Sonntag, August 17, 2008

in 31 Tagen um die Welt - Teil 5: SANTIAGO DE CHILE



Mensch: das einzige Wesen, das im Fliegen eine 
warme Mahlzeit zu sich nehmen kann.

Loriot


Meine Balkontüre ist offen. Ich muss sie offen halten, denn die Dämpfe der Lösungsmittel drücken durch den neuverlegten Spannteppich - wenn schon einen Kater auflesen, dann bitte nicht vom aggressiven Teppichleim. Von draussen dringt der Strassenlärm in das grosse Zimmer. Es wird viel gehupt, gelacht, geflucht und wenn ich mich nicht verhört habe, fiel in der Nacht in der Nähe auch ein Schuss.
Um 03:55 Uhr springt der Hörer des Telefons fast aus der Gabel. Der Anruf gilt mir, ich muss aus den Federn für den Frühflug nach Santiago de Chile. Diese sehr frühen Morgenstunden eignen sich für das Aufstehen definitiv nicht. Der Kopf will das Kissen nicht verlassen und so macht halt das linke Bein den Anfang. Langsam nähert sich der Fuss der Bettkante und knallt Sekundenbruchteile später auf Grund mangelnder Kraft im Quadrizeps hart auf dem neuen Bodenbelag auf. Wenn ich jetzt nicht aufstehe, dann falle ich augenblicklich wieder in den Tiefschlaf.

Duschen, die am Vorabend zurechtgelegte Uniform besteigen und dann die Zimmertüre sanft ins Schloss führen - schliesslich schlafen die meisten Bewohner dieser Millionenstadt zu so früher Stunde noch.
Wie ferngesteuert werden die Kollegen begrüsst, die wiederum ferngesteuert den Gruss erwidern. Irgend eine arme Seele musste das Nachtlager noch früher als wir verlassen und braute eine Kanne kaffeeähnliches Gebräu, das uns in der Hotellobby serviert wird. Ich danke es ihm mit einem Trinkgeld.

Ein von der Firma «Caprioli» gestellter Busfahrer bringt uns ohne Kapriolen an den Flugplatz, wo unsere Kollegen auf uns warten, die das Flugzeug aus der Schweiz nach Sao Paulo brachten. Schnell durchmischen sich die Crew und auf den ersten Blick kann man nicht sagen, wer müder aussieht. Aussenstehende könnten Mitleid bekommen.

Langsam wird mein Motörchen warm und der Schluck Nespresso zwischen den einzelnen Checklistenpunkten hilft dabei nicht unwesentlich mit. Die Sonne geht auf und nicht ein einziges Wölklein ist am brasilianischen Himmel zu sehen. Motoren starten, Gas geben, leicht den Sidestick bewegen und die Flugzeugnase 12° nach oben ziehen. Mit jedem Meter mehr unter dem Flugzeugbauch überblickt man die unglaubliche Grösse dieser Stadt besser. Häuser soweit das Auge reicht und dazwischen eine Seenlandschaft, die stark an Schweden erinnert.

Die Häuser werden kleiner und der Hunger grösser. Als ob ich sie gerufen hätte, bringt die Kollegin aus der ersten Klasse ein Müsli, ein paar Brötchen und einen «Latte Macciato», der keinen Vergleich scheuen muss. Ein Biss in das noch warme Brot, einen Blick zum Fenster hinaus und hin und wieder ein paar Worte mit meinem Chef. Eine fast endlose argentinische Steppenlandschaft breitet sich unter uns auf und noch bevor sich die ersten weissen Gipfel der Anden im Morgenlicht präsentieren, werfe ich einen kurzen Blick in die heimische Zeitung von gestern. Um das zu beschreiben, was danach noch folgte, reichen Worte nicht aus - lassen wir die Bilder sprechen. Manchmal mag ich meinen Job echt gern!












Kommentare:

  1. Sehe ich das richtig, dass der Hebel fürs Fahrwerk ein kleines Rad aufgesetzt hat? ;-)

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  2. Breath-taking!!

    Apropos Hebel fürs Fahrwerk - ich suche immer noch vergeblich nach dem Hebel, um meinen Unterkiefer einzufahren...angesichts dieser Bilder.

    Jaw-dropping!!

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  3. Für solch einen Anblick würde ich zu jeder Unzeit aufstehen.
    Que te vaya bien en Latinoamerica.
    Gruss
    Peter

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  4. Einfach sensationell schöne Bilder!
    Merci vilmol, dass du sie mit uns Landratten teilst ;-)

    Gruess vom TWR Mädel

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  5. bin wie richi leicht sprachlos ob dieser wahnsinnsbilder. nicht, dass ich unbedingt mal in den Anden möchte - drüberfliegen wäre schon ok.

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  6. Auch mir gefällt, dass Du immer mehr meinem liebsten Hobby fröhnst.
    Hoffe die Kamera kommt noch häufig(er) zum Einsatz.

    PS: Wann gehts wieder nach NRT? Könnte ich Dir eine Bestellung fürs Pub mitgeben?

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  7. Die Qualen eines Frühaufstehers werden immer wieder mit atemberaubenden Impressionen wieder gutgemacht!

    Danke fürs mitnehmen!

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  8. Danke für die vielen Kommentare. Ich schliesse daraus, dass meine Bilder besser gefallen als mein Text :-)

    @wisi:
    .... weiss noch nicht, ob ich im September nach NRT jette. Aber ich denke, dass Du ein Shirt aus diesem Shop http://www.jetlagclub.com/ willst :-)

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  9. War's so offensichtlich..? ;-)

    PS: Never ever. Deine Fotos sind spitze, können sich aber niemals (und werden es auch nie) an Deinen Texten messen.

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  10. Ich weiss jetzt nicht obs richtig ist, dass ich mich bei der SWISS bewerben werde.....

    Dagegen spricht: Saufrüehmüeseufstoh
    Dafür spricht: s'Büro mitem beste Usblick

    Ich werde es sehen und bis dahin weiterhin deine Texte verschlingen....

    Grüess,

    Severin

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  11. @Severin

    Glaub mir, das Frühaufstehen steht in keinem Verhältnis zum Ausblick, den du hast/haben wirst.
    Ich wollte nie einen anderen Beruf mehr ausüben.

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  12. @severin:
    In der Zwischenzeit kann ich Segelfliegen empfehlen. Negativ: Kein Nespresso an Bord und keine hübschen FA's. Positiv: Die Aussicht ist ebenso grandios und statt Nespresso trinkst Du Wasser. What else. Das will aber dosiert sein, weil die Bord-Toilette nicht aus Toulouse, sondern aus der nächsten Plastiksack - Fabrik kommt.

    Du wirst nun sagen: So schöne Bilder wie der NFF kann ich da aber nicht machen! Weit gefehlt: Auch das geht - auch so hoch oben, wenn man will (...kann, das Wetter passt und die Controller einem lassen.).

    Nehmen wir z.B. das drittletzte Bild von Herrn NFF; dieser schöne Berg mit der Wolkenkappe. Ebenfalls wichtig ist das Bild mit den Bildschirmen aus seinem Büro. Seine Bildschirme hat er 7 Minuten vor dem Berg fotografiert und er war da noch ca. 38 Meilen vom Wegpunkt UMKAL entfernt, welcher übrigens genau auf der Argentinisch/Chilenischen Grenze auf 32° 52' 60S 70° 0' 0W liegt. Sein Bildschirm sagt weiterhin, dass er mit einem Groundspeed von 401 Knoten durch den Luftraum rauscht, das wären dann 461 Meilen/Stunde bzw. 7.68 Meilen/Minuten. Der Berg wurde somit also gute 50 Meilen nach dem Bildschirm fotografiert, eher in der Nähe des Punktes LOSAN, wobei ich für den keine Längen/Breiten-Angabe habe. Weiter wissen wir, dass Herr NFF die Nase seines Büros so in etwa Richtung 268 Grad hält - also ziemlich genau gegen Westen. Der Arbeitsplatz von Herrn NFF ist auf der rechten Seite des Büros, somit macht er seine Föteli auch dort zum Fenster raus. Mit Google Earth gehen wir nun also zum Wegpunkt UMAL, von dort ca 10 Meilen weiter direkt gegen Westen, schauen dann mal nach rechts und: Wir sehen (meiner Meinung nach) den Cerro Aconcagua, welcher von sich im Internet behauptet, der höchste Berg Südamerikas zu sein.

    Zurück zum Foto und zum Segelflug: Den Wolken und der Windanzeige auf dem Display aus dem Büro von Herrn NFF zu urteilen, ist die Region geeignet zum Segelfliegen. Sehr sogar! Die Crew vom "mountain wave project" http://mwp.flightplanner.info nennt den Anconcagua den 'Magic Mountain". Weltrekord - aufgestellt in der besagten Gegend: 3018km Segelflug. An einem Tag.

    What else.

    Gruess - Einevobärn

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  13. @eine vo Bärn:
    bin beeindruckt! Das nächste Mal nehme ich dich als Navigationsbackup mit - bin davon überzeugt, dass Du den Weg besser findest als ich!

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  14. Die Navigationskünste eines Segelfliegers unterscheiden sich gegenüber den Motor-, Segelflug- und Airlinepiloten signifikant!

    Antwort eines Piloten auf die Frage 'wo bist Du?'

    -Airlinepilot: 'Über den USA, Inbound EBONY, FL350. '

    -Motorpilot: 'Berner Oberland, über dem Thunersee, 5000 Fuss. '

    -Segelflugpilot: 'über der Hütte auf der Fuorcla Surlej, 3500 Meter, 5 Meter Steigen!'

    Die Navigation ist örtlich beschränkt - dafür jederzeit sehr präzise. Ich weiss, nicht ob ich Dir eine Hilfe wäre. Ausserhalb der Schweiz hätte ich wohl rasch keine Ahnung mehr, wo wir sind :-)

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  15. Great Blog. It must be fascinating sitting up the front taking in the views around the world. Just think the view they must have had landing on the Hudson River.

    Cheers from Queensland, Australia

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