecken. Die grosse Mehrheit pendelt irgendwo dazwischen, ich gehöre selber auch dazu. Spätestens aber, wenn sich uniformierte Kolleginnen und Kollegen statt im "Ops-Center" beim Abdankungsgottesdienst in der Kirche begegnen, wird allen unvermittelt bewusst, dass es jeden oder jede treffen könnte. Und letztlich zählt heute - zehn Jahr danach - vor allem eine Frage: Haben wir etwas daraus gelernt...?

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  3. Ich war zwar nur zwei Monate als Tiger bei der Swissair tätig. Trotzdem hat dieses Unglück mich sehr betroffen gemacht. Habe deinen Bericht gelesen, Hühnerhaut und Tränen in die Augen bekommen.....

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  4. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  5. Mir hat ein anderer, damaliger MD-11 Captain von diesem Tag berichtet. Auch er konnte es kaum fassen, denn die HB-IWF wäre seine Maschine gewesen, die er anschliessend von Genf nach Zürich hätte fliegen sollen. Stattdessen musste er dann eine andere nach JFK fliegen.
    Als er dann einer älteren A300 die Crewlist zu übermitteln hatte, gelang auch ihm dies nur schwer. Hatte er doch wenige Tage zuvor noch einen Simicheck mit Herrn Zimmermann.
    Erzählung auf www.medien-muell.blogspot.com

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  6. ...ja, wie wenn es gestern gewesen wäre, kommt die Erinnerung wieder hoch! Ich war zwar nur ein am Boden arbeitendes Mitglied der Swissair Familie, aber man spürte die Schockwellen, den das unfassbare durch die Firma gehen liess!

    Mögen sie in Frieden ruhen!

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  7. Danke für diesen Beitrag!

    Meine Gotte arbeitete damals bei Korean Air Ground Hostess und kannte viele Leute bei der Swissair. Ich kann mich noch gut erinnern, wie bewegend die Zeit war.

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  8. ......diese Jahrestage.....eigentlich sollte es sie gar nicht geben.....leider gibt es sie trotzdem....

    Danke für deine bewegenden Worte

    TWR Mädel

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  9. Bewegende Worte, danke! Einmal mehr eine dramatische Erinnerung daran, dass es in der Fliegerei jederzeit jeden treffen kann...

    RIP, SR111!

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