Mittwoch, Juni 11, 2008

Politsatire an Bord

Nach einer Flugzeit von einem halben Tag ist unser Ziel Los Angeles erreicht. Mit einem Handgriff wird jedem der vier Motoren das Lebenselixier «Kerosin» entzogen, den Passagieren wird das Aufstehen erlaubt und ein paar Checklistenpunkte später, ist das Flugzeug für die kurze Pause von zwei Stunden gewappnet.
Fast wie ein Formel 1 Pilot schäle ich mich aus dem Sitz, verstaue das weisse Uniformhemd in der Hose, befestige die Krawatte mit ihrem Klippverschluss am Kragen und reinige das Cockpit vom gröbsten Schmutz.

Das Flugzeug ist noch längstens nicht leer. Die Karawane der Economypassagiere bewegt sich langsam Richtung Ausgang. Gründe für das schleppende Vorwärtskommen gibt es genug und diese sind deutlich an den einzelnen Gesichtern abzulesen. Einen eher verkrampften Eindruck machen die Anhänger von viel Handgepäck. Links ein Rollkoffer, rechts die Laptoptasche und unter den Armen die Dokumentenmappe mit den Reisepässen und den Informationen der Autovermietung. Die Blicke dieser Individuen schreien förmlich nach Hilfe, was bei mir aber in der Regel auf wenig Resonanz trifft.
Ich lächle, nicke, wünsche einen schönen Aufenthalt und zeige zwischendurch einem jungen Knirps unseren Arbeitsplatz, den bereits der nach Treibstoff riechende Mechaniker in Beschlag genommen hat.
Wieder am Ausgang angekommen beobachte ich, wie die letzten zwei Damen gemütlich auf mich zukommen. Das Augenpaar der schon etwas ins Alter gekommenen Anführerin der Kleinstreisegruppe fixiert meine Rangabzeichen und versucht die eigentlich in die Bordbibliothek gehörende Zeitschrift zu verbergen.
Normalerweise hätte ich angesichts dieses Kleindeliktes nichts gesagt, aber ihre Reaktion verlangte förmlich nach einem Kommentar meinerseits.

Das Schweizer Nachrichtenmagazin mit bekannt konservativer Ausrichtung schmückt ihr aktuelles Titelbild mit dem Konterfeil eines kürzlich abgewählten Bundesrates. Der Herr auf der Illustrierte grinst in seiner bekannten Art und hätte sicher nicht gebilligt, dass die Dame sich soeben strafbar machte.
«Wollen sie wirklich Herrn Blocher mit in die Ferien nehmen?», fragte ich die leicht schwitzende Delinquentin, die immer noch gut zu Fuss auf mich zukommt. Ihr Blick verfinstert sich und nimmt bedrohliche Züge an. Sie schaut mir in die Augen und schreit mir die Frage, die sie vermutlich in den letzten drei Stunden beschäftigte, mit feuchtslawischem Akzent entgegen: «Where is my wheelchair?» Während ich die Brille von ihrem Speichel befreie, schiesst mir das ganze politische Programm des Herrn auf dem Titelbild durch den Kopf und ich kann ein neuerliches Schmunzeln nicht verbergen.

Der Privatchauffeur des Gefährts, das eigentlich für gehbehinderte Personen gedacht ist, macht sich in der Zwischenzeit lauthals bemerkbar. Die Dame läuft locker zum Rollstuhl lässt sich - begleitet von einem langen Seufzer - in den Sitz fallen und platziert die köppelschen Schriften auf ihrem Schoss. Das vorher so verkrampft gehaltene Heft glättet sie vorsichtig auf ihren Oberschenkeln und streicht dabei zärtlich mit der Hand über den Kopf des Herrn Blocher. Dem abgewählten Bundesrat scheint es zu gefallen. Mir auch.

Kommentare:

  1. schon fast ironie :-)

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  2. jau! Ironie pur! Ist das die Zeitschrift in der diskutiert wird ob Blocher ein Auslaufmodell sei?

    Die Ironie wäre ja dann noch umso kompleter, da es sich bei dieser Dame wohl auch nur um ein Auslaufmodell handeln kann.

    Grüess,

    Sevo

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  3. Ist die krawatte der Swiss uniform ein clip on? Wieso hat man keine ordentliche krawatte?

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  4. Hihi, Blocher geklaut,
    hat ihn jemand gesehen ?

    Btw. ein Schlaumeier-Hinweis:
    Ich war vor Kurzem auf einer EU-/Jar-OPS Schulung und dort wurde mir mitgeteilt, dass der Begriff 'Cockpit' nicht mehr politisch/sexuell korrekt ist. Stattdessen sollte man 'Flightdeck' verwenden. Nicht nur der Kursleiter hat dabei die Augen gerollt ...

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  5. Zur Frage der Krawatte:
    Meines Wissens haben die keinen Knoten, da man somit den PIC/FO nicht würgen kann.
    Lasse mich diesbezüglich aber gerne korrigieren.

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  6. Die Swiss-Kravatte gibt es schon auch als "richtige" Kravatte. Die Clip-Version ist für die, die schon im Militär nie gelernt haben eine richtig zu binden - oder die gar nie dort waren... Äusserst praktisch, sowas. Das mit dem Würgen hat aber auch was - man stelle sich vor: Dame greift sich wehrlosen Copi an der Kravatte - "where is my wheelchair?" Schlimm!

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  7. Ja das stimmt schon, ich habe im Militär nie richtig gelernt Krawatten zu binden. Irgendwie passte ich sowieso nicht ins Militär. Ich habe bei der Grenadiertaufe keinen Sprengstoff gefressen, als Mitglied der Wildwasser Nationalmannschaft hielt ich mich von unfahrbaren Wehren fern und ich wagte es, die Ausbildung zum Flammwerferspezialisten zu hinterfragen.

    Aber keine Angst, es gibt sie noch die Helden mit den richtigen Krawatten. Ich stehe dazu - ich bin und bleibe ein Krawattenklipper.

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