Freitag, August 29, 2008

In 31 Tagen um die Welt - Teil 7: NEW YORK




Die Meisten verwechseln Dabeisein mit Erleben.
Max Frisch


Der Crewbus rattert über die unebene Strasse vom Flughafen Richtung Manhattan. Vorbei am Tennisstadium und unendlich grossen Friedhöfen steuert der Busfahrer sein Gefährt durch den Stadtteil Queens. Draussen ist es 30 Grad, im Businnern etwas über 40. New York und die Airconditioning des Gefährts machen eine Pause, am Montag ist schliesslich «Labour Day».
Die Amerikaner gönnen sich ein langes Wochenende, was die leeren Strassen und die flüssige Fahrt bis zu unserem Hotel im Stadtteil «Turtle Bay» erklärt. «Turtle Bay» liegt zwischen «Murray Hill» und «Lenox Hill». Es gibt um unser Hotel genauso wenig Schildkröten, wie es von Hügeln auf Manhattan wimmelt, aber das kümmert hier genau niemanden.

Kurz bevor der Bus in die Tiefen des «Midtown Tunnels» abtaucht, bereitet uns ein Wald voller Reklametafeln auf die Welt nach dem schwarzen Loch vor. Aufsehen erregt bei meinen Kolleginnen und Kollegen ein übergrosses Poster, das für eine Unterwäschemarke mit dem Namen Calvin Dingsbums Werbung macht. Auf dem Plakat lehnt sich ein Jüngling mit wenig Textil bekleidet an eine Hausmauer und scheint genauso zu schwitzen wie wir im Bus mit dem defekten Klimagerät. Irgend ein Spassvogel hat dem transpirierenden Kerl mit der Photoshop-Software eine Hügellandschaft auf den Bauch gezaubert und genau diese erregt im wahrsten Sinne des Wortes die Aufmerksamkeit der Businsassen.
Dem jüngsten Steward fällt beim Anblick des weissen Textilteils fast der iPod Stöpsel aus dem Ohr und er ringt nach Atem. Bis zur kalten Dusche im Hotelzimmer wird unser Jüngster wie der griechische Gott Priapos durch die Gänge wandern.

Der weibliche Teil der Besatzung kommt nicht weniger ins Schwärmen und kommentiert die Bauchpartie des Herrn auf der Unterhosenwerbung eingehend. Von Wäsche und Waschbrett ist die Rede und dabei steigt die Temperatur im Bus stetig weiter. Und einmal mehr verstehe ich die Damenwelt nicht. Ein Waschbrett mag ja seinen Reiz haben, aber wenn es so richtig an die Wäsche geht, dann geht nichts über eine grosse Waschtrommel.

Der «Midtown Tunnel» spuckt uns aus und wenige Minuten später stehen wir schweissgebadet vor dem Eingang des schmucken Hotels im Quartier der Schildkrötenbucht. Schlüssel fassen, Fahrstuhl besteigen, Zimmer beziehen und so schnell wie möglich unter die Dusche. Das Wasser kommt ungewöhnlich effizient aus der amerikanischen Duschbrause und ich streichle mir zufrieden mit dem Waschlappen über meine Waschtrommel. Das schlaflose New York lasse ich heute aus. Dieser Monat hat mich geschafft und ich brauche nichts dringender als Schlaf. Gute Nacht!

***

Danke für das Mitreisen in den letzten 31 Tagen. Über 94 Flugstunden habe ich abgesessen, 6 Nachflüge verdaut, unzählige Nespresso getrunken, einmal Durchfall gekriegt, 534 Mikrosievert Strahlung abbekommen (was 6 Thoraxröntgen oder einer Mamografie entspricht), einen grossen Berg Zeitungen gelesen, theoretisch tausende von Franken und eine Kaffeemaschine im Kreuzworträtsel gewonnen, viel gelacht, noch mehr gegähnt, einen Zusammenschiss von einem Fluglotsen gekriegt und selber niemanden zusammengestaucht - ein ganz normaler Monat eben.

Kommentare:

  1. "..einen Zusammenschiss von einem Fluglotsen gekriegt.." was ist passiert??

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  2. ... Zeitung gelesen und zwei Mal einen Funkspruch verpasst. Es war in ......... AMERIKA!

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  3. Es hat sehr viel Spaß gemacht, die sieben Teile zu lesen und so am heimischen PC Deine letzten 31 Tage ein wenig verfolgen zu können. Aber das gilt eigentlich für alle Deine Geschichten. Daher: Weiter so!

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  4. Herzlichen Glückwunsch. Mal wieder ein Monat rum. Der nächste kommt bestimmt...

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  5. .... ja schon diese Nacht. Wünsche auch - uch der Crewcall - einen schönen September.

    Gruss aus NY

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  6. Flüssig und gut zu lesen wie immer.

    Insbesondere interessant zu vergleichen wie es einem wirklich werktätigen ergeht während man selber auf ständig wechselnden Varianten einer 737 durch Europa gondelt, dabei nur 52 Stunden statt der geplanten 60 fliegt bei 104 Arbeitsstunden (was der effizienteste Monat bisher ist bei 240 Stunden total und 803 Arbeitsstunden dieses Jahr), 5 mal ausserhäusig übernachtet und sich 20 mal anhören muss dass man doch bitte mal weicher landen möge.

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  7. Vielen Dank für mitnehmen während des letzten Monats!

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  8. Danke für die Weltreise!

    Apropos Reaktion des weiblichen Besatzungsteils: Einmal mehr DER BEWEIS, dass es des Frauen im Gegensatz zu uns (ehrlichen Männern) eben NUR um die INNEREN Werte geht... :-)

    Und wieder ein absoluter NFF-Klassiker, der es mühelos in Hall Of Fame schafft:

    "Dem jüngsten Steward fällt beim Anblick des weissen Textilteils fast der iPod Stöpsel aus dem Ohr und er ringt nach Atem. Bis zur kalten Dusche im Hotelzimmer wird unser Jüngster wie der griechische Gott Priapos durch die Gänge wandern."

    Danke, G!

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  9. Wenns hilft. Auch Lotsen könnte man manchmal "zämeschisse" Bei unserem Sphairkurs hat dieser Dödel es tatsächlich geschafft zwei Flugzeuge entgegengesetzt auf die Piste zu stellen. Eigentlich hätte ein Zusammenschiss promt kommen müssen, der Pilot auf der Piste war aber wohl zu perplex....

    Nujaa, vielleicht hatte dein Lotse auch einen schlechten Tag oder noch schlimmer... schlechten Kaffee....

    Guet Nacht,

    Severin
    Ps: Meine Bewerbung bei der Swiss wurde heute abgeschickt:)

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  10. @DENTI:
    ... der ewige Stress von Flugzeugwechsel auf der Kurzstrecke kann ich nachvollziehen, kenne ihn aber nicht aus eigener Erfahrung. Als ich auf der MD80 durch Europa gondelte, redete man noch nicht von "minimun ground time" und die 470 Flugstunden/y liessen sich gut verkraften. Mittlerweile rackern wir ja das Doppelte.....

    @ZUGI:
    ... danke. Erhole mich nächsten Monat übrigens im Engadin von den Strapazen und werde das eine oder andere Reh verspeisen :-)

    @G!
    ... auch die ein Dank für die lobenden Worte. Bei der Einschätzung der holden Weiblichkeit liegst du falsch. Es geht weder um die inneren noch die äusseren Werte, es geht ganz alleine um das hinten rechts in der Hose.

    @SEVERIN:
    ... nobody is perfect - vorgestern in NY."you're cleared for an ILS APPCH 31R - äh negativ maintain 2000 and follow LOCALIZER - uh - I've got an other traffic - turn right HDG340..."
    Viel Glück mit Deiner Bewerbung!!!!

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  11. @nff
    "Es geht ganz alleine nur um das hinten rechts in der Hose"

    ...jetzt musst du mich halt mal Aufklären, ist das jetzt ein Geschlechtsteil, welches bei Männern im 'reiferen' Alter wächst?

    Hoffentlich nimmst du auch das Radl mit ins Engadin, weil die braunen Rehkitz - seien sie noch so pfeffrig - müssen ordentlich verdaut werden.

    Gruss

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