Samstag, Juli 26, 2008

Rush Hour

Es ist drückend heiss hier in Bangkok und einmal mehr realisiere ich, dass die erfrischende Dusche vor wenigen Minuten für die Katz war. Das noch gut riechende T-Shirt klebt am Körper und wird bald den Duft der Weltstadt in seinen Poren gespeichert haben.
Sekunden werden zu Minuten und die Erleichterung ist gross, als endlich ein freier Taxi um die Ecke biegt. Die Türen öffnen sich und die Kälte der fahrzeugeigenen Klimaanlage verflüchtigt sich blitzartig. Zu unserer Erleichterung spricht der Fahrer wesentlich besser Englisch als wir Thai und so ist schnell kommuniziert, wo wir hingebracht werden möchten. Am Freitagabend stauen sich die Fahrzeuge mehrspurig und doppelstöckig. Es ist Rush Hour wie in jeder anderen Grossstadt auf diesem Planeten auch. Meine Kollegen nutzen die unfreiwillige Pause um ein Nickerchen zu machen und ich unterhalte mich mit dem Taxifahrer über Gott und die Welt. Er erzählt mir freimütig von seiner Familie, jammert über die Benzinpreise und ärgert sich über die immer schlimmer werdenden Verkehrsstaus. Auch sein Arbeitgeber kriegt seinen Teil ab und wird vom sympathischen Chauffeur heftig kritisiert. Ich erfahre viel über die Arbeitsbedingungen und realisiere, dass die eben abgehobenen 5000 lokalen Geldeinheiten ungefähr seinem Monatslohn entsprechen.
Endlich am Ziel angekommen, revanchiere ich mich für die angenehme Fahrt und die angeregte Diskussion mit einem fürstlichen Trinkgeld.

Wir stehen an einem Bootssteg am grossen Fluss und warten auf das Schnellboot, das uns zum Königspalast bringen soll. Schon wieder Rush Hour, aber diesmal auf dem Wasser. Mit angsteinflössender Geschwindigkeit jagen die schwimmenden Busse über das bewegte Wasser und steuern halsbrecherisch die Haltestellen an. Ein Helfer des Kapitäns gibt mit einer Pfeife Anweisungen, damit der Chef den Anlegesteg auch genau trifft. Kaum angekommen, heult der stinkende Motor wieder auf und die ersten Wellen spritzen am Bug hoch. Die Frage, wie die unzähligen Boote aneinander vorbeikommen und warum es nicht alle paar Meter ein Unglück gibt, muss ich unbeantwortet lassen.

Irgendwann spuckt das Boot auch uns aus und es braucht ein paar Minuten, bis der eigene Gang wieder wellenfrei funktioniert. Viel Zeit bleibt einem nicht sich wieder an das Gehen auf dem Asphalt zu gewöhnen. Denn auch hier herrscht Rush Hour. Unzählige «Tuk Tuk» lassen ihre Zweitaktmotoren aufheulen, hupen dazu aufdringlich und hoffen darauf, damit viele Kunden zu gewinnen. Der Lärm- und der Rauchteppich sind unerträglich und es bleibt nur die Flucht zu Fuss.

Zehn Gehminuten und unzählige Flüche unseres Gruppenführers später, erreichen wir trotz Umwegen das Restaurant unserer Wünsche. Auch hier geht es zu und her wie im Ameisenhaufen. In violet gekleidete Angestellte, die mir etwa bis zum Bauchnabel reichen, sprinten durch den Speisesaal und sorgen dafür, dass auch hier getrost von Rush Hour gesprochen werden kann. Es folgen kalte Getränke, heisse Essen und Schweissattacken wegen den nicht zu knapp eingesetzten Gewürzen. Die Rechnung beträgt einen halben Taxifahrermonatslohn und hat gut, aber nicht besser geschmeckt, als in einer Garküche irgendwo in einem Hinterhof.

Wir teilen uns auf. Zwei geben an, dass sie sich im Hotel verkriechen möchten und wir Copiloten winken ein Taxi herbei, das uns in die «Khao San Road» bringen soll. In dieser Strasse, die billige Herbergen beheimatet und darum Rucksacktouristen aus aller Welt anzieht, hat es auch gute Kneipen mit ausgezeichneter Musik und schmackhaften Getränken. Schnell füllen sich die leeren Stühle an unserem Tisch mit vier Studenten aus Amerika und England. Stolz zeigen sie uns ihre Narben von Motorradstürzen und erzählen von Vollmondparties und Erlebnissen ihrer Reisen. Interessanterweise studieren alle vier Wirtschaft und Kommunikationswissenschaften. Ich versprechen ihnen eine rosige Zukunft und ermuntere die vier Nachwuchskräfte, sich nach ihren Reisen und Studien in der Schweiz zu bewerben. In unserem Land, wo jede öffentliche Toilette als Profitcenter geführt wird und einen eigenen Pressesprecher hat, haben Absolventen mit derartigen Fähigkeiten ausgezeichnete Berufsaussichten.
Ein Gewitter beendet den interessanten Abend und mit Glück findet sich ein Taxi, das uns Copiloten durch die mitternächtliche Rush Hour ins entfernte Hotel bringt.

Vierzehn durchgeschlafene Stunden später versuche ich im nahen Shopping Center einen freien Platz im Starbucks zu ergattern. Vergeblich, denn es ist Samstag und jeder will oder muss einkaufen. Schon wieder Rush Hour! Ich verziehe mich auf mein Zimmer, lasse mir einen «Latte Macciato» bringen und verfasse diese Zeilen. So rückblickend ist es schon erstaunlich, wie viel man in 28 Stunden Bangkok so erleben kann. Man braucht dazu nur etwas Nerven um das Chaos zu überstehen und ganz nebenbei einen Monatslohn eines Taxifahrers.

Kommentare:

  1. Sali nff

    Immer wieder schön auf Deine Reisen mitzukommen. Dachte gerade an Dich und prompt hast Du neue Zeilen verfasst.
    Selber sitze ich auf stby home und warte auf was da kommen könnte :-)
    Gruss nach Asien

    PS: Seit Ihr gestern oder vorgestern abgeflogen. Falls vorgestern, wie war Deine Regi?

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  2. Nun sitze ich hier im Nachtdienst, und uns wurde ein Swiss-Flieger aus Bangkok angekündigt; der Kapitän sei auf seinem letzten Flug, hiess es. Da fiel mir dieses Blog wieder ein, das ich am Nachmittag noch gelesen hatte...

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  3. @wisi: Abflug am Do mit der MJ. Wünsche Dir interessante Flüge in der Reserve!

    @Uli: Danke für die gewährte Freiheit während des Anfluges. Obwohl das Wetter über dem Engadin nicht mitmachte, war es ein besonderes Erlebnis für meinen "Chef"! Vor allem hat er auf dem letzten Flug den Waypoint PELAD kennengelernt..... :-)
    Noch einmal herzlichen Dank!

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  4. Keine Ursache, gut daß sowas noch geht heutzutage. Und den Waypoint kannten wir in München auch noch nicht, den haben sich die Züricher Kollegen ausgedacht :-)

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  5. Wunderschön geschrieben....
    Bangkokmuss man auch aushalten können, das haben Sie recht.
    Und es erinnert mich daran, endlich die übrigen Indochinafotos zu sichten.
    Grüße croco

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