Sonntag, August 03, 2008

in 31 Tagen um die Welt - Teil 1: JAPAN



Man kann auf dem richtigen Weg sein, 
aber nicht der richtige Mensch für diesen Weg...
aus Japan


Die dicken Gardinen können die Tatsache nicht ganz verbergen, dass der neue Tag schon gestartet ist. Das Licht sucht sich einen Weg durch die kleinsten Ritzen zwischen dem braungrauen Teppich und dem dunkelgrünen Sichtschutz hindurch und trifft in kleinen Portionen auf meine Netzhaut auf. Die Zwirbeldrüse im Zwischenhirn realisiert das, stoppt die Melatoninproduktion und sorgt damit dafür, dass meine Schlaflust gedrosselt wird. Ein normaler biologischer Vorgang zu einer abnormalen biologischen Uhrzeit. Es ist 7 Uhr in der Früh und ich habe noch kein Auge zugetan.

Eigentlich nichts ungewöhnliches in Japan.

Darum bin ich auch auf solche Unzulänglichkeiten vorbereitet. Anders als meine Kollegen, die entweder auf Hormonpillen aus Amerika schwören oder mitten in der Nacht das Laufband traktieren, schwöre ich auf passive Müdigkeitsmacher. Gegen Pillen werde ich mich ewig wehren, denn ich glaube naiv wie ich bin noch immer an das saubere Fliegen. Sport - auch sauberer versteht sich, würde bei diesem nipponschem Schlafentzug vielleicht auch helfen.
Im Keller des Hotels gäbe es dafür ein Fitnesscenter mit speziellem Hintereingang für Einschlafgestörte. Hanteln stehen da herum, Laufbänder hat es auch und Fahrräder mit unbequemen Sitzen vervollständigen das Angebot.
Es hat zu so früher Stunde erstaunlich viele Leute in dieser modernen Folterkammer. Mit Turnschuhen, die schon unzählige Kilometer auf der Sohle haben und dabei noch nie einen feuchten Waldboden oder einen steinigen Bergweg spürten, spurten die Lifestylesportler auf den Gummibändern herum, hören Lärm aus weissen Kabeln kommend und blicken dabei schwitzend auf die immer gleichen Fliessen an der Wand.
Ich hasse es, wenn ich mich abrackern muss ohne von der Stelle zu kommen. Darum schwöre ich auf passive Müdigkeitsmacher wie Zeitung und Buch.

Es ist Zeit für die Zeit.

Seite um Seite lese ich mich durch die deutsche Wochenzeitung, die mich schon seit einigen Jahren auf meinen Reisen begleitet. Erstaunlich viele Artikel befassen sich mit einem ähnlichen Problem, das mich ganz aktuell beschäftigt. Journalisten, Professoren und Ethiker zerbrechen sich im Moment den Kopf darüber, mit welchen Mitteln der menschliche Organismus überlistet werden darf. Es ist bald Olympia und während Olympia hat die Welt kein Verständnis für das Mittelmass. Gerne wird bei diesem Sportanlass der olympische Geist zitiert der vorlügt, dass Mitmachen alles ist. Das gilt für das Bundeslager der Pfadfinder, aber sicherlich nicht für Olympia.
Mir reicht die Mittelmässigkeit und ich wäre mit einem mittelmässigen Schlaf zur Zeit ganz zufrieden.

Es folgen auf den grossen Seiten Berichte von Leuten mit einer grossen Klappe, mit grossem Vermögen, mit grossem Besitz, mit grossem Machthunger, mit grossen Flugzeugen, mit grossem Schreibtalent und grossem Wissen.
Dazwischen ein Artikel von einer Mutter die streikt. Es handelt sich nicht um eine Mutter im ursprünglichen Sinn, sondern um eine Konzernmutter - meine Konzernmutter. Streik vom Müttern kannte ich bis anhin nur vom Muttertag und der war zumindest ökonomisch gesehen gar nicht so übel. Mit einem kleinen Investment (Blumenstrauss von der Wiese nebenan) kriegte man einen grossen Return (Mittagessen in gutem Restaurant aus Mangel an talentierten Alternativköchen in der Familie). Die Muttertage scheinen überall etwa gleich abzulaufen. Dass danach einer die Rechnung bezahlen muss, habe auch ich lange nicht begriffen.

Die Zeit ist zu Ende und meine Zeit ist abgelaufen. Gute Nacht.

Kommentare:

  1. Danke, ich habe es aufgegeben und fliege in ein paar Stunden nach Hause.

    AntwortenLöschen
  2. Schon wieder reine Leselust, dein Text. Nur deine Abneigung für das Strampeln an Ort kann ich nicht ganz nachvollziehen. Vermutlich aber kennst du das ergo-bike nicht (näheres findet sich hier http://www.ergo-bike.com/ ) oder hier (http://prechiblog.blogspot.com/2008/01/ergobike.html). Da kommst du zwar nicht vom Fleck aber dies, wenn du willst, zusammen mit ein paar anderen Wahnsinnigen.
    Nein, ich will keine Ratschläge erteilen, das sind ja auch Schläge. Aber Treten an Ort kann echt Spass machen.
    Gruss und happy landings
    Peter

    AntwortenLöschen
  3. "Ratschläge sind auch Schläge" - Habe ich noch nie gehört in dieser Form. Simpel und verblüffend logisch. Den Satz muss ich mir hinter die Ohren schreiben...

    Im Übrigen teile ich "Prechiblogs" Meinung vollumfänglich: Lesevergnügen pur, wäre mein Squash-Spiel so variantenreich wie NFF's Bloggerinhalt, ich wäre kaum zu schlagen...

    AntwortenLöschen
  4. @ eppler family
    Ich lese im Fall die Wüstenspuren ebenfalls immer mit grossem Genuss!

    @nff
    Sorry, dass ich dein Blog als Briefkasten verwende.

    @alle beide
    Die Fliegerei muss doch ein Traumjob sein, wenn man dabei Zeit und Musse findet so viel gelungene Phantasie zu entwickeln.
    Oder macht ihr das etwa während der Autopilot steuert?? Hilfeee!
    ;-) :-)

    AntwortenLöschen
  5. Prechi, kein Problem. Ich freue mich immer über Post :-)
    Die Ideen für die Texte liefert uns das Leben. Augen offen halten ist das Wichtigste, obwohl uns Langstreckenpiloten gerade dies nicht immer leicht fällt.

    AntwortenLöschen
  6. Gut, dass du nicht noch Gewichte stemmst (und erst recht nicht noch mit Nachhilfe in Pillenform), sonst hättest du deine Chance auf eine Rückkehr ins 320er Cockpit endgültig aus Masse- und Umfanggründen abschreiben müssen :-)

    AntwortenLöschen
  7. Die 330er, 340er und 320er Cockpits sind leider alle gleich gross ;-(

    Es gibt allerdings einen Unterschied: NESPRESSO - WHAT ELSE!

    AntwortenLöschen
  8. sehr schöner text. sehr schöne serie. werde gespannt mitlesen. der wahnsinn, so viele destinationen. weiss man da jeden tag, wo man gerade aufwacht?

    schöne reise, geniess dich.

    AntwortenLöschen
  9. ... es kommen diesen Monat noch einige dazu....

    AntwortenLöschen
  10. ...es herrscht ja wieder mal ein Betrieb beim NFF - kein Wunder, muss der arme Mann zur Erholung in die Berge!

    AntwortenLöschen