Freitag, August 29, 2008

In 31 Tagen um die Welt - Teil 7: NEW YORK




Die Meisten verwechseln Dabeisein mit Erleben.
Max Frisch


Der Crewbus rattert über die unebene Strasse vom Flughafen Richtung Manhattan. Vorbei am Tennisstadium und unendlich grossen Friedhöfen steuert der Busfahrer sein Gefährt durch den Stadtteil Queens. Draussen ist es 30 Grad, im Businnern etwas über 40. New York und die Airconditioning des Gefährts machen eine Pause, am Montag ist schliesslich «Labour Day».
Die Amerikaner gönnen sich ein langes Wochenende, was die leeren Strassen und die flüssige Fahrt bis zu unserem Hotel im Stadtteil «Turtle Bay» erklärt. «Turtle Bay» liegt zwischen «Murray Hill» und «Lenox Hill». Es gibt um unser Hotel genauso wenig Schildkröten, wie es von Hügeln auf Manhattan wimmelt, aber das kümmert hier genau niemanden.

Kurz bevor der Bus in die Tiefen des «Midtown Tunnels» abtaucht, bereitet uns ein Wald voller Reklametafeln auf die Welt nach dem schwarzen Loch vor. Aufsehen erregt bei meinen Kolleginnen und Kollegen ein übergrosses Poster, das für eine Unterwäschemarke mit dem Namen Calvin Dingsbums Werbung macht. Auf dem Plakat lehnt sich ein Jüngling mit wenig Textil bekleidet an eine Hausmauer und scheint genauso zu schwitzen wie wir im Bus mit dem defekten Klimagerät. Irgend ein Spassvogel hat dem transpirierenden Kerl mit der Photoshop-Software eine Hügellandschaft auf den Bauch gezaubert und genau diese erregt im wahrsten Sinne des Wortes die Aufmerksamkeit der Businsassen.
Dem jüngsten Steward fällt beim Anblick des weissen Textilteils fast der iPod Stöpsel aus dem Ohr und er ringt nach Atem. Bis zur kalten Dusche im Hotelzimmer wird unser Jüngster wie der griechische Gott Priapos durch die Gänge wandern.

Der weibliche Teil der Besatzung kommt nicht weniger ins Schwärmen und kommentiert die Bauchpartie des Herrn auf der Unterhosenwerbung eingehend. Von Wäsche und Waschbrett ist die Rede und dabei steigt die Temperatur im Bus stetig weiter. Und einmal mehr verstehe ich die Damenwelt nicht. Ein Waschbrett mag ja seinen Reiz haben, aber wenn es so richtig an die Wäsche geht, dann geht nichts über eine grosse Waschtrommel.

Der «Midtown Tunnel» spuckt uns aus und wenige Minuten später stehen wir schweissgebadet vor dem Eingang des schmucken Hotels im Quartier der Schildkrötenbucht. Schlüssel fassen, Fahrstuhl besteigen, Zimmer beziehen und so schnell wie möglich unter die Dusche. Das Wasser kommt ungewöhnlich effizient aus der amerikanischen Duschbrause und ich streichle mir zufrieden mit dem Waschlappen über meine Waschtrommel. Das schlaflose New York lasse ich heute aus. Dieser Monat hat mich geschafft und ich brauche nichts dringender als Schlaf. Gute Nacht!

***

Danke für das Mitreisen in den letzten 31 Tagen. Über 94 Flugstunden habe ich abgesessen, 6 Nachflüge verdaut, unzählige Nespresso getrunken, einmal Durchfall gekriegt, 534 Mikrosievert Strahlung abbekommen (was 6 Thoraxröntgen oder einer Mamografie entspricht), einen grossen Berg Zeitungen gelesen, theoretisch tausende von Franken und eine Kaffeemaschine im Kreuzworträtsel gewonnen, viel gelacht, noch mehr gegähnt, einen Zusammenschiss von einem Fluglotsen gekriegt und selber niemanden zusammengestaucht - ein ganz normaler Monat eben.

Montag, August 25, 2008

In 31 Tagen um die Welt - Teil 6: YAOUNDE



Als die ersten Missionare nach Afrika kamen, besassen sie die Bibel 
und wir das Land. Sie forderten uns auf zu beten. Und wir schlossen die Augen. 
Als wir sie wieder öffneten, war die Lage genau umgekehrt: 
Wir hatten die Bibel und sie das Land.
Desmond Mpilo Tutu


Die rote Erde ist überall. Sie klebt an den Autos, an den Schuhen und vermutlich auch am Flugzeug. Das ganze Land Kamerun sieht aus wie ein verwahrloster Tennisplatz. Uneben, überall spriesst Grünzeug aus dem Boden und dazwischen eben diese rote Erde. Die Metapher vom Tennisplatz passt überhaupt zu diesem Land. Umgeben von unendlich vielen Balljungen wohnen die Spieler im Hotelpalast indem ich gerade diese Zeilen verfasse und holen mit Hilfe ihrer Bediensteten das Letzte aus dem Boden heraus.

Dass die Länder im afrikanischen Äquatorgürtel eigentlich die reichsten der Welt sein sollten, sieht man auf den ersten Blick, wenn man die Tabelle der Rohstoffvorkommen betrachtet. Auf die Frage, warum Kamerun in der Rangliste der «pro Kopf Einkommen» am hinteren Ende anzutreffen ist, findet man die Antwort beim Studium der Herkunftsländer der Industriebetriebe.

Die Folgen davon sind offensichtlich. Sowohl das Geld, als auch die Rohstoffe und die Regierungsfamilie zieht es nach Europa. So sehr wir diese Willkommen heissen, umso abweisender reagieren wir auf die Einwohner, die im Sog ihrer Rohstoffe den Weg nach Europa suchen. Wir laufen gerne barfuss über unser Parkett aus Tropenholz, bieten dem Geldfluss unkompliziert Asyl, sparen aber nicht mit harschen Worten und Taten, wenn sich ein Einwohner Kameruns innerhalb unserer Grenzen verirrt, weil er vielleicht einmal seinen Präsidenten aus nächster Nähe betrachten möchte.

Jetzt bin ich also zwei Tage Gast in diesem herrlichen Land, das ich leider aus Sicherheitsgründen nicht bereisen darf. Verständlicherweise hat mein Arbeitgeber Interesse daran, dass ich Morgen wieder frisch rasiert und einsatzbereit das Flugzeug besteige. So beschränke ich meinen Rayon auf das Hotelgelände und lasse mich vom afrikanischen Schwermut anstecken, der wie eine schwere Bettdecke über dem Land liegt. Mein Körper wird mir den ruhigen Tagesablauf danken, denn dieser ist vom Mammutprogramm, das ich diesen Monat abfliegen muss, langsam aber sicher ziemlich müde. Trotzdem werde ich heute Abend die Festung Hotel verlassen um in einem afrikanischen Restaurant mein Nachtessen zu geniessen. Natürlich laufe ich dabei Gefahr, dass ich überfallen und bedroht werde. Vielleicht will mein Gegenüber dann meine Brieftasche, vielleicht will er auch nur die nackte Angst in meinen Augen sehen. Die gleiche Angst, die ich in seinem Gesicht sah, als er von zwei Polizisten begleitet das Flugzeug in Zürich betrat um ausgeschafft zu werden.
Dennoch lohnt sich das Risiko. Denn ich will dieses Land wenigstens ein bisschen spüren, an den Gerüchen teilhaben und etwas von der roten Erde an den Schuhsohlen mit Hause bringen. Dieser roten Erde, die hier in Afrika zugleich Fluch als auch Segen ist.



Küssnacht a. Rigi & Luzern

DIE Rigi

.... wer findet das Matterhorn?

Anflug Douala FKKD

Runway & Mt. Cameroon in Sicht

Sonntag, August 17, 2008

in 31 Tagen um die Welt - Teil 5: SANTIAGO DE CHILE



Mensch: das einzige Wesen, das im Fliegen eine 
warme Mahlzeit zu sich nehmen kann.

Loriot


Meine Balkontüre ist offen. Ich muss sie offen halten, denn die Dämpfe der Lösungsmittel drücken durch den neuverlegten Spannteppich - wenn schon einen Kater auflesen, dann bitte nicht vom aggressiven Teppichleim. Von draussen dringt der Strassenlärm in das grosse Zimmer. Es wird viel gehupt, gelacht, geflucht und wenn ich mich nicht verhört habe, fiel in der Nacht in der Nähe auch ein Schuss.
Um 03:55 Uhr springt der Hörer des Telefons fast aus der Gabel. Der Anruf gilt mir, ich muss aus den Federn für den Frühflug nach Santiago de Chile. Diese sehr frühen Morgenstunden eignen sich für das Aufstehen definitiv nicht. Der Kopf will das Kissen nicht verlassen und so macht halt das linke Bein den Anfang. Langsam nähert sich der Fuss der Bettkante und knallt Sekundenbruchteile später auf Grund mangelnder Kraft im Quadrizeps hart auf dem neuen Bodenbelag auf. Wenn ich jetzt nicht aufstehe, dann falle ich augenblicklich wieder in den Tiefschlaf.

Duschen, die am Vorabend zurechtgelegte Uniform besteigen und dann die Zimmertüre sanft ins Schloss führen - schliesslich schlafen die meisten Bewohner dieser Millionenstadt zu so früher Stunde noch.
Wie ferngesteuert werden die Kollegen begrüsst, die wiederum ferngesteuert den Gruss erwidern. Irgend eine arme Seele musste das Nachtlager noch früher als wir verlassen und braute eine Kanne kaffeeähnliches Gebräu, das uns in der Hotellobby serviert wird. Ich danke es ihm mit einem Trinkgeld.

Ein von der Firma «Caprioli» gestellter Busfahrer bringt uns ohne Kapriolen an den Flugplatz, wo unsere Kollegen auf uns warten, die das Flugzeug aus der Schweiz nach Sao Paulo brachten. Schnell durchmischen sich die Crew und auf den ersten Blick kann man nicht sagen, wer müder aussieht. Aussenstehende könnten Mitleid bekommen.

Langsam wird mein Motörchen warm und der Schluck Nespresso zwischen den einzelnen Checklistenpunkten hilft dabei nicht unwesentlich mit. Die Sonne geht auf und nicht ein einziges Wölklein ist am brasilianischen Himmel zu sehen. Motoren starten, Gas geben, leicht den Sidestick bewegen und die Flugzeugnase 12° nach oben ziehen. Mit jedem Meter mehr unter dem Flugzeugbauch überblickt man die unglaubliche Grösse dieser Stadt besser. Häuser soweit das Auge reicht und dazwischen eine Seenlandschaft, die stark an Schweden erinnert.

Die Häuser werden kleiner und der Hunger grösser. Als ob ich sie gerufen hätte, bringt die Kollegin aus der ersten Klasse ein Müsli, ein paar Brötchen und einen «Latte Macciato», der keinen Vergleich scheuen muss. Ein Biss in das noch warme Brot, einen Blick zum Fenster hinaus und hin und wieder ein paar Worte mit meinem Chef. Eine fast endlose argentinische Steppenlandschaft breitet sich unter uns auf und noch bevor sich die ersten weissen Gipfel der Anden im Morgenlicht präsentieren, werfe ich einen kurzen Blick in die heimische Zeitung von gestern. Um das zu beschreiben, was danach noch folgte, reichen Worte nicht aus - lassen wir die Bilder sprechen. Manchmal mag ich meinen Job echt gern!












Freitag, August 15, 2008

In 31 Tagen um die Welt - Teil 4: SAO PAULO



Wenn man auf ein Ziel zugeht, ist es äußerst wichtig, auf den Weg zu achten. Denn der Weg lehrt uns am besten, ans Ziel zu gelangen, und er bereichert uns, während wir ihn zurücklegen. 
Paulo Coelho, Auf dem Jakobsweg


Ein Passagierflugzeug ist wie eine grosse Bühne, eine Bühne der zwar Weltniveau abgeht, aber trotzdem unglaublich weltlich ist. Während jedem Flug wird ein anderes Stück aufgeführt. Es wird improvisiert, gejammert, übertrieben, gelogen, gelitten, gestritten - selten gestorben und noch seltener geliebt. Alle Ingredienzen eines erfolgreichen Theaterstückes sind vorhanden und Dramen in der Businessklasse folgen schlagartig auf Komödien in der Economy. Es ist ein wenig wie am Theaterspektakel an den Ufern des Zürichsees. Verliert man den Überblick im kreativen Chaos, kann ein Gang zur Kaffeemaschine Wunder wirken.
Etwas macht das Bordtheater aber absolut einmalig und unvergleichbar. Nirgends auf der Welt gibt es ähnlich grosse Bühnen, wo weder Statisten noch Hilfspersonal auftritt. Im Flugzeug spielt jeder die Hauptrolle und dies mit grossem Herzblut. Es liegt in der Natur der Sache, dass dies zuweilen zu recht amüsanten Szenen führen kann.

Die Hauptdarsteller der Economybühne sind in der Regel professionelle Mimiker. Ihr Gesichtsausdruck verrät schon beim Einsteigen, dass sie eigentlich irrtümlicherweise in der falschen Klasse gebucht wurden, dies aber nicht so schlimm sei, falls ihnen während den nächsten 11 Stunden ein ausserordentlich zuvorkommender Service geboten werde.

In der Businessclassbühne sind die Hauptdarsteller allesamt eintrainierte Performancekünstler. Eindrücklich, wie sie noch zu später Stunde die Fahrgasttreppe hinunterstürzen und in der linken Hand ihren Blackberry betasten, während am rechten Arm die Laptoptasche hängt. Sie lassen sich vom Dienstpersonal während der Einsteigezeremonie nur ungern helfen, da sonst ihre eingespielten Rituale durcheinander kommen könnten. Im Sitz hält sie in der Regel nur wenig. Nervös schiessen sie alle paar Sekunden auf und suchen in der Gepäckablage irgend einen wichtigen Gegenstand, der in der schon jetzt sehr imposanten Auslegeordnung scheinbar noch fehlt.

Als letzte betreten die Pantomimenkünstler das Flugzeug. Wortlos und jede Bewegung einstudiert, wandern sie fast schon ein bisschen lethargisch den Blick nach vorne gerichtet an den Businessleuten vorbei und setzen sich elegant und weltmännisch auf ihren Thron. Sie sitzen in der Loge und geniessen den besten Blick auf die Cockpittüre.

Alle eingestiegen - Vorhang auf, es kann losgehen. Jetzt kommen die Hauptdarsteller der Besatzung zum Zug. Es werden Lämpchen erleuchtet, diese wieder ausgeschaltet, Klingeltöne aktiviert und sonst sehr viel Lärm gemacht. Ansagen erklingen auf drei Sprachen durch die Lautsprecher und interessanterweise hört keine der Bühnen dabei zu. Auf das Aufheulen der Motoren folgt ein Rumpeln beim Einfahren der vielen Räder. Es schüttelt und rüttelt, es wird gekotzt und gemotzt, geschlafen und geschnarcht, gemeckert und gestenkert, gelobt und gelacht, gelesen und gespielt. Nach elf Stunden und ein paar Minuten ist das Theater mit einem grossen Knall vorbei. Draussen liegt der Nebel und die offene Tür entlässt die vielen Hauptdarsteller wieder in ihre normale Welt. Jeder hat jetzt etwas zu erzählen und lobt oder tadelt die nächtliche Vorführung so laut er nur kann.

Ich laufe langsam durch die Menschenmenge und ziehe meinen quietschenden Koffer hinter mit her. Dank meiner Grösse schaue ich auf die vielen Menschen hinab und stelle zufrieden fest, dass ohne mich wohl heute nichts funktioniert hätte. Ich lasse mich langsam in den Sitz des Busses fallen und die Augen fallen dabei zu. Grosses Theater macht müde, vor allem wenn man wie ich die Hauptrolle spielt.

Freitag, August 08, 2008

In 31 Tagen um die Welt - Teil 3: MONTREAL


Ein Denkmal ist ein Bauwerk, das die Erinnerung an etwas
stützen soll, das entweder dieser Stütze nicht bedarf
oder an das man sich nicht erinnern kann.
Ambrose Bierce


Die Koffer sind gepackt und morgen Samstag nehme ich die nächste Etappe meiner Reise um die Welt in Angriff. Mit Montreal wartet ein pulsierender Ort auf mich. Samstagabend bedeutet in der Stadt am Sankt Lorenz Strom Grosskampftag.
Gerne pilgern die südlichen Nachbarn aus Amerika in die lebensfrohe Metropole im francophonen Teil Kanadas. Hier, wo sich die Gesetze und moralischen Grundwerte noch am gesunden Menschenverstand orientieren, geniesst die Jugend Amerikas die lauen Sommerabende und sündigt so, wie Jugendliche halt sündigen. Daneben toben sich einheimische Studenten in den vielen Musikkneipen aus oder hängen ganz einfach am Ufer des Flusses herum.

Für mich steht aber ein ganz anderes Ereignis im Mittelpunkt. Am Eröffnungswochenende der Olympiade fliege ich in die Olympiastadt! Ganz ohne Internetzensur, ohne Visumsbeschränkungen, ohne Smogangst, ohne Panik vor diplomatischen Fettnäpfchen aber leider auch ohne Athleten. So kann ich ungestört durch die Pärke wandern, die Sportstadien bewundern und durch das olympische Dorf schlendern.
Vor genau 32 Jahren begrüsste Montreal die Botschafter der olympischen Idee und sicherte sich so den Eintrag auf der Weltkarte des Sports. Natürlich wollte sich auch Montreal den Zuschauern im besten Licht präsentieren und natürlich wurde auch in der Gastgeberstadt von 1976 kräftig investiert. So kombinierten die Stadtväter richtigerweise, dass während solchen Spielen allerlei buntes Federvieh einfliegen wird. Nichts lag näher, als dass man den grossen Vögeln ein grosses Nest baute. «Mirabel» nannten die Planer das Ungetüm und per Dekret mussten die Adler aus aller Welt nach dessen Fertigstellung auf dem flächenmässig fast grössten Flugplatz der Welt landen (Wikipedia behauptet das). Nur hat niemand die Vögel gefragt. Die Viecher mochten den neuen Landeplatz nicht und legten ihre Passagiere weiterhin ins nachbarschaftliche Nest «Dorval».

Ärgerlich für die Stadtplaner, aber gut für die Passagiere. So langsam verwaiste der neue Flughafen und die beiden langen Betonpisten kämpften gegen das Unkraut, das von unten Druck machte. Heute, 33 Jahre nach der Eröffnung des einst stolzen Wahrzeichens, dürfen wir dieses nicht mal als Ausweichflughafen benutzen. Unser Informationssystem warnt uns davor, dass es dort keinen Treibstoff mehr gibt.

Drei Jahrzehnte später baute eine andere olympische Gastgeberstadt ein weiteres grosses Vogelnest für grosse Vögel. Da macht sich der Laie auf den ersten Blick selbstverständlich Sorgen, dass dem neuen Bauwerk ähnliches Schicksal droht. Nach genauem Hinschauen kann aber Entwarnung gegeben werden. Der Zweck als auch die Dimensionen der beiden Denkmäler sind grundverschieden.
So brauchen die Vögel in Montreal Tonnen von Treibstoff um in die Luft zu kommen, bei den Benutzern des chinesischen Bauwerkes genügen kleine Injektionen um Höhenflüge zu ermöglichen. Mirabel braucht zwei Mal 3658 Meter Piste um Start und Landungen zu garantieren, das chinesische Vogelnest nur 8 x 400 Meter. Die Kanadier beleuchteten das ganze Pistensystem, die Chinesen nur die Aussenhülle. Die Asiaten haben das einfach irgendwie schlauer hingekriegt.

Sportlich gesehen dominierte 1976 eine mit leichtem Bartwuchs ausgestattete Immigrantin die Stadien. Sie nannte sich Anna Bolika und war in allen Sportarten auf dem Podest präsent. China will das Zepter nicht fremde Hände legen und schickt darum Do Ping in den olympischen Kampf. Sport verbindet!

Mittwoch, August 06, 2008

In 31 Tagen um die Welt - Teil 2: ENGADIN


Ich kenne keinen Punkt der Erde, welcher schöner wäre als das Oberengadin vom
Malojapass hinunter nach Silvaplana... 
Es gibt viel Schönes auf der Welt und manches
Schönste. Doch hier ist für mich das Schönste vom Schönen.
Hans Weigel


Von den Sushis zum Capuns, vom Regen in die Sonne, von der Schwüle in die kühle Bergluft. Ich bin angekommen auf meiner nächsten Station meiner Weltreise und aktive Erholung ist angesagt. Wo könnte man das besser als im Engadin? Hier, wo der Himmel am Morgen blau leuchtet und die Sicht weder durch trübe Abgaswolken noch durch feuchte Ablagerungen in der Luft getrübt wird, kann der Körper die notwendigen Kräfte tanken, die er für den nächsten Flug nach Montreal braucht.

Auch die literarische Ader will sich erholen, darum lassen wir für einmal die Bilder sprechen.








Sonntag, August 03, 2008

in 31 Tagen um die Welt - Teil 1: JAPAN



Man kann auf dem richtigen Weg sein, 
aber nicht der richtige Mensch für diesen Weg...
aus Japan


Die dicken Gardinen können die Tatsache nicht ganz verbergen, dass der neue Tag schon gestartet ist. Das Licht sucht sich einen Weg durch die kleinsten Ritzen zwischen dem braungrauen Teppich und dem dunkelgrünen Sichtschutz hindurch und trifft in kleinen Portionen auf meine Netzhaut auf. Die Zwirbeldrüse im Zwischenhirn realisiert das, stoppt die Melatoninproduktion und sorgt damit dafür, dass meine Schlaflust gedrosselt wird. Ein normaler biologischer Vorgang zu einer abnormalen biologischen Uhrzeit. Es ist 7 Uhr in der Früh und ich habe noch kein Auge zugetan.

Eigentlich nichts ungewöhnliches in Japan.

Darum bin ich auch auf solche Unzulänglichkeiten vorbereitet. Anders als meine Kollegen, die entweder auf Hormonpillen aus Amerika schwören oder mitten in der Nacht das Laufband traktieren, schwöre ich auf passive Müdigkeitsmacher. Gegen Pillen werde ich mich ewig wehren, denn ich glaube naiv wie ich bin noch immer an das saubere Fliegen. Sport - auch sauberer versteht sich, würde bei diesem nipponschem Schlafentzug vielleicht auch helfen.
Im Keller des Hotels gäbe es dafür ein Fitnesscenter mit speziellem Hintereingang für Einschlafgestörte. Hanteln stehen da herum, Laufbänder hat es auch und Fahrräder mit unbequemen Sitzen vervollständigen das Angebot.
Es hat zu so früher Stunde erstaunlich viele Leute in dieser modernen Folterkammer. Mit Turnschuhen, die schon unzählige Kilometer auf der Sohle haben und dabei noch nie einen feuchten Waldboden oder einen steinigen Bergweg spürten, spurten die Lifestylesportler auf den Gummibändern herum, hören Lärm aus weissen Kabeln kommend und blicken dabei schwitzend auf die immer gleichen Fliessen an der Wand.
Ich hasse es, wenn ich mich abrackern muss ohne von der Stelle zu kommen. Darum schwöre ich auf passive Müdigkeitsmacher wie Zeitung und Buch.

Es ist Zeit für die Zeit.

Seite um Seite lese ich mich durch die deutsche Wochenzeitung, die mich schon seit einigen Jahren auf meinen Reisen begleitet. Erstaunlich viele Artikel befassen sich mit einem ähnlichen Problem, das mich ganz aktuell beschäftigt. Journalisten, Professoren und Ethiker zerbrechen sich im Moment den Kopf darüber, mit welchen Mitteln der menschliche Organismus überlistet werden darf. Es ist bald Olympia und während Olympia hat die Welt kein Verständnis für das Mittelmass. Gerne wird bei diesem Sportanlass der olympische Geist zitiert der vorlügt, dass Mitmachen alles ist. Das gilt für das Bundeslager der Pfadfinder, aber sicherlich nicht für Olympia.
Mir reicht die Mittelmässigkeit und ich wäre mit einem mittelmässigen Schlaf zur Zeit ganz zufrieden.

Es folgen auf den grossen Seiten Berichte von Leuten mit einer grossen Klappe, mit grossem Vermögen, mit grossem Besitz, mit grossem Machthunger, mit grossen Flugzeugen, mit grossem Schreibtalent und grossem Wissen.
Dazwischen ein Artikel von einer Mutter die streikt. Es handelt sich nicht um eine Mutter im ursprünglichen Sinn, sondern um eine Konzernmutter - meine Konzernmutter. Streik vom Müttern kannte ich bis anhin nur vom Muttertag und der war zumindest ökonomisch gesehen gar nicht so übel. Mit einem kleinen Investment (Blumenstrauss von der Wiese nebenan) kriegte man einen grossen Return (Mittagessen in gutem Restaurant aus Mangel an talentierten Alternativköchen in der Familie). Die Muttertage scheinen überall etwa gleich abzulaufen. Dass danach einer die Rechnung bezahlen muss, habe auch ich lange nicht begriffen.

Die Zeit ist zu Ende und meine Zeit ist abgelaufen. Gute Nacht.