Freitag, August 15, 2008

In 31 Tagen um die Welt - Teil 4: SAO PAULO



Wenn man auf ein Ziel zugeht, ist es äußerst wichtig, auf den Weg zu achten. Denn der Weg lehrt uns am besten, ans Ziel zu gelangen, und er bereichert uns, während wir ihn zurücklegen. 
Paulo Coelho, Auf dem Jakobsweg


Ein Passagierflugzeug ist wie eine grosse Bühne, eine Bühne der zwar Weltniveau abgeht, aber trotzdem unglaublich weltlich ist. Während jedem Flug wird ein anderes Stück aufgeführt. Es wird improvisiert, gejammert, übertrieben, gelogen, gelitten, gestritten - selten gestorben und noch seltener geliebt. Alle Ingredienzen eines erfolgreichen Theaterstückes sind vorhanden und Dramen in der Businessklasse folgen schlagartig auf Komödien in der Economy. Es ist ein wenig wie am Theaterspektakel an den Ufern des Zürichsees. Verliert man den Überblick im kreativen Chaos, kann ein Gang zur Kaffeemaschine Wunder wirken.
Etwas macht das Bordtheater aber absolut einmalig und unvergleichbar. Nirgends auf der Welt gibt es ähnlich grosse Bühnen, wo weder Statisten noch Hilfspersonal auftritt. Im Flugzeug spielt jeder die Hauptrolle und dies mit grossem Herzblut. Es liegt in der Natur der Sache, dass dies zuweilen zu recht amüsanten Szenen führen kann.

Die Hauptdarsteller der Economybühne sind in der Regel professionelle Mimiker. Ihr Gesichtsausdruck verrät schon beim Einsteigen, dass sie eigentlich irrtümlicherweise in der falschen Klasse gebucht wurden, dies aber nicht so schlimm sei, falls ihnen während den nächsten 11 Stunden ein ausserordentlich zuvorkommender Service geboten werde.

In der Businessclassbühne sind die Hauptdarsteller allesamt eintrainierte Performancekünstler. Eindrücklich, wie sie noch zu später Stunde die Fahrgasttreppe hinunterstürzen und in der linken Hand ihren Blackberry betasten, während am rechten Arm die Laptoptasche hängt. Sie lassen sich vom Dienstpersonal während der Einsteigezeremonie nur ungern helfen, da sonst ihre eingespielten Rituale durcheinander kommen könnten. Im Sitz hält sie in der Regel nur wenig. Nervös schiessen sie alle paar Sekunden auf und suchen in der Gepäckablage irgend einen wichtigen Gegenstand, der in der schon jetzt sehr imposanten Auslegeordnung scheinbar noch fehlt.

Als letzte betreten die Pantomimenkünstler das Flugzeug. Wortlos und jede Bewegung einstudiert, wandern sie fast schon ein bisschen lethargisch den Blick nach vorne gerichtet an den Businessleuten vorbei und setzen sich elegant und weltmännisch auf ihren Thron. Sie sitzen in der Loge und geniessen den besten Blick auf die Cockpittüre.

Alle eingestiegen - Vorhang auf, es kann losgehen. Jetzt kommen die Hauptdarsteller der Besatzung zum Zug. Es werden Lämpchen erleuchtet, diese wieder ausgeschaltet, Klingeltöne aktiviert und sonst sehr viel Lärm gemacht. Ansagen erklingen auf drei Sprachen durch die Lautsprecher und interessanterweise hört keine der Bühnen dabei zu. Auf das Aufheulen der Motoren folgt ein Rumpeln beim Einfahren der vielen Räder. Es schüttelt und rüttelt, es wird gekotzt und gemotzt, geschlafen und geschnarcht, gemeckert und gestenkert, gelobt und gelacht, gelesen und gespielt. Nach elf Stunden und ein paar Minuten ist das Theater mit einem grossen Knall vorbei. Draussen liegt der Nebel und die offene Tür entlässt die vielen Hauptdarsteller wieder in ihre normale Welt. Jeder hat jetzt etwas zu erzählen und lobt oder tadelt die nächtliche Vorführung so laut er nur kann.

Ich laufe langsam durch die Menschenmenge und ziehe meinen quietschenden Koffer hinter mit her. Dank meiner Grösse schaue ich auf die vielen Menschen hinab und stelle zufrieden fest, dass ohne mich wohl heute nichts funktioniert hätte. Ich lasse mich langsam in den Sitz des Busses fallen und die Augen fallen dabei zu. Grosses Theater macht müde, vor allem wenn man wie ich die Hauptrolle spielt.

Kommentare:

  1. ...oder vielleicht gar eigentlich der Regisseur ist?

    So habe ich das Theater an Bord bisher noch nicht gesehen. Gratuliere zu diesem erstklassigen Beitrag!

    Viele Grüße und viel Erfolg beim zweiten Akt (oder dem Sequel?)-dem Rückflug
    Stefan

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  2. Hey Man!
    You're prolific, protean...danke für das Theater!

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  3. .... danke für den Applaus.

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  4. Ich lese diesen Blog sporadisch meistens mit viel Vergnuegen und einem Laecheln ...

    Dieses Mal hing das Laecheln am Ende etwas schief, besonders nach dem Kommentar der Frau Klugscheisser.

    Schon mal daran gedacht, dass diejenigen die da reinlatschen, egal ob in die Y, C oder F, vielleicht mehr oder weniger direkt aus einem nervenaufreibendem Meeting kommen, in dem ihnen auf die feinste Art und Weise das Fell ueber die Ohren gezogen wurde ? Die wollen dann nur noch eines: Guten Service und bitte: Keinen sonstigen Aerger. Die Variationen der Situationen sind unendlich fuehren aber immer zu der gleichen Ausgangslage.

    Ich fliege fast nie LX weil ich da bin wo ich bin, aber das oben gesagte trifft in jedem Fall zu.

    Aber wenn Sie mal in Bangkok aufschlagen und Zeit fuer ein Bier habe koennen wir das ausfuehrlicher diskutieren....

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