Freitag, August 08, 2008

In 31 Tagen um die Welt - Teil 3: MONTREAL


Ein Denkmal ist ein Bauwerk, das die Erinnerung an etwas
stützen soll, das entweder dieser Stütze nicht bedarf
oder an das man sich nicht erinnern kann.
Ambrose Bierce


Die Koffer sind gepackt und morgen Samstag nehme ich die nächste Etappe meiner Reise um die Welt in Angriff. Mit Montreal wartet ein pulsierender Ort auf mich. Samstagabend bedeutet in der Stadt am Sankt Lorenz Strom Grosskampftag.
Gerne pilgern die südlichen Nachbarn aus Amerika in die lebensfrohe Metropole im francophonen Teil Kanadas. Hier, wo sich die Gesetze und moralischen Grundwerte noch am gesunden Menschenverstand orientieren, geniesst die Jugend Amerikas die lauen Sommerabende und sündigt so, wie Jugendliche halt sündigen. Daneben toben sich einheimische Studenten in den vielen Musikkneipen aus oder hängen ganz einfach am Ufer des Flusses herum.

Für mich steht aber ein ganz anderes Ereignis im Mittelpunkt. Am Eröffnungswochenende der Olympiade fliege ich in die Olympiastadt! Ganz ohne Internetzensur, ohne Visumsbeschränkungen, ohne Smogangst, ohne Panik vor diplomatischen Fettnäpfchen aber leider auch ohne Athleten. So kann ich ungestört durch die Pärke wandern, die Sportstadien bewundern und durch das olympische Dorf schlendern.
Vor genau 32 Jahren begrüsste Montreal die Botschafter der olympischen Idee und sicherte sich so den Eintrag auf der Weltkarte des Sports. Natürlich wollte sich auch Montreal den Zuschauern im besten Licht präsentieren und natürlich wurde auch in der Gastgeberstadt von 1976 kräftig investiert. So kombinierten die Stadtväter richtigerweise, dass während solchen Spielen allerlei buntes Federvieh einfliegen wird. Nichts lag näher, als dass man den grossen Vögeln ein grosses Nest baute. «Mirabel» nannten die Planer das Ungetüm und per Dekret mussten die Adler aus aller Welt nach dessen Fertigstellung auf dem flächenmässig fast grössten Flugplatz der Welt landen (Wikipedia behauptet das). Nur hat niemand die Vögel gefragt. Die Viecher mochten den neuen Landeplatz nicht und legten ihre Passagiere weiterhin ins nachbarschaftliche Nest «Dorval».

Ärgerlich für die Stadtplaner, aber gut für die Passagiere. So langsam verwaiste der neue Flughafen und die beiden langen Betonpisten kämpften gegen das Unkraut, das von unten Druck machte. Heute, 33 Jahre nach der Eröffnung des einst stolzen Wahrzeichens, dürfen wir dieses nicht mal als Ausweichflughafen benutzen. Unser Informationssystem warnt uns davor, dass es dort keinen Treibstoff mehr gibt.

Drei Jahrzehnte später baute eine andere olympische Gastgeberstadt ein weiteres grosses Vogelnest für grosse Vögel. Da macht sich der Laie auf den ersten Blick selbstverständlich Sorgen, dass dem neuen Bauwerk ähnliches Schicksal droht. Nach genauem Hinschauen kann aber Entwarnung gegeben werden. Der Zweck als auch die Dimensionen der beiden Denkmäler sind grundverschieden.
So brauchen die Vögel in Montreal Tonnen von Treibstoff um in die Luft zu kommen, bei den Benutzern des chinesischen Bauwerkes genügen kleine Injektionen um Höhenflüge zu ermöglichen. Mirabel braucht zwei Mal 3658 Meter Piste um Start und Landungen zu garantieren, das chinesische Vogelnest nur 8 x 400 Meter. Die Kanadier beleuchteten das ganze Pistensystem, die Chinesen nur die Aussenhülle. Die Asiaten haben das einfach irgendwie schlauer hingekriegt.

Sportlich gesehen dominierte 1976 eine mit leichtem Bartwuchs ausgestattete Immigrantin die Stadien. Sie nannte sich Anna Bolika und war in allen Sportarten auf dem Podest präsent. China will das Zepter nicht fremde Hände legen und schickt darum Do Ping in den olympischen Kampf. Sport verbindet!

Kommentare:

  1. Danke für den wieder einmal sehr interessanten Bericht!
    Hatte gar nicht gewusst, dass es in Montreal einen verwaisten, dabei fast neuen Großflughafen gibt.

    Lt. der deutschen Wikipedia-Ausgabe wurden 2007 noch 25.403 Flugbewegungen (v.a. DHL, UPS, FedEx) in Mirabel registriert. Wurde 2008 dann schlagartig stillgelegt, da es jetzt lt. eurem Infosystem keinen Treibstoff mehr dort gibt?


    Viele Grüße und eine gute Zeit in Kanada
    Stefan

    AntwortenLöschen
  2. Ein interessanter und humorvoller Beitrag, wenn auch mit ernstem Hintergrund.
    Hans-Georg

    AntwortenLöschen
  3. Schon einmal auf einem dieser Pistem gelandet?
    http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,566396,00.html

    AntwortenLöschen
  4. sorry. link klappt nicht:
    http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,566396,00.html
    so.

    AntwortenLöschen
  5. achso, linkbeschneidung... eifach html hinten anhängen oder auf den Namen klicken

    AntwortenLöschen
  6. Danke für den link. Nein, auf diesen Pisten habe ich meine Gummispuren noch nicht hinterlassen :-)

    AntwortenLöschen
  7. Sali nff

    Hoff bisch zwäg. Hüt morgä het oisi Tüüfgarage de gliich "noi" Astrich übercho wie Dini vor paar Täg.
    Family aber wohluf...Bis glii

    AntwortenLöschen
  8. ...die Geschichte wiederholt sich, die Faszination bleibt...

    AntwortenLöschen
  9. @Wisi:
    Wenn Du den schwarzen Anstrich meinst, den meine Garage E. Februar bekommen hat, dann bin ich froh zu hören, dass es Deiner Familie gut geht. Wir renovieren übrigens gerade.

    @G!:
    ... hast recht, die Faszination bleibt. Nach der fast erschreckenden Erfolgen der grossen Pharmaunternehmen bin ich erleichtert, dass der erste Sportler in Peking mit Hilfe von SIMILISAN Edelmetall gewonnen hat.

    AntwortenLöschen
  10. .... und wie ich Lust hätte! Bin aber leider nur für knapp 90 Minuten in Santiago.

    Gruss

    AntwortenLöschen