Montag, September 29, 2008

Caquellòn

Ein fast undurchdringlicher Nebel hat sich über die Landschaft gelegt und raubt der Natur die Farben. Beim morgendlichen Spaziergang durch den wunderschönen Wald raschelt das Laub unter den Schuhen, der Kragen des Faserpelzes wird hochgeklappt und die Hände verschwinden in den Hosentaschen. Der Herbst, die schönste aller Jahreszeiten ist endlich angekommen.
Zur Feier des Tages gibt es geschmolzenen Käse und Weisswein aus dem Lavaux. Mit anderen Worten: Wir veranstalten ein Caquellòn. Wo und wann bleibt geheim, sonst laufen die Ordnungshüter und die Bürgerwehren wieder Amok.

Donnerstag, September 25, 2008

Umfinanzierung

Immer wieder trifft man interessante Geschäftsleute auf dem Flugzeug und schneller als einem lieb ist, dreht sich das Gespräch um das liebe Geld. Leider bin ich in dieser Thematik nicht ganz so sattelfest wie andere meiner Berufsgattung. Nach wie vor bin ich fest davon überzeugt, dass Geld zum Ausgeben und nicht zum Stapeln gemacht wurde und so lebe ich auch. Glücklicherweise bin ich am Ende des Monats noch nie in Versuchung gekommen das physikalisch unmögliche zu erproben, nämlich das Geld im Stile eines Perpetuum Mobile zu vermehren.

Vielleicht ändert sich das ja ab heute.

Zwischen zwei Nespresso begann ich in der ersten Klasse ein Gespräch mit einem Herrn Lehmann und seinem Bruder. Beide sind sie seit Jahren in der Finanzbranche tätig und kennen alle Tricks und Tipps aus dem Effeff. Ich, der immerhin auch einen Titel einer Fachhochschule der Wirtschaftswissenschaften tragen darf, hörte aufmerksam zu. Schnell merkte ich, dass mein Fachwissen nichts mehr zählt, sondern nur noch das der Bachelor und Master. Den Begriff Master kenne ich aus der Fliegerei und das bedeutet selten was Gutes. Master-Warnings treiben meinen Adrenalinpegel in beängstigende Höhen und führen nicht immer, aber immer öfters zu kleinen Inkontinenzen.
Mit dem Begriff Bachelor konnte ich nichts anfangen und musste meinen Oxford Dictionary konsultieren. Wenn ich das mit meinem Agglo-Englisch richtig übersetzt habe, dann ist ein Bachelor entweder ein männlicher Vogel, der wegen eines dominanten Konterparts sein Vögelchen nicht vögeln konnte (a male bird or mammal without a mate, esp. one prevented from breeding by a dominant male) oder ein junger Ritter, der unter einem anderen Banner dient (a young knight serving under another's banner). Beides scheint mir nicht erstrebenswert und so bin ich mit meinem Bünzlititel doch recht zufrieden.

Doch wieder zurück zu den Lehmann Brüdern. Sie beklagten sich etwas über den steifen Wind, der zurzeit durch die Mauer Strasse weht und attestierten den Schweizer Anlegern Mut und Unerschrockenheit, weil sie in grossen Massen noch Anteile von Schiffen kaufen, die schon bedenklich Havarie beklagten.

Mich interessierte nicht was die Anderen machen, sondern möchte jetzt, wo ich Blut geleckt habe, meine Nullen vor der Kommastelle vermehren. Nur leider fehlt ein wichtiger Grundstoff, nämlich das Geld.
«Kein Problem», meinte der jüngere der Lehmann Brüder. Nimm etwas dass dir nicht gehört, verkaufe Anteile davon und sorge dafür, dass diese wiederum weiterverkauft werden. Von jeder Transaktion kassierst du einen Anteil und kannst damit Kredit aufnehmen und das Spiel beginnt wieder von vorne.
Genial! Doch etwas skeptisch bin ich schon, darum versuchte ich es mit einem Teil, das mir nicht sonderlich sympathisch ist: Mit meinem Crewbag.
Der ältere der Lehmann Brüder fädelte alles ein und so bin ich jetzt sicher, dass ich steinreich werde. Nur einen Haken hat die Sache. Aus juristischen Gründen musste ich eine silberne Tafel an meine Ledertasche nieten, die alle Besitzverhältnisse aufzeigt. So prangert jetzt auf meinem verbeulten Uniformteil ein grosses Aluminiumschild mit der Aufschrift:

Notice to ownership
This crewbag is owned by Kastanienbaum finance 2 limited  company (owner) and is subject to a leave agreement between owner and Haselnussbaum finance V limited company and a sublease agreement between Haselnussbaum finance V limited company and the holder of this bag Mister NFF.
This crewbag is also subject to a mortgage in favour of Rüdisüli Brothers as security trustee.


Ich glaube ich habe die Finanzwelt jetzt begriffen.

Dienstag, September 23, 2008

von den kleinen Sünden

Der Urlaub ist zu Ende und alle körperlichen Leiden auskuriert. Die Uniform passt besser als noch vor den freien Tagen und um Peinlichkeiten zu vermeiden, bin ich mit dem Zug zum Arbeitsplatz gefahren. Bei der ständigen Bautätigkeit am Flughafen kann es einem schon mal passieren, dass der Weg zum Parkplatz nach längerer Abwesenheit nicht auf Anhieb gefunden wird.

Kurz, ich trat meinen ersten Flug bestens vorbereitet an. Routiniert schlich ich auf dem Weg vom Flughafenbahnhof Richtung Operationszentrum und nahm mit Freude zur Kenntnis, dass ich noch erkannt wurde. Da ein Schwätzchen, dort eine Aktualisierung der in der Firma kursierenden Gerüchte, ein Lächeln hier, ein Küsschen auf eine gepuderte Backe, noch schnell zu meinem Postfach, die Revisionen von den persönlichen Nachrichten trennen, einen der beiden Papierberge umweltgerecht entsorgen, den Automaten um 200 U$ erleichtern, der Versuchung widerstehen einen Kaffee zu trinken und dann der Blick zur Uhr - Panik!

Ich war noch nicht zu spät, aber mein Zeitplan duldete keine Verzögerungen mehr. Zielgerecht steuerte ich Richtung «Check-In Computer» und lief direkt in die Arme eines guten Kollegen. Im Wissen, dass gute Kommunikation die Flugsicherheit signifikant erhöht, wechselte ich einige Sätze mit dem humorvollen Redner. Unser heiteres Gespräch lockte einen anderen Kapitän hinter seinem Bildschirm hervor, der auch noch einige Bonmots zum Besten gab. Aufmerksam hörte ich zu, hielt mit meiner linken Hand die Post der letzten zwanzig Tagen und tippte mit der rechten mein Kurzzeichen und das Passwort in den Computer. You successfully checked in, meldete die Maske und mein Puls senkte sich merklich.
Hinter mir schlich sich ein anderes bekanntes Gesicht Richtung Ausgang, klopfte mir beim Vorbeigehen auf die Schulter und meinte kollegial: «Siehst müde aus, bis du gerade mit dem Sao Paulo Flug gelandet?» «Nein, ich trete meinen Flugdienst erst an….»

In der Ferne erblickte ich meine zwei Cockpitkollegen, die schon eine Landschaft voller Planungunterlagen ausgebreitet haben und mir erwartungsvoll zuwinkten. Beide kenne ich gut und der Zufall will es, dass wir vor ein paar Monaten exakt in der gleichen Zusammensetzung an die selbe Destination flogen. Los Angeles steht in grossen Lettern auf dem ersten Blatt und da ich die Landung ausführen darf steht es mir zu, den Papierberg abzuarbeiten. Aber Vorsicht, mein Kapitän ist abergläubisch und besteht darauf, dass wir vor der ersten Zeile einen Blick in seine Schnupftabakdose werfen. Ich will es nicht schon in den ersten Minuten mit ihm verbocken und beuge mich dem Gruppendruck. Sein Aberglaube scheint ausgeprägt zu sein. Keine Checkliste ohne Schnupf, keine Passagieransage ohne Schnupf und schon gar keine Landung ohne Schnupf. Das Ergebnis lässt sich sehen. Das erste Mal in meiner Karriere bekam ich ein Lob für die paar Französischen Sätze, die ich über die Lippen brachte und über die Landung möchte ich jetzt nicht sprechen, da Eigenlob ja bekanntlich stinkt. Nur etwas machte mir zu Beginn etwas Sorgen. Mein Rotz ähnelte stark meinem Stuhlgang und roch irgendwie auch so, was aber gemäss Aussage meines Chefs nach dem Konsum des Blechdoseninhalts ganz normal sei.

Irgendwann war dann auch der erste Flug nach meinem Urlaub zu Ende und wir sassen müde in der Hotelbar um das obligate Bier nach dem Flug zu geniessen. Herrlich, wie der gelbliche Saft den Gaumen erfrischt und die Lebensgeister zumindest kurzfristig wieder belebt. Zu meiner Erleichterung war des Kapitäns Schnupfdose leer und so konnte ich tränenlos meinen geliebten Hopfensaft kneipen. Was wäre das Leben bloss ohne die kleinen Sünden!?!

Mittwoch, September 17, 2008

Doktor

Der hier hat den Doktor gemacht und ich habe dafür gesorgt, dass die Doktoren nicht aussterben..... Ich ziehe vor lauter Respekt meinen Pilotenhut vor den Fähigkeiten dieser Herren. Der erwähnte schreibt, während er als Kurzstreckencopilot durch die Lüfte schwebt an der renommiertesten Uni der CH seine Doktorarbeit, der Chiropraktor befreit mich von meinem unnatürlich schrägen Gang und der Zahnarzt zeigt an einem Sonntag erbarmen mit einem einfachen Copiloten und erlöst ihn vom hämmernden Schmerz in der linken Oberbacke.

Alle guten Dinge sind drei und so hoffe ich doch, dass ich die paar verbleibenden Ferientage ohne Doktoren und beschwerdefrei geniessen kann.

Sonntag, September 07, 2008

Montag, September 01, 2008

ein trauriges Jubiläum


Der Gedenkstein im Operation-Center am Flughafen Zürich


Am 3. September jährt sich der Absturz des Fluges SR111 zum zehnten Mal. Ein persönlicher Rückblick auf die Tage, die mich veränderten.


Die schweren Monsunwolken hatten sich verzogen und das herrliche Wetter lud ein, das Frühstück im «Sun n’ Sand» in Mumbai unter freiem Himmel zu geniessen. Gerade als ich mich am besten Tisch breit machte, kam ein älterer Steward auf mich zu und blieb bleich und weinend vor mir stehen. «Wir haben heute Nacht ein Flugzeug verloren. CNN meldet, dass eine MD-11 an der Ostküste Amerikas abgestürzt ist.»

Ein Bild, das ich nie vergessen werde

Fassungslos rannte ich die zwei Stockwerke hoch und schalte den Fernseher ein. «Breaking News» stand am unteren Bildrand und ein Helfer zog an einem Fischerhaken einen blauen Crewbag aus dem kalten Meer. Da war sie diese Gewissheit, die einem jede Hoffnung nahm und betätigte, dass etwas Schreckliches passiert ist. Regungslos starrte ich auf den Bildschirm und wartete auf eine gute Nachricht - leider vergeblich. Wenige Minuten später beorderte der Kapitän alle Besatzungsmitglieder in einen abgeschirmten Raum und informierte über Fakten und Ungewisses. Seitens der Firma trafen in unregelmässigen Abständen Informationen zur Lage ein. Am späteren Nachmittag dann die schwierigste aller Meldungen. Der Stationsleiter übergab dem Kapitän schweigend die Crewliste des Fluges 111 und dieser las die Namen langsam vor. Ein äusserst trauriger und emotionaler Moment.

Die Heimkehr

Es war still - sehr still, als wir Tage später nach dem langen Nachtflug das «Operation-Center» am heimischen Flughafen betraten. Stumm liefen Kolleginnen und Kollegen durch die Gänge und wer wollte, konnte bei bereitstehenden Betreuern Rat und Trost suchen. Eine unglaublich bedrückende Stimmung lag über dem Gebäude und mich zog es nur noch nach Hause. In den folgenden Tagen rollte die unbarmherzige Medienlawine über uns hinweg. An die kurze Phase der sachlichen Berichterstattung reihte sich die Zeit der Spekulationen, gefolgt von der schwer zu ertragenden Suche nach Schicksalen und Tragödien. Es war unmöglich der Informationsflut aus dem Weg zu gehen und die ständigen Erkundigungen nach dem eigenen Befinden belasteten noch zusätzlich. Als mich dann der erste Journalist persönlich zu Hause anrief, knallte ich angewidert den Hörer in die Gabel.

Der Jahrestag

Ein Jahr später schien wieder die Sonne, als ich schweigend neben dem Leuchtturm von «Peggys Cove» sass und aufs Meer hinaus schaute. Neben mir kauerten der Kapitän und der Flight-Engineer, mit denen ich am folgenden Tag einen leeren Jumbo, der zuvor die Angehörigen für die Gedenkfeier einflog, nach New York bringen sollte. Es mag seltsam klingen, aber dies war ein versöhnender Augenblick. Dieser Ort, der uns im vergangenen Jahr ständig begleitete und als Sinnbild für Leid und Schmerz stand, hat ein Gesicht bekommen.
Als ich nach einer Nacht die Provinzhauptstadt Richtung New York verliess, waren viele Gedanken mit im Gepäck. Sie galten den Opfern, den Angehörigen und den vielen Helfern und Betreuern vor Ort und in der Schweiz.

3. September 2008

Zehn Jahre ist es also her, seit die HB-IWF vor dem Leuchtturm bei «Peggys Cove» abgestürzt ist. Beim Rückblick auf das traurige Ereignis wird einem bewusst, wie schnell die Zeit vergeht. Für die Besatzungsmitglieder und die Passagiere von Flug Swissair 111 ist die Zeit am 3. September 1998 um 01:31:18 UTC stehen geblieben. Lasst uns ihrer gedenken.


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Dieser Artikel erschien im Septemberheft der Aviatikzeitschrift COCKPIT