Mittwoch, Juli 30, 2008

das Sozialleben der Piloten

Ich bin am Anlauf holen, Anlauf für einen Monat mit 94 Blockstunden und Übernachtungen in vier Kontinenten. Zuerst rohen Fisch in Japan, dann körperliche Ertüchtigung auf dem Mont Jolie in Montreal, später den frisch gestählten Body in Sao Paulo mit Caipirinha ruinieren und danach in Santiago de Chile die Lungen auslüften. Wer meint das genüge schon, hat sich getäuscht. Es folgen Flüge mit hohem Durchfallrisiko nach Douala bzw. Yaounde und als Abschluss des Monats ein Besuch in Manhattan.

Mein Arsch wird vom vielen Sitzen flach sein wie ein Brett und die innere Uhr tickt nach diesem Monat irgendwo zwischen Pazifik und Atlantik. Zum Glück gibt es zwischen den Flügen noch einige Freitage und zum Glück kann ich ab und zu auch einmal im eigenen Bett schlafen.
Diese arbeitsfreien Tage und damit mein Sozialleben zu managen, ist aber gar nicht so einfach. Ich möchte meine Freunde regelmässig sehen, das leckere Essen bei den Schwiegereltern geniessen, meine Patenkinder verwöhnen, endlich die Einladung bei den Nachbarn einlösen, unendlich viele Stockwerkseigentümerversammlungen einberufen, mit meiner Schwester Weisswein trinken, mehr mit dem Hauschor üben und ab und zu auch einmal einen ganz gewöhnlichen Abend vor dem Fernseher verbringen. Doch leider sind die Wochenenden so selten frei und langfristige Planung ist bei unserem System kaum möglich.

Arbeitnehmer mit Fünftagewoche haben es da einfacher. Bei rund einem Drittel aller Tage des Jahres ist schon im vornherein klar, dass sie arbeitsfrei sind. In den katholischen Gegenden sind es noch ein paar mehr. Dazu kommen die Ferien, die in der Regel weit voraus bestätigt sind. Es kann gebucht, geplant, verabredet und eingeschrieben werden.

Sozialleben nennt man das und ohne Sozialleben wird man asozial. Ich fühle mich noch nicht soweit, hadere aber ab und zu schon mit den Unzulänglichkeiten meines Planungssystems. Doch was klage ich da vor mich hin, ich jette ja nächsten Monat an die tollsten Orte der Welt und habe Mitte September Ferien eingegeben. Mal schnell schauen, ob die Ferien schon bestätigt sind - leider nein, es steht da immer noch «unconfirmed».
Nur nicht aufregen, es ist ja erst Ende Juli.

Samstag, Juli 26, 2008

Rush Hour

Es ist drückend heiss hier in Bangkok und einmal mehr realisiere ich, dass die erfrischende Dusche vor wenigen Minuten für die Katz war. Das noch gut riechende T-Shirt klebt am Körper und wird bald den Duft der Weltstadt in seinen Poren gespeichert haben.
Sekunden werden zu Minuten und die Erleichterung ist gross, als endlich ein freier Taxi um die Ecke biegt. Die Türen öffnen sich und die Kälte der fahrzeugeigenen Klimaanlage verflüchtigt sich blitzartig. Zu unserer Erleichterung spricht der Fahrer wesentlich besser Englisch als wir Thai und so ist schnell kommuniziert, wo wir hingebracht werden möchten. Am Freitagabend stauen sich die Fahrzeuge mehrspurig und doppelstöckig. Es ist Rush Hour wie in jeder anderen Grossstadt auf diesem Planeten auch. Meine Kollegen nutzen die unfreiwillige Pause um ein Nickerchen zu machen und ich unterhalte mich mit dem Taxifahrer über Gott und die Welt. Er erzählt mir freimütig von seiner Familie, jammert über die Benzinpreise und ärgert sich über die immer schlimmer werdenden Verkehrsstaus. Auch sein Arbeitgeber kriegt seinen Teil ab und wird vom sympathischen Chauffeur heftig kritisiert. Ich erfahre viel über die Arbeitsbedingungen und realisiere, dass die eben abgehobenen 5000 lokalen Geldeinheiten ungefähr seinem Monatslohn entsprechen.
Endlich am Ziel angekommen, revanchiere ich mich für die angenehme Fahrt und die angeregte Diskussion mit einem fürstlichen Trinkgeld.

Wir stehen an einem Bootssteg am grossen Fluss und warten auf das Schnellboot, das uns zum Königspalast bringen soll. Schon wieder Rush Hour, aber diesmal auf dem Wasser. Mit angsteinflössender Geschwindigkeit jagen die schwimmenden Busse über das bewegte Wasser und steuern halsbrecherisch die Haltestellen an. Ein Helfer des Kapitäns gibt mit einer Pfeife Anweisungen, damit der Chef den Anlegesteg auch genau trifft. Kaum angekommen, heult der stinkende Motor wieder auf und die ersten Wellen spritzen am Bug hoch. Die Frage, wie die unzähligen Boote aneinander vorbeikommen und warum es nicht alle paar Meter ein Unglück gibt, muss ich unbeantwortet lassen.

Irgendwann spuckt das Boot auch uns aus und es braucht ein paar Minuten, bis der eigene Gang wieder wellenfrei funktioniert. Viel Zeit bleibt einem nicht sich wieder an das Gehen auf dem Asphalt zu gewöhnen. Denn auch hier herrscht Rush Hour. Unzählige «Tuk Tuk» lassen ihre Zweitaktmotoren aufheulen, hupen dazu aufdringlich und hoffen darauf, damit viele Kunden zu gewinnen. Der Lärm- und der Rauchteppich sind unerträglich und es bleibt nur die Flucht zu Fuss.

Zehn Gehminuten und unzählige Flüche unseres Gruppenführers später, erreichen wir trotz Umwegen das Restaurant unserer Wünsche. Auch hier geht es zu und her wie im Ameisenhaufen. In violet gekleidete Angestellte, die mir etwa bis zum Bauchnabel reichen, sprinten durch den Speisesaal und sorgen dafür, dass auch hier getrost von Rush Hour gesprochen werden kann. Es folgen kalte Getränke, heisse Essen und Schweissattacken wegen den nicht zu knapp eingesetzten Gewürzen. Die Rechnung beträgt einen halben Taxifahrermonatslohn und hat gut, aber nicht besser geschmeckt, als in einer Garküche irgendwo in einem Hinterhof.

Wir teilen uns auf. Zwei geben an, dass sie sich im Hotel verkriechen möchten und wir Copiloten winken ein Taxi herbei, das uns in die «Khao San Road» bringen soll. In dieser Strasse, die billige Herbergen beheimatet und darum Rucksacktouristen aus aller Welt anzieht, hat es auch gute Kneipen mit ausgezeichneter Musik und schmackhaften Getränken. Schnell füllen sich die leeren Stühle an unserem Tisch mit vier Studenten aus Amerika und England. Stolz zeigen sie uns ihre Narben von Motorradstürzen und erzählen von Vollmondparties und Erlebnissen ihrer Reisen. Interessanterweise studieren alle vier Wirtschaft und Kommunikationswissenschaften. Ich versprechen ihnen eine rosige Zukunft und ermuntere die vier Nachwuchskräfte, sich nach ihren Reisen und Studien in der Schweiz zu bewerben. In unserem Land, wo jede öffentliche Toilette als Profitcenter geführt wird und einen eigenen Pressesprecher hat, haben Absolventen mit derartigen Fähigkeiten ausgezeichnete Berufsaussichten.
Ein Gewitter beendet den interessanten Abend und mit Glück findet sich ein Taxi, das uns Copiloten durch die mitternächtliche Rush Hour ins entfernte Hotel bringt.

Vierzehn durchgeschlafene Stunden später versuche ich im nahen Shopping Center einen freien Platz im Starbucks zu ergattern. Vergeblich, denn es ist Samstag und jeder will oder muss einkaufen. Schon wieder Rush Hour! Ich verziehe mich auf mein Zimmer, lasse mir einen «Latte Macciato» bringen und verfasse diese Zeilen. So rückblickend ist es schon erstaunlich, wie viel man in 28 Stunden Bangkok so erleben kann. Man braucht dazu nur etwas Nerven um das Chaos zu überstehen und ganz nebenbei einen Monatslohn eines Taxifahrers.

Montag, Juli 21, 2008

Selbstmotivation

... darum lese ich die langweiligen Bücher, darum bereite ich mich für den Check vor und darum kann ich mich motivieren.

ein schönes und ein hässliches Entlein


kein FIAT, aber auch rostig


wo ist das schöne Entlein hingekommen?

Stress vor dem Start

Sibirische Landschaften

Grönländische Landschaften oder Knuthausen, wie es Frau Klugscheisser treffend benannt hat



Samstag, Juli 19, 2008

der grosse Spagat

Wenn ein Teil des Körpers noch in Japan weilt während der andere den Los Angeles Flug verdaut, dann spricht man vom grossen Spagat. Läppische 16 oder 17 Zeitzonen liegen zwischen den beiden Zielen und so verwundert es kaum, dass der Körper leicht verwirrt sein Programm abspult.
Der Verdauungstrakt ist der erste, der den Dienst verweigert. Es staut in der Röhre, der Bauch schwillt an und Gase, die an Gerüche in amerikanischen Bussen erinnern, entweichen der kleinen Körperöffnung, die beim grossen Spagat so herrlich frei liegt. Die Augenmuskulatur weigert sich alles zu betrachten und die Gehörgänge sind zu wie bei der Bastelgruppe im nahen Altersheim. Auch die Blase rebelliert. Während des Tages erhöht sie die Tankkapazität weil sie denkt es sei Schlafenszeit und wenn dann die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, möchte sie gerne alle Stunden geleert werden. Klar kommt da der Schlaf zu kurz und die logische Folge davon sind Müdigkeit, Konzentrationsmangel und Gereiztheit.

Und genau in diesem Zustand muss ich mich auf den nächsten grossen Spagat vorbereiten. Diesmal geht es nicht von Los Angeles nach Tokio, sondern direkt in den Simulator. Umschulungen nicht eingerechnet, absolviere ich so einen Check zum 30. Mal. Dreissig Mal die Bücher aufschlagen und lesen, was schon mit vier Leuchtstiftfarben markiert ist und noch immer nicht den Weg ins Gedächtniszentrum gefunden hat. Auch dieses Mal wir es vermutlich nicht hängen bleiben.
Zum dreissigsten Mal werden ähnliche vom Bundesamt geforderte Anflüge absolviert und zum dreissigsten Mal werde ich vermutlich mit der gleichen Frage konfrontiert, bei der ich mir schon vor ein paar Jahren vorgenommen habe, dass ich sie aus Protest nicht mehr beantworten werde. Doch wie jedes halbe Jahr gebe ich die Antwort aber dem Frieden und meiner Qualifikation zuliebe trotzdem.

Jetzt brauche ich aber für einen guten Check einen guten Tag und das wäre heute im jetzigen Zeitpunkt nicht der Fall. Wie zum Henker soll man mit einer Verstopfung einen stabilisierten Anflug bewältigen? Kann mir jemand sagen, wie ich halb blind und taub vor Müdigkeit ein sauberes Wording von mir geben soll und weiss einer der Leser Rat, wie ich die drückende Blase beruhigen kann? Immerhin hilft mir das Schreiben dieser Zeilen den Frust etwas abzubauen und dank meiner Erfahrung weiss ich, dass am Tag der Bewährung ein motiviert wirkender Copilot erscheinen und eine tadellose Arbeit abliefern wird.
Natürlich wird es da und dort etwas zu bemängeln geben und ob ich die Meinung des Instruktors teile oder nicht, ich werde die Punkte sorgfältig notieren, mich bedanken und betonen, dass ich die guten Tipps sofort umsetzen werde.

Übrigens, die mittlere Pistenbeleuchtung wechseln 900 m vor der Gras auf rot-weiss, die äussere 600 m vor dem Ende auf gelb und wenn die Mittelbeleuchtung rot anzeigt, dann bleiben noch 300 Meter übrig. Ich weiss es - seit fünfzehn Jahren!

Dienstag, Juli 15, 2008

heute schon geröngt?

Downunder Security Check


Wenn ich arbeiten gehe, dann meinen es viele Leute richtig gut mit mir. Bei Arbeitsbeginn sorgen die sicherlich nach Feierabend netten Sicherheitsbeamtinnen dafür, dass ich wenigsten einmal am Tag die strengen Uniformvorschriften verletzen und mich in Socken, ohne Hosengurt und Namensschild in der Öffentlichkeit zeigen darf. Mein Koffer wird mit Röntgenstrahlen vom Schmutz vorangehender Reisen gereinigt und sogar das MacBook kommt in den Genuss einer Antivirenbehandlung durch Gammastrahlen.
Ist dann aber sichergestellt, dass ich weder Intimpiercing am Körper trage noch eine Kalaschnikow im Gepäck mitführe, werde ich wie ein Liebhaber eines ausserehelichen Seitensprunges vom Ort der Sünde verstossen. Auch bildlich ähnelt die Szene der einer Flucht aus einem fremden Schlafzimmer. Mit einer Hand halte ich die Hose, die wegen des fehlenden Gurtes unter eine peinliche Grenze rutschen will und der andere Arm droht unter der Last der restlichen Gegenstände zu kollabieren.
Wer jetzt meint, dass durch die für Aussenstehende sicherlich amüsante Kontrolle die Sicherheit erhöht wurde, sieht sich getäuscht. Da stehen in der Warteschlange nach dem Durchleuchtungsposten doch tatsächlich Besatzungen aus dem Schengenraum kommend neben Besatzungen, die zwar heute schon einmal im Schengenraum waren, aber wieder den Schengenraum verlassen. Der Laie mag sich fragen, wer da zum Kuckuck wieder versagt hat?

Schön artig aufgereiht warten die verschiedenen Besatzungen auf die Transporter, die sie mit Sack und Pack zum Flugzeug fahren. Vor uns eine Crew nach Rom, die mit leichtem Gepäck den längsten Bus der Flotte betritt und sportlich den von «non Schengen» Crews verseuchten Bereich verlässt. Unser Bus fährt vor. Auf der Seite prangert das Spruchband «dies ist ein grosser Bus», was sich aber schon nach dem fünften Besatzungsmitglied als Etikettenschwindel herausstellt.
Allen Verkehrsvorschriften widersprechend kauern wir zwischen Koffern und Taschen, versuchen die Balance zu halten und erfreuen uns an der Berieselung durch mazedonische Volksmusik. Wir stellen übereinstimmend fest, dass es trotz millionenfacher Nagelklipperkonfiszierung noch Potential für Verbesserungen der Sicherheit gibt, sei es nur beim Transport der Besatzungen.

Das Ziel ist fast erreicht. Zwischen mir und meinem Arbeitsplatz liegen nur noch dreissig Treppenstufen und zwei Sicherheitskontrollen. Ein freundlicher Herr grinst mich an und verlangt nach meinem Ausweis. Ich grinse zurück und stelle zufrieden fest, dass ich die schönere und grössere Zahnlücke habe als er. Kurz nach der Treppe die letzte Hürde. Zwei Frauen, beide ohne Zahnlücke und nicht grinsend, wollen meinen Ausweis neuerlich sehen. Realsatire? Weit gefehlt, es handelt sich um vorgelebte Sicherheit. Jawohl!

Ganze vier Mal wurde bisher meine Identität festgestellt, bis ich endlich meinen Arbeitsplatz betreten darf. Doch mit der Durchleuchtung ist es noch lange nicht zu Ende. Zum einen warten noch die Einreisebeamten in Los Angeles auf mich und zum anderen werde ich am heutigen Tag noch mit 95 Mikrosievert kosmischer Strahlung bombardiert, was etwa der Strahlenbelastung während eines Thoraxröntgen entspricht. Doch dies sei weit weniger gefährlich als eine Nagelschere im Handgepäck, betonen die Sicherheitsexperten immer wieder. Das beruhigt mich doch ungemein.

Mittwoch, Juli 09, 2008

alter Gockel

Am 4. Februar 1992 hatte ich meine erste Flugstunde im Rahmen der Swissair Pilotenausbildung in Sion. Mein erster "eigener"
Start mit einem Flugzeug ist heute genau 6000 Tage her.

Montag, Juli 07, 2008

guten Morgen Tokio

Oh Japan du störrisches Weib, hast mich wiedermal nicht schlafen lassen. Gelobt habe ich dich und verteidigt - verteidigt gegen alle Vorurteile denen du ausgesetzt bist. Viele meiner Kollegen hassen dich. Ich mag dich. Dennoch quälst du mich immer wieder, rüttelst mich aus dem Schlaf und lässt mich nicht träumen. Ich gebe dir ja recht. Zu kurz und zu selten bin ich Gast in deinem warmen Schoss, aber bitte gönne mir zwischendurch ein paar Stunden Ruhe. Wenn bei dir im Land der aufgehenden Sonne die Sonne aufgeht, werden bei mir in heimischen Landen erst die Lichter gelöscht. Wenn ich auch jetzt bei dir weile heisst das noch lange nicht, dass ich all meine eigenen Gewohnheiten über Bord werfe. Ich brauche Schlaf - wirklich!

Auch deine netten Versuche, mich mit so kleinen Lächerlichkeiten wie geheizten Klobrillen und sprechenden Fahrscheinautomaten aufzuheitern, können als gescheitert betrachtet werden. Diese ersetzen die fehlende Erholung keineswegs. Hab ruhig ein schlechtes Gewissen! Zu allem Elend bin ich auch noch hungrig. Hunger und Schlaflosigkeit sind schlechte Begleiter. Die Müdigkeit werde ich vermutlich bis zum Take-Off in fünf Stunden nicht mehr los, gegen den Hunger kann ich etwas machen. Noch eine halbe Stunde muss ich warten, bis die Pforten des Speisesaals geöffnet werden. Soweit zu der Gerechtigkeit. Von mir verlangst du alles ab, verweigerst mir den Schlaf und deine Untergebenen öffnen das Buffet erst, nachdem die Sonne schon hoch am Himmel steht. Unverständlich und unfair nenne ich das!

Ich gebe ja zu, Spass hat es gemacht in deinen Armen. Gern würde ich jetzt schreiben wie feucht und heiss du warst, aber tue ich das, hagelt es wieder böse Kommentare wegen der schlüpfrigen Wortwahl. Das einzig Kühle in unserer Beziehung war die Klimaanlage im Zimmer. Diese sorgte immerhin dafür, dass ich statt schweissgebadet nur leicht fröstelnd um Schlaf rang.

Japan du launische Seele, ich verlasse dich bald wieder. Von mir aus kannst du mit dem Heizen der Scheisshaussitze getrost aufhören und dass du zum Abschied weinst, ist auch nicht nötig. Im Gegenteil, das Nass vom Himmel verkompliziert nur meine Startgewichtsberechnung und für Kompliziertes bin ich schlichtwegs zu müde. Sayonara!

das Treffen der grossen Acht



Die Abfallbehälter sind zugeklebt und auf jedem Bahnsteig stehen drei schwer bewaffnete Polizisten herum. Sie beobachten aufmerksam das Geschehen und tragen eine Binde mit der Überschrift «on alert» auf ihrem Oberarm. Japan ist im Alarmzustand, denn die grossen Acht sind im Land und treffen sich zu Besprechungen auf der Nordinsel mit den vielen heissen Quellen.
Eigentlich verstehe ich die Aufregung gar nicht, denn so gross sind die Dame und sie sieben Herrschaften gar nicht. Nur gerade der Texaner bringt es auf mehr als sechs Fuss Körperlänge, die anderen bewegen sich in den tieferen Lagen um einen Meter sechzig herum. Ein nicht zu verachtender Nachteil in den schwefligen Bädern Hokkaidos. Denn über das brodelnde Wasser legt sich in der Regel ein dichter Nebel, der bei geringer Körperhöhe den freien Blick versperren könnte. Mit der Vorstellung, dass der Russe während den Verhandlungen einen nebulösen Blick hat, kann ich noch leben, aber dass der Texaner der einzige mit Durchblick ist, scheint mir beängstigend.

Doch was kümmert mich die Weltpolitik. Gestern fand ein paar Zugstunden südlich von Toyako ein ganz anderer Gipfel von acht Grossen statt. Während draussen auf den Strassen Naritas das «Gion Festival» tobte - eine Art Streetparade der Mönche, genossen wir in den rauchigen Gemäuern des «Barge Inn» ein kühles Blondes. Unsere Gruppe, alles Überlebende des grausamen «Qualiflyer Group» Massakers vor ein paar Jahren, philosophierten über die Luftfahrt im Allgemeinen und die Fliegerei im Speziellen.
Dass wir ausgerechnet deren Acht waren darf als Zufall betrachtet werden, gab der ganzen Runde aber die notwendige Wichtigkeit. In der Körpergrösse alles überragend ich und Flugkapitän Stöff von Lufthansa Süd. Im Salär allen weit voraus unser ehemaliger Copilot BB, der früher von den kleinen A320 zu uns hoch blickte und heute als 747 Kapitän zu und herunter schaut. Sein Copilot, einst bei der Sabena und heute schon wieder unter dem Joch eines Schweizers, gehörten genauso zu der Gruppe wie der 777 Kapitän, der beim Grounding der Swissair vor ein paar Jahren zur Singapore wechselte und dank seines Pensionkassenvermögens für die Bierzufuhr zuständig war.
Mein Copilotenkollege zur Linken war älter als mein Kapitän zur Rechten, der etwas ruhig in der Ecke stand, da er ein paar Stunden früher mit einer hier aus Persönlichkeitsgründen nicht weiter beschriebenen Strafe belegt wurde. Die Fliegerei bringt manchmal seltsame Gruppen in seltsamen Gegenden zusammen. Da unterscheiden wir uns wenig von der Weltpolitik. Und genauso wie bei den richtigen grossen Acht verstob die Gruppe nach den Gesprächen wieder in alle Richtungen.

Zurück blieben grosse Rechnungen, viel Rauch, leere Gläser und das Versprechen, einander in Zukunft wieder mehr zu sehen. Es wird leider bei den Versprechen bleiben. Und da soll mal einer sagen, die Fliegerei habe nichts mit Politik zu tun.

Mittwoch, Juli 02, 2008

ohne Umlaute im heiligen Land

Die Sonne brennt heiss herunter und ich habe weder Badehose noch Sonnencreme dabei. Schade wenn man bedenkt, welch toller Strand sich vor meinem Hotelzimmer ausbreitet. Der ungeplante Aussetzer wegen des geschwollenen Ellenbogens hat meinen Einsatzplan komplett umgestellt. Statt Afrika, Delhi und Chicago, bin ich den spannenden Launen der Crew-Disposition ausgesetzt. Wo gerade Not am Mann ist und wo noch ein Copilot gebraucht wird, da werde ich jetzt hingeschickt.
So folgte ich gestern den Anweisungen einer freundlichen Stimme am Telefon und flog am Abend nach Tel Aviv ins heilige Land. Tel Aviv kannte ich von meinen Tagesreisen her, ausgestiegen bin ich aber in der spannenden Metropole noch nie.

Die Vorbereitungen waren darum etwas intensiver als sonst und ich studierte die vielen Tipps und Vorschriften, wie man sich in der doch medial sehr bekannten Grossstadt zu verhalten habe.
"Do's & don'ts" geizten nicht mit Hinweisen, was alles zu riskant und verboten sei. Ich gebe ja zu, dass mich diese offizielle Literatur in meiner Unternehmungslust etwas bremste. Doch der erste Eindruck vor Ort war ein anderer.

Freundliche Leute an allen Ecken, es wird zu jeder Tageszeit gelacht und hemmungslos geflirtet und sogar die jungen und schwer bewaffneten Sicherheitspersonen weiblichen Geschlechts, haben mit ihren Patronengurten um die engen Jeans eine nicht zu verachtende erotische Ausstrahlung.
Ja, der erste Eindruck begeistert mich und macht Neugierig auf mehr. Tel Aviv ich komme wieder. In Zukunft werde ich weder Badehose noch Sonnenschhutzmittel zu Hause vergessen. In meine Reiseutensilien packe ich dann den eigenen Computer, denn das Verfassen von diesen Texten in einem Internetcafe nervt ungemein. Nicht nur wegen der schmuddeligen Tastatur, sondern wegen den fehlenden Umlauten.

So, jetzt noch den letzten Satz und ich habe es geschafft. Mein erster Text ohne Umlaute ist geboren! Gelobt sei das heilige Land!